Kapitel 10

Keine halbe Stunde später bog John mit Morans Lieferwagen in ein verlassenes Parkhaus, welches er mit Mycroft als Treffpunkt verabredet hatte. Dort warteten Mycrofts Männer bereits neben einer schwarzen Limousine auf ihn. Sie halfen ihm kommentarlos seinen Gefangenen auf eine der Rückbänke zu verfrachten und zwei der Männer ließen sich mit einem Nicken in John's Richtung neben Frankham auf die Rückbank gleiten. John hatte stattdessen das Privileg auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen und er fragte sich unweigerlich, was Mycroft seinen Männern gesagt hatte. Der Fahrzeugwechsel dauerte keine 2 Minuten und so rollte der Wagen bald gemächlich aus dem Parkhaus, während der schwarze Lieferwagen zurückgelassen wurde.

Mycrofts Leute brachten ihn direkt zum Anwesen des älteren Holmes, welches ein wenig außerhalb der Stadt lag. Etwa auf halber Fahrt erwachte der Gefangene, doch Knebel und Fesseln machten es ihm unmöglich zu sprechen oder sich zu bewegen. Dennoch huschten seine Augen blitzschnell über die Szenerie und sogen alle verfügbaren Informationen in sich auf. Als der Wagen schließlich durch die Tore des Anwesens rollte, sah John im Rückspiegel, wie sich Frankhams Augen vor Erstaunen weiteten. ‚Gut so' dachte er mit einem Funken von Genugtuung.

Mycroft erwartete sie auf dem Hof des Anwesens. Er hatte sich in seiner betont lässigen Art auf seinen Regenschirm gelehnt und seine Augen katalogisierten die Szene aufmerksam, während John und seine Männer in Begleitung des Gefangenen aus dem Auto stiegen. Frankham wirkte steif und musterte Mycroft mit harter Miene. Dieser schenkte ihm jedoch zunächst gar keine Beachtung sondern wandte sich John mit geschäftsmäßiger Miene zu.

„Captain" grüßte er ernst und musterte John. „Ich nehme an es gab ... Probleme."

John lachte trocken auf. „Das könnte man so sagen. Unser … Gast hier fürchtete wegen mir um Ihr … Wohlergehen und meinte mich hinterrücks niederschlagen zu müssen." Knurrte er und blickte den geknebelten Mann an. „Darf ich vorstellen: Mike Frankham. Ich schlage vor Sie machen sich selbst ein Bild von ihm. Sollten Sie ihn als Gefahr für unsere Sache erachten, lassen Sie ihn in einem Ihrer Löcher verschwinden."

Mycroft musterte ihn mit erhobener Augenbraue. „Nun, ich schlage vor in diesem Falle begleiten wir unseren Gast am besten in mein Arbeitszimmer. Vielleicht möchte er sich dann selbst zu der Sache äußern."

Der Weg in Mycrofts Arbeitszimmer war John noch nie so lang vorgekommen. Es lag am Ende des langen Ganges im zweiten Stock des Anwesens und John musste feststellen, dass sein letzter Aufenthalt in diesen Gemäuern kaum mehr als eine Woche her gewesen war. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. In Mycrofts Arbeitszimmer angekommen verfrachtete man Johns Gefangenen auf einen der ausladenden Sessel und nahm ihm den Knebel ab, während Mycroft sich ihm gegenüber an den Schreibtisch setzte und das Kinn auf seine gefalteten Hände stützte. John blieb an die Wand neben der Tür gelehnt hinter Frankham zurück.

„Nun?" sagte Mycroft schließlich mit erhobener Augenbraue und musterte den Mann vor sich im Sessel. Sein Blick wirkte ruhig, aber John ahnte, dass er den Anderen genauestens katalogisierte. Denn schon im nächsten Moment schnappte sein Blick nach oben und blieb abschätzend an John hängen. John schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf – er wollte nicht, dass seine Identität enthüllt wurde - und Mycroft schien zu verstehen. „Sie haben Captain Hamilton gehört. Er sagte Sie seinen beunruhigt um mein Wohlergehen. Wie … ungewöhnlich" sagte Mycroft schließlich und lächelte schief.

John sah, wie der Andere daraufhin im Sessel erstarrte. „Lassen wir die Spielchen, Mycroft" knurrte dieser schließlich und John staunte über die plötzlich veränderte Stimmlage die so völlig ungleich der Frankhams war. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er den nur allzu vertrauten Bariton vernahm. Er hatte sich nicht geirrt.

Mycroft hob jedoch nur kühl die Augenbraue. „Spielchen? Ich kann mich nicht erinnern dieses Spielchen begonnen zu haben, Sherlock" sagte er in eisigem Tonfall. „Statt die Sache logisch anzugehen hast du dich vom Dach eines mehrstöckigen Hauses gestürzt, deinen Tod vorgetäuscht und bist unter Morans Männern Amok gelaufen, während deine Freunde deckungslos zurückblieben."

Sherlocks Stimme war gefährlich als er antwortete. „Als ob ich dich nach deinem … Ausrutscher ins Vertrauen gezogen hätte. Du hast ja keine Ahnung Mycroft."

Der Angesprochene blieb erstaunlich ruhig. „Dann erklär' es mir, Bruder."

„Moriarty hatte die Sache so geplant. Er hatte drei Assassinen die sich um meine … Freunde kümmern sollten, für den Fall dass ich mich weigern würde zu springen." erklärte Sherlock und seine Stimme wirkte plötzlich unsicher. „Lestrade, Mrs Hudson und … John."

Mycroft musterte sein Gegenüber gelassen, bevor sein Blick wiederum zu John huschte. Der starrte mit harter Miene zurück.

„Warum hast du mich nicht zumindest nachher kontaktiert? Hätten wir beide zusammen gearbeitet…" meinte er schließlich, ließ den Satz aber unvollendet. Sherlock schien jedoch zu verstehen, denn seine Stimme wirkte beinahe gequält, als er antwortete.

„John … Moran sagte er hätte ihn sich geschnappt. Ich hatte keine Ahnung davon, sonst hätte ich…"

Mycrofts Miene blieb hart und John atmete innerlich auf. Heute würde nicht der Tag der Konfrontation mit Sherlock sein. Stattdessen hatte er noch ein wenig Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Sherlock seinen Tod nur vorgetäuscht und ihn dabei zusehen lassen hatte als er sich von diesem verfluchten Dach stürzte. John konnte sich auf den Moment der Wahrheit vorbereiten und so lange Sherlock seinerseits etwas im Dunkeln tappen lassen. Doch er machte sich keine Illusionen, dass Sherlock ihm nicht bald auf die Schliche kommen konnte. Er hatte Hoffnung gehabt seine wahre Identität vor Moran und seinen Leuten zu verbergen, doch dem überlegenen Kopf von Sherlock konnte er unmöglich lange etwas vormachen.

Mycrofts Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Hamilton?" John blickte auf und sah, dass Mycroft wieder seinen geschäftsmännischen Ausdruck aufgesetzt hatte. „Ich glaube es ist am besten wenn Sie sich jetzt um Stepperton kümmern. Mein Bruder bleibt vorerst hier. Ich stelle Ihnen stattdessen zwei meiner Leute zur Verfügung, die Ihnen zur Hand gehen werden."

John nickte ernst. „Ich melde mich auf dem üblichen Weg, sobald alles erledigt ist" sagte er, nickte beiden Holmes Brüdern zum Abschied zu und machte sich auf den Weg.

Stepperton in Gewahrsam zu nehmen erwies sich als erstaunlich einfach. Jetzt wo er nicht mehr unter Frankhams – nein Sherlocks – Beobachtung stand konnten Mycrofts Männer auf verschiedene technische Hilfsmittelchen zurückgreifen, welche die Sache enttäuschend einfach machten. John musste im Grunde nur dabei stehen und zusehen, bis die beiden Agenten Stepperton transportsicher verpackt auf die Ladefläche des Transporters hievten. Danach blieben Sie in der Gegend um Steppertons Wohnung zurück, während John sich auf den Weg zum verabredeten Treffpunkt machte.

Drei Stunden später ließ John sich erschöpft auf sein Sofa gleiten. Die Übergabe mit Moran war gegeben der Umstände recht gut gelaufen. Moran hatte sich natürlich gewundert, dass er nicht in Frankhams Begleitung kam, doch nachdem John ihm in abwertendem Tonfall erklärt hatte, dass dieser zurückgeblieben war, um die Gegend um Steppertons Wohnung zu sichern, nickte er zufrieden.

Dennoch hatten John die Ereignisse des Tages ausgelaugt. Aber das war auch kein Wunder, wenn man feststellen musste, dass sein Kidnapping Partner, welcher sich später als sein todgeglaubter bester Freund entpuppte, ihn heimlich aus dem Weg schaffen wollte. Ein Klingeln an der Haustür riss ihn aus den Gedanken. John rappelte sich stöhnend auf und als er die Tür öffnete stellte er fest, dass es Mycroft war – in Verkleidung.

„Captain" sagte dieser nur und nickte ihm geschäftsmäßig zu bevor er in die Wohnung trat. Doch kaum hatte John die Tür hinter ihm zugezogen, entspannte sich Mycrofts Gesichtsausdruck und er glich wieder mehr seinem üblichen Selbst. „Ich wollte sehen wie es Ihnen geht" erklärte er und ließ sich in einen der Sessel gleiten.

John schnaubte. „Ging mir schon mal besser" sagte er trocken und rieb sich die Stirn. „Wie geht es Ihnen?"

Mycroft lächelte und wirkte fast ein wenig hilflos. „Nun, ich kenne meinen Bruder seit nunmehr 35 Jahren und trotzdem war ich gelinde gesagt … überrascht."

John nickte. „Wenn jemand es schaffen konnte seinen Tod vorzutäuschen, dann er" sagte er und erinnerte sich unweigerlich an ihr Gespräch in der Küche.

Daraufhin schmunzelte Mycroft. „Nicht ganz."

John rollte die Augen. „Ich hatte Hilfe. Das ändert nichts an der Tatsache, dass es dazu den Intellekt einen Holmes braucht" meinte er und fragte sich im selben Moment, ob er nicht vielleicht etwas zu dick aufgetragen hatte.

„Wie auch immer" entgegnete Mycroft schließlich mit einem gütigen Lächeln. „Was wollen Sie jetzt tun?"

John seufzte und rieb sich erneut die Stirn. „Wenn ich das wüsste. Ich muss es ihm sagen, immerhin bin ich nicht so ein eiskalter Bastard. Außerdem würde er es bei unserem nächsten oder übernächsten Treffen ohnehin selbst deduzieren." Mycroft musterte ihn mit undeutbarer Miene, sagte jedoch nichts. „Andererseits fühle ich mich absolut nicht in der Lage für dieses Gespräch."

Mycroft seufzte und sagte schließlich: „Wenn Sie meinen Rat wollen, John. Sagen Sie es ihm … bald. Mein Bruder hat eine seltsame Art zu reagieren, wenn er glaubt an der Nase herumgeführt worden zu sein. Sie wollen sich das ersparen, glauben Sie mir."

John stöhnte. Er konnte sich das nur allzu bildlich vorstellen. „Arrangieren Sie für morgen ein Treffen."

Sherlock saß bereits in seiner typisch gelangweilten Pose in Mycrofts Arbeitszimmer, als John die Tür hinter sich schloss. Sein Haar war immer noch blond und hing ihm glatt ins Gesicht, doch sein Gesichtsausdruck war wieder der seines Lieblingssoziapathen als er in beinahe gelangweiltem Tonfall sagte:

„Was wollen Sie Hamilton? Da mein Bruder mich extra unter dem Vorwand etwas besprechen zu wollen hierher gelotst hat, nehme ich an, es ist wichtig. Also langweilen Sie mich nicht."

John konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und für einen kurzen Moment sah er Erstaunen über Sherlocks Gesichtszüge flattern. Doch er hatte seine Mimik sofort wieder im Griff als er in abschätzendem Tonfall sagte: „Ich wollte über den Verbleib eines gemeinsamen Freundes sprechen."

Sherlocks Gesicht blieb hart als er begann: „Ich habe keine…" doch er brach ab und seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. „Wo ist er?" presste er in drohendem Tonfall hervor.

John blickte ihn gelassen an. „Können Sie es nicht deduzieren? Ich habe gehört, Sie lieben Puzzle." Für einen Moment fürchtete er Sherlock würde sich auf ihn stürzten. Doch dann sah er das Glimmen in seinen Augen, als Sherlocks Blick über ihn huschte und zu analysieren begann.

„Ihre Kleidung ist ganz klar ein Überbleibsel ihrer militärischen Vergangenheit. Die Schuhe sind getragen und ihre Waffe stammt sicher noch aus Dienstzeiten. Sie pflegen beides mit großer Sorgfalt und zusammen mit der Tatsache dass sie selbst jetzt ihre Erkennungsmarken an einer Kette um den Hals tragen zeigt, dass Sie stolz auf ihre militärische Laufbahn sind. Sie vermissen das Militär" begann Sherlock in seiner selbstgefälligen Art. „Die Tätowierung an Ihrem Arm sagt mir, dass Sie Mitglied einer Einheit der Fallschirmspringer waren. John Watson war nie Mitglied dieser Einheit oder ist meines Wissens auch nie mit ihnen in Kontakt gewesen. Daher schlussfolgere ich, dass Sie ihn aus ihrer Grundausbildung kennen – Sie scheinen im selben Alter – oder dass Sie den Begriff Freund ironisch meinen. Gegeben Ihres und John Watsons Charakter halte ich letzteres für wahrscheinlicher." John hob irritiert eine Augenbraue, doch Sherlock schenkte ihm keine Beachtung. „Nehmen wir die Informationen aus Ihrer Militärakte" Sherlock grinste zufrieden „so könnte ich mir vorstellen, dass John Ihr Umgang mit Zivilisten zuwider war. Umgekehrt gehe ich davon aus, dass Sie seine Tätigkeit als Militärarzt für reinste Verschwendung von Ressourcen hielten. Da sie ihm also nicht sonderlich zugetan waren, hatten Sie denke ich kein Problem damit Watson hinter Morans Rücken verschwinden zu lassen, vermutlich nachdem er vergiftet wurde. Ich kann mir vorstellen, dass Sie ein Gegenmittel parat hatten. Jetzt bleibt nur die Frage: Wo ist er?" Sherlock legte die Hände in seiner typischen Denkerpose unter dem Kinn aneinander. „Nehmen wir Mycrofts Reaktion würde ich sagen, dass er nichts von der Sache weiß. Wir können also sämtliche seiner Verstecke ausschließen." Nun hielt Sherlock inne und schaute John abwartend an.

Dieser seufzte, ließ die antrainierte militärische Pose und den arroganten Gesichtsausdruck Hamiltons fallen und starrte Sherlock amüsiert an. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal den Tag erleben würde, an dem Sherlock Holmes so kolossal daneben liegt" sagte er und lachte. Sherlock starrte ihn ungläubig an, doch schließlich fing er sich wieder und seine Augen huschten erneut deduzierend über Johns Gestalt. Und schließlich blitzte so etwas wie Erkenntnis in seinen Augen auf.

„John" sagte er schließlich voll atemlosem Staunen und trat näher.

John grinste. „Sie sind nicht der einzige, der seinen Tod vortäuschen kann."

Doch Sherlocks Miene verdunkelte sich. „Das war Mycroft" knurrte er. „Er wird mir wochenlang damit in den Ohren liegen." Doch dann grinste Sherlock und trat auf ihn zu. Und ehe John sich versah hatte fand er sich in einer knochenbrecherischen Umarmung wieder.