Kapitel 10

1

Sie träumte.

Es bestand kein Zweifel daran. Sie brauchte gar nicht ihre Finger zu zählen, denn sie kannte den Traum genau. Durch das Fenster sah sie draußen in der Ferne den Feuerschein der Fackel, und leise hörte sie die Stimme.

"Komm..."

Sie breitete ihre Flügel aus und flog durch das Fenster, immer weiter. Doch als sie am Rand des Gartens angekommen war, merkte sie, dass etwas sie zurück hielt. Sie schaute sich um, und ihre Mutter war da. Sie hatte ebenfalls Flügel und schwebte neben ihr.

"Ich kann das nicht zulassen" sagte sie. "Es ist nicht vorgesehen."

"Lass mich los", drängte Impa und versuchte, sich von ihr zu lösen. Sie suchte nach einer Verbindung, die sie durchtrennen musste, aber es war keine zu sehen.

"Lass mich los", bat sie wieder. "Ich muss zu ihm. Er braucht mich. Er ist verwirrt und traurig. Ich muss ihm helfen."

"Es geht ihm gut", sagte ihre Mutter. Du musst ihn vergessen. Wir haben alles vorbereitet."

Impa wich vorsichtig zurück und merkte, wie sich in ihrem Traum die Panik in ihr ausbreitete.

"Nein!", schrie sie. Aus allen Richtungen kamen weitere Geflügelte wie sie herbei und schlossen sich langsam um sie. Bald würde sie völlig in einer Kugel aus Flügeln und Federn eingeschlossen sein. Sie kamen immer näher, die Kugel wurde immer enger, immer enger...

"Ich will nicht...", wimmerte Impa.

"Du brauchst uns...", raunten die Flügelwesen und andere Flügel streichelten ihre Wangen.

"Nein...", sagte sie leise. "Nein..., ich brauche euch nicht."

Die Kugel lockerte sich ein wenig, kam jedoch wieder näher. Aber Impa hatte verstanden.

"Ich brauche euch nicht", sagte sie fest. "Ihr habt mich angeleitet und geführt, aber jetzt treffe ich meine eigenen Entscheidungen. Und ich entscheide mich für ihn. Ich brauche euch nicht mehr."

Dann flog sie mit einem kräftigen Flügelschlag aus der Kugel heraus und in die Nacht. Tief unten sah sie die Fackel brennen, und er stand dort. Sie sank hinunter und landete neben ihm vor der Fackel. Sie warf ihre Flügel ab und schüttelte ihre Haare. Er schaute von der Fackel auf, und seine verwunderten, traurigen Augen stachen in ihr Herz.

"Wer seid Ihr? Und warum bin ich hier?", fragte er. "Könnt Ihr mir das sagen?"

Sie sah das kleine Häufchen Asche in seiner verbrannten Hand.

"Ich bin Impa", sagte sie zu ihm, "und Ihr seid hier, um zu verbrennen."

2

Keuchend schreckte er aus seinem Traum. Blinzelnd erstarrte er, als ihm bewusst wurde, dass es ein Traum gewesen war. Er war so klar gewesen, so deutlich, und so vollständig! Er war sich sicher, dass er die Antwort hatte. Er musste nur schnell genug sein, bevor sie verblasste. Er hatte den Falter gefangen, aber seine Hand war ins Feuer geraten, und er war trotzdem verbrannt. Und dann war das Flügelwesen gekommen und hatte seine Flügel abgeworfen. Er hatte es gefragt... sie gefragt...

Impa.

Sie musste es sein. Sie war in seinem Traum gewesen, weil sie die Barriere in seinem Geist aufgebaut hatte.

Kendrice sprang wie von Sinnen aus dem Bett und zündete mit bebenden Fingern eine Kerze auf dem kleinen Tisch an. Impa wollte, dass er vergaß, aber sie wollte auch, dass er sich erinnerte.

Sie muss mir einen Schlüssel hinterlassen haben.

Panisch schaute er sich im Zimmer um. Sie war hier gewesen, sonst hätte sie die Barriere nicht aufbauen können. Sie musste etwas genommen haben, das sich hier bei ihm befand, etwas, das er finden konnte. Er ließ mit zuckenden Augen seinen Blick im Kerzenlicht durch das Zimmer wandern. Nichts war anders, alles war, wie es immer war.

Er lauschte. War es vielleicht ein Ton, ein Geräusch, ein Wort?

Er wich mit dem Rücken zu dem kleinen Tisch zurück, und die Bücher fielen zu Boden. Ohne hinzusehen hob er sie auf und legte sie zurück auf den Tisch. Seine Finger strichen über den vertrauten Einband, den er schon die letzten Tage fast ständig bei sich getragen hatte. Sein Herz hämmerte, als er sich umdrehte und das Buch in die Hand nahm.

Arut ill Siverdis. Die Kunst des Schwertes.

Zwei Seiten waren noch übrig. Bis dahin hatte er alles gelesen, aber der Schlüssel war nicht darin gewesen. Mit zitternden Händen blätterte er die letzten beiden Seiten um...

Und da war er.

Andyr.

Feuer.

Er wusste es von einem Augenblick zum anderen. Die Barriere war zerstört.

3

Es war der Tag der Prüfungen.

Impa erwachte im Morgengrauen und bereitete sich auf ihre Arbeit vor. In ihrem Badezimmer wusch sie ihren Körper und flocht ihre weißen Haare in einen strengen Zopf, der sie beim Kämpfen nicht behindern würde. Sie zog ihren Kampfanzug an und band sich beide Schwerter auf den Rücken. An die Füße zog sie weiche Lederstiefel, die sich an den Stoff des Kampfanzugs schmiegten.

Auf ihrer Liste standen zehn Kandidaten. Sie kannte jeden von ihnen persönlich und hatte gesehen, was sie auf dem Übungsfeld leisteten. Für jeden hatte sie sich eine besondere Prüfung ausgedacht, die an seine Stärken und Schwächen gleichermaßen appellierten. Sie legte die zehn Medaillen in einer kleinen Kiste bereit. Zehn Kämpfe würde sie durchstehen müssen, und dann... würde sie gehen.

Morgen.

Sie nahm die kleine Kiste mit den Medaillen unter den Arm und machte sich auf den Weg. Bei Sonnenaufgang sollte die Prüfung beginnen. Sie ging durch die Gänge zum hinteren Ausgang des Schlosses. Es waren viele Menschen unterwegs, hauptsächlich Dienstboten und Gäste, die im Schloss untergebracht waren. Niemand beachtete sie, sehr zu ihrer Erleichterung.

Draußen empfing sie ein frischer Septembermorgen. Eine leichte Brise wehte in der kühlen Luft, und an den kurzgemähten Grashalmen am Wegesrand hingen Tautropfen.

Sie hatte es nicht weit. Für die Prüfungen waren schon in der Nacht die kleineren Arenen und Tribünen in eine große Arena mit hohen Tribünen umgebaut worden. Schon von weitem hörte man das Murmeln und Raunen der Zuschauer auf den Tribünen, die ungeduldig darauf warteten, dass die Sonne aufging.

Am Rand der Arena, vor den besonderen Plätzen, die für das Königspaar und seine Gäste vorbereitet waren, stand Impas Ausrüstungstisch neben einer Bank, auf der die Kandidaten saßen. Captain Pierce war schon angekommen, kam zu Impa und stellte eine große Sanduhr auf ihren Ausrüstungstisch.

"Guten Morgen, Madam Impa", sagte er mit einem verschmitzten Leuchten in den Augen.

Impa lächelte und begrüßte ihn ebenfalls.

"Guten Morgen, Captain. Sind Eure Kandidaten bereit?"

"Das sind sie, Madam. Allerdings gab es eine kleine Änderung bezüglich ihrer Anzahl."

Impa runzelte die Stirn. "Was meint ihr, ist jemand krank geworden?" Sie schaute schnell zu den Kandidaten auf der Bank, aber die Gruppe schien vollständig zu sein.

"Nein, Madam, aber es ist jemand dazu gekommen. Er hat sich heute morgen noch bei mir gemeldet und darum gebeten, an der Prüfung teilnehmen zu dürfen."

Eine seltsame Vorahnung schwoll in Impas Brust an. Sie fühlte das vertraute Ziehen in ihren Händen und wagte kaum, zu fragen.

"Wer ist es, Captain?"

Pierces Züge wurden weich, als er mit kaum merklichem Lächeln erklärte:

"Lord Richard Kendrice, Madam. Er glaubt, dass er bereit dazu ist."

Das Blut rauschte in Impas Ohren, als sie die Worte hörte, die sie gefürchtet hatte. Wie aus weiter Ferne hörte sie Pierce fragen:

"Seid Ihr damit einverstanden, Madam? Oder soll ich ihm wieder absagen?"

"Nein..." hörte sie sich sagen.

Ihre Augen richteten sich wieder auf Pierce, der sie mit fragendem Gesicht ansah.

"Ich... verstehe nicht, Madam."

"Er... er kann teilnehmen, Captain. "Aber erst, wenn ich die anderen Kandidaten geprüft habe."

"Er..." Pierce räusperte sich heiser. "Er bittet darum, im Kampf mit zwei Schwertern geprüft zu werden, Madam. Ich weiß, dass wir bisher noch keine solche Situation hatten, aber das Gesetz erlaubt, dass der Kandidat die Art seiner Prüfung wählen kann, wenn er das möchte."

Impa verstand kaum mehr, was Pierce sagte. Hatte Kendrice ihre Nachricht nicht erhalten? Sicher wäre er doch zu ihr gekommen...

Was hatte er vor? Wollte er sie vor all den Zuschauern demütigen? Wollte er ihr zurückzahlen, dass sie ihn verletzt hatte? Aber es würde ihm nicht gelingen.

Ich werde ihn auseinander nehmen, vor all den Leuten hier.

"Madam?" fragte Pierce, und Impa musste den Knoten in ihrer Kehle schlucken.

"Sagt ihm, er kann teilnehmen", sagte sie zu Pierce mit fester Stimme. "Zwei Schwerter. Nicht weniger."

"In Ordnung, Madam." Pierce schaute über ihre Schulter zur Tribüne und Impa wandte sich um und folgte seinem Blick. Kendrice saß dort oben mit seinen Schwertern auf dem Schoß, gleich neben Link, Zelda und Jayrid, und sie sah, wie er Captain Pierce mit einer kleinen Geste dankte. Dann wandte sich sein Blick zu ihr und er neigte leicht den Kopf zum Gruß.

Impa starrte ihn an und wandte dann mit klopfendem Herzen den Blick ab.

Er hat den Schlüssel nicht gefunden...

Zahllose Gedanken drängten sich in ihrem Kopf, aber sie versuchte, sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren.

Prüfe erst die anderen. Um ihn kannst du dich nachher kümmern.

Die Sonne war inzwischen vollständig aufgegangen, und der erste Kandidat kam mit seinem Schwert nach vorn.

"Guten Morgen, Mister Daren", grüßte Impa ihn.

Daren gab eine leichte Verneigung und zückte sein Schwert. Er warf die Scheide zu Pierce, der sie auffing und Daren ermutigend zunickte. Dann ging Pierce zu der Sanduhr auf dem Tisch und nahm sie in die Hand.

"Meine Lords und Ladies, geehrte Gäste", wandte er sich an das Publikum und an die Kandidaten, "die Prüfung beginnt. Sie wird durch Meisterin Impa, königliche Ausbilderin und Prüferin im Schwertkampf, abgenommen. Jeder Kandidat wird sich der Prüfung unterziehen, die sie für ihn vorsieht. Gekämpft wird mit scharfen Schwertern unter üblichen Kampfbedingungen."

Er bedeutete Impa mit einer Geste, ihre Prüfung anzukündigen. Impa wandte sich ihrem Kandidaten zu.

"Der Kandidat wird versuchen, fünf Minuten lang meinen Angriffen ohne Verletzung zu widerstehen. Gelingt es mir, ihn zu verletzen, gilt die Prüfung als nicht bestanden."

Impa zog eines ihrer Schwerter mit der rechten Hand und nickte Pierce zu. Dieser stellte die Sanduhr mit der vollen Seite nach oben auf den Tisch und ein Gong erklang. Sie wandte sich zu Daren.

"Verteidigt Euch, Mister Daren", sagte sie ruhig und stellte sich in ihre Angriffsposition.

Der Soldat wusste, was auf dem Spiel stand. Ruhig wartete er auf ihren Angriff und beobachtete sie genau. Impa wusste, wo seine schwache Stelle war - und schlug zu. Aber er parierte, wenn auch nur knapp. Sie hieb noch einmal, und dann wieder in schneller Abfolge. Er parierte immer wieder, bemüht sie keinen Augenblick aus den Augen zu lassen. Impa wirbelte herum und versuchte, ihn an der Schulter zu treffen, aber er wand sich unter ihrem Schwert und rollte sich zur Seite. Als er merkte, dass er einen Vorteil hatte, versuchte er einen Angriff, aber er war zu langsam und Impa parierte schnell. Er griff sie weiter an, aber Impa drängte ihn zurück und nahm wieder seine Schulter ins Visier. Er wollte sich wieder ducken, aber Impa hieb mit einem tieferen Schlag, den er parieren musste. Sie wiederholte ihre Angriffe immer wieder, bis schließlich der Gong erklang. Impa zog sich zurück und nickte Daren zu, der sich abermals verneigte und zurück auf die Bank zu den anderen Kandidaten ging.

Impa warf einen verstohlenen Blick auf die Tribüne zu Kendrice. Er beobachtete sie mit ruhigem Ausdruck. Das Blut stieg in ihr Gesicht und sie schnaubte.

Muss er mich ständig anschauen?

Sie versuchte, ruhig zu bleiben, und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Prüfung zu, als der Gong erklang, und eine neuer Kandidat vor ihr stand.

4

Zehn Kämpfe.

Jeder war anders, und jeder forderte das Beste von den Kandidaten. Daren hatte Angst davor, verletzt zu werden, das wusste Impa. Andere Kandidaten hatten andere Schwächen, und in ihren Prüfungen hatte sie alle mit ihren Schwächen konfrontiert und sie dazu gebracht, auf ihre Stärken zurück zu greifen. Aber alle hatten sich gut geschlagen, und alle hatten bestanden.

Und nun stand der letzte Kampf bevor. Sie stand in der Mitte der Arena und wartete auf ihren... Gegner. Ein tiefer Atemzug klärte ihren Verstand und sie richtete sich auf. Mit erhobenem Kinn und einem entschlossenen Ausdruck drehte sie den Kopf zu Pierce und nickte ihm zu. Sie sah, wie Pierces Blick zu Kendrice ging, der ihn empfing und ihm ebenfalls zunickte. Kendrice stand auf und legte seinen Umhang ab. Darunter trug er die rote Tunika, ein weißes Hemd und eine schwarze Hose. Sie kannte diesen Aufzug genau, und ein Stich durchdrang ihren Körper.

Ist es vielleicht möglich...

Eine leise Hoffnung regte sich in ihr. Sie folgte Kendrice mit dem Blick, während er sich den Weg durch die Zuschauerreihen hinunter zur Arena bahnte. Das Publikum hatte bemerkt, dass etwas Ungewöhnliches geschah, und murmelte und flüsterte aufgeregt.

Und dann stand er vor ihr. Seine Augen hefteten sich auf ihre und verengten sich leicht. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, und Impa konnte ihren Blick kaum von ihnen abwenden. Pierce kam zu ihm und Kendrice gab ihm die Scheiden, bevor er beide Schwerter daraus zog. In seiner rechten Hand lag Andyr, das Feuerschwert. Pierce brachte die Scheiden zum Tisch, dann wandte er sich an das Publikum.

"Meine Ladies und Lords, verehrte Zuschauer, Lord Richard Kendrice wird sich als zusätzlicher Kandidat Meisterin Impas Prüfung unterziehen. Gekämpft wird mit zwei scharfen Schwertern, bis zum Sieg eines Gegners."

Das Raunen des Publikums wurde lauter, denn noch nie vorher hatte es solch einen Kampf in der Prüfung gegeben. Die Kämpfe fanden üblicherweise zwischen Kandidat und Prüfer statt, aber diesmal würden zwei Gegner gegeneinander kämpfen, ohne Rücksicht und ohne Gnade.

Impa nahm noch einen tiefen Atemzug und zückte beide Schwerter von ihrem Rücken.

"Verteidigt Euch, mein Lord", sagte sie mit ruhiger Stimme, und nahm ihre Angriffsposition ein. Unwillkürlich ging ihr Blick zu Kendrices Hals, wo eine kleine Narbe von der Verletzung, die sie ihm zugefügt hatte, übrig geblieben war.

Kendrice griff sofort an. Impa hatte damit gerechnet, dass er sie erst umkreisen würde, um ihre schwache Stelle zu erkennen, aber er hieb sofort mit beiden Schwertern auf sie ein, so dass sie ihre ganze Aufmerksamkeit in ihre Verteidigung legen musste. Er hieb mit einer Kraft, die Impa niemals in ihm vermutet hätte. Immer wieder drang er auf sie ein und ließ ihr keine Möglichkeit, anzugreifen. Das Publikum war still geworden und alle hielten den Atem an.

Du musst springen, er kann das nicht! Greife ihn von oben an! Und duck' dich, verdammt noch mal.

Impa merkte, dass sich Verwirrung in ihr ausbreitete. Er ließ sie nicht zum Zuge kommen. Ihre übliche Taktik funktionierte nicht mehr bei ihm. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Sie ließ ihn auf sich zukommen, duckte sich unter seinen Schwertern und nutzte seine Überraschung, um mit einem Salto hinter ihn zu springen. Sein Rücken war nicht geschützt und Impa schlug mit aller Kraft zu. Im letzten Augenblick parierte er mit Andyr und Impa sah für einen Moment den großen Rubin an ihren Augen vorbei blitzen. In dem Augenblick fühlte sie plötzlich, wie ein Teil ihres Armes verschwand. Verblüfft starrte sie darauf und sah, dass ihr Schwert fehlte. Das Publikum keuchte auf, als ihr Schwert in großem Bogen bis zum Rand der Arena flog und klirrend zu Boden fiel.

Noch nie hatte jemand sie entwaffnet.

Sie schaute zu Kendrice, der sie mit einem grimmigen Lächeln umkreiste. Seine Augen bohrten sich wie zwei Dolche in ihre.

"Kommt, Mylady", sagte er mit tiefer Stimme. "Eine Waffe habt Ihr noch. Verbrennt mich."

"Ihr..." knurrte sie wütend.

Sie flog auf ihn, aber er war schon weg, als sie landete. Seine beiden Klingen zischten ihr um die Ohren und es gelang ihr kaum, die schnellen Schläge abzuwehren.

Konzentriere dich...

Aber es war unmöglich. Seine Worte klangen in ihren Ohren, wieder und wieder. Wild suchten ihre Augen nach einer Möglichkeit, nach einer Lücke, die sie nutzen konnte. Das fehlende Schwert schmerzte sie, es tat ihr weh.

Kendrice spielte mit ihr. Er umkreiste sie immer wieder mit diesem gleichen grimmigen Lächeln im Gesicht, seine Augen wie der Stahl seiner Schwerter. Impa versuchte, anzugreifen, aber er war darauf vorbereitet, und als sie seine Hiebe parieren wollte, hob er plötzlich ruckartig seine beiden Schwerter in die Luft und schleuderte ihr damit das letzte Schwert aus der Hand.

Zitternd stand sie da und rang nach Atem. Was war das? Was hatte er mit ihr gemacht?

Das Publikum war totenstill geworden. Kein Laut war zu hören, als Impa verstört auf ihre leeren Hände blickte. Sie schaute zu Kendrice. Ein gequälter Ausdruck lag in seinem Gesicht, und seine Lippen bebten.

"Wie... wie habt Ihr das...", stammelte Impa.

Kendrice atmete schwer. Er schloss die Augen für einen Moment und verzog schmerzvoll das Gesicht. Dann traf sein Blick wieder ihren.

"Ich habe Euer Buch gelesen, Mylady. Bis zum Ende. Und dann noch ein wenig mehr."

Impas Augen weiteten sich, als die Erkenntnis sie traf.

"Ihr... Ihr habt..." Ihre Stimme versagte.

Kendrice nickte langsam. "Ja, Mylady. Ich... erinnere mich."

Dann holte er mit beiden Armen aus und rammte mit einer heftigen Bewegung seine beiden Schwerter in den Boden. Er trat auf Impa zu. Mit klopfendem Herzen und bebenden Lippen stand sie vor ihm und wagte nicht, ihm in die Augen zu schauen. Aber er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu seinem, und sie sah seine Augen, seine Lippen, so nah...

"Tut so etwas noch einmal, und ich töte Euch", hauchte Kendrice mit strenger Stimme. Sie fühlte seine heiße Hand auf ihrem Rücken, die sie näher zog, bevor sein Mund zu ihren wartenden Lippen kam, und sie endlich befreite.

5

Das Publikum raste.

Hylianer, Zoras, Gerudos und Goronen erhoben sich von ihren Plätzen und riefen laute Hochrufe, klatschten in die Hände und trampelten mit den Füßen, während dort unten in der Arena zwei Menschen miteinander verschmolzen, die sich gefunden hatten. Blinzelnd gegen die Tränen ankämpfend stand Captain Pierce neben Impas Ausrüstungstisch und fühlte, wie sich endlich eine erhabene Ruhe über ihn senkte. Als er sich umwandte, sah er, wie Link oben auf der Tribüne nach Kendrices Umhang griff und zusammen mit Jayrid die Treppen herunter stieg. Als sie sich ihm näherten, erhob Pierce beide Hände mit den Handflächen nach außen, und Link und Jayrid klatschten schmunzelnd im Vorbeigehen seine Hände ab. Pierce legte seine Hände über sein Gesicht und schüttelte langsam den Kopf. Dann wandte er sich um und schaute wieder zu dem Paar in der Arena. Link und Jayrid waren in respektvollem Abstand stehen geblieben. Impa und Lord Kendrice küssten sich immer noch selbstvergessen, aber Pierce wollte, dass sie ihre Zweisamkeit bekamen. Er stellte sich zu Link und Jayrid und sagte:

"Dass ich das noch erleben durfte..."

Link wandte sich lächelnd zu ihm um und gab ihm Kendrices Umhang. Er drückte Pierce freundschaftlich die Schulter und sagte:

"Ihr habt wohl getan, mein Freund. Ich bin froh, dass nun endlich Ruhe einkehren wird. Hoffentlich."

Pierce nahm den Umhang und ging zu Impa und Kendrice, die sich voneinander gelöst hatten und sich lächelnd ansahen. Mit gemessenen Schritten näherte er sich ihnen und legte Impa Kendrices Umhang um die Schultern.

"Kommt, mein Lord", sagte er sanft zu Kendrice. "Ich glaube, Ihr habt die Prüfung bestanden."

Kendrice nahm einen tiefen Atemzug und ergriff Impas Hand. Er schaute zu seinen beiden Schwertern, die im Boden steckten, aber Pierce sagte:

"Wir kümmern uns darum, mein Lord. Bringt Madam Impa nach Hause."

Kendrice nickte dankbar, dann führte er Impa aus der Arena, während das Publikum sich langsam beruhigte.

Pierce sah ihnen nach und erinnerte sich daran, wie alles angefangen hatte.

Kendrices Eifer war ihm von Anfang an verdächtig vorgekommen, und je besser dieser wurde, desto mehr hatte sich sein Verdacht erhärtet, dass Kendrice in Impa verliebt war. Kendrice hatte zwar nie etwas gesagt, aber Pierce hatte ihn beobachtet. Als Kendrice dann anfing, mit zwei Schwertern zu kämpfen, war er sicher gewesen, dass sein Verdacht stimmte.

Und dann, letzte Nacht...

.

Ein lautes Klopfen an der Tür zu seinen Gemächern weckte ihn. Roselyn, die neben ihm lag, wurde ebenfalls wach und schaute ihn grimmig an.

"Wenn es wieder dieser verrückte Lord Kendrice ist, hetzte ich ihm die Wachen auf den Hals", knurrte sie.

"Ruhig, mein Liebling", versuchte Pierce, sie zu besänftigen. "Schlaf weiter, ich gehe mal nachschauen."

Er entzündete eine Kerze und trat durch die Tür. Lord Kendrice stand davor, mit zerzaustem Haar und offenbar in Eile angekleidet. Er hatte keine Schwerter dabei, aber in seiner Hand sah Pierce das Buch Arut ill Siverdis.

"Wollt Ihr hereinkommen?" fragte er ihn.

Lord Kendrice nickte dankbar und ging an ihm vorbei durch die Tür.

Pierce bot ihm einen Stuhl am Tisch im Wohnzimmer an, stellte den Kerzenständer auf den Tisch und setzte sich Kendrice gegenüber.

Kendrice legte das Buch auf den Tisch, strich mit den Händen über sein Gesicht und nahm einen tiefen Atemzug, bevor er begann.

"Ihr fragtet mich doch gestern nach diesem Kampf, bei dem Impa mir eine Lektion erteilen wollte."

"Ja, das tat ich", sagte Pierce ruhig. "Aber Ihr gabt mir keine Antwort."

"Ich gab Euch keine Antwort aus dem einfachen Grund, dass ich mich gestern nicht an diesen Kampf erinnerte", sagte Kendrice. "Aber jetzt schon."

Pierce runzelte die Stirn.

"Ich verstehe nicht ganz, mein Lord."

Aber Kendrice hob einen Finger zum Zeichen, dass er noch nicht fertig war.

"Genau genommen erinnerte ich mich nicht mehr daran, weil ich mich nicht mehr daran erinnern sollte. Die Erinnerung war zwar in meinem Geist, aber sie war... von einer Barriere umgeben."

"Aber dann..." setzte Pierce an.

"Ja, Captain. Jemand ist in meinen Geist eingedrungen und hat dort eine Barriere errichtet."

"Wisst Ihr wer es war?", fragte Pierce und schaute Kendrice aufmerksam an.

Kendrice nickte langsam und hob den Blick zu Pierce.

"Impa."

"Aber warum? Hat es etwas mit diesem Kampf zu tun, mein Lord?"

Wieder nickte Kendrice, und ein wehmütiger Zug trat in seine Augen.

"In jener Nacht... Sie... war dort. Sie hatte auf mich gewartet, offenbar tatsächlich, um mir einen Dämpfer zu verpassen. Aber der Kampf endete unentschieden und..."

Verlegen ließ er den Blick sinken.

"Ihr... liebt sie, Lord Kendrice. Habe ich Recht?"

Kendrice schluckte, bevor er sprach.

"Ich liebe sie schon seit vielen Jahren. Ich hatte nie den Mut, mich ihr zu nähern, Ihr wisst ja, wie sie ist. Irgendwann erkannte ich, dass ich nur auf eine einzige Weise ihre Aufmerksamkeit erregen konnte - indem ich sie beeindruckte, mit etwas, worin sie gut ist."

"Deshalb die zwei Schwerter."

Kendrice nickte. "Nachdem mir das klar geworden war, begann ich, zu handeln. Captain, Ihr seht einen neuen Menschen vor Euch. Vorher war ich ein alter, verbitterter Mann. Doch heute kann ich es mit der besten Schwertkämpferin von Hyrule aufnehmen. Mein Körper ist stark und gesund, mein Geist ist klar und mein Verstand geschärft. Und in jener Nacht... eroberte ich sie. Sie war mein, und unsere Seelen vereinten sich, aber dann... ging sie. Sie umgab meine Erinnerung an die Nacht und den Kampf - und sogar an meine Liebe für sie - mit einer Barriere - und verschwand."

"Aber wie ist es Euch gelungen, die Barriere zu überwinden, Lord Kendrice?", fragte Pierce. "Impa ist die stärkste Telepathin, die ich kenne, sie wäre niemals nachlässig in dieser Hinsicht. Es sei denn..." Er schaute Kendrice mit großen Augen an. "...sie... wollte..."

Kendrice nickte. "Richtig. Sie hinterließ mir einen Schlüssel, bevor sie ging. Und ich habe ihn heute Nacht gefunden."

"Wie?" hauchte Pierce.

Kendrice nahm das Buch und schlug die letzte Seite auf. Pierce hatte das Buch auch gelesen und kannte die letzte Seite. Jemand hatte unter die letzte Zeile, in den freien Bereich der Seite, ein einzelnes Wort geschrieben: Andyr.

"Ihr habt Sheikah gelernt, Captain. Ist Euch dieses Wort bekannt?"

Pierce nickte. "Es heißt Feuer, soweit ich weiß, aber auch..."

"Rubin", beendete Kendrice den Satz. "Es ist der Name, den ich meinem Schwert gab. Ich habe ihn niemandem gesagt. Niemandem. Außer ihr. In jener Nacht."

Pierce starrte das Wort auf der Seite an und nickte langsam. Es war erstaunlich.

"Ich bin aus zwei Gründen zu Euch gekommen", sprach Kendrice weiter. "Erstens - ich brauche noch eine letzte Bestätigung. Ihr habt als Letzter vor mir das Buch durchgelesen und dieses Wort wäre Euch aufgefallen, wenn es schon vorher dort gewesen wäre."

Pierce schaute in Kendrices graue Augen, die im Licht der Kerzen glitzerten, und schüttelte den Kopf. "Als ich das Buch las, stand es noch nicht dort."

Kendrice atmete erleichtert auf. "Ich danke Euch, mein Freund. Das bedeutet, dass Impa es geschrieben hat, und zwar für mich. Und der zweite Grund ist - ich glaube, dass Impa mich ebenfalls liebt. Aber irgend etwas hindert sie daran, sich mir zu offenbaren, und deshalb nahm sie mir die Erinnerung daran - und das Wissen. Ich befürchte, dass, wenn ich ihr allein gegenübertrete, etwas Ähnliches passieren wird, und dass sie dann vielleicht die Erinnerung vollständig mit einer Barriere umgeben wird - oder noch schlimmer. Und um das zu verhindern, brauche ich Eure Hilfe."

"Meine...?" sagte Pierce überrascht.

"Morgen... das heißt natürlich - heute, sind die Prüfungen der Elitekämpfer, und Impa wird die Prüfung abnehmen. Die Tribünen werden voll von Mitgliedern aller Völker von Hyrule sein. Ich möchte Euch bitten, dass Ihr mich als Prüfungskandidat aufnehmt. Ich muss Impa gegenübertreten und - falls möglich - sie besiegen, und zwar vor den Augen des ganzen Landes. Versteht Ihr mich?"

Pierce betrachtete für einen langen Moment schmunzelnd seine gefalteten Hände auf dem Tisch. Dann sah er wieder Lord Kendrice an und sein Gesicht zeigte ein breites Lächeln.

"Ich fühle mich geehrt, Lord Kendrice. Und Ihr seid mehr als bereit für diese Prüfung."