Zwischen Traum und Wirklichkeit
Sie wollte etwas sagen, doch es ging nicht mehr. Verzweifelt hielt er sein Ohr an ihren Mund, schüttelte sie sanft, damit die Worte leichter aus ihrem Mund purzeln konnten, doch da war nur dieses Röcheln, das ihm inzwischen so bekannt vorkam.
Er wusste, dass es vorbei war, wahrhaben wollte er es aber deshalb noch lange nicht. Fieberhaft suchte er in seinem Kopf nach den richtigen Worten, nach denen, die sie ihm jetzt sagen wollte, doch letztendlich waren es doch nur Wörter. Aneinandergereihte Silben, nicht viel mehr. Das Schlimme war—viel schlimmer jedes fehlende Wort—dass ihr Kampf nur noch ein Gefühl zuließ: Angst. Es war das einzige, was ihre Augen sagten.
Er wollte nicht, dass sie so starb.
Ein weiteres Mal nahm er sie ein Stück nach oben und schüttelte sie. Diesmal nicht, damit es die stummen Worte leichter hatten, sondern damit sie sich auf ihn konzentrierte, ihre Angst einen Moment lang überwand und ihm in die Augen sah. Es dauerte etwas, bis sie das verstanden hatte, aber dann hatte er ihre Aufmerksamkeit und spürte das intensive Brennen ihres Blickes auf seiner Haut.
"Du musst dich beruhigen. Ruhig atmen", erklärte er und machte es sogleich vor. Es endete in einem kurzen Hustenanfall.
Sie antwortete wieder mit den Augen: Es geht nicht.
"Okay", wisperte er und überlegte, was er tun konnte. Der Raum war leer, als er sich umsah, es gab nur sie und ihn. Also überlegte er, was er selbst zu bieten hatten.
Nach einer Weile öffneten sich seine spröden Lippen leicht und ein rauer, fast verschluckter Ton kam aus seiner Kehle. Er räusperte sich und setzte erneut an, immer darauf bedacht, dass sie ihre Augen nicht von ihm nahm.
"Shhhh, weine nicht, schlafe kleines Baby", begann er zu singen, "schlafe kleines Baby. Wenn du erwachst, wirst du, all die hübschen kleinen Pferdchen haben, all die hübschen kleinen Pferdchen."
Seine Stimme blieb brüchig und er hielt kurz inne, betrachtete ihre Augen, die die Farbe geändert zu haben schienen. Sie sagten jetzt, dass es besser war.
Er setzte wieder an.
Nach der zweiten Strophe schloss sie die Augen, nach der dritten hörte sie auf zu atmen. Er sang trotzdem bis zum letzten Ton, auch wenn es zum Schluss nur noch ein zaghaftes Summen war, das sonor seinen Körper verließ.
Danach war es still.
Erst nach einigen Minuten erfüllte wieder ein Geräusch den plötzlich abgekühlten Raum. Die Tür öffnete sich und House musterte den Eindringling. Ein kurzes, begrüßendes Nicken folgte.
"Tot?", fragte Foreman und kam näher.
"Ja", antwortete House nüchtern und betrachtete sie. Tot, tot, tot, wiederholte er in seinem Kopf, bis das Wort unwirklich schien und jede Bedeutung verloren hatte.
Foreman ging neben House in die Hocke und legte seine Finger an ihren Hals. "Tot", bestätigte er nochmals. "So wie ich."
Gedankenverloren nickte House.
"Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?" Foreman verharrte in seiner Position direkt neben House und sah ihn eindringlich, ja fast ein wenig besorgt an.
House schüttelte sich, doch das Gefühl der Trance blieb, ließ sich nicht einfach ablegen. "Was?", fragte er verwirrt nach und versuchte die gerade gesprochenen Wörter in seinem Kopf zu rekonstruieren und zu ordnen. Tot, sie, ich.
"Ich bin gestorben, wissen Sie noch?"
Er verstand es nicht gleich, verstand auch nicht, was passierte, aber plötzlich spürte House wieder die Straße unter seinen wunden Knien und alles kam zurück. "Ja, ich erinnere mich."
"Was jetzt?", wollte Foreman wissen und sah dabei so ratlos aus, wie auch House es war.
Dieser zuckte mit den Schultern und studierte wieder ihren schlafenden Körper auf der Suche nach ein bisschen Frieden. "Jetzt ist alles vorbei, nehme ich an."
"Glauben Sie?"
"Ich glaube nicht mehr."
"Haben Sie je geglaubt?"
Ein weiteres ahnungsloses Schulterzucken. "Vielleicht."
Dann bemerkte House, dass ein wenig Blut neben ihm auf den Boden tropfte. Foreman begutachtete bereits die Schusswunde, aus der es langsam herausfloss. Die bedrohliche Flüssigkeit breitete sich nach und nach auf der Erde aus. "Kann ich da noch was machen?", wollte House wissen.
"Ich denke, man kann immer noch was machen, aber nicht hier. Das hier ist schon passiert." Foreman drückte auf die Wunde, doch er wurde nicht panisch, blieb ganz gelassen und sprach weiter, als wäre nichts passiert.
"Was soll das heißen?"
"Wahrscheinlich, dass Sie jetzt nach vorne schauen müssen. Auf das, was Sie noch beeinflussen können", erklärte Foreman, doch so sicher schien er sich da nicht.
"Bleiben Sie hier bei ihr?"
"Wenn Sie wollen."
Er wollte, dass sie nicht allein war, also nickte er und überlegte, ob sie nun für immer schlafen würde oder wie Foreman eine Art zweites Leben bekam. Vielleicht ja erst, wenn er weg war. "Ich muss gehen", sagte er deshalb und versuchte sich mit seinen schwachen Gliedern aufzurichten, doch es gelang ihm nicht.
"Ich helfe Ihnen", sagte Foreman und griff ihm unter die Arme. Er bewegte sich leicht und mühelos, was House ein wenig neidisch machte. Auch er wollte endlich von den ganzen Lasten befreit werden und mit leichtem Herzen durch die Materie schweben.
Als er stand, schien Cuddy immer weiter weg. Mehr und mehr schien sie sich von ihm zu entfernen, doch er wusste nicht, ob er schon bereit dafür war, sie ganz gehen zu lassen. "Halten Sie sie fest!", forderte er Foreman deshalb auf, um Zeit zu gewinnen.
"Wen?", fragte Foreman konfus und schien plötzlich ebenfalls von ihm wegzurücken.
"Na sie!"
"Hier ist keiner."
Ein immer lauter werdendes Dröhnen zwang House dazu, sich erst die Ohren zuzuhalten und dann irgendwann die Augen zu schließen. Es drohte seinen Kopf einfach so mir nichts, dir nichts explodieren zu lassen. Er hielt das nicht mehr aus.
Als er es unter Schmerzen schaffte, seine Augen einen winzigen Spalt breit zu öffnen, war sie tatsächlich weg und Foreman wieder ein Stück von ihm abgerückt. Seine Lippen bewegten sich, doch er verstand nicht, was er sagte. "Was?", schrie er erschöpft und so laut er nur konnte.
Foremans Lippen bewegten sich erneut und dann wieder und wieder und wieder. Es waren immer die gleichen Worte, die seinen Mund verließen, doch es dauerte, bis House auch nur eine Silbe davon verstand. "Können Sie mich hören?", war es, was er schließlich entschlüsseln konnte.
"Ja", erwiderte House, doch es war nicht die kräftige, schrille Stimme, mit der er die Worte eigentlich sprechen wollte, die erklang. Stattdessen war es ein ganz zaghaftes, fast nicht vernehmbares Wort, das er in seinen eigenen Ohren hörte. Er musste die Augen wieder schließen.
"Hey, können Sie mich hören?", wurde er erneut gefragt, doch die Stimme klang jetzt nicht mehr wie die von Foreman. Er war zu schwach, um die Augen noch einmal zu öffnen.
"Ich glaube, er war kurz wach, aber er ist zu erschöpft, um bei Bewusstsein zu bleiben", sagte die Stimme von eben und schien so weit weg, wie es Foreman gerade noch war. "Gib mir das Wasser von da drüben."
House spürte die labende Flüssigkeit, die seine Lippen benetzte und sich so gut wie schon lange nicht mehr anfühlte.
"Hast du in seinem Rucksack was gefunden?" Die Stimme kam immer näher.
"Sein Name ist Gregory House", antwortete eine andere Stimme.
"Wir sollten ihn auf die Liste setzen lassen, wenn wir da sind."
House verstand nicht. Alles was er wusste, war, dass Foreman tot war und er hoffte, für immer schlafen zu können, um diese Erschöpfung endlich aus seinen Knochen zu bekommen. Seine Lippen wurden ein weiteres Mal befeuchtet und kurz danach schlief er wieder ein. Es sollte nicht für immer sein, so wie er es sich gewünscht hatte.
Und so bekam er nicht mit, wie der Militär-Transporter mit dem lautstark dröhnenden Motor, in dem er sich befand, weiter gen Süden fuhr, über Stock und Stein holperte und die Menschen einsammelte, die sich und die Welt aufgegeben hatten.
