Kapitel 9
Sinnlos.
Sinnlos… sinnlos… sinnlos !!!
Mit tausendfachem Echo hallte dieses so unscheinbar wirkende Wort durch Clarks Schädel, als sei es auf der Suche nach der einzigen Gehirnzelle, die in der Lage war, seinen Sinn zu erfassen. Die kleine graue Zelle war schwer aufzufinden. Daher brüllte das Wort umso lauter.
Außerhalb von Clarks Gehirn jedoch begann eine eisige Stille den Fahrt- und Wettergeräuschen erhebliche Konkurrenz zu machen. Jede einzelne Sekunde wurde durch die Bewegung der Scheibenwischer unterstrichen und gefährlich ausgedehnt wie ein Gummiband, das jeden Augenblick zerreißen konnte. Das Plärren des Radios war längst im prasselnden Regen untergegangen. Ein paar Mal blickte Clark zur Seite, kurz nur, da er sich vor Augen hielt, dass er immer noch derjenige war, der am Steuer saß und auf keinen Fall das Leben seines nicht unverwundbaren Beifahrers riskieren durfte. Außerdem wäre es bestimmt kein Fehler, zu vermeiden, dass der schicke Mercedes Kratzer abbekam. Früher oder später würde Lex ihm deswegen in den Ohren liegen. Also behielt Clark trotz seiner Verwirrung die unbeleuchtete Straße im Blick. Hauptsächlich. Dass seine Augen immer wieder nach rechts zuckten, war ein reiner Reflex, der nur der Sicherheit seines Passagiers diente.
Was war das? Lex sah ihn unverwandt an. Oder doch nicht? Es schien fast, als blicke er geradewegs durch Clark hindurch. Dann plötzlich zuckte es in Lex' todernstem Gesicht, und ein verhaltenes Glucksen drang aus seiner Kehle. Schon wollte Clark ihm hilfreich auf den Rücken klopfen, weil er annahm, sein Freund hätte sich verschluckt, da brach Lex auf einmal in ein waschechtes Kichern aus.
Das Geräusch katapultierte Clark übergangslos in den nächsten falschen Film. Er hatte inzwischen aufgehört zu zählen. Seine Stirn furchte sich noch stärker als bei der Eröffnung, sie hätten ein Ziel, wenige Augenblicke zuvor. Ein kichernder Lex war ganz und gar untypisch, und nicht nur das, er war definitiv besorgniserregend. Clark kam zu einem Schluss.
„Also gut, Lex, was hast du jetzt wieder genommen?", sagte er, bemüht resolut und auf das Schlimmste gefasst.
„Aah… he he heh…. das ist einfach zu komisch! Du bist echt ein Brüller, mein Freund!" Lex jauchzte, als hätte er soeben den besten Witz seines Lebens gehört. „Okay, okay, schon gut, ich geb's ja zu, ich wollte dich bloß auf den Arm nehmen." Lex giggelte nur noch stärker. „Dein dummes Gesicht war's aber auch wert!"
„Hey!" Ein Teil von Clark war empört, während der andere, etwas kleinere Teil am liebsten lautstark mitgelacht hätte.
Es dauerte eine Weile, bis Lex sich wieder einkriegte. Derweil überlegte Clark, ob Erleichterung angebracht war. Dass sein derzeit arg gebeutelter bester Freund zu albernen Scherzen aufgelegt war, musste einfach ein gutes Zeichen sein. Mit all den unberechenbaren Stimmungswechseln war es ein bisschen wie mit dem Wetter. Bei Dauerregen freute man sich schließlich auch über jeden Sonnenstrahl, egal wie kurz er die Wolkendecke durchbrach. Hochgradig verwirrend oder nicht, alberne Scherze waren allemal besser als brütendes Schweigen, versuchte Clark seinen Optimismus anzuspornen. Und die vielen kleinen Fältchen, die beim Lachen um Lex' Augen auftauchten, fand Clark seltsamerweise ganz bezaubernd.
Nach ein paar Minuten war Lex wieder in der Lage, zu sprechen. „Tut mir leid, wenn ich dich beleidigt hab, du hast natürlich kein dummes Gesicht, nicht du, Clark, nun wirklich nicht. Aber… aber trotzdem…" Lex prustete noch einmal, holte dann tief Luft und wischte sich ein paar Lachtränen aus den Augenwinkeln. „In dem Moment war es wirklich komisch!"
„Aha", meinte Clark wenig überzeugt. „Vielleicht lache ich mit, wenn du mir sagst, was so komisch ist."
„Ach Clark, ich weiß, ich… mmh…" Das Kichern ebbte jäh ab. Lex setzte sich gerader hin und zupfte an seinen Hemdsärmeln. „Ich bin zurzeit… na ja… nicht gerade der ideale Reisebegleiter. Aber glaub mir, wenn ich sage, du bist es für mich."
„Danke. Du hast ´ne merkwürdige Art, das zu zeigen", brummte Clark.
„Hör zu, ich weiß, dass wir -- Clark! Pass auf!!!"
Noch bevor Lex' Warnung beendet war, riss Clark das Steuer herum, um dem dunklen Schatten auszuweichen, der urplötzlich im Licht der Scheinwerfer aufgetaucht war. Der Wagen schlingerte nach links und nach rechts, Clark spürte, wozu die Sicherheitsgurte da waren, und er streckte instinktiv seinen rechten Arm aus, weil er nicht genau wusste, ob Lex sich ebenfalls angeschnallt hatte. Es holperte ordentlich, die Räder verließen den Asphalt genauso schnell, wie sie auf ihn zurückkehrten. Wunderbarerweise ohne jede Kollision. Clark stoppte am Straßenrand.
„Puh. War das ein Elch?". fragte Lex, sich aufrappelnd.
„Glaub schon."
„Prima. Ein gutes Zeichen, dass sie inzwischen hierher zurückkehren. Ach, ich wünschte, die Welt würde überall ihr biologisches Gleichgewicht zurückerlangen."
Jedwede Erwiderung, die auf Clarks Zunge gelegen haben mochte, wurde im Keim erstickt. Er wusste sehr wohl, dass er mit weit offen stehendem Mund keine gute Figur abgab, aber das war im Moment nun mal nicht zu ändern. Angesichts des sich in seinem Kopf ausbreitenden Vakuums, erinnerte er sich an die Meditationsübungen, zu denen Chloe ihn seit ein paar Wochen „zwang". Ich bin ganz ruhig. Alles ist in Ordnung. Alles ist Liebe. Keine Panik. Ommm…
„Elche sind cool, findest du nicht?", plauderte Lex.
‚Keine Panik' war leicht gesagt. Wenn man allerdings den Eindruck gewann, sehr bald das letzte Fünkchen Überblick zu verlieren, wurde Panik plötzlich ein beunruhigend vertrauter Zustand.
Clark lächelte gequält. Sollte er vielleicht besser aufgeben und das Ganze auf sich beruhen lassen? Lex' Unberechenbarkeit zermürbte allmählich seine stählerne Geduld, ganz wie der sprichwörtliche stete Tropfen. Er war der Sache langsam überdrüssig, das musste er zugeben. Vielleicht war es das Beste kehrt zu machen und Lex auf dem schnellsten Wege zurück nach Smallville zu kutschieren. Und zwar ganz ohne Motelstopps. Oder… Der Anflug eines Grinsens schlich sich auf Clarks Gesicht, als er die zweifellos schnellste Option erwog: nämlich Lex einfach Huckepack zu nehmen und dann zu laufen.
„Ich wette, du fragst dich, woher mein kleiner Heiterkeitsausbruch eben kam," unterbrach Lex Clarks riskanten und trotzdem in mehrerer Hinsicht verlockenden Gedanken.
Clark schnaubte. „Bingo."
„Okay, dann gebe ich es jetzt zu: Ich habe keinen Plan, wo's hingehen soll, hatte nie einen. Nur als du vorhin so entgeistert geguckt hast, konnte ich nicht widerstehen, dich ein bisschen zu ärgern."
„Stets gern zu Diensten", grummelte Clark. „Nur um das noch mal festzuhalten, dann fahren wir tatsächlich sinnlos durch die Gegend?"
„Nicht ganz. Stimmt schon, ich hab bisher herzlich wenig auf die Umgebung geachtet, weil… na ja… es kam eben nicht darauf an", erläuterte Lex. „Vor ein paar Stunden haben wir jedoch den Mississippi überquert, wie du sicher bemerkt hast. Kurz danach kam ein Hinweisschild, das ich wiedererkannt hab. Mister Kent, hiermit gebe ich feierlich bekannt: Wir befinden uns in Wisconsin."
Clark verdrehte seine Augen. „Witzbold. Soviel weiß ich selber. Ich kann lesen. Haben wir nun ein Ziel oder nicht?"
Dass sie mehr oder weniger nach Norden gefahren waren, war Clark nicht entgangen. Schließlich waren während all der dahin ziehenden Meilen die gelegentlichen Straßenschilder seine einzige Reiselektüre gewesen. Da die große Frage nach wie vor mit Warum begann, war ihm das Wo im Grunde ziemlich egal.
„Lass dich überraschen."
„Le-ex… auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, ich hab die Geheimniskrämerei echt langsam satt."
„Nur etwas Geduld noch, Clark. Lass uns einfach weiterfahren. Es ist nicht mehr weit." Lex studierte die GPS-Anzeige. „Denke ich zumindest", fügte er hinzu. Clark stöhnte. Und ließ den Motor an.
~ ~ o ~ ~
Langsam aber sicher ging der strömende Regen in wahre Wolkenbrüche über. Das Radio hatte keine Chance mehr, und auch Unterhaltungen waren bei dem dröhnenden Prasseln zwecklos. Lex lotste sie über Landstraßen und teilweise sogar unbefestigte Feldwege, die Clark von sich aus nie im Leben eingeschlagen hätte. Jeden Moment rechnete er damit, auf einem Acker im Schlamm steckenzubleiben. Oder schlimmer noch. Am Ende einer Sackgasse könnten sie auf dem Vorhof der Einsiedelei eines ambitionierten Massenmörders landen. Womöglich wartete der schon mit erhobener Axt irre kichernd hinter dem nächsten Baum!
Nicht das Clark sich sonderlich vor axtschwingenden Mördern ängstigte, er hatte ganz einfach nur keine Lust darauf. Lex schien erstmalig seit Beginn ihrer Odyssee munter und richtiggehend aufgekratzt. Seine Augen sprangen zwischen dem GPS Monitor und der dunklen Umgebung hin und her. Er legte die Stirn in Falten, nagte an seiner Unterlippe, lachte dann und wann ganz plötzlich auf und gestikulierte nach links oder nach rechts. Clark hoffte, dass der Schein nicht trog und Lex tatsächlich einen Plan hatte.
„Clark, stopp!"
Auf der Stelle trat Clark das Bremspedal durch, so dass sie mit einem starken Ruck zum Stehen kamen. Hatte er etwa schon wieder einen Elch übersehen?
„Wir sind da", verkündete Lex mit unüberhörbar triumphierendem Ton in der Stimme.
„Wir sind da?" Clark sah sich um. „Ach was. Wo denn? Ich seh nur Bäume und Regen."
„Wenn du deine Augen bitte ein Stückchen nach rechts bemühen würdest, mein lieber Watson."
Clark tat es. Tatsächlich, da war etwas. Gerade außerhalb des Lichtkegels erkannte er etwas Großes, Dunkles in der Finsternis des Waldes…
„Wow. Was ist das?"
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tbc.
