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Der Abend kam schneller als gedacht und brachte einen wütenden Sebastian mit sich. „Du warst in meiner Kammer!" Brüllte er mich an. Er weiß es, aber woher? „Dein Geruch hafte dem ganzen Raum an!" Ich hatte im Speisezimmer auf ihn gewartet. Er packte mich bei den Schultern und riss mich aus meinem Stuhl hoch. Grimmig blickte er mir ins Gesicht. Unerschrocken sah ich zurück.
„Was willst du jetzt tun? Mich beißen? Nur zu, ich habe keine Angst vor dir!" Sobald die Worte heraus waren, wusste ich, ich war zu weit gegangen. Ich sah wie sich seine Augen verdunkelten und seine Fangzähne hervortraten. Mich meinem Schicksal ergebend, schloss ich meine Augen und wartete auf den todbringenden Biss. Die Zeit dehnte sich bis zur Unendlichkeit aus, aber nichts geschah.
Ich öffnete meine Augen und sah zu ihm auf. Auch er war mitten in der Bewegung erstarrt und blickte mich nur an. Seine Fangzähne waren verschwunden. „Warum fürchtest du mich nicht?" Ich blickte in seine Augen und war verloren. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Ich weiß es nicht." War alles was ich sagen konnte. Auch ihm schien meine Antwort egal zu sein, er blickte auf meinen Mund und es war als würde die Zeit stillstehen. Stumm berührten wir uns mit den Augen, tasten einander Zentimeter für Zentimeter ab. Nichts blieb dem Anderen verborgen. Ich konnte in seinen Augen lesen, er begehrte mich.
Er ließ seine Hände sinken und trat einen Schritt zurück. Enttäuscht blickte ich ihn an. Ich hatte gehofft er würde mich küssen. „Warum warst du unten?" „Warum hast du mich belogen?" Wir blickten einander an, jeder wartete auf die Antwort des anderen. „Erzähl mir mehr über dich!" Bat ich ihn. Er wich noch weiter vor mir zurück. „Du bist der erste Mensch der nicht vor Angst vor mir zittert und der noch mehr über mich wissen will." Ich glaube, dass war für ihn das erste Mal seit er ein Vampir war, dass ihm so etwas wie ich passierte.
Ich trat einen Schritt auf ihn zu. „Erzähl's mir!" Meine Stimme klang eindringlich. Ich musste alles über ihn wissen. Ich liebte ihn und doch umgaben ihn noch so viele Geheimnissen, die es für mich zu lösen galt. Ich musste ihn verstehen. Er wandte seinen Blick von mir ab, erschüttert darüber, dass sich jemand ausschließlich für ihn interessierte. „Du hast gesagt, du tötest Menschen um zu überleben, aber ich fand Blutkonserven in deiner Kammer." Er ballte seine Hände zu Fäusten, ich konnte seine Anspannung fast körperlich fühlen.
„Du warst sehr gründlich." Seine Stimme klang leicht verletzlich. Mir wurde bewusst, dass er mir heute morgen schutzlos ausgeliefert war. „Wenn du schläfst, wie ist das?" „Anders als bei dir. Mein Schlaf gleicht dem Tod, nichts kann mich wecken, nur die hereinbrechende Dämmerung." Ich wollte ihn umarmen und beschützen, doch ich hielt mich zurück. „Und die Konserven?" Nun blickte er mich doch wieder an, versuchte ihn meinen Augen zu lesen.
Ich sah ihn offen an, verbarg nichts, all meine Gefühle für ihn lagen in meinen Augen. Er sog scharf die Luft ein, und das wo er nicht atmen musste. „Ich habe sehr viele Menschen getötete, damit musst du zurecht kommen. Nur in den letzten Jahren nährte ich mich fast ausschließlich von Blutkonserven."
„Wenn hast du verwandelt?" Nun wich er noch weiter zurück. Trat aus dem Licht in die Dunkelheit zurück. Schüttelte unmerklich den Kopf. Seine Stimmung schlug um, war er zu Anfang wütend, dann verletzlich gewesen, wo umgab ihn jetzt tiefe Traurigkeit. Seit wann war ich so empfänglich für seine Gefühle. Sie waren für mich beinahe greifbar. Auch spürte ich, er würde mir auch dieses mal die Antwort schuldig bleiben, er war noch nicht so weit darüber zu sprechen. Ich streckte meine Hand aus und umfasste die seine, ich zog ihn zurück ins Licht.
„Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst. Lass uns über etwas anderes reden. Erzähl mir eine Geschichte aus deinem Leben. Hast du auch ein Cape wie Georg Hamilton im Film getragen?." Er entspannte sich wieder und meine Frage entlockte ihm ein Schmunzeln. Wie sehr liebte ich es, ihn lächeln zu sehen. „In Paris trug ich eins, als es damals in Mode kam." Mit damals meinte er achtzehnirgendwas. Wie sehr unterschied sich seine Welt von meiner. Der restliche Abend verlief friedlicher. Er erzählte mir von seinen Reisen durch Europa, ersparte mir aber die Details, wie er sich in dieser Zeit ernährt hatte. Er konnte gut erzählen und so wurde es, wenn auch ein leicht bizarrer, schöner Abend. Wir saßen dich beieinander und ich hatte seine Hand die ganze Zeit in meiner.
Wir redeten die ganze Nacht, bis zum Morgengrauen. Und bevor sich das erste grau des Morgens ankündigen konnte, erhob er sich. „Es wird Zeit." Sagte er nur. Ich verstand, auch ohne das er es näher erklärte, was er meinte. „Wie kannst du wissen wie spät es ist, ohne eine Uhr zu tragen?" Ich war ebenfalls aufgestanden und stand vor ihm. „Ich habe so oft den Morgen kommen sehen und die Dämmerung hereinbrechen. Ich weiß es." Mir kam auf einmal meine Frage töricht vor. Der Mann war über fünfhundert Jahre alt. Wer so viele Morgen wie er beinahe gesehen hatte, wusste ganz einfach wann der Tag beginnt. „Vermisst du die Sonne?"
Wieder blickte er mich erstaunt an. „Manchmal. Ich erinnere mich wage daran, obwohl ich glaube das mir da mein Gedächtnis einen Streich spielt. Ein Sonnenaufgang kann gar nicht so prachtvoll sein, wie er in meiner Fantasie ist." Ich wollte ihm fast widersprechen, aber nur fast. Was hatte er von dem Wissen, dass ein Sonnenaufgang ein lohnendes Erlebnis sein konnte? Nichts, er würde keinen mehr sehen. Auf einmal fühlte ich mich unendlich müde und traurig. Er sah mir in die Augen und sah die Gefühle die sich darin spiegelten.
Zögernd beugte er sich herab und berührte sanft mit seinem Mund meine Lippen. Zärtlich hauchte er einen Kuss darauf. In mir breitete sich Wärme aus, die tief aus meinem Inneren kam. Unwillkürlich hob ich meine Hände und schlang sie um seinen Nacken um ihm noch näher sein zu können. Ein verhaltenes Stöhnen entrang sich seinen Lippen, als er meine Reaktion spürte. Seine Hände umschlossen meine Taille und beinahe mühelos hob er mich hoch, so das meine Füße in der Luft baumelten.
In mir brachen sich meine Gefühle für ihn bahn und ich küsste ihn leidenschaftlich, konnte nicht genug von ihm kriegen. Er erwiderte den Kuss, drückte mich fest an seine Brust. Plötzlich stand ich wieder auf dem Boden und er war verschwunden. Um Halt zu bekommen umklammerte ich fest die Lehne des Stuhls. Ich fühlte mich noch ganz benommen und all meine Sinn waren in Aufruhr. Als sich mein Atem wieder beruhigt hatte, begab ich mich ebenfalls auf mein Zimmer und versuchte Schlaf zu finden. Doch dieser sollte sich lange nicht einstellen.
