Es gab Pasta mit Pinienkernen und halb gefrorenen Tomaten. Walter erzählte Geschichten, die hoffentlich zum größten Teil nicht den Tatsachen entsprachen und Astrid kicherte nach dem zweiten Glas Wein vergnügt vor sich hin. Das Essen war einigermaßen erträglich, wenn man bedachte, dass Walter gekocht hatte und man ein Faible für angebrannte Nudeln haben musste.
Zufrieden lehnte Nora sich zurück und betrachtete Walter. Er schien entspannt und gelöst, plapperte vor sich sich hin und sprang von einem Gedanken zum nächsten. Wild gestikulierte er mit den Händen, warf sein Glas beinahe um und in seinen Augen war ein Funkeln zu sehen, dass Nora bisher noch nicht hatte entdecken können.
Da war ein leises Grummeln in ihrem Magen, wenn sie ihn so betrachtete. Sie ließ die Gedanken schweifen und fragte sich, wie Walter wohl früher gewesen sein mochte, vor seiner Zeit in St. Claire's. Bevor er für verrückt erklärt oder es tatsächlich wurde.
Als sie Astrids Blick auf sich ruhen spürte, senkte sie die Augen. Lag es an der Begegnung mit Jack, dass sie plötzlich – dass sie plötzlich was? Was dachte sie, dass sie hier tat? Hastig trank sie einen weiteren Schluck Wein. Sie tat gar nichts. Sie saß ja nur und... sie stützte den Kopf auf ihren Arm und lächelte glücklich in sich hinein. Ja, so einfach war es. Sie war nur glücklich und es war egal warum.
Kurz nach elf verabschiedete sich Astrid. Walter, noch immer mitten in seiner guten Laune, half ihr in den Mantel und begleitete sie zu ihrem Wagen. Es hatte leicht angefangen zu regnen, Nora lehnte sich mit ihrem Glas in der Hand gegen das kalte Holz der Veranda und beobachtete interessiert Walter, der mit Astrid unter dem großen Regenschirm in Richtung Wagen balancierte. Ihre Silhouetten hoben sich dunkel vom Hintergrund ab und ab und zu trug der Wind eine ihrer Stimmen an Noras Ohr. Sie seufzte und schlang ihre Strickjacke enger um sich. Kurz lächelte sie über den beinahe zärtlichen Blick, den sie ihrem Schützling zuwarf. Walter. Beinahe lachte sie laut auf.
Der Kuss, den Astrid Walter auf die Wange gab, ließ sie erstarren. Irritiert wandte sie den Blick ab. Starrte auf den Boden der Veranda. Morsches Holz, dunkel. Nass vom Regen. Uninteressant. Das Herz in ihrer Brust schlug einen kleinen Satz zu schnell für ihren Geschmack. Astrid. Der Wind um sie herum wurde kälter, der Regen nasser, das Rascheln des Laubes lauter. Astrid. Astrid?
Als Walter in Richtung Haus zurückging, schluckte sie schwer. Das konnte einfach nicht passiert sein. Sie war überempfindlich, interpretierte in eine Geste der Freundschaft zu viel hinein.
Er blieb vor ihr stehen, drehte sich herum und winkte Astrid in ihrem Auto nach. Sie musterte ihn knapp. Versuchte zu ergründen was vorging und warum. Es gab doch keine Grund. Er war groß, schlank, aber nicht dünn und definitiv dreißig Jahre zu alt für sie. Hastig nahm sie ein Schluck Wein und starrte ihn nun doch an. Was war es?
Wieder dieser Geruch nach Kräutern. Und sie hasste Kräuter.
Ihr Blick wich seinem aus, als er sich zu ihr herum drehte. Er neigte sich leicht zu ihr herunter und beobachtete sie. Nah. Nähe. Wärme. In ihrem Kopf drehte sich alles und es lag ausnahmsweise nicht am Alkohol.
„Und jetzt?", fragte sie, nur um die Stille zu unterbrechen. Der Klang ihrer eigenen Stimme schien ihr fremd. Gedankenverloren hob er seine Hand und strich ihr kurz über das Gesicht.
„Es ist kalt.", sagte er und kurz trafen sich ihre Blicke. Warum spürte sie seine Anwesenheit plötzlich so stark, obwohl er weiter von ihr entfernt stand als gewöhnlich?
„Denken Sie bloß nicht, Sie kämen um einen Nachtisch herum.", er lächelte sein übliches, kurzes und scheinbar nervöses Lächeln, rieb die Hände aneinander und stapfte über die Veranda ins Haus.
Rasch schloss sie die Augen und lehnte sich an das kühle Geländer neben sich. Für alles gab es eine rationale Erklärung. Natürlich, sie stand Walter nah. Seit einem Monat lebte sie mit ihm unter einem Dach, sie sah ihn öfter als jeden anderen Menschen in ihrer Umgebung. Sie war für ihn verantwortlich, musste also auf ihn achten, einen gewissen Beschützerinstinkt entwickeln und da war es doch natürlich, wenn sie sich einredete, dass da mehr sei. Ganz normales Verhalten. Man beschützte effektiver was man liebte. So einfach war das.