Die Macht der Sterne
An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Nicht einmal Meditieren half.
Nachdem sich John mehrere Stunden lang von einer Seite auf die andere gewälzt hatte, entschied er sich, ihre Zimmerflucht zu verlassen und einen Streifzug durch Hogwarts zu unternehmen.
Es war ein seltsam vertrautes Gefühl, durch die dunklen Gänge zu gehen und altbekannte Gegenstände wiederzuentdecken.
Einmal schwebte Peeves direkt über ihm, doch in dem Moment, als John, ohne weiter darüber nachzudenken, seinen Zauberstab zückte und auf den Poltergeist richten wollte, da war dieser schon wieder verschwunden.
Aus einer Laune entschied sich John, auf den Astronomieturm zu steigen. Vielleicht würde er dort etwas Ruhe finden.
Eine warme, wolkenlose Sommernacht empfing ihn und die Luft roch vertraut. Als er das Dach betrat, merkte er sofort, dass er nicht allein war. Eine Frauengestalt, die in Betrachtung der Sternbilder versunken war, stand reglos an der Brüstung.
John wollte sich schon diskret zurückziehen, als sie den Blick von den Sternen abwand und ihn ansprach.
„Bleib. Du bist willkommen, denn die Sterne haben mir gesagt, dass du wiederkehren wirst."
Zögernd ging John einige Schritte weiter. Was wollte diese Frau? Als er das lange, blonde Haar sah, das im Licht des abnehmenden Mondes schimmerte, wusste er, wer vor ihm stand.
„Luna! Was machst du hier?"
„Die Sterne haben mir gesagt, dass ich heute auf den Astronomieturm steigen muss, um dich zu treffen."
Sie schien sich in den letzten Jahren nicht sehr verändert zu haben. Ihre Art, mit Menschen zu kommunizieren, war immer noch sehr anstrengend.
„Sie reden immer noch mit dir?" Inzwischen konnte er ihre seltsame Gabe akzeptieren. Er hatte schon merkwürdigere Fähigkeiten kennen gelernt – besonders als er sechs Monate mit meditierenden Antikern hatte verbringen müssen.
„Ja, inzwischen verstehe ich sie sogar richtig gut."
Dabei sah sie ihn so seltsam an, dass John grinsen musste.
„Wieso bist du hier? Ich meine, was machst du auf Hogwarts?"
„Kannst du dir das nicht denken? Ich unterrichte Wahrsagen und Neville Kräuterkunde. Macht es dir etwas aus, wenn ich dich bitte, näher zu treten?"
Gern erfüllte John ihr den Wunsch und wollte sie gerade in den Arm nehmen, als er aus dem Augenwinkel ihre Hand kommen sah. Abwehren konnte er es nicht mehr, ohne Luna wehzutun. Die Ohrfeige war heftig und hinterließ eine brennende Spur auf seiner Wange.
„Und wofür war das?"
Luna würde in naher Zukunft garantiert nicht aufsteigen.
„Das ist dafür, dass du damals einfach so gegangen bist. Weil du nicht da warst, musste Ernie Pate bei unserem Sohn werden und Neville bestand darauf, ihn Harry zu nennen. Dabei sollte er eigentlich einen anderen Namen bekommen."
„Dann habe ich die Ohrfeige wohl verdient", gab John seufzend zu. Wenn er von allen Frauen geschlagen wurde, weil er sich nicht verabschiedet hatte, dann würde er bald Kopfschmerztabletten brauchen.
Luna war aber noch nicht fertig mit ihrer Predigt.
„Du hast dich noch nicht mal verabschiedet. Die Sterne hatten mir zwar gesagt, wo du warst, ich konnte es aber niemandem erzählen, weil man dich sonst verfolgt hätte. Und dein Tod hätte fatale Folgen gehabt."
„Wie bitte?"
„Die Sterne haben mir Bilder von dir gezeigt. Anfangs war es nur die Muggelwelt. Du als Pilot, der seine Hände nach den Sternen ausstreckt."
Luna tänzelte einige Schritte zur Seite, hob ihre Arme und drehte einige Pirouetten. Dabei wehte ihr Haar wie ein feiner Schleier um ihren Körper. Sie wirkte nicht mehr menschlich, schien eine wilde Elfe zu sein, die mit dem Sternenlicht verschmolz.
Dann blieb sie stehen und kauerte sich auf den Boden. Sie war wieder menschlich, wirkte verängstigt und eingeschüchtert.
„Seit über zwei Jahren zeigen mir die Sterne andere Bilder. Du hast sie erreicht, bist Teil des Weltraums und machst dir andere Welten untertan. Dabei wirst du von Wesen bedroht, die mich an Dementoren erinnern." Ein Schauer lief durch ihren Körper. „Es ist fremd und beängstigend, doch weiß ich, dass du dort deine Bestimmung gefunden hast und glücklich bist."
Luna stand auf, ging zu John und nahm ihn in den Arm.
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass du jemals zurückkehren würdest. Denn hier hast du deine Bestimmung erfüllt. Als die Sterne mir sagten, dass ich dich heute treffen könnte, habe ich lange überlegt, ob es wirklich gut wäre, dich zu sehen. Aber der Mond hat mir gestern geraten, es zu tun. Was führt dich nach Hogwarts?"
Der letzte Satz wurde von ihr ruhig und sachlich ausgesprochen, als hätte ihr ungewöhnlicher Auftritt nie stattgefunden.
„Ein Freund von mir braucht Hilfe, die er nur hier bekommen kann."
„Er hat Probleme mit dem Mond. Und wenn dieses Problem behoben ist, wirst du uns für immer verlassen."
Eine Feststellung. Keine Frage.
„Das habe ich vor."
„Ich weiß es." Ernst sah Luna ihn an. „Du wirst hier den Weg finden, um deine Heimat zu retten."
John schob Luna von sich und sah sie fragend an.
„Was willst du mir sagen?"
Sie zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht genau. Deine Gegenwart ist immer klar und genau, aber die Zukunft ist verschwommen und schwer zu lesen. Ich weiß nur, dass du viel Zeit in der Bibliothek verbringen wirst. Und von dort etwas mitnehmen wirst. Aber ich weiß noch nicht, was es ist. Vielleicht erfahre ich es in den kommenden Nächten, wenn ich mit den Sternen rede."
Sie trat zwei Schritte zurück, winkte John zu und lief die Treppe runter.
John blieb und betrachtete die Sterne. Er stand auch noch dort, als die Dämmerung längst eingesetzt hatte. Aber mit ihm sprachen die Sterne nicht. Als die Sonne lange aufgegangen war, konnte er sich von dem Blick über Schottlands Hügel lösen und verließ den Turm.
