10. Kapitel
Hermine sollte noch eine Nacht im Krankenflügel bleiben, damit sie sich in Ruhe erholen konnte.
Sie grübelte über die Ereignisse der letzten Stunden, während sie Mrs. Norris kraulte, die sich auf ihren Schoß gesellt hatte. Noch so ein Wunder am heutigen Tag.
Erst überlebte sie den Biss einer Baumschlange, dann entschuldigte sich ihr verhasster Tränkelehrer und nun schmuste sie mit der Katze, die sie sonst immer gemieden hatte.
Das Leben hatte doch immer eine Überraschung parat.
Wenn sie so über das Gespräch mit Snape nachdachte, musste sie zugeben, dass es wirklich ein netter Zug von ihm gewesen war, seine Schuld einzugestehen und ihr sogar eine Wiedergutmachung anzubieten.
Ob er diese allerdings einhalten würde, bezweifelte sie, nachdem er so wütend aus dem Zimmer gerauscht war.
Er musste sie wohl irgendwie missverstanden habe.
Jedenfalls hatte sie nichts Böses im Sinn gehabt, als sie ihn darum gebeten hatte, sie in Okklumentik zu unterrichten.
Und wie er sie getragen hatte. Sehr sanft. Und ja, er hatte aufjedenfall besorgt ausgesehen. Und er hatte, so schwer es auch zu begreifen war, gelächelt, als sie die Augen öffnete, auch wenn es nur den Bruchteil einer Sekunde zu sehen war.
Und sie musste sich eingestehen, dass er gut aussah, wenn er lächelte.
Er sollte viel öfter Grund zum Lächeln haben, fand sie.
Vielleicht konnte sie dabei ja irgendwie behilflich sein.
Später bekam Hermine noch Besuch von Ron, der ihr ein paar Schokofrösche vorbeibrachte und ihr gute Besserung wünscht, und auch Harry und Ginny leistet ihr kurz Gesellschaft.
Dann verschwanden die beiden Turteltauben zum Abendessen und Hermine nahm sich noch eine gute Nacht Lektüre zur Hand.
Sie hatte sich von einem Hauselfen ihr Lieblingsbuch aus ihrer Kiste neben ihrem Bett bringen lassen, Stolz und Vorurteil.
Sie liebte diese Geschichte einfach und oft entdeckte sie ein Stück von sich in dem Charakter von Elisabeth Bennet.
Sie war durchaus sturköpfig wie Lizzie und probierte, alles positiv zu sein. Jedenfalls hatte sie das mal.
Und dann war da dieser Mr. Darcy, die männliche Hauptfigur der Geschichte von Jane Austen.
Ach, wie sehr sich Hermine wünschte, einen Mann zu finden, der genauso geheimnisvoll und interessant wie Mr. Darcy war- den sie zuerst völlig fehleinschätzte und der sich dann als der Mann schlechthin entpuppen würde.
Jemand, den sie völlig missverstanden und missdeutet hatte und der sich dann als ein Seelenverwandter herausstellte.
Ihr Seelenverwandter. Ja, so einen Mr. Darcy würde sie gern finden.
Hermine tanzte leichtfüßig, wirbelte im Kreis und lachte ausgelassen.
Alle im Raum schauten zu ihr und sie fühlte sich wundervoll.
Sie wurden von zwei starken Armen umfasst und dann sanft geküsst.
Glücksgefühle durchströmten ihren Körper, bis in alle Zehen hinein.
Im nächsten Moment war sie in einen Raum, lag in einem weichen Bett.
Das Gefühl des Glücks wurde intensiver und ein anderes, neues Gefühl kam hinzu.
Sie war erregt!
Sie nahm einen warmen Atem war, der über ihre Lippen streichelte, über die Wange und ihren Hals hinunter glitt.
Sie fühlte einen warmen Körper, der auf ihr lag.
Sie erkundete mit den Händen die weiche Haut und die Form der Wirbelsäule des Mannes, roch seine Haut, die nach Moschus duftete.
Sie öffnete vernebelt die Augen und sah- Severus Snape. Und sie genoss seinen Anblick.
Jedenfalls ihr Unterbewusstsein.
Ihr Bewusstsein allerdings wehrte sich vehement dagegen und im nächsten Augenblick schreckte die reale Hermine aus ihrem Bett hoch.
Mit klopfenden Herzen probierte sie das Bild von Snape loszuwerden.
Sie ekelte sich davor. Wie konnte ihr Unterbewusstsein nur so etwas träumen wollen und es auch noch gutheißen.
Gott, sie konnte es nicht glauben… da hatte sie das erste Mal im Leben einen Traum dieser Art: intensiv, erotisch, mit einer Mischung aus Wollust und Leidenschaft, Liebe und Verlangen.
Und der Mann, von dem sie dabei träumte, war ausgerechnet ihr verhasster Zaubertranklehrer.
Ein Todesser, um genau zu sein.
Der Zauberer umbrachte und Schlammblüter verachtete.
Der anstelle eines Herzens wahrscheinlich einen Stein besaß und der wohl der unerotischste Mann auf Erden war. Naja gut, neben Flitwick. Und Lockhart. Und .. Und..
Sie wusste, dass sie zu sich selbst grade nicht ganz ehrlich war, aber ihr Hirn konnte es immer noch nicht fassen, was sie da grade im Traum gutgeheißen hatte.
Oh man, Hermine, mit dir geht es stetig bergab.
Schwer atmend saß Severus an seinem Bettpfosten gelehnt.
Noch immer konnte er nicht glauben, was er da eben geträumt hatte.
Aber das, was da grade eindeutig die Decke zwischen seinen Beinen anhob, war noch ein Beweis, dass es wohl wirklich so war.
Der Meister der Zaubertränke hatte von seiner Schülerin Hermine Granger in einer eindeutig zweideutigen Situation geträumt.
Severus, du widerst mich an, sagte er zu sich selbst.
Sie ist so jung und unschuldig, ganz anders als du eben.
Snape hatte zuvor nie an so etwas gedacht und nun hatte ihn sein Traumwelt etwas gezeigt, dass ihm im Schlaf wie das normalste der Welt vorkam.
Erst nachdem er aufgeschreckt war, kam das Gefühl des Ekels und des Schams über ihn.
Er respektierte Hermine und sah sie, wenn er ehrlich war, als eine wirklich talentierte und clevere Schülerin an. Und ja, sie konnte auch eine gewisse Schönheit vorweisen.
Aber das war es dann auch. Nicht mehr, und nicht weniger.
Oder doch?
