Sunrise
by CarpeDiem
Chapter ten: Familie
10
Gerade in dem Moment, als ich meinen Stuhl zurück schob, und mit meinem leeren Teller zur Spüle gehen wollte, klingelte es an der Tür.
Ich warf einen kurzen Blick auf Charlie, der sich gerade noch einen Nachschlag nahm und einen weiteren großen Löffel Bratkartoffeln auf seinen Teller lud. Die große Schüssel war beinahe leer, und ich überschlug schnell, wie viel ich wohl davon gegessen hatte. Ich hatte mir mindestens drei Mal nachgenommen, oder waren es vier Mal gewesen? Ich wusste es nicht mehr. Nicht zu vergessen die beiden großen Steaks, die ich gegessen hatte, während Charlie immer noch mit seinem ersten, das nicht einmal annähernd so groß war wie mein erstes, kämpfte. Allmählich wunderte ich mich selbst über die immer unüberschaubareren Mengen an Essen, die ich bei jeder Mahlzeit verschlingen konnte. Beinahe wie die Wölfe aus LaPush, doch diesem Gedanken schob ich wieder bei Seite.
Charlie machte keine Anstalten aufzustehen, und so stellte ich meinen Teller auf die Anrichte, und machte mich auf den Weg zu Tür. Edward saß auf dem Sofa und drehte lediglich den Kopf, als ich vorbei ging. Auch er dachte nicht daran aufzustehen und wandte sich wieder der Talkshow zu, die im Fernsehen lief. Wie immer hatte er sich zum Essen entschuldigt, und ich fragte mich, wie lange es dauern würde, bis Charlie in den nächsten Tagen auffiel, dass Edward eigentlich verhungern müsste.
Als ich die Haustür erreicht hatte, drückte ich die Klinke hinunter, und als ich die Tür aufzog, strömte ein Schwall kühler Luft herein, begleitet von einem interessanten Geruch nach Vanille und Rosen, den ich jedoch nicht kannte. Vor der Tür stand eine junge Frau, die ich etwa auf mein Alter schätzen würde. Ihre offenen, rückenlangen Haare sahen aus, als wäre sie in einen Orkan mit lebensgefährlichen Windstärken geraten, doch auf den zweiten Blick vermutete ich, dass die rotbraunen Locken wohl immer so aussahen. Es war die Art Haare, die sich beim Anblick einer Bürste demonstrativ in alle Himmelsrichtungen abstellten.
Während ich noch immer die Tür in der einen Hand hatte, sah sie mich unsicher an und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Ich sah sie fragend an, denn ich war mir sicher, dass ich sie noch nie gesehen hatte.
„Hallo", sagte sie und der Klang ihrer Stimme ließ sie mich augenblicklich ein paar Jahre jünger schätzen. „Ich bin Rebecca Davis."
Das hatte ich nicht erwartet.
„Oh", war alles, was ich daraufhin heraus brachte, und obwohl ich mir bewusst war, dass ich sie schamlos anstarrte, konnte ich nichts dagegen tun. Sie war nicht länger nur jemand, der zufällig vor unserer Haustür stand, jetzt sah ich sie in dem Wissen an, dass sie Jakes Freundin war, und ohne, dass ich es verhindern konnte, begann ich mich mit ihr zu vergleichen.
Sie war etwas kleiner als ich, nicht viel, höchstens ein paar Zentimeter, und ich fand, dass sie sportlich aussah. Mit Sicherheit war sie sportlicher als ich es früher gewesen war, aber das war auch keine große Kunst. Zwar würde ich sie als schlank bezeichnen, aber sie hatte Figur und damit deutliche Rundungen an den richtigen Stellen. Ich dagegen wurde immer mehr zu einem formlosen Strich in der Landschaft. Und mit ihrer Oberweite konnte ich auch nicht mithalten. Aber es erfüllte mich in gewisser Weise mit Genugtuung, dass ich schöner war als sie, denn Rebecca war nun mal ein Mensch und auch mit ihren strahlenden, blauen Augen verlor sie, was klassische Schönheit anging, jede Gegenüberstellung mit mir.
In dem Moment wurde mir klar, dass dieser ganze Vergleich vollkommener Blödsinn war, denn Jake hatte sie schließlich nicht nach ihrem Aussehen oder ihrer Sportlichkeit ausgewählt, sondern er war auf sie geprägt worden, weil sie seine Seelenverwandte war. Diejenige, die ich noch vor ein paar Wochen geglaubt hatte zu sein.
„Ich nehme an, du bist Bella", sagte Rebecca und obwohl sie versuchte ihre Unsicherheit zu verbergen, indem sie bereits ihre Hände in die Taschen ihre Jacke geschoben hatte, schaffte sie es nicht den unsicheren Ton aus ihrer Stimme zu verbannen.
Ich nickte.
„Hättest etwas dagegen, wenn wir ein Stück zusammen gehen?"
„Einen Moment", entgegnete ich, bevor ich mich umdrehte und zurück ins Haus ging. Ich ließ die Tür einen Spalt offen stehen und ging zurück in die Küche, wo ich mit ein paar Handgriffen mein Geschirr in die Spüle stellte.
„Wer war denn an der Tür?", wollte Charlie wissen. Er hatte es immer noch nicht geschafft sein Steak aufzuessen.
„Rebecca Davis", antwortete ich, ohne darüber nachzudenken, dass mein Vater mit diesem Namen wohl überhaupt nichts anfangen konnte, denn so wie es aussah, hatte Billy Charlie noch nichts von Jakes neuer Freundin erzählt. Das kam mir, jetzt wo ich darüber nachdachte, etwas seltsam vor, denn normalerweise funktionierte der Nachrichtenaustausch zwischen LaPush und Forks beispiellos.
„Marks Tochter?", fragte Charlie, und ich sah ihn überrascht an. Anscheinend konnte er mit diesem Namen doch etwas anfangen, aber aus anderen Gründen als ich gedacht hatte.
„Marks Tochter?", wiederholte ich ungläubig, und ich fragte mich, ob wir den Selben Mark meinten. Der einzigen Mark, den ich kannte, war Charlies Kollege Mark Steen. Charlie konnte mir aber nicht antworten, er hatte sich gerade ein Stück Steak in den Mund geschoben und versuchte mit den Händen herum zu gestikulieren. Ich sah ihm einen Moment lang dabei zu, doch ich wurde aus seiner Gestik nicht schlau und so entschied ich, Rebecca nicht noch länger warten zu lassen, und sie lieber selbst zu fragen.
„Ich bin nicht lange weg. Bis später", sagte ich, und ging dann wieder zur Tür zurück.
Im Gang wartete Edward auf mich. Er hatte meine Jacke in der Hand, stand aber so, dass Rebecca ihn von draußen nicht sehen konnte.
„Alles in Ordnung?", fragte er leise, und ich nickte.
„Ja."
Ich nahm ihm die Jacke ab, und küsste ihn kurz, doch Edward zog mich fester an sich und ließ seine Zunge zwischen meine Lippen gleiten. Nach einem Moment ließ er mich wieder los und wie immer drehte sich in meinem Kopf alles und ich musste mich kurz darauf konzentrieren gerade zu stehen. Dann zog ich mir die Jacke an, und ging nach draußen, wo Rebecca immer noch vor der Tür auf mich wartete.
Ich schlug den Weg in Richtung Wald ein, und Rebecca folgte mir schweigend. Eine Weile gingen wir still nebeneinander her und jeder von uns überlegte, wie er am besten ein Gespräch anfangen sollte. Je länger wir dem kleinen Pfad folgten, desto dichter wurde der Wald um uns herum, und das Licht schaffte es nur noch mit Mühe die eng stehenden Bäume zu durchdringen. Das Meer aus grün ließ die ganze Situation irgendwie surreal erscheinen. Ich wartete darauf, dass Rebecca den ersten Schritt machen würde, denn immerhin war sie zu mir gekommen, um mit mir zu reden, und ich konnte nur raten was genau sie von mir wollte. Es schien ihr jedoch schwer zu fallen, die richtigen Worte für das zu finden, was sie mir sagen wollte. In dieser Hinsicht waren wir uns wohl sehr ähnlich. Sie sah nicht so aus, als wäre sie der extrovertierte Typ. Schließlich brach sie jedoch das Schweigen.
„Jake hat mir eigentlich verboten hier her zu kommen", begann sie zögerlich. „Er wollte nicht, dass ich Edward zu nahe komme."
Ich bemerkte ihr Zögern, als sie Edwards Namen sagte, und ich konnte mir vorstellen welche anderen Wörter ihr auf der Zunge gelegen hatten. Statt einer Antwort nickte ich nur. Ich konnte Jake verstehen, und die Ironie dieses Verbotes ließ mich beinahe schmunzeln. Edward hatte immer versucht mich von Jake fernzuhalten und nun tat Jake das Selbe mit Rebecca bei Edward. Obwohl sich die Cullens und die Werwölfe mittlerweile bis zu einem gewissen Grat vertrauten, waren sie immer noch Todfeinde, und das würde sie wohl auch niemals ändern.
„Ich weiß, dass Jake sich heute Abend mit dir treffen will, und deswegen wollte ich vorher mit dir reden."
Rebecca blieb stehen und sah mich direkt an. Der Ausdruck in ihren blauen Augen war ernst, und die nächsten Worte schienen sie viel Überwindung zu kosten.
„Ich will, dass du dich von Jake fern hältst."
Ich blieb stehen und starrte sie an.
„Was?", fragte ich ungläubig und beinahe rechnete ich damit, dass das ein Scherz war, doch Rebecca schien es tatsächlich ernst zu meinen.
„Ich werde nicht zulassen, dass du ihn noch einmal so verletzt. Halt dich von ihm fern. Du bist nicht gut für ihn."
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte, und das Schlimmste daran war, dass ich wusste, dass sie Recht hatte. Ich war nicht gut für Jake, das hatte ich bewiesen, doch das gab ihr noch lange nicht das Recht mich von meinem besten Freund fernzuhalten.
„Spinnst du?", fragte ich entsetzt. „Jake ist mein bester Freund, ich werde mir von dir nicht vorschreiben lassen was ich zu tun und zu lassen habe!"
Ich funkelte Rebecca wütend an, und während wir uns anstarrten, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Anstatt Wut oder Eifersucht sah ich nur tiefe Verzweiflung in ihrem Blick.
„Du hast doch keine Ahnung was du ihm angetan hast!", schrie sie mir entgegen und ich wich einen Schritt vor ihr zurück, als hätte sie mich geschlagen.
„Als du gegangen bist, hast du ihm das Herz gebrochen! Er hat den Schmerz nicht ertragen und sich von allen zurück gezogen. Um es etwas erträglicher zu machen hat er sich kaum noch zurück verwandelt und ist die ganze Zeit allein in seiner Wolfsform im Wald gewesen!"
Ich starrte Rebecca wie versteinert an, unfähig etwas zu sagen. Ich hatte gewusst, dass Jake gelitten hatte, doch es war etwas ganz anderes nun zu hören, was ich tatsächlich angerichtet hatte. Ich hasste mich dafür, dass ich Jake das angetan hatte, und ich wusste, dass ich mir das niemals vergeben konnte. Ich wollte nichts mehr, als dass Rebecca still war, damit ich den Schmerz nicht länger ertragen musste, doch auf eine perverse Art hoffte ich, dass sie weiter reden würde, damit ich auf eine gewisse Weise dafür bezahlen musste, was ich getan hatte. Ich wollte leiden, denn ich hoffte, dass es mir dann besser gehen würde. Rebecca tat mir diesen Gefallen.
„Dass ich Jake begegnet bin, war reiner Zufall, und er wusste sofort, dass er auf mich geprägt worden war. Aber das Ganze ist keinesfalls so endgültig, wie du vielleicht glaubst. Jake hat sich dagegen gewehrt, weil er dich nicht vergessen konnte und das hätte ihn beinahe umgebracht. Er war fünf Tage lang verschwunden, niemand wusste wo er war, nicht einmal Sam hat ihn gefunden. Billy ist beinahe krank geworden vor Sorge! Es war schrecklich, wir dachten er wäre tot. Und dann war er wieder da, vollkommen ausgezehrt, aber er hatte eine Entscheidung getroffen. Er hat sich für mich entschieden, und gegen dich. Es ist ihm unglaublich schwer gefallen und wir haben beide fürchterlich gelitten. Ich werde nicht zulassen, dass wir das noch einmal durchmachen müssen!"
Einen langen Moment starrte Rebecca mich an, doch dann wandte sie sich ab, und entfernte sich ein paar Schritte von mir.
Ich stand immer noch vollkommen benommen auf dem schmalen Pfad, und starrte auf den Waldboden, und ich bezahlte mit jeder Sekunde, die verging, für das, was ich getan hatte. Und es vergingen viele Sekunden, bevor ich wieder in der Lage war zu sprechen.
„Es tut mir leid", sagte ich leise und obwohl ich wusste, dass diese Worte nichts ungeschehen machen konnten, musste ich sie einfach aussprechen.
Rebecca drehte sich wieder zu mir um, und entgegen allen meinen Erwartungen, spielte ein Lächeln um ihre Lippen. Ihre Wut schien verraucht, so als könne sie nicht lange wütend auf jemanden sein, egal was dieser jemand getan hatte.
„Das glaube ich dir sogar", meinte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Danke", antwortete ich leise, und als ich meinen Blick hob, sah ich direkt in ihre Augen. Die Iris war durch die Tränen beinahe Türkis geworden und schimmerte immer noch feucht. Und als ich in ihre Augen blickte, konnte ich ihren Standpunkt voll und ganz verstehen. Sie liebte Jake abgöttisch und sie würde alles tun, um zu verhindern, dass er erneut leiden musste. In gewisser Weise kam sie mir vor wie eine Löwenmutter, die ihr Junges beschützen wollte, und so sanft und verständnisvoll Rebecca wohl sonst war, wenn es um Jake ging, würde sie kämpfen bis zum Tod.
Ich hatte aber auch das Gefühl, dass sie mich verstand, und meinen ehrlichen Wunsch meinen besten Freund zurück zu bekommen nachvollziehen konnte. Schließlich war sie es, die den Blick abwandte.
„Lass uns noch Stück gehen", meinte sie und ich nickte.
Wir gingen immer weiter in den Wald hinein und im Gegensatz zu vorhin, war die Stille, die sich über uns und das grüne Meer der Bäume legte, nicht unangenehm. Um uns herum wurde es langsam dunkel, doch ich bemerkte es kaum.
Nach einiger Zeit kam mir eine Frage in den Sinn. „Charlie, mein Vater, hat vorhin gesagt, du wärst Mark Steens Tochter, stimmt das?"
Rebecca nickte im gehen, ohne mich jedoch anzusehen.
„Ja, ich bin Marks Tochter, aber das weiß ich erst seit zwei Wochen. Meine Mutter hat mir an meinem 21. Geburtstag gesagt, dass mein Vater gar nicht mein Vater ist. Ich liebe meine Eltern, und ich habe es ihnen verziehen, dass sie es mir nie gesagt haben. Meine Mutter und Mark hatten damals nur einen One-night Stand. Sie hat meinen Vater erst ein paar Wochen danach kennengelernt. Er wusste, dass sie von einem anderen Schwanger war, aber er hat sie trotzdem geheiratet. Sie haben sich darauf geeinigt, es mir erst zu sagen, wenn ich 21 werde, denn sie wollten nicht, dass es ihre Familie kaputt macht. Ich wollte Mark kennen lernen und da hab ich mich in mein Auto gesetzt und bin von Sacramento hier her gefahren. Mark hatte keine Ahnung und er war ziemlich überrascht, als ich vor seiner Tür stand, aber er hat sich ein paar Wochen frei genommen, um mich besser kennen zu lernen und ich mag ihn inzwischen sehr gern."
Ich nickte nachdenklich und während wir weiter gingen, sah ich Rebecca von der Seite her an. Sie wirkte vollkommen gefasst, während sie mir diese Geschichte erzählte und ich fragte mich, wie ich wohl reagieren würde, wenn mir meine Eltern an meinem 21. Geburtstag sagen würden, dass mein Vater nicht mein Vater ist. Mit Sicherheit hätte ich es nicht so ohne Weiteres akzeptieren können, und vermutlich könnte ich es nicht so gelassen hinnehmen. Rebecca hatte mit diesem Wissen anscheinend bereits ihren Frieden gemacht.
Jetzt wusste ich auch, warum Charlie nichts von Rebecca und Jake wusste. Billy hatte größer Sorgen gehabt und da er Charlie das Ganze nur bedingt hätte erzählen können, hatte er es ganz gelassen. Mark war seit zwei Wochen nicht mehr zur Arbeit gekommen, also hatte auch er Charlie nicht auf dem Laufenden halten können.
„Und wie hast du Jake kennengelernt?"
Ich wusste, dass wir uns damit wieder auf schwierigerem Terrain befanden, aber ich hatte diese Frage einfach stellen müssen.
„Er hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen." Rebecca lachte leise, als sie sich daran erinnerte. „Ich war einkaufen, und Billy hatte Jake gezwungen ein paar Sachen zu besorgen, damit er mal wieder aus dem Haus rauskam, und wir sind zwischen zwei Regalreihen ineinander gelaufen. Ich bin auf dem Boden gelandet, und als er mir aufgeholfen hat und mir in die Augen sah, da war es als ... als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben die Sonne sehen."
Rebecca drehte den Kopf zu mir und ich bewunderte fasziniert dieses einzigartige Leuchten, das in ihre Augen getreten war, und das strahlender nicht hätte sein können. Für einen Moment war ich unfähig meinen Blick abzuwenden, und ich war mir sicher, dass ich dieses Leuchten irgendwo her kennen sollte. Und dann fiel es mir ein. Es sah anders aus, denn normalerweise kannte ich es aus einer goldenen Iris, doch es war der Selbe Ausdruck. Dieses Leuchten konnte ich immer in Edwards Augen sehen, wenn er mich ansah.
Hatte ich bis jetzt daran gezweifelt, dass Rebecca Jake wirklich liebte, so konnte ich das jetzt nicht mehr, und ich fragte mich, wie ich je auf so einen Gedanken gekommen war. Jake war auf sie geprägt worden, das bedeutete, Rebecca war der Mensch, der nur aus dem Grund auf der Welt war, um Jacob Black zu lieben und glücklich zu machen. Doch wenn ich akzeptierte, dass Rebecca Jakes Seelenverwandte war, dann musste ich damit zugeben, dass ich es nicht war, und das viel mir um einiges schwerer. Ich hatte immer geglaubt, dass an der Verbindung zwischen mir und Jake etwas Besonderes wäre, und ich wollte einfach nicht glauben, dass dem nicht so war.
Aber vielleicht ging ich hier von falschen Voraussetzungen aus. Konnte ein Mensch wirklich nur einen Seelenverwandten haben? Ich müsste doch eigentlich der Beweis dafür sein, dass genau das ein Irrtum war. Ich liebte Edward, aber ich liebte auch Jacob, und ich litt wenn einer der beiden unglücklich war. Vielleicht konnte ein Mensch mehrere Seelenverwandte haben, immerhin konnte man auch viele Verwandte haben, doch jeder dieser Verwandten nahm einen vorbestimmten Platz ein. Nur einer war unser Bruder und nur einer war unser Partner. Genau das musste es sein. Ich fragte mich, warum sich noch nie jemand Gedanken darüber gemacht hatte. Ich jedenfalls war mir jetzt vollkommen sicher, dass ich Recht hatte, und dass ein Mensch durchaus mehrere Seelenverwandte haben konnte.
In gewisser Weise war es jedoch unfair, dass ich und Jake in unserem Leben nicht nur einen, sondern gleich zwei unsere Seelenverwandten gefunden hatte, wo andere Menschen in ihrem ganzen Leben nicht einmal einen davon fanden. Aber das hatte die Situation nicht einfacher gemacht, denn wir hatten erst mühsam und schmerzvoll dahinter kommen müssen, welcher Seelenverwandte welchen Platz in unserem Leben einnahm, etwas, dass man bei echten Verwandten von Anfang an wusste.
Rebecca wandte ihren Blick wieder dem schmalen Pfad zu, der im dämmrigen Licht für sie wohl immer schlechter zu erkennen war.
„Ich weiß was du meinst", sagte ich leise und in Gedanken war ich bei Edward.
„Liebst du Jake?", fragte Rebecca dann, und ich schloss für einen Moment die Augen. Am liebsten hätte ich nein gesagt, aber das wäre eine Lüge gewesen.
„Ja", antwortete ich deshalb. „Aber liebe ihn wie einen Bruder, das war schon immer so. Jake dachte es wäre eine romantische Liebe und vielleicht hätten wir glücklich werden können, wenn ich Edward nie kennengelernt hätte, und wenn Jake dir nie begegnet wäre. Aber ich habe ihn kennengelernt, und du bist Jake begegnet, und auch wenn es nicht einfach war, haben wir letzten Endes die richtigen Entscheidungen getroffen. Edward ist mein Leben, aber Jake ist mein bester Freund, und weder das eine, noch das andere, wird sich jemals ändern."
Rebecca sah nachdenklich aus, als wir den Pfad weiter entlang gingen, und dann blieb sie mit einem Mal stehen, und blickte mir fest in die Augen.
„Schwörst du mir, dass Jake für dich nie mehr sein wird, als dein bester Freund?"
Ich wartete mit meiner Antwort einen Moment und dachte darüber nach, ob ich die Antwort, die ich geben wollte, auch guten Gewissens geben konnte. Und das konnte ich.
„Ja, ich schwöre es."
Rebecca sah mich an, und sie schien zufrieden zu sein, mit dem, was sie sah, auch wenn sie die Unsicherheit aus ihrem Blick nicht ganz verbergen konnte. Ich konnte sie gut verstehen, ich war schon eifersüchtig auf Rosalie gewesen, allein wegen der Tatsache, dass sie für Edward bestimmt gewesen war, obwohl er niemals Interesse an ihr gezeigt hatte, und Rosalie mit Emmet zusammen war. Es wunderte mich, dass Rebecca es überhaupt schaffte, und das sagte viel über ihren Charakter aus. Sie schien ein sehr gutmütiger Mensch zu sein und noch dazu jemand, auf den man sich hundertundzehn Prozent verlassen konnte. Sie stand mit beiden Beinen fest im Leben und sie begegnete allen Widrigkeiten des Lebens mit Zuversicht und Mitgefühl. Sie war genau der ruhige Gegenpol, den Jake brauchte, jemand, der dafür sorgte, dass sich die Welt beständig weiter drehte, und der nicht, wie ich, jede Katastrophe gerade zu magisch anzog.
„Lass uns wieder zurück gehen, bevor noch jemand nach uns sucht", meinte Rebecca dann, und nickte. Trotzdem blieb sie stehen und streckte mir ihre Hand entgegen. „Und meine Freunde nennen mich Becky."
Ich nahm ihre Hand und lächelte, glücklich darüber, dass sie bereit war mir eine Chance zu geben. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass Jake Recht behalten sollte, und ich Rebecca irgendwann ins Herz schließen würde, denn ich mochte sie jetzt schon.
„Meine Freunde nennen mich Bella."
„Ich weiß", antwortete sie und grinste.
Dann machten wir uns auf den Weg zurück zu meinem Haus. Es war bereits ziemlich dunkel geworden, und Rebecca hatte Mühe den Pfad im Dunklen zu finden, doch meine Augen sahen immer noch genauso gut, wie bei Tageslicht, und so ging ich voran, damit sie mir folgen konnte. Ich sah ihr an, dass sie sich unwohl fühlte, auch sie war wohl zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt gewesen, um zu bemerken wie schnell es dunkel geworden war, sonst hätte sie mich schon längst gedrängt wieder zurück zu gehen.
Der Rückweg schien ewig zu dauern, und wir redeten kaum miteinander, bis ich die Lichter der Straße sehen konnte.
„Wir sind gleich da", informierte ich Becky, auch wenn ich nicht genau wusste, wie lange wir bei dieser Geschwindigkeit tatsächlich noch brauchen würden, bis wir wieder aus dem Wald draußen waren. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie die Lichter schon sehen konnte. Wahrscheinlich nicht.
Ich hörte, wie Becky hinter mir erleichtert seufzte.
In dem Moment hörte ich Edwards Stimme. „Bella?!"
Ich blieb stehen, und sah mich um. „Wir sind hier", antwortete ich laut, und einen Moment darauf sah ich, wie Edward zwischen den Bäumen vor mir auftauchte. Seine weiße Haut schimmerte sanft in der Dunkelheit und auf seinen Zügen zeigte sich Erleichterung.
Ich hatte nicht gedacht, dass wir so lange unterwegs gewesen waren, und ich bekam ein schlechtes Gewissen, dass ich ihm Sorgen bereitet hatte.
Hinter ihm kam Jake aus dem Unterholz. Er hatte nichts an, bis auf ein paar Schuhe und eine kaputte Jeans, und auf seinem Gesicht zeigte sich ein noch weitaus größerer Ausdruck von Erleichterung. Ohne mich groß zu beachten, steuerte er an mir vorbei auf Rebecca zu und schloss sie in die Arme.
„Ich hab mir solche Sorgen gemacht", sagte er heiser und nahm dann ihr Gesicht in seine großen Hände, um sie zu küssen.
Normalerweise wäre ich verärgert gewesen, dass mein bester Freund mich so einfach ignorierte, doch in diesem Fall, machte ich eine Ausnahme, und ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus, als ich die beiden zusammen sah. Rebecca war das Beste, was Jake hatte passieren können - nach mir natürlich, aber ich hatte meinen Partner bereits gefunden, und als Edward mich ebenfalls in seine Arme zog, schloss ich zufrieden die Augen und legte mein Gesicht an seine kühle Brust.
tbc.
