Vielen Dank für die netten Reviews! Ich schreibe bestimmt weiter, bin aber momentan ein bisschen blockiert, wie das manchmal vorkommt, und mir fehlt ein bisschen die Inspiration. Muss mir wohl mal wieder die erste Staffel reinziehen... ;)


„Wollen Sie etwas essen?"

Ich muss schlucken und wische das Skalpell unüberlegt an meinem Ärmel ab.

Nach einer Cerebralsektion Appetit zu verspüren oder gar etwas aus der Kantine herunterzubringen, grenzt an ein physiologisches Wunder.

Andererseits, House ist ein physiologisches Wunder.

Und außerdem ein Tyrann, der mich kurz vor meinem Feierabend gewissenlos zu einer Obduktion zwingt.

„Sie hatten wahrscheinlich recht", sage ich und unterdrücke die Übelkeit. „Es könnte Creutzfeld Jacob gewesen sein. Viel ist nicht mehr da, was man untersuchen könnte."

Ich bin kein großer Freund der Pathologie.

In dem kalten Raum riecht es nach stechender Sauberkeit, und wider jeglicher Vernunft gemahnen mich die abgedeckten Körper an Frankensteins Monster.

Mit Leichen, zugegeben, habe ich emotionale Probleme.

Sie sind niemals würdevoll. Nicht einmal mehr bemitleidenswert. Nur noch Material.

Neben einem der Seziertische hat sich House einen Stuhl herangezogen und die Beine hochgelegt.

Auf seinem Schoß liegt sein Abendessen auf einem Stapel Servietten. Irgendetwas Mexikanisches. Bestimmt scharf genug, um dem Desinfektionsgeruch ein Schnippchen zu schlagen.

„Soll ich die Proben ins Labor bringen?"

„Das müssen Sie nicht." House kämpft mit der aus einer Teigtasche tropfenden dicken Sauce. „Der arme Kerl ist tot. Ihr gut gemeinter Botengang macht ihn nicht wieder lebendig."

Es war abzusehen gewesen, und trotzdem verspürte ich ein wenig Unmut, als ich die Instrumente zusammensuche. „Wenn Sie die Bestätigung Ihrer Diagnose zum Erhalt Ihres Selbstwertgefühls brauchen, hätten Sie die Autopsie genau so gut morgen machen können."

„Ich dachte mir, Sie haben mehr Freude dran, solange er noch einigermaßen frisch ist."

Danke, denke ich und betrachte den offenen Schädel, den ich jetzt wieder schließen werde müssen. Wirklich rücksichtsvoll von Ihnen.

„Wie ist das nun mit Ihnen und Ihrem Dad?" fragt House.

Ich hätte mir denken können, dass eine Absicht dahinter liegt, mich hier festzuhalten.

Immer dann, wenn Flucht unmöglich ist, schneidet er unangenehme Themen an.

„Hatte er vor oder nach der Scheidung Casanova-Allüren?"

„Ich war elf, als meine Eltern geschieden wurden", erwidere ich, während ich den Faden kappe. Manchmal ist es besser, schnell zu antworten und es hinter sich zu bringen. „Und da er vorher nie jemanden mit nach hause und ins Schlafzimmer gezerrt hat, kann ich keine zuverlässige Auskunft darüber geben."

„Ist er wieder verheiratet?"

„Ja."

Mit Darlene. Seit fast zehn Jahren.

Vielleicht hat er sie betrogen und nicht meine Mutter.

Der Gedanke hat beinahe etwas Tröstliches.

Ich stelle mir Darlene vor, knapp zwanzig Jahre jünger als mein Vater.

In meiner Erinnerung sitzt sie immer am Pool der Villa, in die mein Vater mit ihr gezogen ist, knapp eine Stunde außerhalb von Melbourne.

Indirekt ist sie verantwortlich für meinen ersten feuchten Traum, und ich sehe sie immer im weißen Bikini, mit sanft gebräunter Haut und langen, dunkelblonden Haaren, während ich verlegen bäuchlings auf der Luftmatratze liege und mir wünsche, mein Vater wäre nur mit mir ins Kino gegangen, anstatt mich ein Wochenende bei sich und Darlene übernachten zu lassen.

Sie lacht immer.

Sie nennt ihn ihren Brummbär und streichelt mir über den Kopf, wann immer sie die Gelegenheit dazu bekommt.

Sie läuft auf hochhackigen Schuhen durch die Wohnung und schwingt die Hüften beim Gehen.

Er hat überhaupt keinen Grund, sie zu betrügen.

Ich gehe nicht wieder hin, obwohl er mich noch zweimal einlädt, der Form halber.

Er fährt nicht gern mit mir weg oder unternimmt etwas mit mir.

Ich merke bald, dass ich in seinem Leben keinen Platz habe. Ich bin nur eine lästige Verpflichtung, die er für die Wochenenden aufgedrückt bekommt.

Als ich am Telefon Ausreden erfinde, um nicht hinfahren zu müssen, wirkt er erleichtert.

Und ich bin es irgendwie auch.

House' Stimme unterbricht meine Gedanken. „Gibt es Kinder mit Ihrer Stiefmutter?"

„Nicht, dass ich wüsste."

„Hm. Sieht so aus, als wären Sie Last genug für Ihren Vater gewesen."

Ich bemühe mich, gleichgültig zu erscheinen, aber es trifft mich.

Es ist unheimlich, wie schnell House seine Schlüsse zieht – und mit welcher Kälte er sie hervorbringt.

„Er kann mit Kindern nicht viel anfangen", sage ich.

„Was meine Theorie bestätigt. Sie waren der Stammhalter, der seinen Namen weiter gibt. Jetzt erwerben Sie sich einen Ruf als Dr. Chase der Jüngere. Das muss ihn stolz machen. Nahtlose Machtübergabe."

Ich lache humorlos und schüttle den Kopf, während ich Mr. Brunswicks Schädeldecke mit der linken Hand fixiere. „Macht und Stolz sind Dinge, die er immer für sich behält."

House legt das Burrito zur Seite und nimmt die Beine vom Tisch. „Sie mögen ihn wirklich nicht, oder?"

Ich setze die ersten Stiche. „Würden Sie einen Vater mögen, der nur einen Stammhalter in Ihnen sieht?"

„Immerhin unterstützt er Sie. Er schickt Ihnen Geld und bezahlt Ihre schicke Wohnung. Und ihm haben Sie es zu verdanken, dass Sie jetzt bei mir arbeiten."

Als ob er sich darüber freuen würde.

„Väter sind komisch", sinniert House. „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht?"

„Nicht wirklich."

„Mein alter Herr kann mich nicht ausstehen, weil ich ihm nicht diszipliniert und angepasst genug bin. Ihr Dad vernachlässigt Sie, weil Sie brav tun, was er von Ihnen erwartet. Wir hätten tauschen sollen."

Ich stelle mir House' Vater als militärischen Despot mit einer Stoppuhr in der Hand vor.

Jemand, der ‚Maßnahmen ergreift', wenn es ihm erforderlich scheint.

Mein Vater war zu desinteressiert an mir, um es nur zu versuchen, und ich frage mich, ob House weiß, dass Strenge zumindest eine Art von Zuneigung ist.

Nicht die ideale, sicherlich, aber es erscheint mir besser als Gleichgültigkeit.

„Beten Sie nachts darum, nicht so zu werden wie er?" fragt House. „Ich meine, inklusive Rosenkranz und auf den Knien und all das? Ich würde es tun an Ihrer Stelle, wenn ich daran glauben würde."

Ich drehe mich zu ihm um und frage mich, was er eigentlich von mir will.

Er sieht interessiert aus, fast heiter.

Als ich den Rest des Fadens in den Eimer neben ihm werfe, schickt er seinen halb aufgegessenen Burrito hinterher.

„Ich habe heute einen Anruf vom anderen Ende der Welt bekommen", verkündet er und wartet gespannt auf meine Reaktion. „Ihre Stiefmom war dran. Sie klang nett. Ärgerlicher Akzent, natürlich, aber abgesehen davon sehr sexy."

Mir wird ein wenig flau zumute, doch vielleicht hat das auch mit der gerade durchgeführten Autopsie zu tun. Ich habe zwei hinter mir, vom Studium abgesehen, und eine Schädeldecke abzunehmen, ist kein Spaziergang. Wenigstens kann ich keinen Schaden mehr anrichten. „Hat sie gesagt, was sie wollte?"

„Außer hemmungslosem Telefonsex, wollte sie Sie sprechen. Ich habe ihr gesagt, Sie legen keinen Wert auf Kontakt nach Down under. Hätten alle Brücken hinter sich niedergebrannt. Ich glaube, das hat sie ein bisschen verwirrt."

„Sie hätten mich anpiepsen können."

„Mit Ihrer Stiefmutter reden Sie also", meint er und lässt seinen Stock in der Hand kreisen. „Was bedeutet, Sie hegen keinen Groll gegen sie, obwohl sie Ihnen Daddy weggeschnappt hat. Ist sie so heiß, wie sie sich anhört?"

„Mein Vater hat meine Mutter nicht wegen ihr verlassen."

„Sondern weil er sie nicht mehr ausgehalten hat. Ihr ewiges Herumjammern von einem Leben in einem Elfenbeinpalast, das sie sich anders vorgestellt hat. Ihre Klagen, sich um ein Kind kümmern zu müssen, das sie nur bekommen hat, um den Familienbestand zu sichern. Hat sie geglaubt, mit Ihnen ihre Ehe retten zu können? Frauen tun unlogische Dinge, wenn sie verliebt sind, Chase. Waren Sie ein Wunschkind oder ihr Druckmittel zum häuslichen Glück?"

Ich weiß nicht, wie er so etwas sagen kann.

Ungerührt und mit der Serviette seine Finger von der Chilisauce säubernd, sitzt er da und redet, als würde er sich mit mir über das Wetter unterhalten.

Innerlich fange ich an zu kochen, obwohl es das letzte ist, was ich vor ihm zugeben würde.

Dass er mich diesmal drangekriegt hat mit seiner kalten Nüchternheit und dem unbarmherzigen Analysieren.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er unrecht hat, denn mir fällt nichts ein, mit dem ich seine Argumente entkräften kann.

House ist immer noch nicht fertig.

Das Thema scheint ihn zu fesseln.

„Alter renommierter Rheumatologe sucht sich eine viel zu junge Frau fürs Kinderkriegen. Kaum ist die Sache abgehakt, sieht er sich anderweitig um. Wie viel hat Ihr Dad in Sie investiert? Hat er Sie mal zum Baseball mitgenommen oder zu einem Footballspiel? War er auf einer der unsäglichen Weihnachtsaufführungen in Ihrer Schule? Sehen Sie, für mich sieht es so aus, als ob er seine Pflicht mit Ihrer Zeugung erfüllt hätte. Ihre Mom hat sich neun Monate länger mit Ihnen beschäftigen müssen, aber ich vermute, sie war erleichtert, als sie Sie einer Nanny überreichen konnte. Mehr Zeit für die wirklich spaßigen Dinge im Leben. Trinken, zum Beispiel."

Verbissen beende ich die Naht.

Ich wollte, ich wäre schon fertig.

Ein Blick auf die Uhr über der Tür sagt mir, dass er fast zehn Uhr ist.

„Nachmittag bei Ihnen zuhause", bemerkt House, als er meinem Blick folgt. „Sie können sie anrufen, wenn Sie glauben, dass es die Gebühren lohnt."

„Es lohnt sich nicht", erwidere ich so kurz wie möglich und ziehe die Handschuhe von meinen Fingern. Plötzlich will ich keine Sekunde länger mehr hier sein.

Es gibt Tage, an denen er unausstehlich ist, und dann gibt es solche, an denen er mich gegen Wände rennen lässt.

Aber bisher hat er mich nicht dazu gebracht, persönlich zu werden.

Bisher hat er mich nicht mit Privatem provoziert.

„Ihr Geburtstag lohnt sich also nicht", sagt House hinter mir, als ich zur Tür gehe. „Was wiederum meine Theorie untermauert, dass Sie keinen Anlass zum Feiern sehen, ergo Ihr Geburtstag generell ein eher trauriges Ereignis gewesen ist."

Als ich mich umdrehe, hält er den Kopf schräg und schaut mich mit gespielt treuherzigen Augen an. „Ihre Stiefmom hat es mir verraten. Es war der Grund, weshalb sie angerufen hat. Haben Sie ihr nicht Ihre Privatnummer gegeben? Sie sind ein böser Junge, Chase."

„Sie hat mich noch nie angerufen", sage ich so ruhig wie möglich. „Ich dachte, es wäre etwas Wichtiges."

„Dann betrachten Sie sich nicht als wichtig", schlussfolgert House. „Interessant."

„Gute Nacht, House."

„Feiern Sie schön!" ruft er hinter mir her, bevor ich die Glastür hinter mir schließe.