10. Das Auge des Raben

Suzette musste sich am Riemen reißen, wenn sie sich nicht selbst in Gefahr bringen wollte. Tatsächlich sah sie in den folgenden Tagen Professor Moody auffallend oft in den Kerkern Slytherins. Sie versuchten nicht zu auffällig Harry zu beobachten. Der hatte ohnehin wieder mehr um die Ohren, da der Unterricht wieder angefangen hatte und auch er sich auf lernen konzentrieren musste.

Suzette verbrachte die Tage damit sinnvolle Aufgaben für ihre Nachsitzer zu finden oder mit Snape zum Spaß neue Zauber zu erforschen. Kurz vor dem Schlafengehen kramte sie oft noch mal das Synästhesium heraus und hauchte ihm die Melodie entgegen, die ihr immer wieder in dem Kopf schoss, wenn sie das Ding in der Hand hielt:

„You must go must flee

For they will hunt you down

You and your unborn seed..."

Immer wieder erschienen die Farben Gelb und Rot, die den kalten Kerkerraum in ein warmes Licht tauchten. Doch die Worte, die sie sang, waren Suzette immer noch ein Rätsel. Irgendwoher kannte sie die Musik. Nur wo hatte sie das schon mal gehört? Nein! Sie hatte nicht das Gefühl das Lied schon mal gehört zu haben. Sie kannte es einfach nur.

Auf den folgenden Tagen und Wochen lag eine gedrückte Stimmung. Hagrid dachte laut darüber nach, seinen Lehrerposten an den Nagen zu hängen. Es hatte hässliche Zeitungsberichte über ihn gegeben.

Suzette ärgerte sich darüber, dass sie Harry und seinen Freunden nach Hogsmeade folgen musste, als wieder ein Wochenendausflug angesetzt war. Es war klirrend kalt und Suzette musste sich versteckt halten, durfte die Drei Besen nicht betreten, um keinen Verdacht zu erwecken und trieb sich zitternd und mies gelaunt im Hinterhof des Lokals herum, während ihr Rabe Pip von einem Baum aus den Vordereingang im Auge behielt.

Erschwert wurde ihre Arbeit dadurch, dass fast ganz Hogwarts im Dorf zu sein schien. Sie entkam nur knapp den Weasley-Zwillingen, beobachtet Bagman, wie er vor einen Gruppe Kobolden zu retten versuchte und glaubte beinahe von Hermine entdeckt worden zu sein, als sie einen Blick aus einem hinteren Fenster warf, nur zum Gang bei den Toiletten des Gasthaus gehören musste.

Als Suzette endlich zurück ins Schloss kam, war es schon stockdunkel, alle Schüler schon lange in der großen Halle beim Abendessen oder bei Kakao in den Gemeinschafträumen an den Kaminen und ihr taten sie Füße vom lagen stehen in der Kälte unerträglich weh. Außerdem hatte sie sich eine fette Grippe eingefangen, die ihr schon jetzt Fieber in den Kopf trieb.

Obwohl Snape ihr einen Heile-Schnell-Trank braute, fühlte sie sich einige Tage schlecht. Auch in der Zaubererwelt gab es kein Heilmittel für eine Grippe.

Da sie sich nicht erlauben konnte, ihre Zeit im Bett oder dem Krankenflügel zu verbringen und sich auszukurieren, schleppte Suzette sich länger als nötig gewesen wäre verschnupft und mit Kopfschmerzen durch die Gänge.

Es war nicht mehr lange hin, bis zu zweiten Aufgabe des Trimagischen Turniers und die Stimmung im Schloss spannte ich an. Malfoy wurde gesehen wie er wieder Tröten und Buttons verhökerte, aber Suzette hörte auf Snapes Rat und ließ ihn gewähren, ging ihm schlicht und einfach aus dem Weg.

Es war schwierig Moody nicht aufzufallen, Potter dennoch im Auge zu haben, Malfoy keine Angriffsfläche zu bieten, Dumbledore zu hassen, das säftsende und juckende Dunkle Mal zu ignorieren und gleichzeitig grippal infiziert zu sein.

Suzette fiel jeden Abend, nachdem sie mit Snape entweder über die Dummheit der Schüler hergezogen war oder die Geschehnisse des Tages besprochen hatte, wie tot in ihr Bett und schlief Nacht für Nacht dennoch unruhiger.

Eines Nachts Mitte Januar schreckte sie vom Schlaf auf, als sie ein entsetzliches Geschrei auf dem Flur hörte, das nicht enden wollte. Ihr Kopf explodierte ohnehin fast, weil sich Unmengen an Grippeviren dort häuslich nieder gelassen hatten, da schnitt sich dieses markerschütternde Gejaule umso tiefer in ihr Gehirn.

Dann hörte sie Schritte und die Stimme von Argus Filch, der seine üblichen Hasstiraden gegen Peeves laut werden ließ. Doch das Geschrei hörte nicht auf. Dann krähte auch noch Pip vom Flur her. Er war durch ein extra für ihn und solche Fälle geöffnetes Kellerfester ins Schloss geschlüpft, nachdem er Geräusche gehört hatte.

Also rappelte Suzette sich auf, zog einen Wollschal und einen Morgenmantel über und schlich auf den Flur, wo auch schon Snape in seinem grauen Morgenrock ihr entgegen kam. Er sah mehr als wütend aus. Er war außer sich und sogar Suzette hatte in diesem Zustand Angst vor ihm.

„Was ist hier los?", rief er und Filch konnte nur etwas über Peeves stottern, dass er ein Ei geklaut habe und weiter kam er nicht. „Es ist schon wieder eingebrochen worden!", machte Snape, „Und es muss ein Mensch gewesen sein. Seit dem letzten Mal schütze ich mein Büro mit einem Zauber! Kommen sie Filch! Er muss noch irgendwo hier sein!".

Endlich war auch Suzette bei der seltsamen Szene angekommen: Snape stand unten an der Treppe und blickte ungeduldig, wütend und hasserfüllt auf den Hausmeister. Der stand auf der Treppe und ruderte mit den Armen in der Gegend herum, um einen unsichtbaren Peeves zu erwischen. „Diesmal muss er ihn rauswerfen!", schniefte er und ein gemeines Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Hausmeisters ab, das unpassender nicht sein konnte und von Snape sofort mit dem abschätzigen Anheben einer Augenbraue quittiert wurde.

Suzette erblickte ihren Raben, der zu ihr geflattert kam und sich hinter dem Kopf kraulen ließ.

Etwa gleichzeitig fiel Snape und Suzette ein Stück Pergament auf dem Boden auf, doch bevor Snape es betrachten oder aufheben konnte, trat wie aus dem Nichts Mad-Eye Moody ins Licht.

Snape konnte gerade noch seinen Verdacht mit dem Schnauben des Wortes: „Potter!", zum Ausdruck bringen, das rief auch schon Moody: „Accio Pergament!" und das Dokument flog direkt in der Hände das Aurors.

„Sagen sie, Professor! Miss Smith!", er nickte den beiden finster blickenden Slytherins abschätzig zu, „Haben sie es etwa auf Potter abgesehen? Ich habe schon lange so eine Theorie, Severus! Und sie bestätigen sie immer wieder auf's Neue! Ihr Todesser ändert euch nie!". Bei diesem Satz entschieden sich Snape und Suzette den Schauplatz dieser seltsamen Szene zu verlassen.

In ihrem Zimmer angekommen, staunte Suzette nicht schlecht, als Pip ihr erzählte, was er gesehen hatte: Offensichtlich war es tatsächlich Potter gewesen, der den Lärm verursacht hatte und in Snapes Büro eingebrochen war. Der Rabe hatte den Jungen, mit einem Fuß in einer Trickstufe feststeckend, unter seinem Tarnumhang kauernd, auf der Treppe direkt neben Filch gesehen.

Wo Mad-Eye allerdings hergekommen war, konnte er nicht sagen und Suzette fand den ganzen Vorgang entsprechend seltsamer.

Am nächsten Morgen stellte sich heraus, was aus Snapes Zutatenschrank gestohlen worden war: wieder Baumschlangenhaut und Dianthuskraut.

Das mit der Schlangenhaut konnten sie sich wieder nicht erklären, aber das Dianthuskraut deutete eindeutig auf Harry als Dieb hin, schließlich ließ diese Pflanze Kiemen wachsen und das war für die bevorstehende zweite Aufgabe der Turniers dringend von Nöten.

Noch am Tag zuvor hatte Suzette mitbekommen wie Moody im Lehrerzimmer über die Wirkung dieses Krautes gesprochen hatte.

„Ich zwing ihn zu einem Geständnis!", wetterte Snape. „Er wird gestehen und dann wird er von der Schule fliegen und ich bin ihn endgültig los!".

Suzette hatte ihn noch nie so in Rage erlebt und beschloss, ihm nicht zu sagen, dass Potter tatsächlich in der Nähe war, als im Büro des Tränkemeisters eingebrochen wurde, dass er es sogar höchstwahrscheinlich getan hatte. Doch sie wusste, dass, wenn Harry am Tag der Aufgabe tatsächlich Dianthuskraut benutzen sollte, seine Karten gegen Snape schlecht waren.

Snape begann damit einen Kessel aufzusetzen und eine äußerst komplizierten und zeitintensiven Trank zu brauen: Veritaserum.

„Du willst es wirklich aus ihm rauspressen?", fragte Suzette noch mal vorsichtig. „Er soll es selbst gestehen und von seinem hohen Ross runter kommen!", schnarrte Snape.

„Du weißt, dass man Veritaserum...". „Ja, aber wenn es soweit ist, werde ich meine Genehmigung schon haben!".

Ein wenig tat Harry Suzette schon leid. So jung wurde er schon in dieses Turnier geschubst, gegen seinen Willen. Dann stellte man ihn vor eine derartige Aufgabe. Was hätte sie an seiner Stelle getan?

Suzette fand Harry in der Bibliothek vor einen Buch über Seeungeheuer und setzte sich zu ihm. Als er sie nicht zu bemerken schien, sprach sie ihn an: „Ich weiß, dass du da warst!". „Und wenn schon?", gab Harry anmaßend zurück. „Snape könnte dich da in ganz schön was reinreiten.", erklärte Suzette ruhig und versuchte freundlich zu wirken. „Ich habe nichts getan! Und würdest du mich jetzt bitte in Ruhe lassen?".

Suzette stand auf und ging.

Natürlich hatte Moody Potter auch auf der Treppe gesehen und gedeckt, damit das Vertrauen des Jungen gewonnen und Misstrauen gegenüber ihr und Snape gesät.

Harry konnte die Gegenwart von Suzette Smith nicht ertragen, schon gar nicht wenn er derart unter Druck stand ein Mittel zu finden, dass ihn unter Wasser atmen ließ. Er wollte sie nicht sehen. Ihre Person ekelte ihn an und dann hatte Mad-Eye Moody, das große und erfahrene Auror persönlich, ihn vor ihr gewarnt: Ein eindeutiges Zeichen für ihn sich von dem Mädchen fern zu halten, auch wenn Ron mittlerweile etwas besser von ihr sprach und Hermine Recht gab, wenn sie behauptete, Dumbledore wisse, was er tue.

Er konnte sich nicht mehr konzentrieren, nachdem Suzette gegangen war, zu sehr hatte sie ihn aufgeregt. Sie würde sofort zu Snape laufen und ihm erzählen, dass der dämliche Rabe ihn gesehen hatte, obwohl er unschuldig war. Sogar nur das richtige tun wollte und den wahren Einbrecher in Snapes Büro stellen wollte: Barty Crouch, der schon seit einiger Zeit immer häufiger vermisst wurde. Was wollte der in Snapes Büro? Und was hatte er gestohlen?

Da die Fragen ihm keine Ruhe und keine Konzentrationsmöglichkeit ließen, schrieb er einen Brief an Sirius Black. Sirius war der einzige Mensch, an den Harry sich halten konnte, glaubte er. Er sollte wissen, was er wusste und gemeinsam waren Gefahren immer leichter zu überwinden. Er war sich sicher, dass Sirius sich kümmern würde, dass ihn es etwas kümmerte, was er dachte. Nicht so wie Suzette oder Snape, die nur darauf aus waren, ihn noch mehr unter Druck zu setzten! Nicht so wie Hermine, die niemals auf ihn einging, sondern immer eiskalte Rationalistin blieb! Nicht so wie Ron, dem Feigling! Mit einem Mal spürte Harry eine unmenschliche Wut in ihm aufkommen. Die Welt ließ ihn allein und der einzige Mensch der für ihn einstand, der wurde zu unrecht als flüchtiger Mörder gesucht. Nicht mal Dumbledore hatte ihm geholfen durch dieses dämliche Turnier zu kommen. Alle nahmen sie es in Kauf, dass zu unrecht, unfreiwillig in die Schusslinie aller möglichen Leute kam.

Sirius' Antwort kam eulenwendend mit der Morgenpost am Frühstückstisch: Nichts! Ein einziger Satz, der ihm mit keiner einzigen Frage, die er hatte weiterhalf. „Bitte schreibe mir so schnell wie möglich, wann das nächste Wochenende in Hogsmeade ansteht!" Mehr nicht! Keine aufmunternde Worte! Keine Idee, was die seltsame Tatsache um Barty Crouchs Besuch in Snapes Büro betraf! Kein Wort über Snape oder Suzette!

Harry schrieb ihm einen Brief mit dem erfragten Datum zurück.