Als Narzissa Malfoy Manor das erste Mal betrat, waren ihr die Dimensionen des alten Herrenhauses noch gar nicht bewusst. Im tristen, grauen Nebel erstreckte sich ein Anwesen mit vielen Türmen und Erkern, das wie ein schlafender Riese auf sie wirkte. Die lange Auffahrt zum Haupthaus war mit Hecken gesäumt und irgendwo plätscherte neben dem Regen noch ein Brunnen.
„Meine Eltern sind nicht da." Lucius schien ihre Gedanken zu lesen. „Niemand wird uns belästigen."
Seite an Seite gingen sie schweigend die Auffahrt hinunter und staunend sah Narzissa hierhin und dorthin. Alles an Malfoy Manor wirkte fremd und düster, wie seine Besitzer.
Als Lucius das Portal öffnete und sie eintreten ließ, musste Narzissa sich erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen, hier drinnen war es kühl und eigentümlich leer. Ein riesiger Kronleuchter hing über der Eingangspforte. Treppen schlängelten sich nach Oben und von überall zweigten Türen ab. Was für ein riesiges Haus.
Lucius nahm ihr den Mantel ab und nahm sie erneut bei der Hand.
„Es ist... groß" sie wusste kein besseres Wort dafür, allerdings kam sie sich dabei ziemlich bescheuert vor.
Er lachte und nahm sie erneut bei der Hand. „Möchtest du das Haus sehen?"
Sie nickte und folgte ihm durch die endlosen Galerien von Malfoy Manor. Überall hingen schaurige Gemälde von offensichtlich schwarzen Magiern, die Fenster wirkten staubig und ließen kaum Licht hinein, doch Narzissa wagte es nicht, Lucius zu sagen, wie gruselig sein Heim auf sie wirkte, denn er hätte es vermutlich als Kränkung empfunden. Wenn sie da an die hellen Räume in Bedford Hall dachte, dann wirkte die Residenz der Blacks hiergegen tatsächlich freundlich.
Lucius führte sie schließlich in das kleine Kaminzimmer am Ende eines langen Flures. Dort prasselte ein Kaminfeuer und es wirkte bei Weitem nicht so düster wie der Rest des Hauses. Doch auch dieses Zimmer hinterließ einen üblen Nachgeschmack, denn offensichtlich war es ihm gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie ihn ablehnen würde. Er war immer noch ein selbstgefälliger Schuft.
Sie ließ sich neben dem Kaminfeuer nieder und Lucius tat es ihr gleich. Es war ungewohnt, schweigend neben ihm zu sitzen und seine Wärme auf ihrer Haut zu spüren, während sie einfach nur dem Regen zusah, der gegen die Fensterscheiben prasselte. Sie fühlte sich so furchtbar erschöpft, als wäre sie den ganzen Weg nach Malfoy Manor gerannt.
Lucius schien sie genau zu beobachten, seine Augen folgten jedem ihrer Atemzüge und plötzlich war es ihr unangenehm, wie er sie ansah. Das hatte etwas verruchtes und anstößiges.
„Ich mag es nicht, wenn du mich so ansiehst." sagte sie zornig.
„Wie sehe ich dich denn an?" fragte er herausfordernd.
„Na, so halt... als ob ich..."
„Als ob du was?"
Sie lehnte sich in seinem Arm zurück. „Ach, vergiss es einfach." Sie konnte sein Gesicht nicht mehr sehen, so wie sie gerade lag, aber sie war sich ziemlich sicher, dass er grinste.
Lucius Hand ruhte auf ihrer Schulter und er strich mit seinen langen Fingern über ihren Hals. Diese Berührung hatte etwas sinnliches und Narzissa schloss die Augen und genoss seine Hände auf ihrer Haut. Sie wehrte sich nicht, als seine Lippen ihren Hals streiften und versank nur noch weiter in seinen Berührungen.
Als er ihren Träger über ihre Schultern schob, stockte ihr der Atem, doch sie wartete ab und ließ sich auf den Teppich sinken, während sich Lucius nun über sie beugte und als er sie dann küsste, war es wie eine Erlösung für sie.
..::~::..
Narzissa erwachte erst spät, der traumlose Schlaf war fest und lang gewesen. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie auf dem flauschigen Teppich von Malfoy Manor lag und nicht in ihrem Bett in Bedford Hall. Es regnete immer noch. Was für ein verregneter Sommer, dachte sie bei sich.
Ihr Körper wurde von einer grünen Decke eingehüllt und ihr Rücken schmerzte ein wenig. Tastend versuchte sie ihre Umgebung zu erkunden und stellte dabei fest, dass Lucius verschwunden war. So schlang sie sich die Decke wie ein Kleid um die Schultern und stand auf. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was geschehen war und sie musste sich an den Kaminsims klammern, denn ihre Beine gaben nach. Hatte sie das wirklich getan? Sie hatte doch warten wollen. Sie wollte nicht wie Andromeda enden, hatte aber ihre Jungfräulichkeit auf dem dreckigen Boden von Malfoy Manor verloren. Viel besser noch, Lucius hatte sich verkrümelt und sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich nach ihrem befinden zu erkunden. Und auch sonst hatte sie sich das aus den Erzählungen ihrer Freundinnen immer viel romantischer und zärtlicher vorgestellt. Lucius war nichts davon gewesen. Er war grob und ungestüm, wie in allem, was er anfasste. Vielleicht lag das an seiner Art, überlegte sie hin und her.
Trotzdem schämte sie sich. Hatte sie nicht noch über Celeste gelästert, die ihre Jungfernschaft an einen schmierigen Ravenclaw verloren hatte, dem sie heute nicht einmal mehr in die Augen blicken konnte? Sie wusste nicht einmal seinen Namen, so unwichtig war er Celeste gewesen. Und sie ihm wohl auch. Würde das jetzt auch so sein?
Es klopfte an der Tür und erwartungsvoll sah Narzissa auf. Ein Hauself betrat den Raum und verbeugte sich schüchtern.
„Misses? Der Meister schickt mich, um Ihnen zu sagen, dass das Frühstück angerichtet ist. Ich soll Sie geleiten."
„Vielen Dank." sagte Narzissa freundlich. Sie fand Hauselfen furchtbar putzig. Ihre Tante hatte einen und sie war immer neidisch gewesen. „Aber dürfte ich mich vorher noch anziehen?"
„Der Meister war so frei und hat Dobby Kleidung für sie mitgegeben, die sie tragen sollen." Mit diesen Worten reichte er ihr ein Bündel und senkte den Blick wieder. Offenbar fürchtete er sich vor Zauberern und Hexen.
„Ich danke dir, Dobby, richtig?"
Der Elf nickte erstaunt.
„Dann ziehe ich mich jetzt an und du wartest vor der Türe auf mich." Abermals verbeugte sich der Elf und schloss rasch die Türe hinter sich.
Narzissa faltete die Kleidung auseinander und sah das Bündel erstaunt an. Ein langes, schwarzes Kleid, hoch geschlossen, mit viel schwarzes Spitze lugte aus dem Paket hervor und es reichte ihr bis zu den Knöcheln. Doch der lange Schlitz an beiden Seiten ließ das Kleid irgendwie... unanständig wirken. Vielleicht war das seine verrückte Art, sie an die gestrige Nacht zu erinnern. Gestern noch hatte sie das unschuldige Sommerkleid getragen und nun das Monstrum?
Trotzdem zog sie es an und trat vor die Tür, was blieb ihr auch anderes übrig? Dobby stand draußen vor der Tür und verbeugte sich erneut.
„Folgen Sie mir bitte, Misses."
„Narzissa. Ich heiße Narzissa."
Dobby schlug die Hände vor den Mund.
„Dobby ist es nicht erlaubt Hexen und Zauberer mit ihrem Namen anzusprechen, oh nein."
„Oh." machte Narzissa und folgte dem wunderlichen Elf durch die Eingangshalle des alten Herrenhauses. Er bog ab zu einem der weiter verzweigten Korridore und führte sie schließlich zu einer Türe die scheinbar in den Wintergarten führte.
„Der Meister wartet da drinnen auf Sie, Misses." verabschiedete sich Dobby und Narzissa öffnete die Tür und stand im Freien. Zumindest dachte sie das, doch dann sah sie das Glas über ihr. Es war tatsächlich ein Wintergarten, in dem kleine Springbrunnen plätscherten und eine Platte mit Mosaiken in den Boden eingelassen war. Eine kleine Tafel war dort angerichtet, doch von Lucius war keine Spur zu sehen. Sie ließ sich auf der Bank nieder und sah sich um. Allerhand verschiedene Bäume konnte sie zählen und auch einige Rosen rankten sich an den Wänden des Wintergartens empor. Aber es war angenehm warm hier drin und sie fühlte eine angenehme Ruhe in diesem Raum, der so viel freundlicher wirkte als der Rest von Malfoy Manor.
„Ausgeschlafen?" fragte Lucius vertraute Stimme.
Als sie sich umwandte war er scheinbar wie aus dem Nichts erschienen. „Ja."
Er setzte sich neben sie und nahm sich eines der kleinen Brötchen. Sie sah ihn fragend an. Sie hatte jede Reaktion erwartet, doch nicht diese.
„Was ist?" wollte er wissen.
„Nichts." sagte sie ein wenig zu hastig und er hatte sie prompt durchschaut.
„Wenn es um gestern Abend geht: Mach etwas schönes nicht kaputt, indem du es mit sinnlosen Worten schmückst, die der Sache sowieso nicht gerecht werden können."
Narzissa grübelte noch, ob das wohl ein Kompliment gewesen sein könnte, als Lucius plötzlich anfing zu lachen.
„Ich bitte dich. So etwas kann dich doch wohl nicht erschreckt haben?"
„Nein." flüsterte Narzissa schnell.
„Das Kleid steht dir gut."
„Danke." hauchte sie und nahm sich ebenfalls ein Stück Brot. Sie fühlte sich neben Lucius immer so, als hätte sie nicht viel zu erzählen, als sei sie furchtbar langweilig.
„Dein Hauself ist niedlich." sagte sie schließlich, nur um irgendetwas zu sagen.
„Verwechsel niedlich nicht mit dumm."
„Dann ist er halt ein niedlicher Dummkopf." antwortete sie stur und einem Geistesblitz folgend schickte sie hinterher: „Genau wie sein Herr."
Dieses Mal war sein Lachen sogar echt.
