A/N: Guten Abend, ihr Lieben,

nach einer gefühlten Ewigkeit melde ich mich - endlich! - wieder mit einem neuen Kapitel zurück!

Ich möchte mich an dieser Stelle erst einmal aufrichtig bei Euch entschuldigen, dass es so lange gedauert hat; in den vergangenen Monaten haben meine Lebens-, Wohn- und Studiensituation einige grundlegende Veränderungen durchgemacht, weshalb ich es einfach nicht geschafft habe, etwas zu Papier zu bringen. Nun, da sich mein Alltag wieder in geordneten Bahnen bewegt, habe ich wieder häufigere Updates in Planung.

Ich hoffe, dass sich der/die Eine oder Andere von Euch vielleicht noch an diese Geschichte erinnert und wieder einmal hereinschaut; ich würde mich freuen. :-)

LG


Kapitel 10 - Ein Buch in falschen Händen

Die Feiertage glitten in behaglicher, wenn auch wachsamer Stille dahin. Noch immer galt es, herauszufinden, wer sich hinter dem Vorfall in Hogsmeade verbarg und wem darüber hinaus jenes verzauberte Halsband tatsächlich überbracht werden sollte. Da jedoch die meisten Schüler und Schülerinnen ihre Ferien zuhause bei ihren Familien verbrachten und das Schloss somit nahezu verlassen dalag, hatte sich die Atmosphäre ein wenig entspannt.
All ihren Plänen zum Trotz kehrte Hermine über die Weihnachtsferien nicht nach London zu ihren Eltern zurück. Mr. und Mrs. Granger hatten, obgleich zunächst verwundert, die Entscheidung ihrer Tochter klaglos hingenommen; sie wussten, dass Hermine ihnen die Hintergründe ihres Handelns vorenthalten musste, und sie waren umsichtig genug, nicht danach zu fragen.

Abgesehen von der Rückkehr des Unnennbaren und den damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen gab es jedoch noch einen anderen Grund, weshalb Hermine es vorzog, in Hogwarts zu bleiben; allerdings war sie noch nicht bereit, diesen auszusprechen, geschweige denn, ihn einer weiteren Menschenseele anzuvertrauen. Der angenehme Umstand, dass der Schlafsaal der Sechstklässlerinnen bis auf Hermine selbst restlos verlassen war, gewährte ihr endlos lange Stunden ungestörter Kontemplation.
Die bloße Erinnerung an ihre letzte Begegnung mit Minerva McGonagall genügte, um Hermines für gewöhnlich akribisch geordnete Gedankenwelt in heilloses Chaos zu stürzen und sie bis in die frühen Morgenstunden hinein beschäftigt zu halten.

Wieder und wieder ließ sie im Geiste die vergangenen Wochen wiederaufleben, wobei sich Vernunft und Affekt einen unerbittlichen Ringkampf lieferten. Halb verängstigt, halb fasziniert fand sie sich mit immer neuen Eindrücken und Empfindungen konfrontiert, von denen sie bisher allenfalls in diesen übertrieben kitschigen Liebesromanen gelesen hatte, die ihre Mutter ihr regelmäßig zu Weihnachten schenkte. Bisher hatte sie die zähflüssigen, vor theatralischer Wehmut triefenden Wälzer mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung durchgeblättert und jedes Mal über das abwegige Gebaren der Protagonisten den Kopf geschüttelt. Nun jedoch musste sie sich eingestehen, dass an dem, was sie für das Produkt unrealistischer Vorstellungen und überzogener Fantasien gehalten hatte, möglicherweise doch etwas dran war.
Hatte sie zuvor geglaubt, noch vor nicht allzu langer Zeit auch nur annähernd Ähnliches für Ron empfunden zu haben, so musste sie nun über ihre eigene Begriffsstutzigkeit den Kopf schütteln. Verglichen mit der wärmenden Zuneigung, die um ihr Herz plätscherte, wenn sie ihren Freund erblickte, entfesselte der Anblick der schottischen Hexe eine regelrechte Sturmflut in ihrem Inneren.

Merlin, hatte sie sich etwa tatsächlich verliebt? Noch dazu in eine Hexe, die zu allem Überfluss auch noch ihre Lehrerin war?

Obwohl Hermine die Möglichkeit, ihr Herz einmal an eine andere Frau zu verlieren, bisher nie in Erwägung gezogen hatte, fürchtete sie sich nicht vor dieser Erkenntnis. Doch sie war keineswegs eine Närrin und wusste, dass sie, sofern sie nicht Acht gab, nicht nur sich selbst, sondern vor allen Dingen auch ihre Professorin in eine äußerst prekäre Lage bringen konnte. Und obwohl es ihr mit jedem verstreichenden Tag schwerer fiel, ihre Konzentration auf etwas anderes zu lenken als ein Paar funkelnder grüner Augen, schwor sie sich, die Integrität ihres Vertrauensverhältnisses um keinen Preis zu gefährden.


Die Tatsache, dass nicht alle Schüler über Weihnachten aus dem Schoß der Schule geflohen waren, stimmte Minerva angenehm überrascht. Angesichts der jüngsten Vorkommnisse entschieden sich immer mehr Hexen und Zauberer dazu, ihre Kinder aus Hogwarts fortzuholen; eine Maßnahme, die Minerva durchaus nachvollziehen konnte. Dennoch stellte das Schloss einen der sichersten, wenn nicht sogar den einzigen sicheren Ort Großbritanniens dar, sodass ihre Sorge dieser Tage ganz besonders all jenen jungen Hexen und Zauberern außerhalb der Mauern galt.

Auch Hermine befand sich unter den verbliebenen Schlossbewohnern, wie die Schottin eines Nachmittags auf einem Botengang in die Bibliothek erfreut feststellte. Sie fand die junge Frau am Eingang zum Lesesaal, wo sie gerade versuchte, die schweren Flügeltüren zu öffnen und dabei einen ansehnlichen Stoß Bücher zu balancieren. Gerade, als der Stapel anfing, bedenklich zu schwanken und zu rutschen, streckte Minerva ihren magischen Willen aus und bewahrte Hermines Last vor dem Fall. Ein Paar verwirrt dreinblickende braune Augen kamen hinter den aufgetürmten Schriften zum Vorschein und ein erfreutes Lächeln leuchtete in Minervas Richtung.

„Nicht, dass ich mich beschweren möchte, doch allmählich wird mir Ihr stetes Erscheinen zur rechten Zeit ein wenig unheimlich, Professor."

„Da Sie den Ärger beinahe genauso erfolgreich anziehen wie Potter, halte ich es für sinnvoll, in Form zu bleiben", erwiderte die ältere Hexe mit zuckenden Mundwinkeln, während sie die Tore aufschob und Hermine den Vortritt ließ. Die staubige Luft, die zwischen den schier endlosen Regalreihen hing, empfing die beiden Frauen mit nahezu allumfassender Stille; sogar der Klang ihrer Schritte auf dem Steinboden erstarb kraftlos unter ihren Füßen, gedämpft durch die Stillezauber, die sich bis unter die hohen Gewölbedecken spannten.

„Ich bin überrascht, Sie hier anzutreffen, caile*", murmelte Minerva mit gedämpfter Stimme in Hermines Ohr, während sie in die labyrinthischen Gänge zwischen den Bücherregalen eintauchten. „Hatten Sie nicht die Absicht, Ihren Eltern in London einen Besuch abzustatten?"

„Ich bin mit ihnen übereingekommen, dass es für uns alle am sichersten ist, wenn ich hierbleibe", erklärte die junge Frau achselzuckend, wobei sie sich ihrerseits zu der anderen Hexe hinüberlehnte, um möglichst leise sprechen zu können. Beide wussten sehr wohl um das schier übersinnliche Gehör der energischen Bibliothekarin Irma Pince und waren keineswegs erpicht auf eine Maßregelung.

„Zudem habe ich hier einfach viel mehr Möglichkeiten, unsere Zusatzstunden zu verinnerlichen", fügte Hermine leicht errötend hinzu, was der Schottin zugegebenermaßen mehr Freude bereitete, als ihr zu Gesicht stehen sollte.

„Mein Studierzimmer steht Ihnen auch über die Ferientage zur Verfügung", konstatierte Minerva, während sie zusah, wie ihr Schützling auf ihrem gemeinsamen Weg durch die überladenen Regalbretter mal hier und mal dort anhielt, um ein Buch zurückzustellen. Hermines strahlendes Lächeln ließ Minervas Herz unwillkürlich höher schlagen, doch gerade, als die junge Hexe den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, bog direkt vor ihnen die hagere Gestalt von Madam Pince um die Ecke, die sie mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Lippen musterte.

„Irma", setzte Minerva rasch an, ehe die gestrenge Frau zu einem Tadel ausholen konnte, und setzte ihr einnehmendstes Lächeln auf, „ich wollte Sie gerade aufsuchen, Verehrteste. Albus schickt mich, um seine Bestellung aus London für ihn abzuholen."

Madam Pince beäugte die Schottin einen Moment lang, doch dann nickte sie höflich. „Selbstverständlich, Minerva. Einen Augenblick bitte."

Die beiden verbliebenen Hexen tauschten einen gespielt schuldbewussten Blick, während die Bibliothekarin davonrauschte.


„Was hielten Sie von einer Tasse Tee, später in meinem Büro?", fragte die ältere Hexe mit gedämpfter Stimme, als Madam Pince schließlich außer Hörweite war, woraufhin Hermine beinahe das letzte Buch ihrer Ausleihe hätte fallen lassen.

„Es wäre mir ein Vergnügen, Professor", entgegnete sie hastig, stopfte den Folianten in das nächstbeste Regalfach, ohne auf den vibrierenden Protest des Buches zu achten und betete, ihre brennenden Wangen mögen sie nicht verraten. Die Augen der Schottin funkelten amüsiert, wurden jedoch wieder ernst, sobald Madam Pince mit einem stattlichen Paket im Schlepptau zu ihnen zurückkehrte.

„Hier ist es", sagte die Hexe geschäftsmäßig und dirigierte das Bündel mithilfe ihres Zauberstabs zwischen sich und Professor McGonagall. „Wenn Sie so freundlich wären, mir den Empfang des Buches zu quittieren..."

Mit einem Wink ihres Zauberstabs beschwor die Hexe einen Bogen Pergament herauf und reichte ihn an ihr Gegenüber weiter. Hermine beobachtete interessiert, wie ihre Mentorin ihrerseits einen prächtigen Adlerfederkiel mitten aus der Luft sprießen ließ und schwungvoll ihren Namenszug an das Ende des Dokuments setzte.

„Verbindlichsten Dank, Irma."

„Nichts zu danken, Minerva. Ich werde noch das Schulsiegel anbringen, dann können Sie es direkt mitnehmen."

Mit diesen Worten zog die Bibliothekarin einen aufwendig gearbeiteten hölzernen Stempel aus den Untiefen ihrer Gewänder und ließ mit einem Schlenker ihres Zauberstabs das braune Einwickelpapier des Buches verschwinden. Zum Vorschein kam ein atemberaubend schönes Exemplar, eingeschlagen in kadettenblauen Samt, dessen Klausur an den Ecken mit feinblättrigem Messing beschlagen war. Einige Augenblicke vergingen, in denen die drei Hexen das Buch in ehrfürchtiger Bewunderung betrachteten, ehe Madam Pince schließlich eine Hand nach dem Folianten ausstreckte.

„Treten Sie ruhig näher, Mädchen", gebot sie großzügig und winkte Hermine zu sich heran, während sie mit den Fingern sachte über den fantasievoll gearbeiteten Einband strich und die Verschlussschnallen löste. „Eine Rarität wie diese bekommt man nicht jeden Tag zu Gesicht."

Als Hermine neben der dünnen, dunkelhaarigen Frau stand, musste sie sich beeindruckt eingestehen, dass sie noch niemals zuvor etwas Vergleichbares gesehen hatte. Mit angehaltenem Atem malte sie sich bereits die prächtigsten Goldlettern und kunstvollsten Initialen aus, als Professor McGonagalls scharfer Tonfall sie heftig zusammenzucken ließ.

„Halt, warten Sie!"

Eine Hand packte sie am Arm und riss sie nach hinten, doch es war zu spät; Madam Pince hatte den Buchdeckel bereits aufgeschlagen und einen Moment später brach mit einem Mal die leibhaftige Hölle über sie herein.


Minerva schaffte es gerade noch, den Körper der jungen Hexe mit ihrem eigenen abzuschirmen, bevor ein mächtiger Knall die Stillezauber durchbrach und den Saal erschütterte. Wie in Trance sahen sie zu, wie Madam Pince von der Druckwelle der Explosion erfasst und mit einem gellenden Aufschrei rücklings durch die Luft geschleudert wurde; ein heißer, feuriger Odem drang aus den wild flatternden Seiten des aufgeschlagenen Buches und fegte alles auf der ihm zugewandten Seite in einem Wirbel aus purpurnem Feuer und Pergament hinfort. Hitze flimmerte auf ihrer Haut, als die beiden Hexen im Rücken des Buches zum Leben erwachten und hektisch an ihren Zauberstäben rissen.

Arresto momentum!**"

Die Zauberformel drang einstimmig durch den Schleier aus knisternden Flammen und funkelndem Staub und entfaltete seine doppelte Wirkung in Sekundenschnelle. Zwischen den ächzenden Regalreihen, in einem glühend hellen Funkenregen, konnten sie Irmas Körper ausmachen, dessen Sturz in gut zehn Schritten Entfernung verlangsamt wurde. Als er schließlich eine Handbreit über dem Boden zum Stillstand kam, bäumte sich der magische Feuerwirbel plötzlich mit einem donnernden Brüllen über ihnen auf und zerbrach in zahllose Flämmchen, ehe er sich zischend und murmelnd in feine Dunstschwaden auflöste und verschwand. Das nunmehr stark ramponierte Buch schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf und blieb in einem Gewirr aus Rauchfäden und schwelendem Papier liegen.

Einige Augenblicke verstrichen, in denen sich Keine von ihnen regte; atemlos standen sie da und beäugten das schändliche Ding, ehe Minerva zu dem Schluss gelangte, dass der Zauber offensichtlich erloschen war.
Ihr Blick wanderte zu Hermine hinunter und da erst bemerkte sie, dass sie die junge Frau noch immer schützend an sich gepresst hielt. Diese lockerte gerade ihren Griff um die Taille ihrer Mentorin und wirkte angesichts der Umstände nicht minder beklommen. Minerva konnte das flagrante Klopfen ihres Herzens durch den Stoff ihrer Gewänder spüren, dessen Rasanz dem ihren in nichts nachstand.

„V-Verzeihung", stammelte Hermine, machte jedoch keinerlei Anstalten, den nötigen formellen Abstand zwischen sie beide zu bringen, sodass Minerva all ihre Willenskraft aufbringen musste, um ruhig zu bleiben. Ihre Blicke trafen sich und der Atem in ihrer Kehle geriet ins Stocken, als die jüngere Hexe die Hand hob, um eine gelöste Strähne dunklen Haares aus Minervas glühendem Antlitz zu streichen.
Ein ersticktes Geräusch ließ die beiden Frauen zusammenfahren und Hermines zitternde Finger erstarrten in ihrer Bewegung. Da erst dämmerte der Schottin, was ihr Gegenüber gerade im Begriff war, zu tun, und kalter Schrecken überlief ihren erhitzten Körper wie ein Schwall eisigen Wassers.


Hermine spürte, wie sich die größere Frau in ihrem Armen versteifte wie ein Pferd, dem man gerade Kinnriemen und Kandare anlegen wollte, ehe sie sich auch schon losriss und in die Freiheit entfloh. Mit bebenden Nüstern hastete die Hexe hinüber zu der Stelle, an der Madam Pince zu Boden gegangen war. Mit versteinerter Miene untersuchte sie das schwelende Durcheinander aus Roben und Gliedmaßen, während Hermine, die stolpernd zu ihr aufschloss, größte Mühe hatte, ihre Contenance zurückzugewinnen.

Himmel, um ein Haar hätte sie eine riesige Dummheit begangen!

„Irma, meine Liebe, hören Sie mich?"

Die magere Gestalt der Bibliothekarin erzitterte. Durch ihre versengten Roben schimmerte an mehreren Stellen milchweiße Haut, doch auf den ersten Blick waren keine offenen Wunden zu sehen.

„M-Minerva", krächzte die Hexe mit zuckenden Lidern, ihre Hände griffen blind in nach oben ins Leere, „w-was bei allen Wettern war denn das?"

Rasch packten Lehrerin wie Schülerin zu und mit vereinten Kräften zogen sie die sichtlich mitgenommene Madam Pince auf die Beine. Ein Hustenanfall beutelte unbarmherzig ihre hagere Gestalt, doch abgesehen von ihren ruinierten Gewändern schien der Bibliothekarin allen Befürchtungen zum Trotz nichts zu fehlen.

„Merlin sei Dank, es geht Ihnen gut!"

Das unterdrückte Zittern in der Stimme der Schottin ließ das Herz der jungen Frau ebenfalls erbeben, doch als die ältere Hexe schließlich aufblickte, war ihre Miene so unergründlich wie der Schwarze See.

„Ich fürchte, der Tee muss leider entfallen, Miss Granger", sagte sie, nun wieder in ihrem üblichen gefassten Tonfall, während sie ihrer Kollegin sachte auf den Rücken klopfte, bis das rasselnde Keuchen allmählich erstarb.

„Madam Pince sollte umgehend im Krankenflügel auf innere Verletzungen hin untersucht werden. Ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie diesen Vorfall Ihren Mitschülern gegenüber streng vertraulich behandeln würden. Das hier", sie ließ die kläglichen Überreste des Buches mit einem Schnippen ihres Zauberstabs verschwinden, „nehme ich vorerst an mich."

Und mit diesen Worten ließ sie Hermine stehen und marschierte los, eine zerzauste Madam Pince im Schlepptau, den Blick starr geradeaus gerichtet, der Sturm in ihren grünen Augen strafte ihre äußere Gelassenheit Lügen.


A/N:
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caile : gälisch für "Mädchen", "Mädel"
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Arresto momentum : eine Zauberformel, die den Fall eines Ziels verlangsamt. Erstmals erwähnt in "Harry Potter und der Gefangene von Askaban".