Magkenzie stieg mit steifen Beinen aus dem Zug aus. Den Ganzen Tag war sie gefahren. In Washington hatte es nur einen kurzen Halt gegeben, da der Zug mit leichter Verspätung eingefahren war. Auf der engen Bank hatte Magkenzie, obwohl sie es nicht wahrhaben wollte, etwas geschlafen und nun hatte sie Muskelschmerzen, als wäre sie wochenlang gelaufen.
Sie streckte sich müde und sah sich um. Hier und da stiegen Damen und Herren aus oder ein. Viele wurden von Verwandten begrüßt oder verabschiedet.
Etwas unbeholfen ging Magkenzie den Bahnsteig auf und ab. Sie hatten Hunger, doch hier gab es nur Sandwichs, die aussahen, als wären sie drei Tage alt, von einem Straßenhändler.
„Miss, haben Sie keinen Hunger?" fragte er sie und kam ihr nach. Sie lehnte dankend ab, doch der Händler ließ sich nicht so einfach abschütteln.
„Sandwichs, frisch und lecker. Sie werden Ihnen schmecken!" rief er, doch Magkenzie drehte sich nur um und ging, gefolgt von dem Straßenhändler, den Bahnsteig wieder ab.
Magkenzie wollte zwar noch etwas frische Luft schnappen, doch der Händler ging ihr auf die Nerven, so daß sie sich wohl oder übel dafür entschied, wieder in den Zug zu steigen.
Kurz bevor dieser abfahren wollte, lief eine elegante Dame auf den Bahnsteig und winkte dem Schaffner. Dieser sprang vom Zug und half ihr einzusteigen.
Magkenzie mußte über diese Dame lächeln und als diese dann noch mit völlig aufgelösten Haaren in ihren Waggon stieg, konnte sie sich kaum mehr zurückhalten.
„Darf ich mich neben Sie setzen?" fragte die Dame und stellte sich neben Magkenzie. Diese bot ihr sogleich den Platz an und nahm ihre Tasche auf ihren Schoß.
„Es ist furchtbar, wenn man den Zug verpaßt. Aber diesmal habe ich es noch geschafft!" sprudelte die Dame sogleich hervor. „Wenn ich mich vorstellen darf, Madame Claire de Bourges."
„Sehr erfreut", erwiderte Magkenzie und gab Madame de Bourges die Hand. „Ich bin Magkenzie Ema Thomson."
„Was für ein schöner Name!" rief Madame de Bourges aus und redete sofort weiter. „Ich bin aus Frankreich aber so einen schönen Namen habe ich noch nicht gehört."
Magkenzie sah ihre Mitreisende von der Seite an. Der hübsche lilafarbene Hut war ihr etwas ins Gesicht gerutscht und auf ihren Wangen hatte sich ein leicht rosiger Teint abgezeichnet. Die Dame war mindestens 40, so schätzte Magkenzie, doch sie sah wesentlich jünger als. An einigen Falten am Hals und an den Händen, erkannte man ihr wahres Alter.
Madame de Bourges versuchte ihre wirre Frisur in Ordnung zu bringen, als sie merkte, daß Magkenzie sie ansah.
„Ich bin sicher, daß sie es etwas komisch finden, daß ich in meinem Alter ganz alleine verreise!" fragte sie und sah Magkenzie an.
„Aber nein", erwiderte diese. „Sie können doch verreisen, wann und wohin sie wollen. Dennoch muß ich gestehen, daß ich eine Frau wie sie noch nie kennen gelernt habe."
„Es gibt wenig Frauen, die so sind wie ich. Noch!" betonte Madame de Bourges. „Üben Sie einen Beruf aus?" fragte sie und sah Magkenzie an.
„Ich habe keinen Beruf gelernt", sagte diese leise und ein wenig beschämt.
„Aber Kindchen, das ist ja furchtbar. Sie müssen sich doch eine Grundlage schaffen. Wohin wollen Sie?"
„Ich möchte zu Bekannten nach Ava, das liegt in der Nähe von Kansas City", gab Magkenzie Auskunft. Bei dieser netten, obwohl ein wenig aufdringlichen Frau, konnte sie einfach nicht lügen.
„Ich hoffe nicht, daß Sie in diese Einöde fahren, um dort einen Mann zu finden. Frauen wie wir brauchen diese Männer nicht. ich sag Ihnen etwas. Suchen Sie sich etwas, was Sie wirklich machen wollen. Auch wenn das immer gesagt wird, eine Frau kann genau wie jeder Mann alle Berufe ausüben."
„Meinen Sie wirklich? Ich muß gestehen, daß Sie die erste Frau sind, die ich kenne, die so redet. Was haben Sie für einen Beruf?" fragte Magkenzie neugierig.
„Ich bin Unternehmerin. Ich vermittle alles, was es so gibt. Ich spekuliere an der Börse und habe mit einer Kollegin ein Modegeschäft eröffnet. Wir reisen durch den Westen und versuchen Abnehmer zu finden."
„Das muß aufregend sein!"
„Nein, eigentlich muß ich mich sehr oft mit alten Denkweisen auseinandersetzten und ich versuche, den Männern beizubringen, daß Frauen mehr können, als Kinder bekommen, kochen und putzen."
„Für mich klingt das sehr fortschrittlich. Meinen Sie, daß vielleicht eines Tages Frauen gleichberechtigt sind?"
„Das meine ich nicht nur. Ich bin überzeugt, daß eines Tages Frauen die gleichen Berufe wie Männer ergreifen können. Die Frage ist nur wann. Ich bin nur ein kleines Rad in einem großen Zahnwerk, doch wir Frauen müssen zusammen halten. Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, was Sie gerne machen würden, Miss Thomson?"
„Da bin ich überfragt. Ich habe mich mit dieser frage noch nicht auseinandergesetzt und ich denke, daß muß man, wenn man sein zukünftiges Leben regelt."
„Da haben Sie vollkommen Recht. Früher haben die Männer bestimmt, was Frauen machen durften und jetzt ist die Zeit gekommen in der Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht vertreten."
„Madame de Bourges, darf ich Sie fragen, ob Sie verheiratet sind?" fragte Magkenzie nach einer kleinen Pause.
„Aber natürlich dürfen Sie das, Kindchen. Es ist keine Schade als emanzipierte Frau verheiratet zu sein. Ich selbst bin es, zum zweiten Mal. Die Ehe ist etwas Wundervolles, wenn sie aus Liebe und gegenseitigen Respekt entstanden ist. Mein erster Mann hat mich leider wie eine Köchin und Dienerin behandelt, doch durch seinen frühen Tod habe ich eine zweite Chance bekommen. Zuerst wollte ich nie wieder heiraten. Ich baute mein Unternehmen auf und lebte glücklich ohne Mann, doch dann lernte ich Fritz kennen. Er ist aus Deutschland und mit ihm hatte ich den zweiten Frühling meines Lebens. Er versteht mich, so wie ich bin und bei ihm brauche ich mich nicht verstellen. Er arbeitet sogar in meinem Unternehmen mit und ich bezahle ihm seinen Lohn."
„Was halten Sie von Frauen, die ohne Ehemann leben?" fragte Magkenzie Madame de Bourges und sah ihr ins Gesicht.
„Ich bewundere Sie. Ich bin eine Frau, die gerne einen Mann hinter sich stehen hat, doch einige Frauen brauchen dieses nicht. Sie sind stark genug alleine durchs Leben zu gehen und man sollte nie, nur weil es die Gesellschaft oder die Familie so will, einen Mann heiraten, den man nicht aus tiefsten Herzen liebt. Miss Thomson, wie ich aus unserem Gespräch gehört habe, sind Sie noch nicht vergeben. Ich bitte Sie, versprechen Sie mir, nie einen Mann zu heiraten, den Sie nicht lieben!"
„Madame de Bourges, Sie können sicher sein, daß ich niemals einen Mann heiraten werde, den ich nicht liebe", sagte sie bitter.
„Miss Thomson", Madame de Bourges nahm Magkenzies Hände in ihre und hielt sie behutsam fest. „Manchmal sieht man keinen Ausweg. Ich habe nur einen einzigen Ausweg gesehen und somit der Heirat mit meinem ersten Mann zugestimmt. Bitte machen Sie nicht den gleichen Fehler. Sie sind so jung und haben Ihr ganzes Leben noch vor sich. Ich bitte Sie, leben Sie es so, wie Sie alleine es möchten und kümmern Sie sich nicht darum, was die Nachbarn oder andere Leuten sagen könnten. Das Gerede hört irgendwann wieder auf, doch eine Heirat kann man so schnell nicht mehr ändern."
15. Oktober 1883, abends
Das Rattern des Zuges ließ Madame de Bourges schnell einschlafen. Ich jedoch, sitze wach und schaue aus dem Fenster in die Dunkelheit, durch die wir fahren. Die Worte, die Madame de Bourges an mich richtete, sind immer noch in meinem Kopf.
Und jetzt weiß ich endlich, daß ich das Richtige getan habe und ich bereue nichts. Man kann mir vieles vorwerfen, doch ich kann meine Entscheidung vor meinem Gewissen vertreten und das ist das Einzige, was zählt.
Es hätte alles anders laufen können. Wären meine Eltern nicht gestorben und das nur, weil sie so Jagdfanatisch waren, wäre Onkel Charles nicht mein Vormund geworden und hätte er nicht sein gesamtes Vermögen verloren, wäre die Idee, daß ich Mr. Rubenstone hätte heiraten müssen, nicht aufgekommen.
Doch wir müssen mit diesen Schicksalsschlägen fertig werden und sie meistern, denn nur so zeichnen wir uns im Leben aus.
Vielleicht ist dies gerade meine Chance, aus dieser endlosen Spirale eines langweiligen Lebens auszubrechen.
Manchmal erkennen wir Menschen nicht, was Gott mit uns vorhat, ehe wir nicht am Ende angelangt sind.
Ich beneide Madame de Bourges um ihr Leben. Vielleicht wird sie für mich auch so etwas, wie ein Vorbild, ich würde es mir wünschen, freier und glücklicher zu leben, aber sicher sind die Menschen auf dem Land nicht viel fortschrittlicher als die in der Stadt.
Ich bin viel zu durcheinander, daß ich schlafen könnte, doch selbst schreiben hilft mir diesmal nicht. ich hänge meinen Gedanken nach und merke es erst, wenn mir das Buch aus der Hand fällt.
Sei mir nicht böse, Charlotte, daß ich nicht weiterschreibe, doch ich kann einfach nicht mehr.
Es wäre schön gewesen, wenn Magkenzie von den ersten Sonnenstrahlen geweckt worden wäre, doch als der Zug laut schnaufend in Indianapolis einfuhr, fiele kleine Tropfen an die Fensterscheibe.
Der Regen war nicht so stark, wie in Philadelphia, doch er drückte die Stimmung von Magkenzie nieder. Sie streckte sich und merkte jeden einzelnen ihrer Knochen.
Madame de Bourges war schon wach und trank einen Kaffee.
„Mochten Sie auch einen?" fragte sie höflich und Magkenzie nahm den Becher dankend an.
„Haben Sie gut geschlafen?" fragte Magkenzie und blickte die gutgelaunte und frisch aussehende Dame an.
„Aber natürlich. Ich bin es gewohnt in diesen unbequemen Bänken zu schlafen. Wenn man so oft unterwegs ist, wie ich, dann muß man diese Strapazen in Kauf nehmen."
„Wenn ich gewußt hätte, daß einem alle Glieder schmerzen, hätte ich es mir dreimal überlegt diese lange Reise zu machen."
„Sie werden diese Zugfahrt als himmlisch angenehm empfinden, wenn Sie einen ganzen Nachmittag in einer Postkutsche sitzen", erwiderte Madame de Bourges und widmete sich einer Zeitschrift.
Magkenzie sah aus dem Fenster. Trotz der frühen Stunde herrschte auf den Bahnsteigen ein wildes Treiben.
Den Rest der Nacht war Magkenzie immer wieder eingeschlafen und hatte somit den Halt in Columbus verpaßt, doch für sie waren die Zwischenhalte nur ein Aufschub. Für sie konnte sie nicht schnell genug von Boston wegkommen.
Es war acht Uhr morgens, als der Zug sich wieder auf den Weg machte.
Magkenzie hatte Kopfschmerzen bekommen, wußte jedoch nicht, ob diese durch das Wetter oder die stickige Luft im Zugabteil, gekommen waren.
Um sich etwas zu bewegen stand sie auf und ging durch alle drei Zugwaggons.
Es war ihr langweilig und sie wünschte sich endlich anzukommen.
In Indianapolis verließ Madame de Bourges Magkenzie. Diese fuhr noch bis St. Louis weiter, um dort die Nacht zu verbringen und am nächsten Tag mit der Postkutsche weiterzufahren.
Als sie am Abend in dem viel zu kurzen und unbequemen Bett der kleinen Bahnhofspension lag, wünschte sie sich, wieder zu Hause zu sein. Sie wollte in ihrem eigenen Bett liegen und ein heißes Bad gegen ihre Rückenschmerzen nehmen. Das Korsett hatte sie in der Nacht zuvor malträtiert und rote und blaue Flecken auf ihrer Haut hinterlassen.
Magkenzie war furchtbar müde, doch das Quietschen eines Bettes in der Nähe ihres Zimmers, ließ sie nicht schlafen. Die Wände waren so dünn, daß man beinahe jedes Wort verstehen konnte und so hörte Magkenzie sich die ganze Nacht das Gespräch zwischen einem Liebespaar an.
Immer wieder fielen ihr die Augen zu, doch das rumpelte Bett, das gegen ihre Wand schlug, machte sie wieder wach.
