Veränderte Perspektive

von Callista Evans

Kapitel Nr. 10 Gespalten

Disclaimer: Das Hogwarts-Universum und seine Figuren sind geistiges Eigentum von J.K. Rowling und ich habe es mir nur ausgeliehen.
A/N.: Vorab wieder ein herzliches Danke schön an Nici1807 und Simone, die als Beta hier eine schwere Aufgabe hatten. Ich hoffe, dass trotz zurückgegangener Reviewanzahl noch eine Menge Leute die Story lesen und mögen und würde mich freuen, wenn ihr euch hier einbringt und mir eure Meinung mitteilt. Ich danke euch ganz herzlich für eure Reviews. Viel Spaß beim Lesen!

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„Sag mal, Harry, wo ist Ginny heute eigentlich?", fragte Ron und sah von dem alten vergilbten Buch auf, in dem er gelesen hatte. Der Angesprochene zögerte einen Augenblick bis er antwortete, so als müsse er sich mit Mühe vom Inhalt seines Textes lösen, der gerade vor ihm lag. Die beiden Freunde saßen in einem kleinen Raum, der mit antik aussehenden Büchern geradezu übersät war. Die meisten sahen nicht so aus, als gehörten sie in die normale Schulbibliothek. Endlich bekam der Rothaarige eine Antwort. „Gin hat etwas von einer Extra-Hausaufgabe in Verwandlung gesagt. Ich habe nicht weiter nachgehakt. Es war ein wenig viel für sie. Deine Schwester braucht bestimmt noch etwas Zeit für sich selbst."

„Du hast Recht, und ich könnte Voldemort dafür umbringen, dass er sich an meiner kleinen Schwester vergreifen wollte. Und natürlich auch an Hermione", setzte er noch schnell hinzu. „Sie beide haben so unterschiedlich auf die Sache reagiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich dran bin. Ginny hat sich dermaßen zurückgezogen, dass ich mich nicht mehr traue, sie anzusprechen. Mione sieht man noch weniger als bisher, da sie sich noch mehr zwischen ihren Büchern vergräbt. Wenn man sie zu Gesicht bekommt, wirkt sie beschäftigt und hektisch." Er machte eine kurze Pause. „Mädchen! Da weiß man nie, wo man dran ist und wie man mit ihnen umgehen soll!"

Harry sah den Freund ernst an und erwiderte: „Ich habe mit Ginny über den Vorfall gesprochen. Sie war deshalb so geschockt, weil es die Erlebnisse aus ihrem ersten Schuljahr wieder hochgespült hat. Sie hatte einfach Angst, dass Voldemort ihr wieder seinen Willen aufzwingen könnte. Wie gut, dass ihre Furcht sie erst überwältigt hatte, als sie eigentlich schon in Sicherheit war und nicht schon früher. Mach dir keine Sorgen, Kumpel. Gib ihr etwas Zeit, dann ist deine Schwester wieder die alte. Es ist immerhin erst eine Woche her."

Harry schwieg einen Moment als seine Gedanken nun bei Hermione angekommen waren. Sie war es, die ihm mehr zu denken gab. Zumindest in den Momenten, in de­nen er von seinem eigentlichen Ziel Abstand nahm und sich einen Augenblick Pause gönnte. Hermione hatte alle Rücksichtnahme energisch von sich gewiesen und behauptet, es ginge ihr gut, als die Freunde sie am Tag danach aufgesucht hatten. Doch sie sah nicht danach aus. Ihr Gesicht wirkte meistens blass und die Ringe unter ihren Augen verrieten, dass sie zu wenig Schlaf bekam. Anders als Ginny hatte sie allerdings keine Probleme über die Entführung und die nach­folgende Flucht zu sprechen. Nein, Hermiones Problem lag wohl ganz woanders. Doch wenn sie nicht darüber reden wollte, dann konnte er ihr auch nicht helfen.

„Hermione ist wirklich ziemlich beschäftigt. Vielleicht verarbeitet sie so ihre Entführung besser." Ron nickte dem Freund zu. Als hätte das Gespräch der Freunde,mit samt ihren Gedanken dazu, es bewirkt, stand Hermione auf einmal in der Tür. „Hallo Jungs, wie weit seid ihr gekommen? Habt ihr irgendwelche Hinweise gefunden? Ich war schon früher mit der Besprechung fertig als geplant, deshalb dachte ich, ich schau gleich hier vorbei." Sie wirkte ein wenig gehetzt, als sie sich auf einem der freien Stühle niederließ. Da der Gegenstand ihres Gespräches nun anwesend war, konnte es nicht mehr weitergeführt werden. Sie setzten ihre Forschungen fort, bis ein lautes Grollen aus Rons Magengegend ihnen verriet, dass es bald Zeit für das Abendessen sein musste. Ein Blick auf die Uhr bestätigte diese Annahme. Die drei Freunde packten ihre Sachen zusammen und verschlossen sorgfältig die Tür zu ihrem privaten Studienraum. Es war nett von Professor Dumbledore gewesen, ihnen diesen Raum und damit die Nutzung seiner privaten Bibliothek zur Verfügung zu stellen.

Ron war der erste, der wieder sprach: „Oh Mann, habe ich einen Kohldampf. Ich bin gespannt, ob es wieder zu Auseinandersetzungen der Slytherins untereinander kommt. Ist irgendwie spannend zu sehen, wie die sich gegenseitig fertig machen. So haben wir wenigstens mal Ruhe vor denen." Hermione schüttelte trotz ihrer eher ruhigen Stimmung den Kopf über den Freund. „Mensch Ron, das ist mal wieder typisch für dich. Während wir anderen uns fragen, was diese Uneinigkeit der Slytherins für Folgen haben kann, denkst du nur an deine persönliche Unterhaltung bei Tisch." Harry, der verhindern wollte, dass die zwei zu streiten anfingen, drängte sich zwischen sie und übernahm die Gesprächsführung. „Also ich finde es schon interessant, was da im Haus der Schlange ausgelöst wurde, nachdem bekannt geworden ist, dass unser Zaubertranklehrer ein doppeltes Spiel gespielt hat. Ich hätte eher erwartet, dass ein Großteil der Slytherin darauf mit Hass auf den Verräter reagiert hätte. Doch dass es so viele gibt, die dem eher positiv gegenüberstehen, hat mich echt erstaunt. Allerdings kann man bei Slytherins nie ganz sicher sein, ob es nicht nur eine Taktik ist."

Ron war so schlau darauf einzugehen und antwortete: „Mich verwundert immer noch, wie schnell sich die Sache mit Snape in der Schule herumgesprochen hat. Das hat ja selbst den Rekord von Harrys Interview damals unter 'Kröten-Umbridge' getoppt. Fragt sich nur, wie die Fledermaus damit umgeht."
Bei der Erwähnung von Snapes Namen hatte sich eine kleine Falte zwischen Hermiones Stirn gebildet und ein abweisender Ausdruck erschien auf ih­rem Gesicht. Harry hatte ihr von der Seite aus einen Blick zugeworfen und die kleinen Veränderungen registriert. Da war der Anhaltspunkt, nach dem er gesucht hatte. Doch er hatte jetzt nicht die Zeit sich auch noch damit auseinander zu setzen. Das musste bis zu einem späteren Zeitpunkt warten.

Sie hatten den Eingangsbereich zur Großen Halle erreicht und betraten dieselbe im gleichen Augenblick wie Neville. Er hatte heute zwei Drittklässlern Nachhilfe in Kräuterkunde gegeben und war deshalb nicht, wie die Tage zuvor, mit von der Partie gewesen. Gemeinsam gingen sie zu ihrem Haustisch und setzten sich an die lange Tafel.

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Severus Snape lehnte sich mit dem Cognac-Schwenker in der Hand zurück in den Ohrensessel, den Albus ihm bei seinem Eintritt angeboten hatte. Er ließ den Inhalt des Glases kreisen und starrte dabei auf die bräunliche Flüssigkeit, als läge in ihr die Lösung all seiner Probleme. Wieder einmal saß er dem Schulleiter gegenüber und gemeinsam hatten sie überlegt, wie sie am Besten mit der vorhandenen Situation umgehen sollten. Beim Abendessen hatte es erneute Auseinandersetzungen unter den Slytherins gegeben. Das Aggressionspotential der Schüler seines Hauses war enorm und fand so sein Ventil. Früher war allerdings bei Streitigkeiten immer wichtig gewesen, dass nichts davon zu den anderen Häusern durchdrang. Doch jetzt schien den Schülern das egal zu sein. Der Grund dafür waren er und sein Verrat am Dunklen Lord. Die Neuigkeit hatte sich in Windeseile in ganz Hogwarts verbreitet und war immer noch das Gesprächsthema Nummer Eins. Er hatte mit einer heftigen Reaktion der Schüler gerechnet, aber dass sich ganz Slytherin in zwei Lager aufspalten würde, hätte er nicht für möglich gehalten.

Albus Dumbledore betrachtete seinen Zaubertrankmeister intensiv und überlegte, welches seiner vielen Probleme ihn gerade beschäftigte. War es wohl Voldemort, dessen Rache Severus nun fürchten musste oder waren es die Schüler seines Hauses, die sich zurzeit eine Art Kleinkrieg lieferten? War es Hermione, die sich so merkwürdig verhielt oder waren es die Schmerzen, die der Lehrer immer noch haben musste? Zumindest für das letzte Problem konnte Albus eine Verbesserung anbieten. Er schob die Schüssel mit den Zitronenbonbons zu Severus hinüber und räusperte sich.
„Severus, möchtest du die Zitronenbonbons mitnehmen? Es ist meine Spezialmischung."

Der dunkelhaarige Zauberer wollte zuerst den Kopf schütteln, überlegte es sich dann aber doch anders. Er schluckte seinen Stolz hinunter und griff nach dem Porzellanbehälter. Aus dem Gemurmel von ihm ein „Danke" zu identifizieren - dazu gehörte schon ein wenig Phantasie.
„Manchmal hat es auch seine Vorteile, wenn man so viele alchemistische Versuche gemacht hat. Hätte nie gedacht, dass ich einmal eine Lösung auf Zitronenbasis entwickeln würde könnte, die eine verstärkende Wirkung auf Schmerztränke haben würde. Gut, dass Nicolas damals auf die Idee kam, sie in Form dieser Bonbons herzustellen. Etwas Besseres hätte mir bei meinem Rheuma nicht passieren können.
Doch nun zu ernsthaften Themen. Du musst eine bessere Lösung gegen die Schmerzen finden." Albus' Stimme war seine Besorgnis anzumerken. „Vielleicht kann Hermione dir dabei helfen. Ihr habt doch schon so erfolgreich an den Kapseln zusammengearbeitet." Severus' Stimme nahm nun einen schärferen Tonfall an: „Ich werde es mir überlegen. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, Albus!" Behände stand er auf und verließ mit eiligen Schritten den Raum.

Da war es wieder. Das Thema, welches er hatte vermeiden wollen. Das Thema an das er nicht einmal denken wollte. Da überlegte er sich lieber wie er mit der Tatsache umgehen sollte, dass Voldemort sich an ihm rächen wollte. Er war sich bewusst gewesen, dass er sich eines Tages in dieser Situation befinden würde. Entweder dies oder er wäre längst tot; vom Dunklen Lord persönlich qualvoll ermordet für seinen Verrat an ihm. Darauf war er vorbereitet gewesen. Aber nicht darauf, dass er sich so mies fühlen würde nach seiner Konfrontation mit Hermione. Er war hart mit ihr umgegangen. Mit ihr und mit sich selbst. Doch das war etwas, was er tun musste. Eine Notwendigkeit, die ihnen beiden zum Schutz diente. Zum Schutz vor Gefühlen, die nicht sein durften. Gerade jetzt war es wichtig, dass niemand auch nur auf die Idee kam, dass es da eine Zuneigung zwischen ihnen gab. Also hatte er einen Weg gewählt, der für beide Vorteile hatte. Er konnte auf seine alten, gewohnten Verhaltensweisen ihr gegenüber zurück verfallen. Sie dagegen würde durch seine Zurückweisung und sein grobes Verhalten ihr gegenüber gekränkt sein und ihn dafür hassen. Keiner würde merken, wie es wirklich in ihnen aussah.

Verdammt! Er hatte die einzige Person, an der ihm etwas lag - vielleicht mal abgesehen von Albus - bewusst verletzt, weil ihm die Hände gebunden waren. Es war nicht nur Voldemort und der Krieg. Er war ihr Lehrer. Er war zudem auch mehr als doppelt so alt wie sie und er war kein netter Mann. Sie hatte jemand besseren verdient. Diese Gedanken zusammen mit den Schmerzen durch das dunkle Mal, verbesserten seine Laune nicht gerade. Er schritt weit aus um schnell seine Räumlichkeiten zu erreichen.

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Hermione war mit den anderen auf dem Rückweg zum Gryffindor-Turm. Es war kurz vor der Sperrstunde. Sie hatten ein schnelles Schritttempo an den Tag gelegt. Es war bereits ruhig in den Gängen und nur das Knistern der Fackeln an den Wänden vermischte sich mit den Lauten, die ihre Füße produzierten. Da erkannte sie einen Schatten. Die Silhouette kam ihr vertraut vor. Im nächsten Moment erkannte sie den Zaubertranklehrer, der ihren Weg kreuzte. Ihr Herz fing, ohne dass sie es wollte, kräftiger zu schlagen an. Sie blickte in sein Gesicht. Durch ihr spontanes Zusammentreffen gab es einen Moment, in dem sie in seinen Zügen lesen konnte. Es zuckte um seinen Mund so als sei es ihm unangenehm, ja fast peinlich, sie hier anzutreffen. Schnell blickte sie zur Seite. Auch ihr war die Begegnung nicht angenehm. Sie waren schon an ihm vorbei gelaufen, als Harry sich plötzlich umdrehte und ihnen über die Schulter noch zurief: „Geht schon weiter, ich komme gleich nach."

Harry Potter hatte nur einen Moment gezögert, den Lehrer anzusprechen. „Sir, bitte warten Sie. Ich möchte mit Ihnen sprechen." An Snapes Zögern hatte Harry gemerkt, wie sehr es dem Lehrer widerstrebte, jetzt noch ausgerechnet mit ihm zu sprechen. Doch er hatte seinen Schritt gestoppt und sich umgewendet. „Was ist denn, Potter? Sollten Sie nicht schleunigst zu Ihrem Turm laufen?" „Das sollte ich. Aber vorher möchte ich Ihnen noch etwas anbieten. Es wäre allerdings schön, wenn diese Unterhaltung privat wäre." Sein Blick glitt über den leeren Gang. Niemand war zu sehen, doch das konnte täuschen. Der Professor deutete auf die nächstgelegene Tür und beide betraten einen kleinen Raum, der wohl als Lagerplatz für überflüssige Möbel benutzt wurde. Harry setzte sich auf die Kante des nächstgelegenen Sofas und sah seinen Zaubertranklehrer mit ernstem Gesicht an.

„Was, Mr. Potter, könnten Sie mir anzubieten haben?" Snapes Stimme enthielt wieder den beißenden Tonfall, der Harry nun seit vielen Jahren so wohl vertraut war. Doch schwang da noch etwas anderes in der Stimme mit? Harry konnte es nicht genau sagen.
„Obwohl wir beide uns gegenseitig nicht besonders gut leiden können -", Snapes Augenbraue schoss bei diesen Worten nach oben, „- biete ich Ihnen meine Hilfe an." Als der Lehrer zu einem Kommentar ausholen wollte, schnitt der Schüler dies mit einer kurzen Handbewegung ab. „Ich mache das nicht aus Barmherzigkeit, sondern weil ich weiß, dass wir Sie später im Kampf gegen Voldemort noch brauchen werden." Harry zog ein Pergament, das er vorhin beschrieben hatte, aus seinem Umhang. Er reichte es wortlos weiter.

Severus Snape überflog den Text und schaute den jungen Mann ungläubig an. „Wo haben Sie diesen Text her? Glauben Sie, dass es tatsächlich funktioniert? Wie wollen Sie die letzte Zutat bekommen?" Trotz seiner äußerlich vorgetragenen Ruhe, hatte er sich durch den Inhalt seiner Fragen verraten. Ein Hoffnungsschimmer kam in ihm hoch. Konnte Potter ihm wirklich helfen? Es passte ihm gar nicht, dass ausgerechnet dieser Zauberer ihm die Möglichkeit geben konnte und wollte, seinen Schmerzen ein Ende zu bereiten. Seine Miene verfinsterte sich wieder. Die Antwort des Schülers kam für ihn nicht unerwartet.

„Durch die Narbe bin ich von Voldemort gezeichnet und mein Blut in dem Trank müsste die gewünschte Wirkung erzielen. Die Schmerzen, die Sie haben, werden so endgültig geheilt." Der Lehrer nickte vor sich hin. Die Frage, woher Harry von den Schmerzen wusste, verdrängte er in die hinterste Ecke seines Gehirns. „Was erwarten Sie als Gegenleistung?" Der Hauslehrer von Slytherin war sich sicher, dass er dafür etwas tun sollte.
„Nichts. Ich bin froh, Ihnen so meine Dankbarkeit zeigen zu können. Sie haben geholfen Ginny und Hermione zu befreien." Es entstand eine Pause.
„Ich muss jetzt gehen, Sir. Geben Sie mir Bescheid, wenn es soweit ist." Mit diesen Worten verließ Harry den kleinen Raum und begab sich zurück in sein Zimmer.

Auch Severus verließ kurze Zeit später den Raum und ging gedankenverloren zu seinem Quartier. So sehr er sich freute, die Schmerzen in Zukunft los zu werden, so sehr wurmte ihn der Gedanke, dass es Harry Potter war, der ihm die Lösung anbot. Sein unvorsichtiges Handeln während der Entführung ver­folgte ihn. Jetzt bot ihm der Sohn von James Potter schon Hilfe an. Er hätte sie am liebsten ausgeschlagen, doch dann müsste er sich weiterhin mit den immer schlimmer werdenden Qualen herumschlagen. Es war typisch Gryffindor dieses Angebot zu machen, in dem Bewusstsein, dass er es nicht ausschlagen würde oder konnte. Obwohl. Es hatte fast schon etwas von Slytherin. Schnell schüttelte der Zaubertranklehrer den Gedanken ab und begab sich in seine Privaträume.

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Hermione lag in ihrem Himmelbett und streichelte gedankenverloren über Krummbeins Fell. Ihr Kater hatte sich neben ihr zusammengerollt und gab ein zufriedenes Schnurren von sich. Er schien zu spüren, dass sie ihn brauchte, denn er war in der letzten Zeit ständig in ihrer Nähe. Ohne dass sie es verhindern konnte, rollte eine Träne über ihre Wange. Sie seufzte abgrundtief. Tagsüber hielt sie sich gut beschäftigt um nicht nachdenken zu müssen. Aber abends, so­bald sie alleine in ihrem Zimmer war, kamen all die verdrängten Gedanken wieder hoch. Nur gut, dass durch die Aufregung der letzten Woche auch das Sonderstudienobjekt ausgefallen war. Es war schlimm genug dem Zaubertranklehrer im Unterricht begegnen zu müssen.

Es war schon seltsam. Sie war entführt worden. Das war es, was sie jetzt unter normalen Umständen beschäftigen sollte. Stattdessen machte sie sich Gedanken über Severus. Er hatte ihr doch ganz klar gemacht, wie wenig sie ihm bedeutete. Doch etwas nagte in ihrem Unterbewusstsein, ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder dachte sie über seine Worte nach. Er hatte selbstverständlich Recht mit dem was er sagte. In ihrer Position durften sie sich nicht näher kommen. Waren sich schon viel zu nahe gekommen. Eine Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin war verboten. Aber deshalb musste er ihr doch nicht so wehtun, indem er diese Gefühle, die nun einmal vorhanden waren, als unwichtig abstempelte.

Sie fragte sich nach seinen Motiven. War es, weil er Severus Snape war, bekannt für seine ungerechte Behandlung von Gryffindors, der einfach aus Ge­wohnheit handelte? War es, weil er es tatsächlich so meinte? Oder war es vielleicht einfach eine Schutzbarriere, die er hier aufbaute um sie beide vor unver­nünftigem Handeln zu bewahren? Sie wusste es nicht, doch der letzte Satz von ihm, kam ihr ins Gedächtnis: Der Kampf gegen den Dunklen Lord sollte jetzt unser einziges Ziel sein. Ihr Verstand gab ihm Recht, aber ihr Herz wollte dies gar nicht einsehen. Mit einem Seufzen löschte sie das Licht ihrer Lampe und drehte sich auf die Seite. Schlaf fand sie noch lange nicht.

Auch Ginny Weasley lag wach in ihrem Bett und starrte auf den rot-goldenen Himmel. Durch die nicht ganz geschlossenen Seiten fiel das fahle Mondlicht auf ihre Steppdecke. Immer wenn sie über die Entführung nachdachte, löste das ein Zittern in ihrem Körper aus. Jedes einzelne Haar ihres Körpers schien sich aufzurichten und der Raum schien plötzlich um einiges kälter zu sein als zuvor. Sie hatte es erneut zugelassen, dass Tom Riddle in ihr Leben eingriff. Sie hatte Entsetzen darüber verspürt, dass er sie wieder für seine Zwecke manipulieren könnte.

Noch heute wunderte sie sich, wie sie es trotzdem geschafft hatte, sich zu befreien und zu fliehen. Gut dass der Teil von ihr, der mutig und stark war, in dem Fall die Führung übernommen hatte. Wieder kamen ihr Harrys Worte in den Sinn. Er hatte sie vor zwei Tagen einfach in den Arm genommen, als sie sich wieder so schlecht fühlte. „Du brauchst dich nicht einschüchtern zu lassen. Du bist eine sehr mutige Hexe. Das hast du zur Genüge erwiesen. Du hast dich aus eigener Kraft aus dem Kreis der Todesser befreit. Er hatte keine Macht über dich!" Sie hatte es zuerst nicht hören wollen, doch jetzt stellte sich langsam die Erkenntnis ein, wie richtig es war, was ihr Freund gesagt hatte. Harry hatte vollkommen Recht. Sie alleine hatte es geschafft. Auch wenn sie die benötigte Kraft dafür aus der Kapsel geschöpft hatte. Der Gedanke ließ die Rothaarige ruhiger werden und einige Minuten später glitt sie sanft in den Schlaf.

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Albus Dumbledore machte sich Gedanken zu der Situation, in der sie sich befanden. Die durchkreuzten Pläne hatten Voldemort ziemlich aufgebracht. Noch in der gleichen besagten Nacht hatten mehrere Todesser versucht ein paar Muggelgeborene zu überfallen. Zum Glück war das eine spontane und damit schlecht vorbe­reitete Aktion von Voldemorts Leuten gewesen. Doch es hatte dazu geführt, dass St. Mungo´s acht weitere Patienten aufnehmen musste. Immerhin war keiner gestorben. Der alte Zauberer hätte jetzt gerne etwas unternommen um Tom Riddle aufzuhalten. Viel konnte er jedoch nicht ausrichten. Die Kräfte des dunklen Lords waren zu groß, auch wenn er ihm bis jetzt immer hatte standhalten können. Diese Passivität machte ihm zu schaffen. An solchen Tagen wie diesem, wenn sein Denkarium unbenutzt in der Ecke stand, lief er vor dem Kamin des Wohnzimmers auf und ab. Das half ihm beim Nachdenken.

Minerva kam in das gemeinsame Wohnzimmer und erkannte sofort, in welcher Stimmung ihr Lebensgefährte war. „Albus, mein Lieber, was geht dir im Kopf herum? Du würdest gerne mehr tun, nicht wahr?" Sein Nicken bestätigte ihre Frage. „Du hast schon so vieles in die Wege geleitet. Du unterstützt Harry bei seinen neuen Plänen so gut es geht."
„Ja, und es gefällt mir gar nicht, dass der Junge so in die Offensive gehen will. Andersherum bin ich sehr stolz auf unseren Harry Potter. Er stürzt sich nicht Hals über Kopf in den Kampf, sondern sucht nach einer Möglichkeit, wie er Voldemort besiegen kann. Ich hoffe, er findet in den alten Büchern eine L­sung für dieses Problem. So zielbewusst habe ich ihn noch nie erlebt. Vielleicht war das der fehlende Impuls um die Dinge ins Rollen zu bringen." Er legte seine Arme um Minerva und zog sie an sich. Sie erwiderte die innige Geste. So hatten sie einander schon oft Kraft und Zuversicht gespendet.

„Die Jüngeren sehen vieles aus einer anderen Perspektive und diese Tatsache könnte der Schlüssel sein. Außerdem ist Hermione bei den Recherchen mit dabei. Und wenn jemand gründlich in so etwas ist, dann sie." Zusammen setzten sie sich auf die gemütliche Couch, die sich zur rechten Seite des Kamins befand. Minervas Anwesenheit wirkte beruhigend auf Albus. Sie fuhr fort: „Apropos Hermione. Als ich Mr. Ollivander nach seinem Besuch vor ein paar Tagen vom Gelände begleitet habe, erzählte er mir, dass Harry unbedingt für die entstandenen Kosten der Zauberstäbe von Hermione und Ginny aufkommen wollte. Er hat das gegenüber den jungen Frauen durchgesetzt. Schließlich sei er der Grund für den Verlust ihrer alten Zauberutensilien. Ob er gewusst hat, dass diese Geste ei­nen besonderen Schutz über seine beiden Freunde mit sich bringt?"

Albus blickte seine Lebensgefährtin an. „Ich bin mir da nicht sicher. Da der Zauberstab der wichtigste Gegenstand für Zauberer und Hexen ist, sollte man davon ausgehen, dass dieses Wissen bekannt ist. Vielleicht ist der DA-Club bei den Studien auf solche Informationen gestoßen. Die allgemeine Zaubererwelt hat es genau so vergessen, wie die Macht der Liebe. Ich werde mit ihm darüber sprechen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe." Er war aufgestanden und zu einem kleinen Tisch auf der gegenüber liegenden Seite gegangen. Der alte Zauberer nahm eine Karaffe mit dunkelroter Flüssigkeit hoch und schaute Minerva fragend an. Sie nickte und orderte mit ihrem Zauberstab zwei Rotweingläser. Kurze Zeit später prosteten sie sich zu.

„Ich hoffe, dass sich die Slytherins wieder beruhigen. Severus hat noch anderes zu tun, als zwischen seinen Schülern zu schlichten. Aber er hat gute Arbeit geleistet. Ich hätte nicht erwartet, dass so viele aus seinem Haus sich offiziell auf seine Seite stellen würden. Nicht, nachdem sich die Neuigkeiten über ihn herumgesprochen hatten. Trotzdem ist äußerste Vorsicht geboten.
Ich werde übrigens ein neues Treffen des Ordens einberufen. Harry möchte seine Absichten den anderen kundtun. Er kann jede Hilfe gebrauchen, die er bekommen kann."

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Das Leben auf Hogwarts hatte trotz der Aufregungen seinen Rhythmus beibehalten. So war ein gewisser Alltag eingekehrt und Hermione war froh darum. Dank ihres neuen Zauberstabes konnte sie ganz normal am Unterricht teilnehmen. Sie stürzte sich in die Vorbereitungen für die Abschlussprüfungen, als wäre sie nicht schon perfekt darauf vorbereitet. Der einzige Unterricht, den sie am liebsten gemieden hätte, war Zaubertränke. Auch der Gedanke an die letzten Arbeiten an dem Ehrenprojekt, welches ja seine Feuertaufe bereits bestanden hatte, war ihr unangenehm. Doch sie konnte ihrem Zaubertranklehrer ja ohnehin nicht ausweichen. Also betrat sie an der Seite von Harry und Ron die Kerker. Sie war auf das Schlimmste gefasst. Schon in der letzten Woche hatte Seve­rus, oder viel mehr Professor Snape, sie besonders grob behandelt. Nach den Blicken, welche die Slytherin-Schüler und auch andere ihr zu geworfen hatten, war das allerdings das Beste gewesen. Doch sie konnte nicht verhindern, dass es sie jedes Mal mehr denn je mitnahm. Sie fühlte sich den sarkastischen Worten hilflos ausgelie­fert. Heute jedoch ließ er sie in Ruhe. Vorerst.

„Nehmt eure Bücher heraus und schlagt die Seite 168 auf. Wir befassen uns heute mit dem Viel-Saft-Trank. Das Brauen beansprucht einige Zeit und ist sehr kompliziert. Lest euch die Zutatenliste genau durch. Wir beginnen heute mit dem ersten Schritt. Ihr findet die Zutaten im Vorratsraum auf der linken Seite. Und jetzt Ruhe!" Die markante Stimme von Professor Snape erklang im Klassenraum. Ohne Verzögerung fingen die Schüler mit ihren Aufgaben an. Her­mione hatte jetzt etwas Luft. Sie kannte den Trank ja nur zu genau, hatte sie ihn doch erst letztlich fertig gestellt. Sie schaute sich im Raum um und ihr Blick blieb an Draco Malfoy hängen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er sich in der letzten Woche verdächtig ruhig verhalten hatte. Sie fragte sich, was es damit wohl auf sich hatte.

Als hätte Draco ihren Blick gespürt, schaute er auf. Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, blieb sein Gesichtsausdruck frei von der üblichen Arroganz. Allerdings zog er fragend die Augenbraue hoch. Anscheinend war das eine Art Markenzeichen aus dem Hause Slytherin. Gerade als sie abwinken wollte, hörte sie hinter sich ein allzu bekanntes Räuspern. Die erwartete Bemerkung ließ nicht lange auf sich warten. „Miss Granger, da Sie so viel Zeit haben in der Gegend herumzuschauen, sind Sie sicher schon mit dem Lehrstoff vertraut. Dann können Sie uns sicherlich von den Nebenwirkungen erzählen, die der Trank haben kann, wenn er nicht korrekt gebraut ist." Professor Snapes Stimme hatte den gewohnt ätzenden Tonfall. Hermione biss sich unwillkürlich auf die Unterlippe. Dann regte sich plötzlich ihr Stolz und sie streckte ihren Rücken. Keiner sollte bemerken, wie es in ihr aussah. Und sie begann mit einer ausführlichen Beschreibung des geforderten Unterrichtstoffes.

Ende des Kapitels