Harry verschlief den größten Teil des neunten Morgens und auch beinahe den Zehnten, so müde war er. Ein Glück, dass sein Schlaf so leicht war, dass er Ginnys Schritte auf der Treppe hörte und davon erwachte. Er war viel zu aufgeregt, als das er wirklich leise sein konnte, in Windeseile war er unter die Dusche gesprungen, putzte sich die Zähne und zog sich an. Ron hatte von alledem nichts bemerkt, er schnarchte immer noch in ihrem gemeinsamen Zimmer.
Ginny musste schon längst fort sein, trotzdem schlich Harry die letzten Stufen hinunter und fand sich dann auf der sonnenüberfluteten Veranda wieder. Er war später als sonst, doch er hatte keine Zweifel, dass Tonks, sofern sie schon da war, auf ihn warten würde. Nein, das Nymphadora auf ihn warten würde. Es wurde Zeit, dass er sich diesen Namen angewöhnte, immerhin war da irgendwas zwischen ihnen, auch wenn sie um Bedenkzeit gebeten hatte. Schließlich stand er noch einmal auf, lief ein wenig ziellos im Haus umher, um dann schließlich in die Küche zu gehen und sich einen Tee aufzubrühen. Er war nervös, das konnte er nicht leugnen. Was würde sie ihm zu sagen haben, wenn sie zurückkehrte?
Das Wasser schien ewig zu brauchen und verärgert trat er gegen den Herd. Die Zeit sollte schneller vorbei gehen. Er war nie in seinem Leben aufgeregter als jetzt gewesen. Als nach einer Ewigkeit endlich das Wasser kochte, nahm er zwei Tassen aus dem Schrank, eine rote und eine grüne. Harry hatte nie einen unangenehmeren Morgen als diesen hier verbracht und eigentlich auch nie einen schöneren.
Mit den dampfenden Tassen in der Hand eilte er nach draußen und ließ sich wieder auf die Treppenstufen sinken. Der Wind malte Muster in das Kornfeld und der Zaun begann zu klappern, als eine besonders starke Windböe durch den Garten fuhr. Der Wind wehte ihm die Haare ins Gesicht doch Harry störte sich an nichts. Für ihn war der Morgen geradezu perfekt. Wenn nur Tonks sich endlich blicken lassen würde. Er gähnte herzhaft. Die eine Nacht, die er beinahe ohne Schlaf verbracht hatte, zehrte doch mehr an seinen Reserven, als er angenommen hatte.
Er nahm einen Schluck Tee und sah weiter hinaus. Die Sonne stieg stetig und die Minuten verstrichen. Nichts geschah.
Harry setzte sich auf und lief bis zum Gartentor und wieder zurück. Kein Lebenszeichen von Tonks. War ihr etwas zugestoßen? Er konnte sich doch nicht so in ihr getäuscht haben? Unmöglich!
Sein Herz raste, als er noch einmal loslief, mit schnellen Schritten war er am Rand des Kornfelds, doch auch hier nur die leisen Seufzer des Windes. Alles wird gut, beruhigte er sich selber. Wahrscheinlich hatte Tonks einfach verschlafen. Sie hatte ihm doch gesagt, dass sie nicht viel schlief in letzter Zeit.
Er durfte sich nicht immer wie ein verschrecktes Kind verhalten, wenn er sie halten wollte. Vielleicht war das der Grund, warum sie überhaupt alles überdenken musste. Und was war, wenn sie bei all dem Nachdenken zu dem Entschluss gekommen war, dass er nicht der Richtige für sie war? Die Angst war wieder da und sie nagte an ihm.
Schließlich zwang er sich, sich wieder auf die Verandastufen zu setzen und abzuwarten. Etwas Besseres konnte er sowieso nicht tun.
Aus den Minuten wurden bald Stunden und im Haus regten sich die ersten müden Gestalten. Harry betete inbrünstig, dass niemand hinaus kommen möge und ihn hier sitzen sah, verzweifelt mit zwei Teetassen auf der Veranda, wartend auf etwas, das nicht kommen wollte. Der Tee war mittlerweile kalt geworden. Harry hatte ihn nicht wieder angerührt. Doch er hatte Glück. Niemand steckte den Kopf durch die Türe, um zu sehen wo er blieb, oder um ihn zum Frühstück zu rufen, er hätte es in diesem Moment nicht einmal ertragen, wenn jemand auch nur heimlich nach ihm gesehen hätte, denn er fühlte sich wirklich elend.
Er konnte sich doch nicht so getäuscht haben? Es hatte in Harrys Leben immer Punkte gegeben, an denen er schwer getroffen wurde, dennoch war er der Meinung, dass sich am Ende immer alles zum Guten wendete. Bis zu Sirius Tod, doch auch hier hatte er das Gefühl gehabt, dass all das durch Tonks irgendwie ausgeglichen wurde. Jetzt war das Gefühl fort und er spürte so klar wie nie, dass sein Pate für ihn verloren war. Und Tonks auch, fügte eine gehässige Stimme in seinem Inneren hinzu, doch gegen diesen Gedanken wehrte er sich heftig. Tonks war nicht verloren. Sie verspätete sich nur. Vielleicht hatte sie einfach nur verschlafen und traute sich nicht, am helllichten Tag her.
Die Turmuhr unten im Dorf schlug Elf. War die Zeit wirklich so schnell vergangen? Saß er wirklich schon seit so vielen Stunden hier draußen? Kein Wunder, dass sein Tee kalt wurde. Er nahm einen Schluck. Es schmeckte furchtbar.
Eine Gestalt kam den Weg am Kornfeld entlang. Harry konnte sie nicht erkennen, dafür war sie zu weit entfernt, doch er war sich sicher, dass es eine Frau war. Tonks?
Seine Füße bewegten sich beinahe von selbst bis zum Gartentor, die letzten paar Schritte rannte er, trat das Tor im Laufen auf und stand ein wenig atemlos auf dem Feldweg vor dem Fuchsbau.
Wenn es Tonks war, dann hatte sie es nicht eilig. Als die Person jedoch um die Ecke bog, erkannte er, dass es nicht Tonks war. Die Enttäuschung schwappte über ihn hinweg, wie eine Welle am Meer. Es war Ginny. Sie trug eine Tasche über dem Arm und ihr Gesicht verriet ihre Gefühle nicht.
Eigentlich hatte Harry verschwinden wollen, er wollte mit niemandem reden, doch seine Füße gehorchten ihm scheinbar nicht und so blieb er wie angewurzelt stehen, bis sie heran war.
„Hallo Harry", rief sie ein wenig verwundert als sie ihn sah. „Wartest du auf jemanden?"
„J... nein."
„Aha", machte sie und lächelte ihn an.
Harry verstand ihr Lächeln nicht.
„Ist alles in Ordnung?", fragte sie leise.
„Nein."
Zu seinem Erstaunen drang sie jedoch nicht weiter auf ihn ein, sondern begann damit, sich umzusehen. „Du bist sehr oft morgens hier, stimmt's?"
„Ja." Langsam kam er sich wirklich dämlich vor, ihr dauernd solche Antworten geben zu müssen.
„Es ist hübsch hier im Sommer", sagte sie leise.
Harry hatte das Gefühl, dass es nun an ihm war, einmal etwas mehr zu sagen als nur„Ja." So sagte er, beinahe flüsternd: „Ginny, wieso kümmerst du dich..." Dann erst fiel ihm auf, dass dies das Falscheste war, was er hätte sagen können. Er hatte Tonks verraten, die ihm das Geheimnis im Vertrauen erzählt hatte.
Seltsamerweise winkte Ginny nur ab. „Mir war klar, dass sie es dir erzählt."
„So? Warum das denn?"
„Weil sie dich sehr gerne hat."
„Meinst du?" Es tat ihm unerklärlicherweise gut, das zu hören, auch wenn es von Ginny kam und nicht von Nymphadora.
„Ja, das meine ich. Ich glaube du hilfst ihr ein wenig."
„Wobei?"
„Mit allem. Sie ist unglücklich, weißt du?"
Ja, das wusste er. Sie hatte es ihm selbst gesagt. Dann befiel ihn das schlechte Gewissen. Hoffentlich fühlte sie sich nicht wegen ihm so schlecht.
„Ich werde jetzt besser reingehen", murmelte sie. „Möchtest du mitkommen?"
Harry musste es jetzt einfach wissen. Und ganz offenbar wusste Ginny mehr. „Ginny, wird sie heute Morgen kommen?"
Ginny atmete tief ein, sah ihm aber nicht in die Augen. „Nein. Nein, ich glaube nicht, dass sie heute Morgen kommen wird. Und ich glaube auch nicht, dass sie an einem anderen Morgen noch einmal zurückkehren wird."
Harry schluckte. „Wie kannst du dir da so sicher sein?"
Dann tat sie etwas eigenartiges, beinahe zärtlich legte sie die Hand auf seine Wange und strich darüber. „Ich bin mir sehr sicher, Harry."
Ginny machte einen Schritt zurück und machte sich dann wortlos auf den Weg zum Fuchsbau. Harry starrte ihr hinterher, er konnte nicht glauben, was sie ihm gesagt hatte. „Ginny!", rief er plötzlich.
Sie wandte sich noch einmal um und sah ihn verwundert an. „Ja?"
„Warum nicht?"
Ginnys Lächeln war nun sehr traurig, er hatte so etwas noch nie bei ihr gesehen. „Weil sie dich liebt." Dann verschwand sie endgültig und schlug die Türe hinter sich zu.
Harry blieb zurück. Er stand immer noch am Gartentor und wusste nicht, was er nun tun sollte. Irgendwie war alles komplett verdreht, alles hatte sich an diesem Morgen so sehr verändert. Er sah sich noch ein letztes Mal um, dann folgte er Ginny nach drinnen. Innerhalb von zehn Morgen war so viel geschehen, wie in einem ganzen Leben sonst nicht geschieht, obwohl eigentlich kaum etwas geschehen war. Verrückt, dachte Harry. Aber wusste der Himmel warum, jetzt musste er sogar lächeln. Vielleicht brauchten manche Dinge einfach zehn Morgen.
