Alba drückte sich schon seit halb neun in den Ecken der Bibliothek herum. Um halb elf schloss die Bibliothek und auch jetzt waren nicht mehr viele Schüler da. Percy allerdings auch nicht, doch Alba hatte es im Gemeinschaftsraum der Slytherins nicht mehr ausgehalten und vor allem hatte sie die Blicke ihrer Freundinnen nicht mehr ertragen, die ihr jedes Mal einen schlauen Spruch mitgegeben hatten, wann immer sie auch nur hustete.
Zur Tarnung hatte sie sich ihren Wahrsagen- Aufsatz mitgenommen, doch sie hatte noch keinen Zentimeter geschrieben. Eigentlich auch egal. Warum war alles gerade so kompliziert? Sie hatte sich aus einer Laune heraus entschieden, Percy ein wenig an der Nase herum zu führen und jetzt? Jetzt saß sie mit klopfendem Herzen in der Bibliothek und wartete darauf, dass er endlich kam. Irgendwann, in dem ganzen hin und her und durcheinander hatte sie sich wohl irgendwie so ein kleines bisschen in ihn verliebt. Doch sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als ihm das zu sagen.
Ob er das wohl genau so sah wie sie? Davor hatte sie Angst. Vielleicht sah er immer noch in ihr das böse Slytherin Mädchen, dass sich einen Scherz mit ihm erlaubte. Oder noch schlimmer, vielleicht war er ein kuscheliger, flauschiger, wischiwaschi Freund der immer Schatzi sagte? Solche Dinge mochte Alba nicht und sie hatte sie auch noch nie gemocht. Doch obwohl Percy immer der äußerlich korrekte Musterschüler war, hatte er solche Anwandlungen niemals gehabt, das beruhigte sie ein wenig.
Und dann war da noch etwas. In etwas mehr als einem Monat waren ihre Abschlussprüfungen und dann war es vorbei. Dann würde sie ihm nicht mehr auf dem Gang begegnen, konnte ihm nicht mehr beim Frühstück geheimnisvoll zuzwinkern und auch sonst war er dann einfach nicht mehr da. Und noch gab es keinen Hinweis darauf, dass sie sich danach jemals wiedersehen würden, außer auf einem weit entfernten Klassentreffen, vermutlich würde er dann von seinen zehn Kindern sprechen und begleitet werden von seiner braven Frau Penelope... Pah... Sie knurrte leise vor sich hin. Die dürre Ravenclaw sollte sich bloß vorsehen.
Die Zeiger der Uhr bewegten sich quälend langsam. Es waren gerade einmal halb zehn. Konnte er nicht ein wenig früher kommen? Obwohl sie natürlich selbst zehn Uhr gesagt hatte, wie sollte er dann wissen, dass sie sich schon zwei Stunden vorher hier herum trieb. Nächstes Mal würde sie neun Uhr sagen.
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Percy sah diesem Abend mit gemischten Gefühlen entgegen. Erstens musste er durch den Gemeinschaftsraum und dort saßen Fred, George und Ginny auf der Lauer. Zweitens war da Alba, von der er nicht wusste, was sie von ihm erwartete. Warum war das mit Penelope so viel einfacher gewesen? Penelope hatte immer sehr deutlich klar gemacht, was sie wollte und was sie nicht wollte. Warum konnte Alba das nicht auch tun? Vielleicht wusste sie aber auch selbst nicht so recht, was sie wollte? Drittens war da noch dieses Gefühl, dass sie ihm gab. An Albas Seite kam er sich manchmal sogar dumm vor, sie hatte einen Blick, der ihn augenblicklich verstummen ließ und sie konnte ihn mit nur wenigen Worten Mundtot machen. Und trotzdem war ihre Nähe schön. Ein anderes Wort viel ihm dafür nicht ein. Sie machte ihn nervös, wo sie nur konnte und sie schien das zu genießen. Sie brachte ihn immer dazu, einen Schritt mehr zu tun, als er eigentlich wollte.
Erst später war ihm aufgefallen, dass sie ihn zu einer Zeit in die Bibliothek gelockt hatte, zu der zumindest sie in ihrem Gemeinschaftsraum sein sollte. Jetzt war es jedoch zu spät, das Treffen abzusagen und auch wenn er sich Zwie gespalten fühlte, würde er um keinen Preis dieses Date versäumen.
Wenn doch nur endlich seine Geschwister ins Bett gehen würden. Aber die lagen alle Drei auf der Lauer und warteten ab, was Percy denn nun unternehmen würde.
Immer wenn er die Gedanken an Alba weiter spann, dann kam er an einen sehr unangenehmen Punkt. Was war nach den Prüfungen? Dann würde er Alba nicht mehr sehen können. Das hatte doch gar keine Zukunft, also warum überhaupt die Mühe? Er würde sie auch nie seinen Eltern vorstellen können. Und er wollte es auch gar nicht. Seine Eltern würden ihn eher enterben, als dass sie tolerierten, dass ihr Musterschüler mit einer Reinblüterin ausging. Und dann noch mit einer Slytherin. Er wollte sich einfach nicht ausmalen, was sie dazu sagen würden.
Schließlich, um nicht länger untätig herum zu sitzen, machte er sich auf den Weg die Treppe hinunter und betrat den Gemeinschaftsraum. Einige wenige Schüler waren noch hier unten und lernten, doch Ginny, Fred und George hatten auf den Sesseln nahe des Portraitlochs Platz genommen.
„Hallo Percy." sagte Ginny unschuldig. „Dich habe ich ja den ganzen Tag heute kaum zu Gesicht bekommen."
Percy brummte irgendetwas unverständliches und schob sich an den Dreien vorbei.
„Wohin denn so eilig?" fragte George betont unbeteiligt.
„Habt ihr Drei nichts Besseres zu tun, als mich zu beobachten?"
„Wir wollen nur sicher gehen, dass alles gut läuft und dass wir Mom nachher nichts Falsches erzählen."
„Wäre doch blöd, wenn wenn wir nachher sagen, dass du eine neue Freundin hast und dann stimmt das gar nicht." ergänzte Fred.
Percy seufzte. „Womit hab ich das verdient?"
Die Drei begannen albern zu kichern. „Es macht Spaß, dich zum Narren zu halten, Percy, das ist alles." antwortete George schließlich, nachdem er sich von seinem Lachanfall erholt hatte.
Verärgert klappte Percy das Portrait zur Seite und verließ den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Albernes Gesocks. Immerhin war es kurz vor zehn, es wurde Zeit zur Bibliothek hinunter zu gehen. Die letzten paar Meter zur Bibliothek rannte er schließlich und als er die Tür aufstieß, war er zunächst allein.
Scheinbar waren alle Schüler schon längst fort, doch er erkannte Albas Tasche, die auf einem Stuhl lag. Und das Chaos, das um die Tasche herum war ebenso. Alles an ihr war eben Anders und er erkannte ihre katastrophale Handschrift sofort.
Er hörte Schritte hinter dem Regal und als er sich umwandte, blickte er direkt in Albas braune Augen. Sein Lächeln war zaghaft, aber ihres dafür umso breiter.
„Du bist früh." stellte sie lakonisch fest.
„Du auch."
Darüber musste sie lachen und kam ein kleines Stückchen näher, was Percys Puls in die Höhe trieb. Heute zog sie offenbar alle Register, ihre Bluse hatte sie auffällig weit geöffnet und ihre Haare wirkten noch strubbeliger als sonst. Percy musste ein wenig schmunzeln. Ob das wohl bei anderen Kerlen funktioniert hatte? Bei ihm würde das nicht den gewünschten Effekt haben, da war er sich sicher. In Selbstbeherrschung war er geübt. Penelope selbst hatte dafür gesorgt.
„Was ist?" fragte sie verwundert. Sie hatte wohl seinen Blick bemerkt. Tatsächlich fühlte er sich ihr an diesem Abend sogar ein wenig überlegen und das versetzte ihn in eine Art Hochstimmung. Oder zumindest flößte es ihm ein wenig mehr Selbstvertrauen ein.
„Ist die Bluse nicht ein bisschen gewagt?" sagte er spöttischer, als er es eigentlich vorgehabt hatte und Alba erbleichte.
„W- wieso?"
Er zuckte leichthin mit den Schulter, „Nur so." und machte einen weiteren Schritt auf sie zu. Sie war tatsächlich sehr klein, wenn er so vor ihr stand.
Sie griff nach seiner Krawatte, die zur Schuluniform gehörte und spielte neckisch damit. Percy fand jedoch, dass sie an diesem Abend einmal nach seinen Spielregeln spielen musste, lang genug war er nach ihrer Pfeife getanzt. Seine Stimme klang nicht mehr wie seine Eigene, als er schließlich sagte: „Das funktioniert nicht."
Mit ihrer Reaktion hatte er jedoch nicht gerechnet. Sie funkelte ihn wütend an, stapfte verärgert zu dem Pult, auf dem sie ihre Sachen liegen gelassen hatte und setzte sich mit verschränkten Armen darauf. Sein Stirnrunzeln, weil sie die Füße auf einen Stuhl legte, quittierte sie mit herausgestreckter Zunge.
„Schön. Dann nicht." fauchte sie schließlich verärgert.
Percy musste sich auf die Lippen beißen, um nicht loszulachen. Sieh einmal einer an, dachte er bei sich. Sobald sie die Zügel nicht mehr in der Hand hielt, war sie genau so unsicher, wie er selber. Das machte sie auf ihre seltsame Art noch viel liebenswürdiger. Und das ganze zwischen ihnen irgendwie realistischer.
Er schlenderte langsam zu ihr hinüber und steckte die Hände in die Hosentaschen. Was also war nun ihr nächster Schritt?
„Was?" blaffte sie.
„Nichts." Nun musste er doch lachen.
„Hör auf damit." befahl Alba herrisch, doch Percy konnte gar nicht anders, als zu lachen. „Ich meine das ernst, Percy."
Als er sich wieder gefangen hatte, sah er, dass sie rot geworden war. Es war ihr wohl sehr unangenehm, so ertappt worden zu sein und sie schaute verärgert zu Boden.
Vielleicht hätte er es nicht so übertreiben sollen. „Tut mir Leid." sagte er schließlich. „Aber das hier alles..." er wies auf die dunkle Bibliothek. „Das hier ist verrückt. Ich verstehe es ja selber nicht."
Sie holte tief Luft und dann sprudelten plötzlich die Worte aus ihr heraus. „Ich weiß das doch selbst. Ich... du... du gibst mir das Gefühl ein miserabler Mensch zu sein. Und ich fand mich eigentlich früher gut, so wie ich war. Und dann kommst du daher und plötzlich ist alles falsch, was ich je getan hab."
Percys Augen waren bei den Worten groß geworden. Er hatte ihr niemals, wenn er ehrlich war, solch tiefgehenden Gedanken zugetraut, Alba spielte gerne das Dummchen und es machte ihr sichtlich Spaß. Und er hatte nie damit gerechnet, dass er solche Gefühle in ihr hervorrief. Egal was für eine Zukunft da kam, jetzt gerade in diesem Augenblick, da wollte er, dass sie nicht mehr fortging.
„Ich wollte nie, dass du dich so fühlst." murmelte er betreten.
Waren das Tränen in ihren Augen? Oh, alles bloß das nicht. Weinende Mädchen waren so ziemlich das schlimmste auf der Welt.
Das schien sie ähnlich zu sehen, denn sie riss sich zusammen und ihr Blick wurde trotzig, als sie ihm in die Augen sah. Ein einzelner Rinnsal einer Träne bahnte sich seinen Weg über ihre Nasenspitze, bis hin zu ihren Lippen. Und in diesem Moment hatte Percy verloren, denn als er gewahr wurde, wie sinnlich ihre glänzenden Lippen zitterten, da konnte er gar nicht anders: er küsste sie.
