Ich wurde wieder durch einen Tritt gegen die Pritsche und einem Rumpeln in der Zelle geweckt. Ein anderer Soldat stand da und er hatte meine Kleidung auf den Boden geworfen.
„Los, anziehen!", befahl er und ich schlüpfte mit noch verklebten Augen in meine Schuhe.
Welch Wohltat für meine eiskalten Füße und auch den Mantel legte ich mir um. Er war viel wärmer als diese miefige Decke, die in ihrem vorigen Leben bestimmt ein Kartoffelsack gewesen war. Ein Griff in die rechte Manteltasche ließ mich etwas Feines spüren. Emilies Kette! Ich konnte es nicht verstehen, aber ich war glücklich sie wieder in meinem Besitz zu haben.
Diesmal ging der Spaziergang in eine andere Richtung. Eine Holztür führte zu einem kleinen Raum mit einer Toilettenschüssel und einem kleinen Waschbecken. Dankbar warf ich mir eine Hand voll Wasser ins Gesicht. Dann wurde ich schon wieder losgescheucht und fand mich bald auf der Straße wieder. Hinter mir schloss sich eine schwere Stahltür. Ich war draußen. Und musste gegen die aufgehende Sonne blinzeln. Es war ein kalter, klarer Morgen.
Wieder in der Freiheit! Fast ein Grund mich zu freuen, aber wohin sollte ich jetzt? Ich hatte Emilie mein gesamtes Geld mitgegeben. Ich hatte nur an ihre Flucht und nicht an meine Rückfahrt gedacht. So etwas Dummes, aber es war die Sache wert.
Wurzeln schlagen wollte ich auch nicht, also schlug ich erst mal meinen Mantel zusammen und ging an dem kasernenartigen Gebäude entlang. Ich würde schon bald auf einen Hinweis stoßen, wo ich mich befand und irgendwie würde ich auch wieder nach Hause kommen. Ein Motorengeräusch lies mich aufhorchen. Etwas hinter mir verließ gerade ein LKW die Einfahrt des Gebäudes und fuhr langsam in meine Richtung.
Ich setzte meinen Gang fort und bemerkte erst nicht, dass der LKW mich wohl verfolgte.
„Fräulein Großmann!", wurde ich aus meinen Gedanken geschreckt. Ich schaute hoch. Ein frisch rasierter Landa schaute aus dem Beifahrerfenster.
„Hinten aufsitzen!" forderte er mich auf; nein, er befahl es mehr. Sehr freundlich, dachte ich grimmig, aber in meiner Lage ein Angebot, welches ich unmöglich ablehnen konnte. Insgeheim war ich sogar froh über Landas Auftauchen. Mühsam zog ich mich am LKW hoch, eine Hand half mir. Ein junger Soldat. Er war dort nicht allein, mit ihm waren etwa zehn Kameraden auf der Ladefläche. Alle höchstens 17, 18 Jahre alt. Frisches Blut.
Schweigend und frierend ging die Fahrt voran. Die hochgeschlagene Plane an der Rückseite sorgte für eisige Temperaturen, aber so konnte ich sehen, wohin die Fahrt ging. Nach einer Weile erkannte ich die ersten Gebäude meiner Stadt und der Wagen hielt an der Hauptstraße. Ich hörte Türen schlagen, dann trat Landa ins Sichtfeld und hielt mir eine Hand hin, um mir beim Absteigen behilflich zu sein. Die jungen Soldaten salutierten.
„Da wären wir. . . ", sagte er freundlich und deutete mit einer einladenden Handbewegung auf mein Haus. Ein komisches Gefühl, wieder zu Hause zu sein, nach den vergangen 24 Stunden. Es war so nah und vertraut, aber auch so fern. Als schaute ich in die Vergangenheit. Wir schritten auf die aufgebrochene Vordertür zur, die nun halb vor dem Eingang lehnte. Ein kurzer Blick sagte mir, dass die alte Tür aufwendig repariert werden musste. Ich sah ihn an: „Wer kommt für den Schaden auf?"
Landa zuckte mit den Achseln und quittierte lächelnd: „Sie! Zumindest für diesen." Und mit spielerisch erhobenem Zeigefinger säuselte er: „Wer schließt denn schon ab, wenn Besuch zu erwarten ist. Ts, ts, ts." Ein komischer Sinn für Humor.
Innerlich schüttelte ich den Kopf. Im Flur stellte ich fest, dass auch die Tür zum Geschäft aufstand. Sie war zum Glück nicht aufgebrochen. Im Laden war auf den ersten Blick noch alles in Ordnung, nur der Verkaufsschalter war leer geräumt. Meine Unterlagen fand ich in einer daneben stehenden Kiste wieder.
Ich war leicht verärgert, aber das war wohl der Preis, den ich bezahlen musste. Landa ergriff meine Hand und ich wollte sie ihm schon empört entreißen, da spürte ich Papier und ein paar runde metallische Gegenstände.
„Ach, hier ist noch der Betrag, den ich Ihnen für die Bücher schuldig bin. Ich war gestern Abend so frei, sie mitzunehmen . . . " Endlich ließ er meine Hand los. Ein fast widerliches Gefühl, so von ihm Geld zu bekommen.
Im Laden gab es nichts mehr zu begutachten, also ging ich die Treppe hoch und direkt in meine Küche. Landa folgte mir wie ein Schatten. In der Küche schien nach meinem Rundumblick alles unverändert, sogar die Kaffeetassen standen noch auf dem Tisch. Ich nahm sie schnell und stellte sie ins Spülbecken. Landas Anwesenheit und vor allem seine Stille waren unangenehm. Nur um diesen Zustand zu vertreiben, ergriff ich das Gespräch: „Wie sehen meine anderen Wohnräume aus?"
Der Oberst hatte sich indessen an meinen Küchentisch gesetzt: „Da wir ja nun wussten, dass wir uns auf dem Dachboden und auch anderswo vorsichtiger umschauen mussten, sind wir etwas umsichtiger vorgegangen – es müsste alles zu Ihrer Zufriedenheit sein. Bis auf den zerstörten Schrank, aber da gebe ich Ihnen mein Wort, dieser Schaden wird ersetzt." Er räkelte sich auf dem Stuhl.
Schnell warf ich ein paar Scheite in den Ofen und feuerte an. Die aufsteigende Wärme tat gut und ich streckte meine Hände dem Feuer entgegen.
Anscheinend hatte er zu besserer Laune gefunden, denn er fing an im Plauderton zu reden: „Wissen Sie, Fräulein Großmann, ich habe meine Niederlage sportlich anerkannt . . . "
Ich stutzte. Was war das jetzt? Über meinen ungläubigen Gesichtsausdruck amüsiert, gab er erklärend hinzu: „ . . . es ist wie beim Schachspiel. Ich habe meine Figuren geschickt gezogen, aber sie haben es trotz einiger Bauernopfer geschafft, den König zu beschützen. Meine Hochachtung." Er deutete eine Verbeugung an.
„Herr Standartenführer", ich drehte mich zu ihm um, „wenn das so ist, was machen Sie dann hier?"
Für einen kurzen Moment warf er mir diesen milde tadelnden Blick zu. „Als Gentleman, wie ich mich verstehe, will ich mich noch von Ihnen verabschieden und mich für eine wichtige Lektion bedanken." Er war wieder aufgestanden. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie klein er eigentlich war; nicht viel größer als ich.
„Gut, das haben Sie jetzt getan", antwortete ich betont kühl und erwartete, dass er nun gehen würde, aber nein, er trat ebenfalls an den Ofen.
„So ein Herdfeuer ist wirklich eine Wohltat." Licht und Schatten vom Feuer tanzten über sein Gesicht und ließen die Grübchen und Konturen hervortreten. Würde ich ihn nicht kennen und ohne diese Uniform auf der Straße treffen – ich hielte ihn bestimmt für einen angenehmen Zeitgenossen. Wie sehr das Augenscheinliche täuschen konnte.
Ich machte einen Schritt zur Seite. Er bemerkte leicht amüsiert meine Flucht und hob beschwichtigend die Hände. „Kein Grund vor mir zu fliehen, wertes Fräulein. Zumindest jetzt nicht mehr." merkte er mit leichter Ironie an.
Eine Frage kam mir in den Sinn, ich wusste nicht, ob ich sie stellen sollte, aber sie brannte mir unter den Nägeln.
„Herr Oberst . . . "
„Sagen Sie bitte Hans zu mir. Ich denke, angesichts der Umstände können wir mal die Formalitäten außen vor lassen." Er lächelte mich an. Die Situation war ungewöhnlich entspannt. Als wären wir langjährige Bekannte. Aber ich wusste, dass ich auf der Hut sein musste, dass ich mich nicht von seiner netten Seite täuschen lassen durfte . . .
„Also gut . . . Hans . . . wenn Sie doch so einen konkreten Verdacht gegen mich hegten, warum dann das Ganze. . . ", ich machte eine ausholende Geste.
Er strahlte mich an: „Weil es doch so viel schöner ist. Natürlich hätte ich ihr Haus direkt auf den Kopf stellen können, denn Fall bearbeiten und abhaken können. Aber nun mal ehrlich: Wo bleibt denn da die Freude an der Arbeit?"
Ich schaute ihn skeptisch an. Er ging ein paar Schritte hin und her, während er sprach.
„Bevor ich von der SS sozusagen ‚angeworben' wurde, war ich Inspektor für Mord und Totschlag . . . ", holte er aus, „und meine größte Freude an der Arbeit waren nicht das Blut oder die Leichen, sondern die Gesellschaft." Ich schaute ihn lauernd an.
„Die unterschiedlichsten Menschen und ihre manchmal so leicht zu durchschauenden Angewohnheiten . . . das hatte mir in der Anfangszeit gefehlt. Schreibtische sind nicht besonders aufregend . . . " Er ließ eine Augenbraue nach oben wandern, was seinem Gesicht einen dämonischen Zug gab.
„Sehen Sie, wir haben so ein paar unvergessliche Momente erlebt. Wir werden gegenseitig in Erinnerung bleiben." Seine Augen strahlten.
Er war wirklich verrückt. Ganz außer Frage. Er erriet wieder meine Gedanken und lachte. Dann hielt er für einen kurzen Moment inne und seine Gesichtszüge verhärteten sich, genauso wie am Freitagnachmittag, bevor er seine Bluthunde aufmarschieren ließ.
Plötzlich schnipste er mit seinem Finger vor meinem Gesicht und zischte „BUUH!", dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Ich habe Sie erschreckt", triumphierte er. Ich stand da und war sprachlos.
Er machte einen Schritt auf mich zu, senkte seinen Kopf und gab mir einen Kuss auf die Stirn. „Ottilie, Sie sind bemerkenswert." Dann wandte er sich ab und verließ die Küche. Schritte auf der Treppe nach unten. Hans Landa war gegangen.
