„Guten Morgen, Mr. Lestrange, nehmen Sie bitte Platz."

Rodolphus schüttelte seiner Heilerin die Hand und nahm ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz.

„Wie geht es Ihnen heute? Ich sehe schon, dass Sie sich verändert haben."

Ein paar Tage waren seit dem Vorfall auf dem Dachboden und dem Gespräch mit Hermine vergangen. Rodolphus wusste nicht, was es war, aber er fühlte sich anders, besser. Es war, als hätte sich ein Schalter in seinem Kopf umgelegt. Er hatte ein paar entscheidende Dinge begriffen. Hermines Worte hatten ihm die Augen geöffnet und ihm klargemacht, dass er sich in seinem Leben in einer Sackgasse befand. Bislang hatte er sich vehement geweigert, umzukehren und einen neuen Weg einzuschlagen, weil er nicht bereit gewesen war, die Dinge zu akzeptieren, die er nicht ändern konnte: Bellatrix' Tod und die Tatsache, dass er sein zukünftiges Leben ohne sie meistern musste.

Nachdem Hermine gegangen war, hatte er keine Ruhe mehr gefunden. Schließlich hatte er sich im Bad eingeschlossen und eine lange Dusche genommen. Danach hatte er sich vor den Spiegel gestellt und sich angesehen, was aus ihm geworden war. Die Einsamkeit, der viele Alkohol und die Trauer hatten ihn zu einem Schatten seiner selbst werden lassen. Eine Ewigkeit so schien es, hatte er sich und sein Äußeres völlig vernachlässigt. Beim Gedanken daran, was seine Frau gesagt hätte, wenn sie ihn so gesehen hätte, hatte sich Rodolphus' Magen schmerzhaft zusammengekrümmt. Er hatte noch am selben Abend einen Entschluss gefasst.

„Es geht mir gut, vielen Dank", sagte Rodolphus. Seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren. Er sprach wieder lauter und kräftiger.

„Das freut mich zu hören", sagte die Heilerin. „Wenn ich das sagen darf, Sie sehen sehr gut aus. Man sieht Ihnen sofort an, dass es Ihnen besser geht."

Rodolphus lächelte. Er hatte nicht viel gemacht, aber das, was er gemacht hatte, gab ihm sofort neues Selbstvertrauen und eine ganz andere Wirkung nach außen. Dabei hatte er sich nur rasiert, anständig angezogen und sich daran erinnert, wie es sich für ihn als Reinblüter gehörte, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen.

„Möchten Sie mir erzählen, was passiert ist?", fragte die Heilerin.

Er nickte. „Ja. Es ist eigentlich was ganz banales. Mein Bruder wollte den Dachboden in Ordnung bringen und hat mich und unseren Hausgast…"

„Hermine Granger?"

„Richtig. Er hat uns gefragt, ob wir auch raufkommen. Wir haben alte Sachen von unserer Familie durchgesehen. Ich habe Bilder von meiner Frau gefunden und das hat mich emotional sehr aufgewühlt."

„Was waren das für Bilder?"

„Unter anderem unser Hochzeitsfoto", erklärte Rodolphus. „Ich konnte das nicht ertragen und bin weggelaufen. Das Granger-Mädchen kam mir hinterher und… wir haben geredet."

„Über was?"

„Wir haben beide mal über unsere Gefühle gesprochen. Es hat mich überrascht, dass sie mich so gut verstanden hat. Ich habe mich immer so allein gefühlt, aber auf einmal habe ich verstanden, dass es anderen auch so geht wie mir. Auch andere haben ihr altes Leben verloren oder Menschen, die ihnen sehr viel bedeutet haben."

„Und weiter?" Die Heilerin machte sich eine Notiz auf ihrem Klemmbrett.

„Sie hat mir klargemacht, dass es Veränderungen im Leben gibt, die wir akzeptieren müssen. Sich gegen sie zu sperren, kommt dem sinnlosen Hämmern gegen eine verschlossene Tür gleich. Ich habe meine Frau verloren, ja, aber sie starb nicht umsonst. Wir haben so viel erreicht und sie würde sich bestimmt für mich wünschen, dass ich das Ergebnis all der Entbehrungen, die wir zu durchleiden hatten, genießen kann. Wir haben gewonnen, der Dunkle Lord hat gesiegt und es gibt keinen Grund, an der Vergangenheit festzuhalten. Diese Tür hat sich nämlich geschlossen, es geht jetzt darum, neue, offene Türen zu finden."

Die Heilerin lächelte. „Sehr gut, Mr. Lestrange. Sie haben es verstanden."

„Warum? Warum so? Dieses Mädchen ist… muggelgeboren, sie kennt unsere Welt überhaupt nicht. Sie steht gegen alles, wofür mein Bruder und ich stehen. Sie hat meine Frau verabscheut, sie verabscheut den Dunklen Lord. Aber warum kann ausgerechnet sie mir sowas sagen?"

„Ich denke, das liegt daran, dass die Menschen manchmal nicht so unterschiedlich sind, wie es auf den ersten Blick erscheint, Ms. Lestrange. Sie mögen vielleicht auf unterschiedlichen Seiten stehen, aber das heißt nicht, dass Sie sich nicht verstehen können. Es kann manchmal passieren, dass gerade die Menschen uns am besten verstehen, die uns fremd sind und von denen wir glauben, wir hätten mit ihnen nichts gemeinsam. Ich nehme an, dass Ms. Granger sich mit ihrem neuen Leben bei Ihnen und Ihrem Bruder arrangieren muss. Wie kommen Sie miteinander zurecht?"

„Es scheint sehr gut zu funktionieren. Wir kommen miteinander aus", sagte Rodolphus. Er lächelte „Sie ist eine stille, kleine Maus. Eigentlich sitzt sie nur tagein, tagaus in der Bibliothek und liest. Ich verstehe nicht so ganz, warum sie bei uns ist. Mein Bruder scheint irgendwie einen Narren an ihr gefressen zu haben. Ich weiß nicht, ob mir das gefallen soll."

„Ist da mehr zwischen den beiden?"

„Merlin, bewahre!", meinte Rodolphus. „Ich hoffe nicht, aber so wie ich Rabastan kenne… Vor Jahren sind wir ihr und ihren Freunden schon mal begegnet. Seitdem redet Rabastan andauernd von ihr. Er war seitdem ganz versessen darauf, sie kennenzulernen."

„Wie ist sie so? Beschreiben Sie sie doch mal. Ihr Bruder muss ja einen Grund haben, dass er so angetan von ihr ist."

„Sie scheint grundsätzlich ein nettes Mädchen zu sein", sagte Rodolphus langsam. „Sie ist hübsch und intelligent. Wie gesagt, ein totaler Bücherwurm. Als sie zu uns kam, muss sie sehr schwer krank gewesen sein. Sie war in Askaban und wäre beinahe gestorben. Durch ihre lange Flucht, so hat Rabastan es erzählt, war sie stark abgemagert. Sie hatte wohl Glück, dass mein Bruder sie aufgenommen hat. Sie ist immer sehr schüchtern und ich habe so den Eindruck, dass sie selbst nicht ganz weiß, was sie eigentlich bei uns soll. Sie mag meinen Bruder, das sieht man an den Blicken, die sie ihm zuwirft."

„Und Ihr Bruder mag sie auch?"

„Auf jeden Fall."

„Was wäre so schlimm daran, wenn sich etwas zwischen den beiden entwickelt?"

Rodolphus verzog das Gesicht. „Der Altersunterschied und… Sie ist nicht aus einer reinblütigen Familie. Es reicht, dass sie bei uns wohnt. Grundsätzlich würde ich mich für meinen Bruder freuen, wenn er endlich mal eine Frau findet…"

„Aber?"

„Aber eine, die zu ihm passt und… nicht gerade seine Tochter sein könnte."

Rodolphus schossen kurz Hermines Worte in den Kopf, die sie ihm unter Tränen gestanden hatte. Dass hinter der Tür, die sich für sie geöffnet hatte, Rabastan auf sie wartete.

„Was ist mit Ihnen, Mr. Lestrange? Könnten Sie sich vorstellen, nochmal eine Beziehung mit einer anderen Frau einzugehen?"

Rodolphus brauchte lange, bis er antwortet. „Ich schließe es nicht aus", sagte er dann. „Aber im Moment glaube ich das nicht. Ich sehe zwar allmählich wieder eine Zukunft, aber so etwas kommt darin nicht vor. Auch wenn ich jetzt den ersten Schritt getan habe, ist meine Frau immer noch zu sehr präsent in meinem Leben."

Er sah nach unten auf seine Hand, an der er nach wie vor seinen Ehering trug.

„Ich sehe, dass Sie den immer noch tragen."

„Ich habe es nicht über mich gebracht, ihn abzunehmen."

„Geben Sie sich Zeit. Es wird kommen."

Rodolphus hatte noch seine Zweifel.

„Kommen wir mal auf Ihre Frau zurück", sagte die Heilerin schließlich, nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatten. „Der Abend vor der Schlacht, um diesen Abend haben Sie bisher in Ihren Erzählungen einen Bogen gemacht und ich hatte das Gefühl, dass es Ihnen sehr unangenehm ist, darüber zu sprechen. Hat sich das inzwischen geändert?"

„Ich denke schon, ja."

„Wollen Sie es mir heute erzählen, was damals passiert ist?"

Rodolphus bejahte mit einem Nicken. „Bellatrix und ich hatten uns sehr heftig gestritten. Nachdem ich meine Verletzung erlitten hatte, konnte ich nicht mehr so gut kämpfen und habe mich meist zu Hause verkrochen. Ich habe damals schon oft sehr viel getrunken. Bellatrix war wütend auf mich deswegen. Sie hat mich als Nichtsnutz und als Versager beschimpft. Ich hab es ihr nicht mal übelgenommen, weil genauso habe ich mich nämlich gefühlt. Wir haben damals bei ihrer Schwester gewohnt. Ich bin auf mein Zimmer gegangen und habe mich ins Bett gelegt. Ich wollte nichts mehr hören und sehen. Es war schon spät und ich war schon fast eingeschlafen, als plötzlich die Tür aufgegangen ist und Bella ins Zimmer kam. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, was los ist. Sie kam zur mir ins Bett, hat die Decke weggezogen, sich auf mich gesetzt und hat angefangen, mich zu küssen."

Während er erzählte, wurde sein Mund seltsam trocken und er musste einen Schluck Wasser nehmen.

„Wieso hat sie das gemacht?", fragte die Heilerin.

„Fragen Sie mich bitte nicht. Im ersten Moment war ich ganz schön vor den Kopf gestoßen, aber dann habe ich mitgemacht. Wir hatten Sex miteinander. Es ging alles so schnell. Es war kurz, aber sehr intensiv. Das wühlt mich heute noch ein bisschen auf, weil es der erste Sex seit unserer Inhaftierung in Askaban war. Als wir fertig waren, überkam mich so ein komisches Gefühl. Ich bekam Angst."

„Angst?"

„Ja. Ich hatte plötzlich Angst, dass es unser letzter gemeinsamer Moment sein könnte. Es gab so viele Dinge, die ich Bella gerne gesagt hätte, aber für die ich nie den Mut aufgebracht habe, und ich hatte panische Angst, dass ich keine Gelegenheit mehr dazu haben würde. Ich habe alles in einen Satz gelegt."

„Was haben Sie gesagt?"

„Ich habe gesagt: „Bella, ich liebe dich"."

„Wie hat Ihre Frau reagiert?"

„Es war das erste Mal in all den Jahren unserer Ehe, dass ich meine Gefühle für Bellatrix laut ausgesprochen habe. Bella hat mich angesehen und ich glaube, sie wollte etwas sagen, aber in dem Moment hat unser Dunkles Mal gebrannt. Der Dunkle Lord hat uns gerufen."

„Ihre Frau hat nichts gesagt?"

„Nein. Sie ist aufgestanden und hat sich schnell angezogen. In der Tür hat sie mir einen letzten Blick zugeworfen. Ich kann mich heute noch an ihr Gesicht erinnern, als wäre es gestern gewesen. Dann ist sie einfach hinausgegangen. Wir haben nicht mehr miteinander gesprochen. Wir mussten nach Hogwarts, der Dunkle Lord hatte uns in die Schlacht gerufen. Wir mussten kämpfen und ich habe Bella im Getümmel aus den Augen verloren. Erst später, als wir in der Großen Halle waren, habe ich sie das letzte Mal gesehen. Wo sie…" Rodolphus brach ab. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen. „Entschuldigung."

„Das haben Sie sehr gut gemacht, Mr. Lestrange", sagte die Heilerin beruhigend. „Sie haben große Fortschritte gemacht."

„Finden Sie?"

„Ja, durchaus. Wir haben uns sehr lange auf der Stelle bewegt, aber offenbar hat Hermine Granger etwas angestoßen."

„Offenbar."

„Sie sagten, Hermine Granger könne Ihre Situation nachvollziehen. Sie meinen, weil Harry Potter tot ist? Er war ihr bester Freund, nicht wahr?"

„Ja. Sie hat alle ihre Freunde verloren und auch ihre Familie. Sie ist immer sehr traurig und ich glaube, sie versteckt sich in der Bibliothek hinter ihren Büchern, weil sie… weil sie trauert und das auch verdrängt. Was sie zu mir gesagt hat…" Rodolphus hielt inne.

„Ja?", sagte die Heilerin.

„Sie hat denselben Schritt getan wie ich. Das kommt mir jetzt erst. Sie hat sich auch gewisse Dinge eingestanden. Wir sind in derselben Lage und sind jeder anders damit umgegangen. Sie ist vor den Tatsachen weggelaufen und ich habe die Tatsachen im Alkohol ertränkt."

„Wie geht es Hermine denn jetzt? Geht es ihr ebenfalls besser so wie Ihnen?", wollte die Heilerin wissen.

„Ich glaube nicht. Seit unserem Gespräch verkriecht sie sich wieder in ihrem Zimmer und ich glaube, sie weint. Sie ist auch nicht beim Essen. Rabastan macht sich natürlich Sorgen, weil das eigentlich wieder ein Rückschritt ist, aber er will sie nicht drängen."

„Wissen Sie was, ich habe eine kleine Hausaufgabe für Sie", sagte die Heilerin und machte sich sogleich eine Notiz. „Sie werden jetzt dasselbe für Hermine tun, was sie für Sie getan hat. Suchen Sie das Gespräch und geben Sie ihr Hilfestellung."

„Das kann ja heiter werden", meinte Rodolphus und zog skeptisch eine Augenbraue nach oben.


Rabastan verstand die Welt nicht mehr. Nachdem Hermine Rodolphus nachgegangen und mit ihm gesprochen hatte, schloss sie sich wieder in ihrem Zimmer ein und vermied jeden Kontakt mit ihm. Rodolphus hingegen hatte binnen kurzer Zeit einen völligen Sinneswandel durchlebt. Er hatte sich schlagartig verändert und schien fast wieder der alte zu sein. Rabastan wusste nicht, was los war.

In der vergangenen Woche war er oft in der Absicht vor Hermines Zimmertür gestanden, mit ihr zu reden und zu fragen, was passiert war. Er hatte nicht gehört, was sie und Rodolphus gesprochen hatten, und konnte sich überhaupt keinen Reim darauf machen, warum sie sich wieder so zurückgezogen hatte. Der Fortschritt von Wochen war dahin. Wenn Rabastan nicht so erfreut über die Veränderung seines Bruders gewesen wäre, wäre er sauer auf Rodolphus gewesen.

Als er vor Hermines Zimmer stand, konnte er sie drinnen weinen hören und sein Magen zog sich unangenehm zusammen. Er hatte so sehr gehofft, dass die schlimmen Zeiten überwunden seien, doch offenbar stand die vermeintliche Verbesserung auf wackligen Füßen. Er wagte es nicht, anzuklopfen und der Grund dafür war, dass er Angst hatte, Hermine könne ihn von sich stoßen und wolle ihn nicht bei sich haben. Eine mögliche Zurückweisung war für ihn das erdenklich Schlimmste.

Schließlich gab er frustriert und ratlos auf und ging in den Salon. Rodolphus kam gerade von seiner Therapiestunde nach Hause. Als Rodolphus seinen Bruder grüßte, gab dieser nur ein mürrisches Brummen von sich.

„Immer noch kein Glück gehabt?", fragte Rodolphus.

„Nein. Verdammt, es geht ihr mies und ich weiß nicht, was ich tun soll", meinte Rabastan entnervt und warf die Hände in die Luft. „Sie hat sich eingeschlossen. Ich… Ich trau mich nicht, zu ihr zu gehen."

„Soll ich es mal versuchen?", bot Rodolphus an.

„Du bist doch für die ganze Misere verantwortlich!", schimpfte Rabastan. „Nachdem ihr miteinander geredet habt, ist sie so komisch geworden. Was hast du zu ihr gesagt?!"

„Ich seh mal, was ich machen kann."

Kurz darauf stand Rodolphus vor Hermines Zimmer. Er konnte sie deutlich weinen hören, aber im Gegensatz zu Rabastan klopfte er an. Das Weinen verstummte für einen Moment.

„Ich will niemanden sehen", ertönte eine leise Stimme von innen. „Bitte gehen Sie, Rabastan."

„Ich bin nicht Rabastan, hier ist Rodolphus. Darf ich mal reinkommen?"

Er bekam keine Antwort, aber er nahm sich vor, hartnäckig zu bleiben.

„Rabastan macht sich große Sorgen um Sie, Ms. Granger. Ich würde gerne mal mit Ihnen reden."

Die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet. Mit verweintem Gesicht blickte Hermine zu ihm auf.

„Darf ich?"

Sie sah ihn verwundert an, aber nickte schließlich und ließ ihn widerwillig ein. Sie ging zum Bett zurück, Rodolphus folgte ihr in einigem Abstand. Ihre Augen waren vom vielen Weinen gerötet und sie war blass.

„Ich hab Sie seit einer Woche nicht gesehen", sagte Rodolphus. „Wollen Sie denn nicht mal runterkommen? Rabastan und ich würden uns freuen, wenn Sie uns wieder beim Essen und im Salon Gesellschaft leisten."

Sie antwortete nicht und wich seinem Blick aus.

Langsam ließ sich Rodolphus neben ihr auf dem Bett nieder. „So ein großes Mädchen wird doch wohl nicht weinen", raunte er und strich ihre Haare zur Seite, sodass er ihr Gesicht besser sehen konnte.

„Was ist los mit Ihnen? Seit unserem Gespräch sind Sie nur noch hier oben und verstecken sich. Möchten Sie es mir erzählen?"

Sie schüttelte den Kopf.

„Wissen Sie, Ms. Granger, ich finde es ein bisschen komisch, dass Sie mir einerseits die Augen für so vieles geöffnet haben, aber andererseits offenbar selbst nicht an Ihre eigenen Worte glauben", bemerkte Rodolphus.

Sie sah ihn erstaunt an.

„Sie haben mir wirklich geholfen", fuhr Rodolphus fort. „Ich habe viel über Ihre Worte nachgedacht und habe verstanden, dass ich etwas ändern muss. Dass es so nicht weitergehen kann."

„Sie haben sich verändert", meinte Hermine leise.

„Das verdanke ich Ihnen. Aber wie schon gesagt, scheinen Sie in Ihre eigenen Worte kein Vertrauen zu haben."

Sie sah betreten nach unten.

„Ich kann mir ungefähr vorstellen, was jetzt in Ihnen vorgeht", sagte Rodolphus. „Meine Situation hat Ihnen selber einiges klargemacht, oder?"

Sie gab einen erstickten Schluchzer von sich.

„Alle meine Freunde sind entweder tot oder irgendwo da draußen. Ich werde sie nie wieder sehen. Ich bin ganz allein", sagte Hermine traurig. Ein paar stumme Tränen rannen ihre Wangen hinab.

„Das sind Sie nicht", widersprach Rodolphus.

„Doch, das bin ich."

„Nein. Wissen Sie noch, was Sie über die Türen gesagt haben? Dass sich manche Türen schließen und sich andere dafür öffnen?"

„Ja. Ich wünsche mir heute, dass die Türen besser geschlossen geblieben wären. Rabastan hätte mich in Askaban lassen sollen", sagte Hermine. „Dann wäre ich heute an einem Ort, an dem ich keine Sorgen mehr hätte."

„Sagen Sie das nicht!", entgegnete Rodolphus sofort. „Das ist doch Unsinn! Dinge passieren immer aus einem bestimmten Grund. Eine Sache löst viele andere Sachen aus. Wären Sie nicht gefangengenommen worden, wären sie nicht nach Askaban gekommen. Wären Sie nicht nach Askaban gekommen, dann wären Sie heute nicht hier bei uns. Und sie hätten mir nicht helfen können."

Sie sah ihn mit verweinten Augen an.

„Sie sind nicht allein. Sie haben vielleicht Ihre Freunde und Ihre Familie verloren, aber dafür haben Sie Rabastan gewonnen. Die Schlacht und der Krieg sind vorbei, diese Türen haben sich geschlossen. Aber neue Gegebenheiten eröffnen immer auch neue Möglichkeiten. Man muss sie nur wollen und annehmen können. Ich konnte das lange Zeit nicht, aber jetzt kann ich es. Und ich weiß, Sie können das auch."

„Wir haben verloren. Es ist alles vorbei. Was sind denn meine Möglichkeiten?", fragte Hermine.

„Sie haben unglaublich viele Möglichkeiten. Feiern Sie das Geschenk des Lebens. Ihre Freunde würden doch nicht wollen, dass Sie Ihr Leben wegwerfen und in Trauer verweilen, oder?"

Hermine schüttelte den Kopf.

„Sehen Sie. Seien Sie dankbar für das, was Sie haben. Sie haben eine zweite Chance bekommen Nutzen Sie die."

„Was soll ich denn tun?", fragte Hermine.

„Als Erstes wischen Sie sich mal die Tränen ab", sagte Rodolphus. „Und dann werden Sie durch diese Tür schreiten", er deutete auf Hermines Zimmertür, „und sehen, was sich dahinter verbirgt. Ich wette, dass Sie da schnell fündig werden." Rodolphus grinste und nickte mit dem Kopf in Richtung Tür. Rabastan war auf dem Flur erschienen und lugte vorsichtig ins Zimmer.

Von diesem Tage an dachte Hermine nicht mehr zurück. Sie hatte verstanden, dass die Vergangenheit abgeschlossen war. Sie hatte akzeptiert, dass sie nach vorne sehen musste und dass sie ihr neuer Weg zu Rabastan führte. Mit dem Anbruch des Frühlings brach für Hermine ein neuer Lebensabschnitt an. Sie hatte ihr altes Leben zurückgelassen und war bereit, das neue anzufangen.


Hermine saß wieder an ihrem Lieblingsplatz in der Bibliothek, als Rabastan sie fand. Vorsichtig schritt er die Treppe nach oben und wartete, bis sie ihn zu sich bat.

„Hi", sagte sie verlegend und lächelte. „Du darfst raufkommen."

„Du warst den ganzen Tag hier. Ich dachte mir, du musst doch hungrig sein." Er hielt eine Tüte hoch. Ein verlockender Duft nach asiatischem Essen drang an Hermines Nase.

„Magst du chinesisches Essen?", fragte Rabastan.

Hermine nickte und legte ihr Buch beiseite. Rabastan setzte sich neben sie auf den Boden und packte die vielen kleinen Schachteln aus, die er mitgebracht hatte. Hermine nahm Stäbchen vom ihm entgegen und öffnete eine Schachtel mit Frühlingsrollen.

„Ich wusste nicht, dass es Take-away auch in der Zaubererwelt gibt", musste sie zugeben.

„Natürlich, was hast du denn gedacht", meinte Rabastan. „Wenn man dann doch mal was anderes essen will… Ein Freund von mir hat ein Restaurant. Dort gibt es das beste Essen in ganz England. Ich hab die Sachen von dort."

„Das ist köstlich", schwärmte Hermine, nachdem sie einen Bissen genommen hatte. „Himmlisch."

„Kennst du Pyrites? Wahrscheinlich nicht, oder?"

„Nein, tut mir leid."

„Das Restaurant gehört ihm. Er war mal einer von uns", erklärte Rabastan, „aber er kann schon lange nicht mehr kämpfen. Er hat vor etlichen Jahrzehnten schon ein Restaurant in der Winkelgasse übernommen, was damals keinen guten Ruf hatte und vor der Schließung stand. Aber binnen kurzer Zeit hat er den Laden komplett saniert und ein erfolgreiches Geschäft daraus gemacht."

„Verstehe."

„Ich hab ihm im Übrigen von dir erzählt und er würde dich gerne mal persönlich kennenlernen", sagte Rabastan und grinste.

„Alle Welt reißt sich um mich", meinte Hermine und verdrehte die Augen.

„Das merken wir uns mal für die Zukunft. Dann gehen wir mal zusammen essen. Seine Tochter müsstest du aber kennen."

„Seine Tochter?"

„Annegretha Pyrites. Sie hat ein Café in der Winkelgasse."

Hermines Augen weiteten sich. „Etwa das, wo es den besten Schokoladenkuchen der Welt gibt?"

„Genau das."

„Ich liebe den Schokoladenkuchen von dort!", sagte Hermine. „Immer wenn ich mit meinen Eltern…" Sie brach ab und räusperte sich. „Immer wenn ich in der Winkelgasse war, bin ich dort hingegangen, um Kuchen zu essen. Du kennst die Besitzerin?"

„Ja. Annegretha ist die beste Zuckerbäckerin, die man sich vorstellen kann. Sie hat sogar etliche Wettbewerbe gewonnen. Sie ist in ganz Großbritannien bekannt. Schön zu hören, dass wir eine Vorliebe teilen. Ich würde für diesen Schokoladenkuchen sterben."

„Klingt toll", sagte Hermine. Sehnsucht überkam sie. Sie hätte die Winkelgasse gerne einmal wieder besucht. Rabastan sah nachdenklich nach unten. Sie aßen schweigend weiter.

„Es ist schön, dass es dir besser geht", sagte Rabastan.

„Das verdanke ich wohl deinem Bruder."

„Dabei hast du eigentlich ihm geholfen. Ich kann es immer noch nicht glauben, welchen Sinneswandel er durchgemacht hat. Was hast du zu ihm gesagt?"

„Dass man akzeptieren muss, dass sich manche Türen schließen und sich andere dafür öffnen. Er hatte seine Probleme damit und ich wollte das auch lange Zeit nicht sehen. Er und ich sind uns gar nicht so unähnlich. Wir sind beide weggelaufen. Wir haben versucht, gewisse Tatsachen zu verdrängen. Wir haben beide verstanden, dass wir doch eine Zukunft haben können, wenn wir es nur wollen."

Rabastan nickte. „Ich bin dir sehr dankbar dafür, Hermine. Ich dachte, ich hätte meinen Bruder verloren."

„Es hat dich schwer belastet, dass es ihm so schlecht ging, nicht wahr?"

„Ja. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie das war, als ich ihn gefunden habe. Ich hatte wirklich Angst, dass er stirbt. Ein Leben ohne meinen Bruder ist unvorstellbar für mich. Wir haben so viele Dinge zusammen durchgestanden und nie hat er sich von irgendetwas unterkriegen lassen."

„Du hast dir auch um mich sehr viele Sorgen gemacht, oder? Als ich in Askaban war…"

„Ja, das habe ich. Als ich dich halbtot aus der Zelle geholt habe, da dachte ich, du stirbst und ich würde dich gleich wieder verlieren."

„Warum, Rabastan? Warum bin ich so wichtig für dich?"

„Ich weiß es nicht", musste Rabastan zugeben. „Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hast du mich irgendwie beeindruckt. Sechs Halbstarke gegen uns, du vorneweg. Du hast tapfer gekämpft und dass du Dolohow zum Schweigen gebracht hast, hat mich umgehauen. Das hat noch niemand geschafft oder auch nur gewagt. Seitdem will ich dich kennenlernen, will wissen, wie du bist."

„Ihr habt euch aber auch wacker geschlagen", meinte Hermine im Scherz, worauf Rabastan in schallendes Gelächter ausbrach.

„Das haben wir wirklich." Er räusperte sich und wurde wieder ernst. „Wir haben uns total blamiert."

„Und? Jetzt, da du mich kennengelernt hast, wie stehst du zu mir?", fragte Hermine.

„Du hast alle meine Erwartungen übertroffen", sagte Rabastan grinsend.

Sie aßen schweigend weiter, als Hermine etwas einfiel, was sie schon seit einiger Zeit tun wollte.

„Ich wollte noch gerne sagen, dass…"

„Was?"

Hermine fand nicht die richtigen Worte für das, was in ihr vorging. Sie hatte ihm schon einmal gedankt, aber wollte ihre Gefühle trotzdem ein zweites Mal aussprechen. Beim ersten Mal hatte sie ihm aus Pflichtgefühl und Höflichkeit gedankt, jetzt empfand sie richtige Dankbarkeit.

„Auch wenn ich das Warum nicht verstehe, bin ich dir doch von ganzem Herzen dankbar, dass du mir das Leben gerettet hast", sagte sie und begegnete seinem Blick. Sie verlor sich in seinen warmen, braunen Augen. Sie gaben ihr immer das Gefühl von Geborgenheit.

„Gern geschehen", raunte Rabastan.

Zwischen den beiden war in den letzten Wochen ein inniges Band entstanden. Hermine war heute viel entspannter in seiner Gegenwart als nach ihrer Ankunft im Lestrange-Anwesen. Sie hatte es geschafft, Vertrauen zu fassen und eine Beziehung zu Rabastan aufzubauen. Er gab ihr heute Halt und Zuversicht und es tat ihr gut, nach der langen Zeit der Einsamkeit, in der sie niemandem hatte vertrauen können, und der steten Angst, gefangen genommen zu werden und zu sterben, wieder jemanden gefunden zu haben, der sie beschützte und auf den sie zählen konnte.

„Es gab tatsächlich Momente, in denen ich mir gewünscht habe, dass du es nicht getan hättest, in denen ich mir gewünscht habe, dass du mich einfach in Askaban lässt."

„Und heute?"

„Heute bin ich sehr froh, dass du es getan hast. Vieles ist für mich immer noch schwer zu akzeptieren, aber ich…" Sehr zaghaft berührte sie seine Hand. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. „…ich bin froh über die neuen Dinge, die ich kennenlernen darf. Und ich bereue es nicht, dich getroffen zu haben und hier bei dir sein zu können."

Rabastan war gerührt von ihren Worten. Er erwiderte ihre Geste und ergriff ihre Hand. Mit seinem Daumen strich er zärtlich über ihren Handrücken, was Hermines Magen ein wenig zum Flattern brachte.

„Bist du glücklich hier, Hermine?", fragte er. Hermine konnte die Hoffnung heraushören, die in seinen Worten mitschwang. Er wünschte sich, dass sie glücklich war.

„Ja, das bin ich."

„Das ist schön", sagte Rabastan und lächelte.

Hermines Wangen wurden warm, als er sie anlächelte. Seine Berührung löste ein wunderbares Gefühl in Hermine aus und ihr Herz machte einen Hüpfer. Schon seit längerer Zeit hatte sie den Wunsch nach Nähe zu ihm. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich zu Rabastan mehr als nur hingezogen fühlte. Bislang hatte sie es aber nicht gewagt, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es war vor allem Scham, die sie daran hinderte, auf Rabastan zuzugehen. Durch ihre neu aufkeimenden Gefühle geriet sie in einen Interessenkonflikt. Er war ein Todesser und eine innere Stimme flüsterte ihr immer wieder mahnend zu, dass sie keine Gefühle für ihn haben durfte. Ihr Herz war jedoch stärker als ihr Verstand.

„Wo warst du neulich Abend?", fragte sie schließlich, um das Thema zu wechseln und sich abzulenken. „Hat dich der Dunkle Lord wieder gerufen?"

„Nein, ich hab mich bloß mit ein paar Leuten getroffen, die ich länger nicht gesehen hatte", erklärte Rabastan. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wenn das bei uns so weitergeht, dann kriegen wir einen richtigen Baby-Boom."

„Wieso das denn?", wollte Hermine verwundert wissen.

„Du kennst doch Jugson, oder? Der war damals auch in der Mysteriumsabteilung dabei."

„Ich kann mich dunkel erinnern."

„Er und seine Freundin sind seit knapp vier Jahren zusammen und jetzt ist Nachwuchs unterwegs."

„Oh, das ist schön. Wann ist es denn soweit?"

„Bald, glaube ich. Das kann nicht mehr lange dauern. Und eine Todesserin von uns ist auch schwanger. Das hat uns echt umgehauen."

„Wer? Kenn ich sie?"

„Ich glaube nicht", meinte Rabastan. „Sie ist noch sehr jung und erst seit der Schlacht dabei. Sie heißt Amanda."

„Und sie bekommt auch ein Kind?"

„Ja. Das hat sie uns vor kurzem gesagt. Wir haben wirklich Bauklötze gestaunt. Mir ist schon aufgefallen, dass sie es ein bisschen… zugelegt hatte, aber dass sie schwanger ist, hätte ich nicht gedacht."

„Ist sie auch mit einem von euch zusammen?", fragte Hermine.

„Das ist es ja. Als sie uns das eröffnet hat, waren wir auch deshalb so erstaunt, weil Amanda Single ist. Sie hat gar keinen Freund. Aber wir haben dann schon richtig gemutmaßt."

„Inwiefern?"

„Sie und Thorfinn Rowle haben ein paar Aufträge zusammen erledigt und die beiden haben sich von Anfang an sehr gut verstanden. Sie haben sich auch ab und zu getroffen. Naja, und dann muss es in diesem langen, kalten Winter halt mal einen Abend gegeben haben mit etwas zu viel Alkohol und… Du verstehst hoffentlich, was ich damit sagen will."

„Ja, voll und ganz", sagte Hermine grinsend.

„Rowle ist ein bisschen neben der Spur, seit er es weiß. Vater zu werden war nicht geplant. Die beiden versuchen jetzt, es irgendwie auf die Reihe zu bekommen."

„Wünschen wir ihnen Glück", meinte Hermine. „Möchtest du mal Kinder haben, Rabastan?"

„Eine gute Frage", sagte Rabastan nachdenklich. „Ich habe einen nicht unerheblichen Teil meines Lebens im Gefängnis verbracht. Ich habe Familie und Kinder eigentlich schon vor sehr langer Zeit ad acta gelegt, weil ich dachte, dass ich ohnehin nie eine Gelegenheit dafür haben würde. Jetzt, wo sich alles normalisiert hat und ein bisschen Ruhe eingekehrt ist, wäre eigentlich die Zeit dafür. Aber ich weiß nicht, ob ich ein guter Vater sein könnte. Ich fühle mich gar nicht reif dafür. Was ist mit dir, Hermine?"

„Ich habe mir eigentlich schon irgendwann Kinder gewünscht, aber… in diesen Zeiten. Krieg, Gewalt, Tote… Das ist keine Zeit, in der man Kinder großziehen sollte."

Stille entstand zwischen ihnen. Die Frage nach Kindern führte unweigerlich auch zu der Frage, wie die Zukunft für Hermine aussehen sollte. So wie es jetzt war, konnte es nicht bis in alle Ewigkeit bleiben. Wie sollte ihre Zukunft in der neuen Zaubererwelt aussehen? Würde Rabastan eine Rolle in dieser Zukunft spielen? War möglicherweise er ihre Zukunft? Sie hatte bereits akzeptiert, dass ihr Weg sie in seine Richtung geführt hatte, aber wo der Weg hingehen sollte, das stand noch in den Sternen.

„Ich wollte dir noch sagen, dass wir morgen Besuch bekommen", sagte Rabastan. „Amycus und Alexander kommen zum Essen. Willst du dabei sein?"

„Nach dem Debakel bei deinem Geburtstag, wo ich mich so blamiert habe?", fragte Hermine kleinlaut und versteckte sich hinter ihrer Serviette.

„Ach, das ist doch schon lange vergessen", meinte Rabastan. „Die beiden werden dich wahrscheinlich eher aufziehen. Obwohl Amycus…"

„Was ist mit ihm?"

„Ach, ich mach mir seit einiger Zeit ein bisschen Sorgen um ihn. Der ist mittlerweile genauso betrübt wie Rodolphus es noch bis vor kurzem war. Das wirst du nicht mitbekommen haben, aber er ist vor zwei Jahren nämlich auch Vater geworden."

„Amycus Carrow ist Vater? Du meine Güte", meinte Hermine, die sich im Augenblick nicht vorstellen konnte, wie Amycus Carrow es geschafft haben sollte, eine Frau zu finden und mit dieser ein Kind zu zeugen. Der Todesser war nicht gerade der Inbegriff eines Mannes, um den sich die Frauen rissen, um es diplomatisch auszudrücken.

„Kann man sich schwer vorstellen, oder?", sagte Rabastan, als hätte er Hermines Gedanken gelesen. „Amycus war nie einer, der bei Frauen sonderlich beliebt war. Wir haben ihn früher immer aufgezogen. Nicht wenige haben gescherzt, dass er in Wirklichkeit gar keine Frauen bevorzugt. Und ausgerechnet er hat es geschafft, ein, wie ich gehört habe, sehr hübsches, junges Mädchen ins Bett zu bekommen. Sie muss sehr jung gewesen sein. Die beiden hatten eine Affäre und vor zwei Jahren wurde die Tochter geboren. Alecto muss an die Decke gegangen sein."

„Warum?"

„Ich kenne leider nicht alle Einzelheiten der Geschichte, aber soviel ich weiß, hieß Alecto die Beziehung der beiden nicht gut und sie scheint auch die treibende Kraft dahinter zu sein, dass Amycus keinen Kontakt zu seinem Kind hat."

„Das ist… nicht gut. Ein Kind braucht doch seinen Vater. Warum macht sie das?" Hermine war empört.

„Weiß ich nicht. Aber so wie es aussieht, scheint Amycus die ganze Sache schwer zu schaffen zu machen. Wahrscheinlich will er schon Kontakt zu seinem Kind, aber das stelle ich mir schwierig vor, wenn das mit der Mutter nichts Ernstes ist", mutmaßte Rabastan. „Ich werde ihn morgen mal darauf ansprechen."

Hermine war neugierig geworden. Sie wollte auch mehr Einzelheiten über die Geschichte erfahren.

„Rabastan, ich… wollte dich schon länger mal etwas fragen", begann Hermine vorsichtig. „Das Wetter wird ja langsam schöner und ich würde so gerne mal…"

„Was denn?"

„Darf ich mal in den Garten rausgehen?"

Der Schnee war mittlerweile vollständig weggeschmolzen und allmählich fanden die ersten Frühlingsblumen ihren Weg aus der Erde. Hermine sehnte sich danach, endlich mal an die frische Luft zu kommen und den Garten ansehen zu dürfen. Bislang hatte sie ihn immer nur vom Fenster aus betrachtet.

Rabastan nickte. „Natürlich. Natürlich darfst du nach draußen gehen. Du darfst dich auf dem ganzen Gelände bewegen."

„Würdest… Würdest du mir mal die ganzen Ländereien zeigen?"

„Klar. Wenn es schönes Wetter ist, dann machen wir mal einen Spaziergang."


Der nächste Tag verging ungewöhnlich schnell und ehe es sich Hermine versah, war es schon wieder Abend und die angekündigten Gäste trafen ein.

Hermine trug ein schlichtes, grünes Kleid, passend für den Anlass, hatte aber diesmal auf eine aufwendige Frisur und Schmuck verzichtet. Als sie Alexander Avery und Amycus Carrow zum ersten Mal seit ihrem peinlichen Auftritt bei Rabastans Geburtstagsfeuer gegenübertreten und die Hand schütteln musste, wäre sie am liebsten vor Scham im Boden versunken. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und die Contenance zu wahren. Die beiden Männer waren immerhin so umsichtig, ihre Eskapaden nicht noch einmal zu erwähnen, sodass der Abend unter einem guten Stern begann.

„Ms. Granger", sagte Alexander Avery höflich. „Sie sehen bezaubernd aus, wenn ich das bemerken darf."

„Vielen Dank."

„Und wie ich sehe, ist da jemand wieder aus der Versenkung aufgetaucht", bemerkte Avery, als er Rodolphus erblickte, der die Treppe hinunterschritt.

„Lange nicht gesehen", meinte Rodolphus und schüttelte seinen Todesserkollegen zur Begrüßung die Hand. „Irgendwann muss man ja mal wieder unter Leute, nicht wahr?"

„Schön, dich wieder zu sehen", sagte Amycus Carrow. Hermine musste Rabastan gedanklich zustimmen. Der Carrow-Bruder sah tatsächlich ähnlich betrübt aus wie Rodolphus noch vor einiger Zeit. Seine Stimme klang monoton und leise und es war ihm anzumerken, dass er eigentlich keine Gesellschaft wollte.

„Die Hauselfen haben schon alles vorbereitet", sagte Rabastan. „Gehen wir ins Esszimmer."

Hermine war überrascht, wie leicht ihr Unterhaltungen mit den Todessern von der Hand gingen. Sie hatte keine Probleme mehr mit den Männern zu sprechen und musste sogar feststellen, dass sie dem Abend einiges abgewinnen konnte. Rabastan war sichtlich erleichtert, dass alles glimpflich ablief. Sie saßen nebeneinander und ab und zu ergriff Rabastan ihre Hand unter dem Tisch und drückte sie, um ihr zu zeigen, dass sie sich gut machte.

Nach dem Essen versammelten sich alle bei Cocktails im Salon. Tipsi reichte ein Tablett mit Gläsern herum. Aus Rücksicht auf Rodolphus hatte Rabastan den Hauselfen angeordnet, nur alkoholfreie Getränke zu servieren.

„Ihr müsst entschuldigen, aber durch meine… nennen wir es mal Auszeit, bin ich… bin ich leider nicht mehr wirklich auf dem Laufenden", sagte Rodolphus. „Deshalb würde ich gerne wissen, was bei euch so los ist."

„Momentan nicht viel", sagte Avery, der auf dem Sofa Platz genommen hatte. „Es ist alles ruhig. Nachdem wir einen Angriff auf Askaban und das Ministerium durch den Widerstand vereitelt haben, ist nichts mehr passiert. Sie halten sich zurück. Wahrscheinlich wollen sie keinen Kampf und Verluste riskieren."

Hermine hoffte insgeheim, dass Avery Recht hatte und der Widerstand vernünftig war. Sie glaubte nicht, dass sie es ertragen könnte, wenn sie von Verletzten oder Toten erfahren sollte. Und dabei dachte sie nicht zuvorderst an ihre Freunde draußen, sondern an Rabastan, der neben ihr saß.

„Wie ist es in der Schule, Amycus? Kommst du mit den Kindern klar?", fragte Rabastan.

Amycus ließ sich zu einem schwachen Grinsen hinreißen. „Es ist schon in Ordnung. Es ist ja jetzt mein drittes Schuljahr und ich habe langsam mehr Übung. Alecto und ich haben die Kinder schon im Griff."

„Deine Schwester hat ja ziemlich stark abgenommen, oder?", bemerkte Avery. „Ich hab sie, als Weihnachtsferien waren und ich mit meiner Tochter unterwegs war, in der Winkelgasse getroffen. Ich hab sie zuerst gar nicht erkannt."

„Ja, ja. Ich bin richtig stolz auf meine kleine Schwester", sagte Amycus. „Sie bekommt von allen jetzt immer Komplimente."

Hermine erinnerte sich an Alecto. Bei Rabastans Geburtstag war sie sichtbar schlanker gewesen.

„Sie haben eine Tochter, Mr. Avery?", fragte Hermine.

„Ja", sagte Avery. „Sie ist 15, sie geht noch zur Schule."

„Wie ist das so mit einem Teenager allein?", fragte Rodolphus.

Avery lachte. „Es ist… anstrengend, vor allem, weil momentan alles interessanter ist als die Schule. Ich wünschte, sie wäre so ein Bücherwurm wie Sie, Ms. Granger", meinte er und nickte in Hermines Richtung. „Aber das einzige, was sie zur Zeit anschaut, sind die Jungs. Ich mach mir Sorgen, weil es ihr ZAG-Jahr ist."

„Sag mal, ist diese Melinda Vermont noch in der Schule?", wollte Rabastan wissen.

„Ja", antwortete Amycus. „Sie ist Schulleiterin."

„Ehrlich? Der Dunkle Lord hat sie wirklich zur Leiterin ernannt?"

„Wer ist Melinda Vermont?", wollte Hermine interessiert wissen.

„Eine noch sehr junge Todesserin, die kurz vor der Schlacht zu uns gekommen ist. Der Dunkle Lord scheint sehr angetan von ihr zu sein. Er hat ihr nach Snapes Tod die Leitung von Hogwarts übertragen."

„Sie macht das gut", sagte Amycus überzeugt. „Die anderen Lehrer respektieren sie deutlich mehr als Snape."

Verständlich, dachte Hermine, nachdem Snape Dumbledore ermordet hatte.

„Wir kommen sehr gut mit ihr zurecht", sagte Amycus.

Gegen Mitternacht hatten sich die Gespräche ein wenig zerstreut. Rodolphus unterhielt sich mit Amycus, Hermine und Rabastan gesellten sich zu Avery, der am Fenster stand.

„Was machen Sie beruflich, Mr. Avery?", fragte Hermine.

„Ich bin Künstler."

„Künstler?"

„Alex hat ein eigenes Atelier", sagte Rabastan. „Er stellt sogar manchmal aus."

„Wirklich? Malen Sie?"

„Ja, meistens in Öl. Ich fertige auch Auftragsarbeiten", erklärte Avery. „Wollen Sie sich bei Gelegenheit mal von mir porträtieren lassen? Sie scheinen mir ein gutes Modell zu sein."

Hermines Wangen wurden heiß.

„Schauen Sie mal in meinem Atelier vorbei, wenn Sie Zeit haben." Er zwinkerte ihr zu.

„Rodolphus hat vorhin gesagt, dass Sie mit Ihrer Tochter allein leben. Das heißt, Sie sind alleinerziehend?", wollte Hermine wissen. Sie hatte die reinblütige Gesellschaft immer für sehr konservativ gehalten. Ein alleinerziehender Vater kam ihr deshalb ungewöhnlich vor.

„Ja, leider", seufzte Avery. „Ich hab sie von klein auf alleine großgezogen."

„Was ist mit der Mutter passiert? Wenn das nicht zu persönlich ist…"

„Nein, nein, schon gut. Sie dürfen fragen. Unsere Familien haben unsere Ehe arrangiert. Wir…" Avery war es sichtlich unangenehm, über seine Frau zu sprechen.

„Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten", sagte Hermine schnell.

„Schon gut, das ist so lange her. Unser Problem war, dass wir einfach zu unterschiedlich waren. Ich war immer der ruhige Künstler, der in seinem Atelier saß, aber sie wollte raus in die Welt. Meine Frau war Journalistin, sie hat Reiseberichte geschrieben. Ich war der Langweiler, der immer nur Zuhause saß, und sie war die Abenteuerlustige, die raus in die Welt wollte. Wir hatten nichts gemeinsam. Ich denke mir heute, vielleicht haben uns unsere Eltern genau aus dem Grund zusammengebracht, dass der eine den anderen ein bisschen… verändert. Keiner von uns beiden war begeistert, aber wir haben uns dem Druck und dem Willen unserer Familien gebeugt. Es war von Anfang an klar, dass es nicht funktionieren würde."

„Was ist dann passiert?", fragte Hermine.

„Unsere Familien haben natürlich von uns erwartet, dass wir die Familiengeschichte fortführen. Wir haben einen schweren Fehler begangen. Wir dachten, dass ein Kind unsere Ehe irgendwie… Dass durch ein Kind die Beziehung richtig funktionieren würde. Meine Frau hatte in der Schwangerschaft sehr starke Beschwerden und nach der Geburt konnte sie keine richtige Bindung zu unserer Tochter aufbauen. Unsere Tochter war ein halbes Jahr alt, als ich eines Tages nach Hause kam und meine Frau weg war. Sie ist gegangen. Ich hab sie nie wieder gesehen."

„Das tut mir sehr leid", sagte Hermine mitfühlend.

„Und dann stand ich mit einem kleinen Kind allein da. Das war eine schwere Zeit", sagte Avery und sah gedankenverloren durch das Fenster in den Garten.

„Yaxley hat dir damals mit der Scheidung geholfen, oder?", fragte Rabastan.

„Ja."

„Yaxley?"

„Er ist eigentlich Rechtsbeistand von Beruf", erklärte Rabastan.

„Die Scheidung wurde praktisch per Brief abgewickelt. Dadurch, dass mich meine Frau mit dem Kind alleingelassen hat, muss ich keinen Unterhalt an sie zahlen und habe das volle Sorgerecht. Ich bin Yaxley heute noch dankbar, dass er das ohne große Schwierigkeiten über die Bühne gebracht hat."

„Ich kann mir vorstellen, dass das schwierig sein muss, ein Kind alleine aufzuziehen", meinte Hermine.

„Vor allem, wenn man noch so eine Schande über die Familie gebracht hat", meinte Avery trocken. „Scheidung ist in unseren Kreisen nicht gerne gesehen. Besser gesagt, verpönt und vollkommen indiskutabel. Meine Eltern haben anderthalb Jahre keinen Kontakt mehr zu mir gehabt. Bis ihnen dann mal aufgegangen ist, dass ich ihr einziger Sohn bin und meine Tochter ihre einzige Enkelin. Wir haben heute wieder ein gutes Verhältnis."

In diesem Moment trat Amycus an die Gruppe heran. „Es ist spät und ich muss nach Hogwarts zurück. Es war ein netter Abend, Rabastan. Vielen Dank für die Einladung. Man sieht sich."

„Gern geschehen, wir…", begann Rabastan, doch Amycus ließ ihm keine Zeit mehr für die Antwort. Er ging sofort, ohne ein weiteres Wort zu sagen, nach draußen. Offenbar wollte er nicht einmal, dass ihn jemand zur Tür begleitet.

Fragend sahen Rabastan und Hermine zu Rodolphus. Dieser zuckte nur mit den Schultern. „Es hat mich ja schon erstaunt, dass er überhaupt so lange geblieben ist."

Hermine erinnerte Rabastan an sein Vorhaben: „Du wolltest ihn doch darauf ansprechen…"

„Ja, so schnell kommt er mir heute nicht davon", sagte Rabastan entschlossen und ging seinem Gast nach.

„Haben Sie sich eigentlich gut eingelebt?", erkundigte sich Avery, der das Gespräch mit Hermine fortführen wollte.

„Ja, in der Zwischenzeit schon. Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick."

Hermine eilte Rabastan und Amycus nach. Rabastan hatte Amycus in der Eingangshalle abgefangen, wo dieser sich gerade seinen Reiseumhang überzog und im Gehen begriffen war.

„Amycus, bitte warte noch", sagte Rabastan ernst. „Ich wollte gerne mal mit dir reden."

„Können wir das nicht auf wann anders verschieben?"

Rabastan seufzte. „Weißt du, ich mache mir Sorgen um dich…"

Amycus hörte nicht zu, sondern wollte gerade die Haustür öffnen, als Hermine dazukam und ihn zurückhielt.

„Warten Sie", sagte sie. „Rabastan hat mir erzählt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wir wollten Ihnen gerne helfen. Bitte bleiben Sie und erzählen Sie uns, was los ist."

Amycus musterte sie ungläubig. „Ihr wollt mir helfen?" Er schnaubte. „Das ändert auch nichts an der Tatsache, dass ich ein verdammter Idiot bin", meinte er sarkastisch. „Ich will euch nicht damit unnötig…"

Rabastan unterbrach ihn und schleifte ihn ins Esszimmer. Sie nahmen am Tisch Platz, wo sie zuvor zu Abend gegessen hatten.

„Ich weiß, dass es etwas mit dieser Geschichte mit diesem Mädchen zu tun hat", begann Rabastan und er versuchte, dabei möglichst umsichtig zu klingen. „Dir macht doch irgendwas zu schaffen, oder? Ist es wegen deiner Tochter?"

An die Tatsache, dass er eine Tochter hatte, erinnert zu werden, schien Amycus überhaupt nicht zu behagen. Entnervt verschränkte er die Arme und stand auf.

„Mr. Carrow? Amycus?"

Amycus begegnete Hermines Blick. „Ich kenne die Geschichte nicht. Würden Sie mir erzählen, was passiert ist?"

Amycus ließ sich Zeit. Eine ganze Weile stand er einfach nur wortlos da und starrte ins Leere. Widerwillig gab er schließlich nach.

„Also schön. Ihnen dürfte ja bekannt sein, Ms. Granger, dass meine Schwester und ich vor zweieinhalb Jahren vom Dunklen Lord nach Hogwarts befohlen wurden, um dort zu unterrichten?"

„Ja. Das habe ich damals in der Zeitung gelesen."

Amycus nickte. Er wollte sich nicht setzen, sondern schritt stattdessen langsam durch den Raum. „Eine Schülerin aus der siebten Klasse hat mich im Unterricht einmal ziemlich schlimm beleidigt. Was sie genau gesagt, wiederhole ich besser nicht. Ich habe ihr Nachsitzen bis zum Rest des Schuljahres gegeben. Sie war jeden Samstagabend in meinem Büro. Nach den Weihnachtsferien haben wir eine Affäre miteinander angefangen."

„Moment mal, du hast was mit einer Schülerin angefangen?", fragte Rabastan und starrte seinen Todesserkollegen mit einer Mischung aus Unglaube und Entsetzen an. „Das ist verboten!"

„Ach, nein", erwiderte Amycus und warf Rabastan einen bösen Blick zu. „Das hätte ich nun wirklich nicht gedacht. Ich hab natürlich versucht, es zu beenden, aber… Es ging nicht. Unsere Affäre ging über mehrere Monate und kurz vor der Schlacht hat sie mir dann gesagt, dass sie schwanger ist. Unsere Tochter wurde im Dezember '97 geboren."

„Das ist heftig", bemerkte Rabastan und Hermine musste ihm zustimmen.

„Alecto war verdammt wütend auf mich. Zum Glück ist das nicht an eine… breitere Öffentlichkeit gelangt. Ich glaube, ihre Eltern wissen nicht, dass ich der Vater bin. Wir haben keinen Kontakt mehr seit der Schlacht."

„Du hast keinen Kontakt mit deiner Tochter?"

Amycus schüttelte den Kopf. „Es ist besser für alle Beteiligten. Es war eine kurze Bettgeschichte und mehr nicht. Ich hätte mich gar nicht mit ihr einlassen dürfen und es war die richtige Entscheidung, es zu beenden. Ich war halt ein ziemlicher Idiot, weil ich es obendrein auch noch geschafft habe, ein junges Mädchen zu schwängern", sagte er hart.

Hermine fiel auf, wie niedergeschlagen er wirkte. Sie zweifelte, ob er von seinen Worten wirklich überzeugt war.

„Ich habe einen schweren Fehler begangen, den ich nicht mehr ändern kann. Ich hab mich hinreißen lassen und das wird mir nicht nochmal passieren. Diese Geschichte ist für mich abgeschlossen. Wenn ich jetzt fertig bin und gehen darf…"

Er rauschte hinaus. Rabastan und Hermine sahen sich betreten an.

„Das sieht aber nicht so aus, als wäre die Geschichte abgeschlossen", bemerkte Rabastan zu Amycus wortlosem Abschied.

„Er sieht traurig aus", meinte Hermine, die fast Mitleid mit dem Todesser empfand. „Ich komme gleich wieder", sagte sie zu Rabastan und lief Amycus nach.

Zum zweiten Mal an diesem Abend wurde der Todesser am Gehen gehindert.

„Was wollen Sie, Ms. Granger?", fragte er betont höflich, aber man merkte ihm seinen Zorn deutlich an.

„Das war doch nicht nur einfach eine Affäre", stellte Hermine fest. „Und ihre Tochter ist Ihnen auch nicht egal."

„Mischen Sie sich nicht in Dinge ein, die Sie nichts angehen und von denen Sie nichts verstehen", antwortete Amycus ungeduldig.

„Es war mehr, nicht wahr? Diese Schülerin…"

Wütend baute er sich vor ihr auf und drängte sie ein paar Schritte zurück. „Was bilden Sie sich ein?! Nur weil Sie jetzt Rabastans Liebling sind, heißt das nicht, dass Sie irgendwas Besonderes sind! In welchem Verhältnis ich mit irgendjemandem stehe oder welche Gefühle ich für irgendjemanden habe, geht Sie gar nichts an! Guten Abend, Ms. Granger."

Die Tür knallte, als er das Haus verließ.

„Ich fürchte, da habe ich wohl einen Nerv getroffen", meinte Hermine betreten, als sie zu Rabastan und den anderen zurückkam.