VII.I

Feliciano wünschte sich Ludwig wäre bei ihm.
Er hatte es sich in den letzten Jahren immer wieder gewünscht und immer aus voller Überzeugung. Nie war der Wunsch so banal, wie in diesem Augenblick. Es wäre dann nur um so viel einfacher, es Roma und Lovino zu erklären, wenn Ludwig hier wäre. Aber er schlief und das war auch gut so.

Er hatte sich zu seiner Familie in eine Sitzecke des Restaurants gesetzt. Lovino hatte sich auf seiner Bank zurückgelehnt und die Arme vor seiner Brust verschränkt. Nur sein Mund, der immer noch leicht offen stand, kündigte von dem, was er eben erfahren hatte. Er roch ein wenig nach Nikotin, stellte Feliciano fest. Er wusste seit einer Weile, dass sein Bruder zu gelegentlich rauchte, aber er ignorierte es.
Roma wirkte wesentlich gefasster, oder: jedoch verriet sein Ausdruck nicht, was er dachte.
Es war wie so oft Lovino, der das Schweigen brach.

„Fantastico" Nörgelte er sarkastisch. „Ist das hier jetzt so eine Art Crucchi-Waisenhaus? Sammeln wir die Kartoffelfresser hier jetzt schon von der Straße auf? Oder hat die irgendeiner zur Adoption freigegeben?"

„Du verstehst nicht, Bruder." Erklärte er noch einmal. „Ich…ich liebe Ludwig."

Lovino schnaubte und warf dramatisch die Hände hoch und ließ sich dann weiter in die Bank zurückfallen, als hätte die Vermessenheit seines Bruders ihm alle Kraft gekostet, doch der wütende Ausdruck auf seinem Gesicht blieb. Lovinos Augen wanderten zu ihrem Großvater, als würde er dort Beistand suchen, doch dieser zuckte nur mit den Achseln.

„Solange er keinen Ärger macht, kann er gerne bleiben." Entschied Roma. „Ich würde zu gerne wissen, wem mein süßer Enkel den Kopf verdreht hat."

„Grazie, Großvater." Feliciano schenkte ihm ein weites Lächeln. Er hatte weniger Zustimmung von seinem Großvater erwartet, aber Feliciano hatte betont, dass Ludwig auch ein Freund von Roderich war – eine Anmerkung, die ihre Wirkung nicht verfehlt hatte.

„Dein Enkel ist'n Frocio, 'ne Schwuchtel ,– und das ist alles, was dir dazu einfällt?" Zischte Lovino ärgerlich und beugte sich leicht über den Tisch vor, als müsste er Feliciano, der ihm gegenübersaß, genau mustern. Als hätte er etwas Ekliges im Gesicht kleben. Feliciano ertappte sich dabei, wie er mit seiner Hand vorsichtig seine Wange rieb, falls dort wirklich etwas klebte.

„Lovino…" Ermahnte Roma den älteren Zwilling.

„Stört es dich denn – überhaupt nicht?"

Roma lachte herzhaft, ein warmes Geräusch, das in dem noch leeren Restaurant widerhallte.

„Wieso denn auch? Solange mein süßer Enkel nur glücklich ist…du willst doch gar nicht wissen, was ich in meine Jugend gemacht habe..."

Lovino verdrehte nur die Augen.

„Ihr könnt mich alle mal." Brummte er, aber Feliciano wusste, dass er zumindest fürs erste die Situation akzeptierte.

Ludwig lag auf der engen Holzbank der Baracke und schloss die Augen. Er hatte sich möglichst weit nach links an die Wand gedrückt.

Es fühlte sich wärmer an. Vielleicht war es das auch.
Und es fühlte sich sicherer an. Das war es nicht.

Sein Magen knurrte nicht mehr. Er schien in einem Schraubstock eingeklemmt zu werden, der sich mit jedem Atemzug enger zusammenzog. Er legte einen Arm über seinen Bauch um sich abzulenken. Morgen würde es größere Rationen geben. Eine Gruppe Mitgefangener hatten versucht eine Art Schwammpilz zu essen, den sie in der Nähe der Eisenbahnschiene gefunden hatten, an der sie nun tagsüber bauten, bevor der Winter kam.

Ludwig hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie vor der Giftigkeit des Pilzes zu warnen, nachdem sie ihn bereits probiert hatten. Diese Männer hatten noch nicht die Resignation erreicht, in der Hunger schon keine Bedeutung mehr hatte. Sie hätten den Pilz gegessen, was er auch gesagt hätte. Es war alles schon einmal so gekommen und es würde wieder so kommen. Alles wurde Gewohnheit. Selbst Tod und Elend konnten Gewohnheiten werden.
Schlechte Gewohnheiten.

Ludwig glaubte nicht, dass sie die Nacht überleben würden. Das bedeutet morgen gäbe es mehr Frühstück. Nicht einmal bedeutsam mehr, aber es war genug um es mit einem hoffnungsvollen Gedanke aufzuwiegen. Ein Gedanke, der reichen musste, damit er morgen wieder aufwachte.

Anstatt für immer weiter zu schlafen.

Es war ein wohliger Gedanke. Nur noch zu schlafen um sich Heimat und Jugend in seine Welt zu träumen. Er träumte von Dingen, die ihn glücklich gemacht hatten und auch jetzt noch warm um sein Herz lagen. Von Feliciano und den Bildern, die er malte. Collagenartige Fantasiebilder, Schlösser aus Schaum, Kaleidoskope jeglicher menschlichen Gefühle, der Schwanensee getanzt von Tänzern aus schillerndem Kristall…

Er wollte von Gilbert träumen. Gilbert, der ihm das Fechten hatte beibringen wollen, als sie noch Kinder waren. Es war kein wirkliches Fechten nach den Regeln gewesen. Sie hatten lange Holzstöcke benutzt, um sich im Park zu duellieren.

Genau zwanzig Jahre war es nun her, dass sie im Herbst durch den Steglitzer Stadtpark getobt waren. Sie hatten, mit ihren damals scheinbar so waghalsigen Schritten, Schlägen und Tritten, rotes Laub aufgewirbelt, bis es umherflog. In ihren Köpfen hatten sie ritterliche Duelle ausgetragen, wilde Schlachten um Länder, die es nicht gab. Aber für die sie so große Namen hatten, und welche reich waren an exotischen Scheichs, maskierten Kriegern, Gold und Silber. Manchmal hatten sie auch andere Dinge gespielt. Sie waren Piraten, Schatzsucher, oder Abenteurer gewesen.

Manchmal hatten sie in ihrer kindlichen Unschuld mit ihren Holzstöckern die Straßenkämpfe nachgespielt, wie sie vor damals noch häufig zu sehen gewesen waren. Sie hatten geglaubt, dass diese Ritter um das Land kämpften. Und damals hatten sie Recht gehabt, auch wenn viele der Großen es nicht gewusst haben wollten. Als verständnislose Kinder hatten sich Ludwig und Gilbert die unverständlichen Parolen und Namen zugerufen, und dann, ohne sich abzusprechen, waren sie wieder jemand anders, und die Straßenkämpfe vergessen in ihrer großen, kindlichen Fantasiewelt.

Gilbert war immer gerne Robin Hood gewesen. Also wurde Ludwig zum Sheriff von Nottingham, auch wenn er ihn nicht mochte. Wieder und wieder hatte er seinen Bruder gewinnen lassen, weil Gilbert sich dann freute, wobei er so wild und glücklich gelacht hatte, dass die Damen und Herren, welche im Park spazierten, sich verdutzt nach den wilden Jungen umgesehen hatten.

Wenn sie müde waren, hatten sie dann ihre Stöcke geschultert und waren Richtung Teltowkanal nach Hause gegangen, ganz die siegreichen Krieger, die vom Schlachtfeld zurückkehrten zu ihren Familien.

Ludwig würde gerne vom Schlachtfeld zurückkehren. Der alltägliche Wunsch, den Spaten oder die Hacke zu schultern und dann, an der Eisenbahnschiene entlang, nach Hause laufen, war zu einem ständigen, ziependen Drängen geworden. Immer weiter, immer weiter, bis die Luft nicht mehr nach Schmerz stank, bis keine die Kälte ihn mehr stach, bis er die Bäume und Sträucher wieder erkannte, und bis er Gilbert und Feliciano in die Arme schließen konnte. Mit jedem Schritt die er seine Pfade zurückginge, würde er jünger werden…mit jedem Schritt würde er wieder der Junge sein, der er war, bevor er diesen Männern, deren Gesichter er beinahe vergessen hatte – in die Falle gegangen war.

Das Mantra kehrte zurück- Arthur Kirkland finden. Arthur. Kirkland. Finden.

Das Mantra war kein Hoffnungsfunken mehr. Es war auch nicht mehr die bittere Genugtuung, zu welchen es irgendwann vorkommen war. Es war Gewohnheit.

Seine Schultern schmerzten.

Heute hatten sie ein Loch graben müssen. Es war ein Befehl der neuen Wachmannschaft. Für die Latrine, hatte man den Gefangenen erklärt. Es war eine Lüge.

Die alten Wachen hatten das gleiche Spiel gespielt. Und die Wachen davor – und die Wachen davor.

Es war eine Art improvisierte Stehzelle – einige Meter tief, und wer bestraft werden sollte, wurde heruntergestoßen. Wenn sie wieder herauf gelassen werden sollten – wurde ein Seil heruntergelassen. Wenn nicht – dann wurde das Loch zugeschüttet.

Beim ersten Mal war Ludwig noch verwirrt gewesen. Als er jedoch das Ausmaß diese Strafe verstand – war er panisch geworden. Hatte seitdem immer einen großen Abstand von diesem Loch gehalten. Hatte geglaubt, er könne Ärger auf sich zu ziehen, wenn er sich ihm nur näherte. Oder auch wenn er nur stehen blieb und die wütenden, erschöpften Schreie anhörte.

Aber inzwischen war es ebenfalls Gewohnheit.

Wie der mehrjährliche Wechsel der Wachen.
Wie der Tod.
Der Hunger.
Die Krankheiten.
Sein stetiger Gewichtsverlust, der seine Knochen inzwischen wie Bolzen aus seinem mageren Körper hervortreten ließ.
Die Schwäche seiner Muskeln und seines Geistes.

Der Drang zurückzukehren.
Und sein ständiges Verlangen nach den Menschen, die er liebte.

Gewohnheit.

Während die Zeit verging. Während die Wachen wechselten, ohne, dass er sich je ihr Gesicht hatte merken können. Wie seine alten Kameraden nach und nach, um ihn herum wegstarben, und mehr und mehr durch russische Straftäter und Intellektuelle ersetzt worden waren, die sich dem Regime widersetzt hatten. Er wusste nicht mehr, wie lange er hier war.

Er wusste nicht mehr, wie sich weiche Decken oder warmes Essen anfühlten. Er träumte nur davon. Er wusste nicht mehr, wie ein freundliches Gesicht aussah. Alles was ihm geblieben war, waren die Stimmen von Feliciano und Gilbert in seinem Ohr.

Er konnte nur träumen.

Manchmal sprachen die Gefangenen miteinander über die Hinterbliebenen. Die russischen Gefangenen berichteten, wie die Wachen ihnen mit der Verhaftung ihrer Geliebten drohten und sie in ständigen Verhören, mit Schweigen über den Verbleib der Frauen und Kinder quälten. Die Deutschen sprachen davon, woran sie sich noch erinnerten und mutmaßten, wer, in welcher Stadt man hätte überleben können. Kriegsgefangene, die später kamen erzählten Geschichten von den grausigen Feuerhöllen der Bombardierungen.
Dresden. Berlin. Wien. Köln. Salzburg. Bonn. Hannover.

Ludwig konnte mit niemanden reden. Die meisten vertrauten ihm seit langem nicht mehr. Er war der letzte Häftling von Stalingrad – niemand hatte hier solange überlebt wie er.
Die meisten glaubten, dass er ein Spitzel war. Weil er noch lebte, und weil er der Liebling des Lagerwärters war. Sie hatten teilweise Recht. Er war kein Spitzel – aber denn noch der Liebling von Ivan. Aber er war nicht gerne sein Liebling.

Ivan war geblieben.

Vor wenigen Tagen war eine junge Frau angekommen, die ihm ein wenig ähnelte. Sie hatte das gleiche, weiche Gesicht und die gleichen blassen Haare. Sie unterhielten sich oft leise und Ludwig vermutete, dass beide vielleicht verwandt waren. Vielleicht bedeutete ihre Anwesenheit, dass Ivan bald verschwinden würde. Vielleicht gab es familiäre Belange?

Wirklich, er konnte nur träumen.

Er schloss die Augen und hoffte einzuschlafen, als plötzlich jemand auf der Pritsche über ihm seinen Namen wisperte.

„Lutz."

Er brummte nur, als Zeichen, dass er gehört hatte. Er war kein Freund großer Worte.

„Lutz, hasts schon gehört?" Hendrik gehörte zu den letzten drei Kriegsgefangenen in dieser Baracke, Ludwig mit einberechnet. Der andere war ein älterer Mann namens Siegfried, den die Gefangenschaft während dieser rauen Herbstmonate immer näher an das Ende seiner Kräfte geführt hatte. Hendrik kam aus Krems und war Ludwig sympathisch.

Er hatte nach all den Jahren zwar ebenfalls einen raueren Ton entwickelt, aber er hatte dennoch nicht jeden Rest seiner Jugendlichkeit verloren und die meiste Zeit ging von ihm immer noch eine herzliche Freundlichkeit aus. Vielleicht, weil er anfangs kaum älter gewesen war, als Ludwig selbst. Er sprach gerne. Das unterschied ihn von Ludwig. Er erzählte viel von einer Frau, die er liebte – Brigitte? Bianka? Sie war Deutsche gewesen und sie waren oft hin- und her gependelt zwischen Krems und…was war es noch? Er erwähnte es doch dauernd…Landshut. Richtig.

„Lutz!"

„Was?" fragte Ludwig missmutig. Er erwartete keine guten Nachrichten. Er erwartete, seit langer Zeit, keine guten Nachrichten mehr.

„Pjotr und Sergej mussten heute die Hütte vom Baginski saubermachen."

„Braginski." Korrigierte er automatisch. Er wusste nicht, warum er die Menschen immer noch korrigierte. Er glaubte schon lange nicht mehr daran, dass sie irgendwann einen Nutzen davon haben würden.

„Hör mal, Lutz. Ich sag dir das, damit du durchhältst." Erklärte Hendrik und Ludwig konnte hören, wie er sich auf der Pritsche ein wenig bewegte. Dann lugte sein Kopf über den Rand. Ludwig bewunderte, wie der Mann so viel Kraft aufbringen konnte.

„Lutz." Seine Stimme klang dringlich. „Sie haben eine Liste gefunden. Es gibt eine Liste. Baginski hat vergessen sie wegzulegen! Es gibt eine Liste"

Ludwig versuchte für einige Sekunden einen Sinn in diese Worte zu bringen. Er wusste nicht, ob Hendrik im Begriff war wahnsinnig zu werden…oder ob es gut um ihn stand. Aber er fand keinen Sinn in diesen Worten.

„Natürlich gibt es Listen." Erklärte er schließlich. „Die haben doch Listen für alles."

„Ich weiß. Ziemlich sicher, dass sie aufschreiben, wie oft ich scheiße, aber davon rede ich doch gar nicht - Lutz! Auf dieser Liste wird unsere Freilassung verhandelt! Sie wollen uns zurückholen! Es werden Zehntausende freigelassen!" Ludwig presste seine Augen fester geschlossen, bis er kleine Funken sah. Es konnte nicht stimmen. Es war nichts weiter als Gerüchte. Es konnte nicht stimmen. „Wir kehren nach Deutschland zurück! Ein neues Deutschland! Nach Hause! Ich werde zu Birka gehen – und wir ziehen irgendwo nach Norden – an die Nordsee. Ich wollte immer mal an die Nordsee."

Birka. Das war ihr Name. Er entfiel Ludwig immer wieder. Und…Hendrik klammerte sich an ihr fest. An ihr und seinen Träumen. Wie Ludwig sich an Feliciano festklammerte. Ludwig fragte sich immer öfter, ob sich Feliciano noch ohne Schwierigkeiten überhaupt an seinen Namen erinnern konnte. Manchmal hoffte er es nicht. Wenn er verzweifelt war – dann hoffte er, dass Feliciano ihn vergessen hatte und nun mit jemanden anderen glücklich war. Auch wenn der Gedanke ihn noch unglücklicher machte – wenigstens konnte er sich dann einreden, dass Feliciano glücklich wäre.

Hendrik sprach oft davon, was er tun würde, wenn er frei wäre. Manchmal wollte er mit seiner Birka zurück nach Österreich in die Steiermark oder nach Osttirol. Manchmal wollte er zu seiner Familie nach Krems zurück. Oder nach Landshut. Oder an die Nordsee. Manchmal wollte er Europa ganz verlassen und in die Staaten auswandern um ein neues Leben anzufangen.

Wir…wir kommen frei…" Wiederholte Hendrik sich noch einmal, als könnte er es selbst nicht glauben, und das tat er auch besser nicht.

„Muss nicht sein." Brachte Ludwig hervor. „Es…es kann alles leeres Gerede sein. Tratsch."

Er hörte ein Rascheln über sich, lautes Quietschen und Klagen der Pritsche und dann einen dumpfen Aufprall.

Ludwig öffnete zum ersten Mal die Augen, aber in der Finsternis konnte er nichts erkennen. Er wusste trotzdem, dass Hendrik eben von seiner Pritsche gesprungen war und dabei mit den Füßen nur knapp einen der neuen Gefangenen verfehlt hatte, die den „Alten" die Ehre gegeben hatten, die Pritschen zu benutzen. Bis sie starben. Die meisten rechneten damit, dass es nur wenige Tage oder Wochen wären und bisher hatten sie nicht selten Recht behalten.

Ostorozhno!" (Vorsicht!)Zischte eine Stimme vom Boden.

Hendrik murmelte auf Deutsch eine Entschuldigung, denn sein Russisch war, immer noch, wie das der meisten Kriegsgefangenen hier (Ludwig eingeschlossen)eine private und kleine Sammlung an Wortfetzen, wobei die neuen Gefangenen ihren Akzent und die Unsicherheit genauso amüsant fanden wie die Wachen, wenn sie das Lager neu erreichten.

„Was willst du?" Zischte Ludwig, als sich Hendrik zu ihm auf die Pritsche legte und seine eigene Decke über sie beide legte. Er war ebenso mager wie Ludwig, aber ein wenig kleiner. „Was machst du denn bitte?" Er gab sich Mühe, bedrohlich zu klingen, aber er hatte nicht die Kraft dazu. Er hatte Geschichten gehört – von Vergewaltigungen und Belästigungen. Vor den Wachen hatte Ivan ihn verteidigt. Vor seinen Mitgefangenen hatte er sich stets selbst beschützt. Aber er ahnte, dass er inzwischen nicht mehr in der Lage dazu wäre, sich zu verteidigen. Er hoffte nur, dass Hendrik es noch nicht bemerkt hatte.

Offenbar erkannte Hendrik seine Sorge, denn er hielt anfangs gebührenden Abstand zu Ludwig.

„Keine Angst. Mir ist nur kalt da oben."

„Uns ist allen kalt. Und hier unten ist es noch kälter."

Hendrik ignorierte ihn und rutschte nur noch etwas näher an ihn heran, bis sie auf der engen Liege nebeneinander lagen, Ludwig auf dem Rücken, Hendrik auf der Seite mit der Brust an ihn gedrängt.

„Aber nicht mehr lange. Ich glaube, ich weiß gar nicht mehr, wie warm es zuhause im Sommer immer war."

Ludwig brummte nur zustimmend.

„Auf der Liste steht, dass wir im Frühling gehen. März. Vielleicht April, oder Mai." Erklärte Hendrik ihm leise.

„Frühling?" Fragte Ludwig ärgerlich. Dieses Versprechen war nicht nur in sich leer – es spannte auch zum ersten Mal seit über elf Jahren seine Geduld auf die Probe. „Warum erst Frühling?"

„Lutz…" Murmelte Hendrik entgeistert. „Willst du hier einen Todesmarsch nachspielen?" Ein Arm schlängelte sich hinterlistig, um Ludwigs Körper und klopfte ihm auf die Schulter. „Noch ein Winter! Noch ein letzter Winter, Junge. Das halbe Jahr…Gott…" Er konnte spüren, wie Hendrik hinter ihm leise gluckste. „Und wir habens gepackt, Lutz."

„Wir habens geschafft." Stimmte Ludwig zu und stieß dann Hendriks Arm von seiner Schulter. Er wollte nicht hoffen – er hatte Angst, enttäuscht zu werden. Aber er konnte sich nicht helfen. „Fürs erste."

Der Himmel spannte sich immer noch leuchtend blau und leer über den ländlichen Himmel. Über Berlin und München flogen Flugzeuge. Im Zug nach München hatte Ludwig in einem im Abteil vergessenen Buch blättern können, dass von den ersten Jahren nach dem Ende des Krieges erzählt hatte. Er kannte den Autor nicht, aber laut Vorwort stammte er ebenfalls aus Berlin und war nach München gezogen. Nach all der Zeit ohne Bücher und ohne lateinische Buchstaben, war es ihm schwer gefallen, wieder Fuß zu fassen, in einer Welt des scheinbar grenzenlosen Chaos, welche der Autor trotz allem mit System aufbaute.

„Am Himmel summen die Flieger. Noch schweigen die Sirenen. Noch rostet ihr Blechmund. Die Luftschutzbunker wurden gesprengt; die Luftschutzbunker werden wieder hergerichtet. Der Tod treibt Manöverspiele." hatte dort gestanden und so hatte Ludwig in die Gräuel der Nachkriegswelt eintauchen können gegen die Wirren des aufblühenden Wirtschaftswunders, wobei er festgestellt hatte, dass diese Sätze für ihn etwas bedeuteten – aber nicht, das was geschrieben stand. Und vielleicht bedeuteten sie auch nicht, was sie auf den ersten Blick zu bedeuten schienen. Er hatte das Buch auf der Fahrt zu ende lesen können.

Wenn er hier in den Himmel starrte, dann war es ein leerer, blauer, weiter Himmel, über den eine reine Sonne strahlte. Hier gab es keine Flugzeuge. Und die Angst, die sich immer noch in seine Glieder klammerte, erschien ihm nichtig, aber sie war dennoch real.

„Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer."

Hier gab es kein Brummen schwerer Flieger und keine weißen Kondensstreifen, die wie Narben über heiles Blau wucherten.

Ludwig starrte für einen Augenblick in den makellos blauen Himmel, der sich niemals zuvor soweit so erreichbar angefühlt hatte, wie in diesem schwerelosen Augenblick.

Die Sonne legte Wärme auf sein Gesicht und er atmete die blütenschwere Luft des Frühlings ein.

Er hatte vergessen…

„Das Licht fiel wie durch Milch gefiltert in den Tunnel; die Sonne wurde ein blasser Mond."

Hinter ihm wurde eine Tür geöffnet und das Klacken von Holzsohlen scheuchte Ludwig aus seinen Gedanken auf. Er fuhr erschrocken herum, irgendwo gefangen zwischen Rechtfertigung und der Bereitschaft sich gegen einen Angriff bis auf sein Blut zu wehren. Sein Puls schlug schneller-

Er war derjenige, der die Hintertreppe zum Balkon der Dachwohnung hinaufgewandert war…er hatte sich nicht viel dabei gedacht…er würde wieder damit anfangen müssen, sich Dinge zu denken. Daran zu denken, dass auch die heile Welt ihre Grenzen kannte.

Er war erleichtert, als er den Mann erkannte, der in der schmalen Holztür stand in einem dunklen Anzug.

„Roderich…" Sagte er langsam. Er hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. In ihrer Kindheit hatten sie viel Zeit zusammen verbracht, bis ihre Wege sie auseinandergeführt hatten. Aber er hatte nie daran gezweifelt, dass er Roderich wichtig war. Er hatte sich früher immer gefreut, wenn er Ludwig getroffen hatte. Und auch wenn sie verschiedene Meinungen und Prioritäten hatten – so war es doch eine Freundschaft, die Ludwig wichtig war. Sie hatten selten lange Gespräche geführt. Aber Ludwig hatte ihm immer gemocht. Er war für ihn ebenfalls eine Art großer Bruder gewesen – nur in vielerlei Hinsicht besonnener und ruhiger als Gilbert.

Es war in der Tat eine schweigsame und bruchstückhafte Freundschaft. Aber er hatte immer gut damit umgehen können. Er war nie gut gewesen in ständigen Bekundungen von Freundschaft und wöchentlichen Telefonaten. Es genügte ihm, wenn er auf einen vereinzelten Brief eine ausführliche Antwort bekam.

Roderich schenkte ihm ein Lächeln, wobei er schnellen Schrittes zu ihm ging und ihn für einen kurzen Augenblick in eine leichte Umarmung schloss. Ludwig hielt still, während ihn Roderich gegen seine Brust drückte. Roderich war kleiner, als Ludwig ihn erinnerte, aber er wusste auch, dass er kurz nach ihrem letzten Treffen einen kleinen Wachstumsschub gehabt hatte. Jetzt war er eine Handbreit größer als Roderich. Für einen unangenehmen Augenblick legte ihm Roderich auch die Hand auf die rechte Schulter – ließ sie kurz zu seinem Schulterblatt sinken und dann doch fallen.

Roderich löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück, wie ein Künstler, der ein Bild betrachtete. Und auch Ludwig konnte nicht anders, als ihn zu betrachten. Roderich war älter geworden. Er musste jetzt…Ludwig versuchte es in seinem Kopf zu überschlagen…zwei Jahre älter als Gilbert sein … siebenunddreißig. Ludwig fand, dass Roderich noch nie zuvor, so sehr einem klassischen Musiker geglichen hatte, wie jetzt. Seine Haare waren nicht mehr glatt, sondern lagen in Wellen. Eine Locke stand beinahe senkrecht von den anderen Haaren ab. Seine Bewegungen wirkten…elegant, aber, wie eh und je, exzentrisch. Das makellose Jackett wirkte fremd in dieser kriegszerstörten Welt.

Roderich war der Erste, der sich aus den gegenseitigen Betrachtungen, löste

„Komm mit."

Er folgte Roderich in die kleine Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

Innen war es hell. In die Dachschräge war ein großes Fenster eingelassen. In goldenes Sonnenlicht getaucht, stand darunter Roderichs Flügel. Er nahm den meisten Platz in diesem Zimmer ein, und das Licht wurde vom schwarz-glänzenden, lackierten Holz reflektiert.

„Du…hast einen neuen Flügel." Stellte Ludwig fest, als er hereinkam und Roderich nickte.
„Ein echtes Steinway." Erklärte er mit der Begeisterung eines Vaters. „Importiert aus den Staaten."
„Besser als das alte?"

Roderich betrachtete den glänzenden Flügel nachdenklich.

„Das war ein Bösendorfer." Erklärte er dann. „Da vergleichst du Äpfel mit Birnen, Ludwig."

„Und ich mochte Äpfel immer lieber."

Offenbar verstand Roderich den Missmut, den Ludwig selber nicht hatte einordnen konnte.

„Ich habe dir auf dem Bösendorfer das Spielen beigebracht." Erinnerte er sich. „Welches Stück?"

„Für Elise."

Roderich nickte.

„Das…Bösendorfer wurde…zerstört." Erklärte Roderich gequält und Ludwig spürte, dass es für ihn ein Verlust war – für jemanden, der im Umgang Menschen genauso überfordert war, wie Ludwig und Gilbert, war ein Klavier ein Verlust.

Und für Ludwig war es das auch.

Er erinnerte sich an die kurzen Wochen in Salzburg, kurz nach seinem zehnten Geburtstag, an dem ihm, der beinahe zwanzigjährige Roderich, die ersten Griffe gezeigt hatte – einzig und allein, weil er seine Hoffnung Gilbert etwas zu beizubringen aufgegeben hatte.

Diese Tage waren nun lange her.

Damals hatte er nicht verstanden, warum Gilbert angefangen hatte Uniformen zu tragen oder was der kleine Anstecker auf Roderichs Jackett bedeutet hatte.

Aber er hatte Für Elise verstanden.

Und jetzt verstand er, was die Uniformen bedeuteten und die Anstecker – aber spielen konnte er nicht mehr. Er konnte sich an keine Melodien und keine Griffe mehr erinnern. Es war, als hätte sich ein Schleier über seine Erinnerungen gehängt.

„Das macht nichts." Sagte er kühl. „Ich kann nicht mehr spielen, selbst wenn ich es wollte."

Er wandte sich von dem Flügel ab und sah sich um. In der Ecke stand ein größeres Bett. Es gab einen hölzernen Eisschrank an der Wand, Fotos. Die Einrichtung war spärlich, aber er hatte kaum mehr erwartet von Roderich und Gilbert.

Er bemerkte Roderich erst wieder, als er sich wieder vor ihm aufbaute.

„Was heißt das, du kannst nicht spielen?" Fragte er ärgerlich, beinahe als hätte Ludwig ihn persönlich beleidigt. „Welche Ausrede gibt es da?"

Ludwig hielt seine rechte Hand hoch, in deren Rücken und Unterseite immer noch riesige Krater klafften, auch wenn das Loch nun schon lange verheilt war. Es war eine Behinderung und eine persönliche Niederlage für ihn – aber es war einfacher, mit Roderich und Gilbert ehrlich darüber zu sprechen, als mit Feliciano. Vor Feliciano wollte er keine Schwäche zeigen.

Er zeigte Roderich seinen schwächlichen Versuch seine Finger zu krümmen. Der Zeigefinger ließ sich noch fast ganz krümmen. Der Ringfinger zuckte nur noch, wenn er sich bewegen wollte. Der Mittelfinger war reglos.

Roderich sah ihn für einen Moment nachdenklich an, dann schüttelte er den Kopf

„Keine Chance." Erklärte er dann entschieden. „Wenn Paul Wittgenstein hören würde, wie du hier redest, dann würden ihm noch die Tränen kommen."

Ludwig öffnete seinen Mund um etwas zu antworten, doch Roderich legte ihm eine Hand auf die Schulter und schob ihm zum Flügel.

„Ich kann bei dir nicht so schnell aufgeben." Erklärte Roderich bestimmt. „Nicht, wenn du im Gegensatz zu deinem Bruder Talent hast."

Ludwig wollte für einen Moment die Ehre seines Bruders verteidigen, aber er tat es nicht. Roderich hatte Recht.

„Wo ist Gilbert überhaupt?" Fragte Ludwig, als Roderich ihn unsanft zur Klavierbank bugsierte.

„Wenn er nicht unten ist und säuft, dann weiß ich nicht wo er sich rumtreibt." Roderich legte seine Stirn in Falten, als er kurz nachdachte, als müsste er sich an eine Zeile aus einem komplizierten Buch erinnern. Ludwig hatte niemals angezweifelt, dass die Realität mehr als das für ihn war. „Er hat glaube ich gesagt er wollte zu irgendeinem Freund…"

Ludwig war zufrieden. Das musste bedeuten, dass Gilbert mit Bonnefoy sprach – der ihn hoffentlich zu Kirkland führen konnte.

Er sah Roderichs Hand um ihn herum greifen und legte seine Hand auf die eleganten, weißen Elfenbeintasten. Es war ein wirklich wunderschönes Klavier. Und wahrscheinlich hatte Roderich all das Geld, das er an überflüssiger Einrichtung gespart hatte, in diesen Flügel investiert.

Das andere Klavier…war kleiner gewesen mit einer weißen Lackierung. Es hatte perfekt in Roderichs lichtes Stadthaus in Salzburg gepasst.

Roderichs Arm griff nach seiner linken Hand und tat, als würde er Ludwigs unwillkürliches Zucken nicht bemerken. Er legte seinen Zeigefinger auf das mittlere C.

Ludwig bemerkte zum ersten Mal, dass auf Roderichs Ringfinger immer noch der blassere Streifen zu sehen war, wo einmal sein Ehering gewesen war.

Er öffnete seinen Mund, um danach zu fragen…und schwieg dann doch, als Roderich begann mit seiner linken Hand einige schnelle Akkorde zu spielen.

Es war merkwürdig, wie sie einander nichts zu sagen brauchten. Ludwig konnte sich nicht erinnern, schon einmal ein längeres Gespräch mit Roderich geführt zu haben. Keines, bei dem es nicht in irgendeine Art und Weise um Musik ging. Er würde jetzt nicht damit anfangen.

„Das war ein einfacher Akkord in Moll." Erklärte Roderich. „Kannst du das spielen?" Ludwig versuchte sich an die ersten Griffe zu erinnern. Er glaubte sich zu erinnern, dass Roderich mit dem D neben seiner Hand angefangen hatte…
Er setzte seinen Zeigefinger auf die Taste und wollte sie herabdrücken.

Er beobachtete seinen glatten, linken Handrücken und wollte die Taste drücken…

Stahl rammte sich in seine Haut, der Schmerz schien seine Hand zu spalten, das Messer schnitt Fleisch, die Qual strahlte seinen Arm hinauf. Blut an der Klinge, an der Hand, an der Mappe mit den grässlichen Bildern… Die violette Augen, stets auf ihn gerichtet.

Er riss seine linke Hand an die Brust und für einen Augenblick waren die schwarzweißen Tasten des Klaviers mit Blut verschmiert…doch dann blinzelte er mehrmals…und sie waren weiß und rein wie zuvor. Sein Atem kam in schweren Stößen und als sich eine leichte Hand auf seine Schulter legte, fuhr er wieder zusammen.

„Das wird alles schon werden."

Es brauchte einige Sekunden, bis er sich gesammelt hatte. Er versuchte seine Gedanken wieder in Ordnung zu bringen, und versuchte ein Muster zu erkennen. Es gab keines.

Er schloss den Klavierdeckel, trotz des leichten Schmerzes mit der rechten Hand, die linke blieb an seine Brust gedrückt. Er erwartete für einen Moment, dass Roderich etwas sagte. Ihn bat weiterzuspielen…aber er schwieg.

„Roderich?"

„Hm?"

„Was…ist ein Ungustl?" Fragte er und wandte sich zu dem Musiker um.

„Ein Ungustl?" Fragte er und betonte das Wort anders als Ludwig.

„Gilbert meinte, ich sollte dich das fragen."

Ein kleines Lächeln stahl sich auf Roderichs Mundwinkel.

„Gilbert und Lovino sind Ungustln." Erklärte ihm Roderich selbstgefällig. „Und Gilbert weiß auch sehr genau, was das bedeutet."

„Wenn du ihn nicht magst…warum wohnst du dann hier mit ihm zusammen? Du könntest ihn doch einfach rausschmeißen."

Roderich zuckte mit den Achseln.

„Er hat mir immerhin…mal das Leben gerettet."