Zwei Stunden später waren Kirk und Spock unterwegs in Richtung einer der zahlreichen Gebirgsformationen von Vulkan II. Bones hatte inzwischen Scotty eingeweiht, der aus den Transporterlogbüchern den Aufenthaltsort des mysteriösen Doppelgängers herausfiltern konnte. Besser gesagt, die Koordinaten, an die er sich hatte beamen lassen, denn danach verlor sich seine Spur. Kein Wunder, denn ohne lokale Verstärker waren die Sensoren nicht in der Lage, dickes Felsgestein zu durchdringen. Die Frage war nur, was der Mann in dieser gottverlassenen Gegend zu suchen hatte.
Eine Frage, die sich Kirk im Moment nicht stellte. Er lenkte das windschnittige Solarfahrzeug mit einem Geschick durch die bizarre Wüstenlandschaft, als würde er das jeden Tag tun. Mit Höchstgeschwindigkeit bretterten sie über die befestigte Piste und Kirk fühlte sich zum ersten Mal seit Wochen unbeschwert, wie befreit. Schon seit seiner Kindheit liebte er die Geschwindigkeit und das Gefühl von Abenteuer beim Fahren. Hinzu kam die Erleichterung, endlich zu wissen, was Spock zu der Trennung veranlasst hatte. Nicht, dass dieses Wissens irgendetwas ändern würde, aber trotzdem...
Er sah hinüber zu Spock. Der Vulkanier hatte sich vorschriftsmäßig angeschnallt und sah starr nach vorn, die Hände in den Armlehnen verkrallt. Seine übliche Position, wenn Kirk fuhr. Trotzdem wirkte seine Anspannung heute besonders stark.
"Wollen wir eine Pause machen?", schlug Kirk vor.
"Ich benötige keine Pause, Jim.", antwortete Spock. Er stockte, als sie über eine Bodenwelle rasten und sich mehrere Sekunden in der Luft befanden, bevor das Fahrzeug wieder auf dem Boden aufsetzte. Mit gepresster Stimme fuhr er fort "Wir sollten lieber keine Zeit vergeuden."
"Die ganze Strecke wird das Fahrzeug sowieso nicht durchhalten, Spock. Schau auf die Anzeige." Er wies mit der Hand auf das Kontrollpult.
Spocks Augen folgten seiner Bewegung und er nickte. "Korrekt. Diese Stadtmobile sind nicht für solche langen Fahrten vorgesehen, ihre Solarspulen müssen nach ca. 300 Kilometern aufgeladen werden. Allerdings können wir bei gleichbleibender Geschwindigkeit noch 0,8 Stunden weiterfahren, bevor es soweit ist."
"Egal, ich brauch jetzt eine Pause.", beschloss Kirk. Wenn Spock ein Mensch gewesen wäre, hätte man sagen können, dass er langsam grün im Gesicht wurde, aber auch für einen Vulkanier sah seine Hautfarbe alles andere als gesund aus. Kirk fühlte sich verantwortlich dafür, obwohl er heute nicht nur aus Abenteuerlust so schnell fuhr, sondern auch aus Notwendigkeit. Sie brauchten dringend Klarheit über diesen Mann. Kurz hatten sie darüber diskutiert, ob sie bereits jetzt die vulkanische Polizei einschalten sollten, sich dann aber einvernehmlich dagegen entschieden. Es schien keine so gute Idee zu sein, quasi sein zweites Ich als neuen Verdächtigen zu präsentieren. Wer weiß, was man daraus für Schlüsse zog. Ersteinmal wollte Kirk mehr über die Hintergründe der Tat wissen.
Er bremste ab und hielt schließlich mitten in der prallen Sonne. Was im Oldtimer seines Vaters eine schlechte Idee gewesen wäre, war für ein Solarfahrzeug genau das richtige, denn so konnte es neue Energie für den Rest der Strecke sammeln. Zwar war es auch während der Fahrt dazu in der Lage, aber mit weit geringerer Effizienz, so dass die Speicher sich nach und nach leerten. Im Inneren wurde es dabei allerdings für Menschen unerträglich heiß und im Gegensatz zu draußen wehte drinnen natürlich kein Lüftchen. Daher stieg Kirk aus und stellte sich auf die Seite des Fahrzeugs, die Schatten warf. Hier war es zumindest einigermaßen auszuhalten.
Nach ein paar Augenblicken hörte er, wie die Tür auf Spocks Seite ins Schloss fiel und der Vulkanier zu ihm herüber kam. Er stellte sich neben Kirk und minutenlang standen sie nur da und ließen ihre Blicke zum Horizont schweifen, wo sich hinter einer scheinbar endlosen Ebene aus Wüstensand die Umrisse der Berge abzeichneten.
Eine leichte Böe kam auf und Kirk beobachtete, wie sich die sonst so akkuraten Haare Spocks im Wind bewegten. Wie gern hätte er ihm sie jetzt aus dem Gesicht gestrichen und...
Spock sah weiter stur nach vorn. Doch er schien seinen Blick trotzdem bemerkt zu haben und sagte plötzlich leise: "Es tut mir leid, Jim".
"Was meinst du?", fragte Kirk überrascht.
"Meine Einschätzung deiner emotionalen Reaktion auf die Beendigung unserer Beziehung war falsch.", erklärte Spock. "Ich war der Überzeugung, dass eine sofortige Trennung ohne Option zum Widerspruch das beste für dich sein würde. Dass du dir schnell einen anderen Partner suchen würdest, wie es für Menschen typisch ist. Erst bei unserer Umarmung im Krankenhaus und der damit verbundenen Gefühlsübertragung habe ich bemerkt, wie tiefgreifend die seelischen Verletzungen sind, die ich dir durch das Aufheben unserer Bindung zugefügt habe."
Kirk schwieg einen Moment. "Wie lange waren wir zusammen, Spock? Sechs Jahre?"
"6,24 Jahre.", sagte Spock und sah ihn endlich an, eine Augenbraue angehoben. "Worauf willst du hinaus, Jim?"
"Solange waren wir Geliebte, körperlich, seelisch, selbst im Geist dank deiner vulkanischen Fähigkeiten. Und trotzdem kennst du mich immer noch so wenig. Hast du wirklich gedacht, ich könnte dich so einfach aufgeben? Das beste, was mir je im Leben passiert ist?"
Er drehte Spock zu sich herum, legte die Hände auf seine Schultern und schüttelte ihn leicht. "Nach all den Jahren so eine Fehleinschätzung, von dir als Wissenschaftler? Das soll ich glauben?"
Spock griff nach Kirks Händen auf seinen Schultern, aber nahm sie nicht herunter. "Wahrscheinlich wäre noch mehr gemeinsame Zeit vorteilhaft gewesen, um die Intensität deiner Gefühle zu analysieren."
Kirk zog Spock näher zu sich heran und flüsterte: "Es scheint so." Ihre Lippen berührten sich fast dabei. Im nächsten Moment überbrückte Spock die letzte Distanz zwischen ihnen, stürzte sich geradezu auf Kirks Mund, als wollte er ihn verschlingen, ihn in sich aufnehmen. Der Kuss brachte keine rationalen Gedanken des Vulkaniers mit sich, nur Hunger, Verlangen. Und eine Liebe, die tiefer ging als jedes andere seiner Gefühle. Doch dann gesellte sich eine gewisse Traurigkeit dazu, Vorbote seines Gewissens.
Kirk riss sich schwer atmend von Spock los. "Werd' dir erst einmal darüber klar, was du willst!"
Spock rang sichtbar um Fassung, seine sonst so beherrschten Züge wirkten verletzlich, offen. "Was ich will und was ich tun muss, sind zwei verschiedene Dinge."
"Das muss nicht so sein, das weißt du genau!" Kirk wurde wütend. "Selbst dein Vater meint, dass..."
"Mein Vater ist emotional kompromittiert durch Amandas Tod."
"Solltest nicht gerade du dafür Verständnis haben?"
"Ich habe Verständnis für ihn.", antwortete Spock steif. "Aber ich bin nicht seiner Ansicht. Die Moral und der soziale Status unseres Clans sind wichtiger als meine persönlichen Vorlieben."
"Vorlieben? Ich dachte, es sei doch etwas mehr als das." Kirk wandte sich von Spock ab und riss die Tür des Solarfahrzeugs auf. "Lass uns weiterfahren, sonst vergesse ich mich noch."
Er stieg ein und Spock ging nach kurzem Zögern um das Fahrzeug herum und setzte sich wieder auf den Beifahrersitz.
"Das sind exakt die Komplikationen, die ich für den Fall vorausberechnet hatte, dass du meine Motive für die Trennung kennst und glaubst, sie in Frage stellen zu können."
Kirk antwortete nicht mehr, sondern startete das Solarmobil, so dass es mit einem Ruck nach vorn sprang und dann in Richtung der Berge davonraste.
