Kapitel 10
Ginny wachte langsam auf. Stöhnend drehte sie sich in dem weichen Bett herum und versuchte klar zu denken. Wo war sie?
Noch bevor sie ihre Umgebung genauer betrachten konnte, schlang sich ein Arm um ihre Taille und zog sie an den Körper neben ihr. Verwirrt blinzelte sie zur Seite und erkannte schwarze verwuschelte Haare. Mit einem kurzen Blick versicherte sie sich, dass Blaise neben ihr im Bett lag. Er brabbelte irgendetwas Unverständliches im Schlaf und drückte sie noch fester an sich.
Warum lag Blaise neben ihr im Bett?
Ginny löste sich aus seiner Umarmung und fuhr auf. „Was zur Hölle machst du in meinem Bett, Zabini?" versuchte sie zu schreien. Leider wurde ihr Ausruf zu einem erbärmlichen Krächzen. Ihre Hand fuhr an ihren Hals und sie musste einige Male schlucken um das seltsam pelzige Gefühl auf ihrer Zunge zu vertreiben. Sie fuhr sich über die Lippen.
Blaise hatte sich verschlafen aufgerichtet und blinzelte sie verwirrt an. „Was?"
„Was bei Merlins Bart ist passiert? Was hast du mit mir angestellt?" fragte sie ihn zornig. Hatte er ihren Zustand auf der Party gestern ausgenutzt? Ginny erinnerte sich daran, dass sie sehr viel getrunken hatte.
Blaise realisierte die Situation langsam und seine Augen zogen sich verärgert zusammen. „Wieso machst du mir Vorwürfe? Du warst gestern total betrunken und ich habe dich ins Bett gebracht, weil du es alleine nicht mehr geschafft hättest!", war seine heftige Antwort.
Ginny wollte ihm gerade weiter Vorwürfe machen, als sich ihr Magen bemerkbar machte. „Oh Gott, ich glaube…", der Rest ihres Satzes ging in einem merkwürdigen Würgen unter. Ihre Hand flog an ihren Mund und ihre Augen weiteten sich entsetzt. Blaise fand dieses Bild so erheiternd, dass sein Zorn für eine Weile verrauchte. „Siehst du…", war sein gelassener Kommentar.
Ginny schluckte noch ein paar Mal. Zum Glück kam es doch nicht dazu, dass sie sich ihre gestrigen verhängnisvollen Drinks noch einmal anschauen musste. Dafür beschloss nun ihr Kopf sich bei ihr zu melden. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie und sie ließ sich aufstöhnend wieder ins Bett fallen.
Blaise musste ein Lächeln unterdrücken. „Ist das dein erster Kater?"
Ginnys Antwort bestand in einem gequälten Aufstöhnen.
Blaise schüttelte grinsend den Kopf und fuhr sich durch sein verstruppeltes Haar. Was sollte er bloß mit ihr anstellen? Eigentlich sollte er sauer auf sie sein, aber offensichtlich war sie wütend auf ihn. Sollte er jemals verstehen, was in weiblichen Wesen vor sich geht, schwor er sich ein Buch darüber zu schreiben. Blaise beschloss, dass es keinen Sinn hatte, in diesem Zustand vernünftig mit ihr zu reden. Vielleicht sollte er ihr erstmal einen Trank gegen den Kater aus dem Krankenflügel holen.
Er stand auf um sich seine Hose anzuziehen. Während er die letzten Knöpfe schloss hörte er Ginny leise hinter sich sagen: „Danke, dass du mich hierher gebracht hast."
Schweigend ging er zum Bett zurück und setzte sich neben sie. Sie lag immer noch in der gleichen Pose da. Ihre Klamotten waren verknittert und ihre Haare waren auf dem Kissen verteilt. Sie hielt die Augen geschlossen und die Stirn in Schmerzen gerunzelt. Es tat ihm Leid, dass sie solche Schmerzen hatte. Natürlich war sie selbst dafür verantwortlich, aber wenn er Draco Glauben schenken konnte, hatte sie nur so viel getrunken, weil er mit einem anderen Mädchen verschwunden war. Noch dazu schien sie sich über die Konsequenzen ihres Alkoholexzesses nicht im Klaren gewesen zu sein.
Sanft strich er über ihre Wange und beugte sich über sie. In langsam kreisenden Bewegungen begann er ihre Schläfen zu massieren. Er bemerkte, wie sie sich langsam entspannte.
Leise fuhr sie fort: „Es tut mir leid, was ich da auf dem Gang zu dir gesagt habe. Es war gelogen." Ginny fuhr sich nervös über die Lippen. Sie wusste nicht genau, was sie zu diesem Geständnis bewegt hatte, aber sie musste es ihm einfach sagen. Sie hielt ihre Augen geschlossen, sodass sie Blaise nicht lächeln sehen konnte. „Ich weiß.", war seine leise Antwort.
Ginny schlug die Augen auf und er sah Tränen in ihnen schimmern. „Ich war so dumm…", er musste sich anstrengen um sie zu verstehen. Seine Finger verließen ihre Schläfen und er fing eine Träne auf, die sich aus ihrem Augenwinkel gelöst hatte. „Ja, wahrscheinlich warst du das.", sagte er grinsend. Ginny schlug ihm leicht auf die Schulter, musste aber auch grinsen.
„Und jetzt?", fragte Ginny flüsternd.
„Jetzt? Jetzt hole ich dir erstmal einen Trank gegen die Schmerzen… Und dann? Frühstück im Bett?"
„Das klingt himmlisch!", sie lächelte.
Blaise lachte gut gelaunt auf und erhob sich. Er zog sich schnell sein Hemd über. „Ich bin gleich wieder da.", mit diesen Worten verschwand er aus der Tür und Ginny konnte sich nun alleine in ihrem Elend suhlen.
Während Blaise durch die Gänge von Hogwarts lief, wurde ihm zum ersten Mal bewusst, wie herrlich ein Sonntagmorgen sein konnte. Sonntagmittag, verbesserte er sich. Es musste schon fast halb Eins sein. Die ganze Zeit hatte er das Bild eines verwuschelten rothaarigen Mädchens vor sich, das ihn anlächelte. In diese Gedanken versunken vergaß er sogar eine Gruppe Erstklässler, die an ihm vorbeigingen, finster anzuschauen, wie es sich eigentlich für einen ordentlichen Slytherin gehörte.
Ginny hatte zugegeben, dass sie Gefühle für ihn hat!
Blaise fragte sich, wann er sich das letzte Mal derart zufrieden gefühlt hatte.
Ginny stöhnte noch einmal auf. Wie konnte ihr Kopf nur derart schmerzen?
Es war als würde ein Gnom neben ihr stehen und fortwährend einen Gummihammer auf ihren Schädel niedersausen lassen. Sie schwor sich in ihrem weiteren Leben keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Hoffentlich kam Blaise bald wieder und hatte den ersehnten Trank dabei.
Blaise! Ginny vergaß für Sekunden ihre Kopfschmerzen und dachte an seinen warmen Atem, der über ihre Haut gestrichen hatte, als er ihre Schläfen massiert hatte. Sogar bei der Erinnerung daran bekam sie eine Gänsehaut. Sie war froh, ihm gesagt zu haben, dass sie gelogen hatte, als sie ihre Gefühle verleugnet hatte.
Sie dachte an den vergangenen Abend zurück und was genau passiert war. Sie wusste noch, dass Blaise mit einem Mädchen aus Slytherin verschwunden war. Wohlgemerkt einer ziemlich Tussie, geschminkt bis zum geht nicht mehr und dieser arrogante Blick! Ginny schüttelte den Kopf. Gleich darauf bereute sie diese unüberlegte Aktion, als sich ihre Kopfschmerzen mit einem heftigen Stechen wieder meldeten.
Sie hatte bei Draco gesessen und ziemlich viel getrunken… Und dann?
Ginny runzelte die Stirn. Sie erinnerte sich nur noch daran, dass sie irgendwann in Blaises Armen gelegen hatte und sich sehr wohl gefühlt hatte. Aber was war mit diesem blonden Mädchen los gewesen?
In diesem Moment öffnete sich die Tür wieder und Blaise kam herein. Er lächelte sie liebevoll an und schwenkte eine kleine Flasche mit blauem Inhalt. Ginny richtete sich erleichtert auf und schluckte eilig die bittere Flüssigkeit. Sie verzog den Mund und reichte ihm das leere Fläschchen wieder. „Danke!", würgte sie hervor und legte sich wieder hin. Blaise stellte den Korb mit Essen, den er noch aus der Küche organisiert hatte neben das Bett und zog sich seine Schuhe wieder aus, um sich aufs Bett setzen zu können.
„Ich hab Frühstück mitgebracht.", er zog den Korb mit aufs Bett und breitete seine Beute aus. Ginny, die sich nach dem Trank um einiges besser fühlte, richtete sich auf und betrachtete erstaunt die ganzen leckeren Dinge, die sich vor ihr auftaten.
Nahezu schweigend frühstückten sie. Nachdem Ginny den letzten Happen Toast in sich geschoben hatte legte sie sich wieder hin und blickte an die Decke.
Wie sollte das mit Blaise und ihr nun weiter gehen? Waren sie nun ein Paar?
Sie schielte zu ihm herüber. Er räumte gerade die Überreste ihres Frühstücks zurück in den Korb. Dann legte er sich neben sie und starrte ebenfalls an die Decke.
Schweigend blieben sie einige Minuten liegen. Blaise hielt es nicht mehr aus. Langsam streckte er seine Hand aus und nahm ihre in die Seine.
Ginnys Bauch kribbelte und sie spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Ihr wurde bewusst, wie viel ihr an dieser Geste lag.
„Meinst du, es wird funktionieren?", Ginnys Stimme hörte sich in ihren Ohren seltsam belegt an.
Blaise fragte nicht, was sie meinte. Er hatte sich die gleiche Frage schon selbst gestellt.
„Ich weiß es nicht…", antwortete er wahrheitsgemäß.
Dann drehte er sich auf die Seite und zog sie an sich. Er küsste sie so zärtlich, dass Ginny glaubte, sich aufzulösen und mit der Matratze zu verschmelzen. Seine Lippen fuhren leicht, wie Schmetterlingsflügel über ihren Mund und sein Atem vermischte sich mit ihrem.
Blaise konnte nicht darüber nachdenken, ob das, was er tat, richtig oder falsch war. Nicht solange er ihr so nahe war.
Seine Hand fuhr zärtlich durch ihr Haar, das noch völlig durcheinander vom Schlafen war. Sie hob ihren Kopf seinem entgegen, um den Kuss zu intensivieren. Er lächelte leicht, als er mit der Zungenspitze über ihre Unterlippe fuhr.
Ginny zitterte.
Er löste sich langsam von ihr und betrachtete ihr Gesicht, als würde er versuchen, sich jeden Zentimeter einzuprägen. Ginny lächelte und schloss die Augen. Sie fühlte sich hier in seinen Armen so wohl und geborgen, dass ihr die Realität wie in große graue Wolken verschleiert und seltsam weit entfernt vorkam.
Erst zwei Stunden später schafften sie es, den Raum der Wünsche ordentlich angekleidet zu verlassen.
Als Blaise den Gemeinschaftsraum der Slytherins betrat, war er sich sicher, dass Draco ihn breit grinsend begrüßen würde, oder wenigstens sich selbst zu seinem kupplerischen Geschick beglückwünschen würde.
Jedenfalls hatte er nicht damit gerechnet, dass Bellinda als Erste auf ihn zukam und ihn in den Jungenschlafsaal schickte, in dem Draco sich wohl schon seit ein paar Stunden verzogen haben musste. Sie sah dabei so besorgt aus, dass Blaise nicht lange fragte, sondern sofort nach oben ging und das Zimmer betrat.
Auf den ersten Blick schien es leer zu sein, dann entdeckte er Draco, der am Fenster saß und hinausstarrte.
„Draco? Was ist los?"
Der Blonde drehte sich um und sah Blaise mit ausdrucksloser Miene an.
Das konnte bei Draco nur bedeuten, dass er entweder verdammt wütend, oder verdammt glücklich war.
„Post von der Erzeugerfraktion…", antwortete Draco kurz angebunden.
Blaise tippte auf verdammt wütend.
So, hier ist ein neues Kapitel ;) Zwar nicht ganz sooo lang, aber ich hab mir gedacht, bevor ich euch wieder ewig wartn lass, poste ich lieber öfter mal kürzere Kapitel ... Ich denke mal, das ist auch in eurem Interesse ;)
Danke für die Reviews!!!!! Ich hoffe, ihr lasst mir auch diesmal wieder eure Meinung da. Das motiviert ungemein
Natürlich ist auch Kritik sehr willkommen!
Liebe grüße
Lalena
