Als Connor schlaftrunken aus Abbys Zimmer kam, hörte er unten das leise aber anhaltende Klickern der Laptoptasten. Er schaute über das Geländer und entdeckte Marlin auf seinem Sitzball, die wie wild auf die Tasten schlug. Wie kann man so früh am Morgen nur so besessen von der Arbeit sein, dachte er sich, bevor er genüsslich gähnend im Bad verschwand. Kurze Zeit später schlich Abby die Treppe herunter.

"Guten Morgen du Schlafmütze", murmelte sie.

"Ha, wer hier wohl die Schlafmütze ist, schau mal auf die Uhr. Wolltest du nicht um 9 Uhr im Zoo sein?"

"Das war auch ehr auf gestern Nacht bezogen. Sonst bist du doch auch immer bis nach Mitternacht auf. Hmm?"

"Ähm ja, ich weis auch nicht, was mit mir los war?"

"Kann das vielleicht an einem gewissen Stephen gelegen haben? Wo ist der überhaupt?"

"Frühstück holen."

"Oh, na hoffentlich verstößt das nicht gegen Nicḱs Ausgangssperre. Hat der sich eigentlich schon blicken lassen?"

"Nö, im Arc ist alles ruhig. Wir hatten gestern Nacht noch eine Anomalie, aber die war so schnell wieder weg, höchstens 10 Minuten lag war sie offen."

Marlin hatte auf ihrem Laptop eine direkte Verbindung zum Arc, von der bislang nur Abby etwas wußte. Sie konnte somit genau beobachten, was sich tat, auch wenn der Anomalie-Alarm mit ein paar Minuten Verzögerung aufblinkte. Durch den Einblick in die Berichte der Truppen wußte sie auch ohne selber im Arc zu sein, welche Tiere oder sonstige Lebewesen die Anomalien passiert hatten. Lester hätte sie sicher zum Teufel gejagt, wenn er oder Jenny davon wußten. Doch da er Marlin und Connor in Sachen Computer und Anomalie Detektor freie Hand ließ, war es ein leichtes für sie gewesen, sich von ihrem Laptop aus sämtliche Zugänge zu öffnen.

Und heute morgen hatte sie diese Anomalie entdeckt. Nur 10 Minuten war sie offen, doch wie sie sich öffnete, das war ihr ein Rätsel. Das typische Magnetfeld, was auftauchte, wenn sich eine neue Anomalie öffnete, war anders als sonst. Viel intensiver, fast wie ein Impuls, der nur Sekunden vor dem Öffnen auftrat. Es kam ihr sehr merkwürdig vor, doch noch wußten sie einfach zu wenig. Sie hatte keine Ahnung, wie die Anomalien entstanden. Sie hatte sämtliche Mathematiker und Physiker durch. Doch von keinem gab es eine auch nur ansatzweise passende Theorie. Ganz im Gegenteil, alles widersprach dem, was sie nun fast täglich erlebte. Immer mehr schlich sich der Gedanke ein, das diese Phänomene nicht natürlichem Ursprung waren. Das sie nicht zufälligen Vorfällen entsprachen, sondern vielmehr gewollte Ereignisse waren. Doch das sprach sie weder vor Abby, noch vor den anderen aus. Sie wollte nicht auf ihre Vermutung hin falsche Behauptungen aufstellen. Ohne weitere Beweise und noch vielen vielen Untersuchungen an den Anomalien konnte sie nur vorgeben, im Dunkeln zu tappen wie die anderen.

Als Connor mit nassen Haaren aus dem Bad latschte, klapperte es unten an der Haustür. Irritiert blickten alle drei zur Treppe. Als Stephen mit einer großen Einkaufstüte beladen auftauchte, atmeten sie erleichtert auf.

"Oh man, ich hab total vergessen, das wir ja jetzt noch einen Bewohner haben. Was hast du denn an leckeres?"

"Das ist nichts, was dich um deinen Einkauf bringt, Connor. Das ist nur für ein klasse Frühstück. Zu meinem Einstand. Also was sagt ihr, Hunger?"

Alle nickten zustimmend. Abby verdonnerte Connor zum Tisch decken, während sie sich mit Marlin an den mitgebrachten Sachen zu schaffen machte. Bald darauf duftete es in der ganzen Wohnung nach gebratenen Würstchen, knusprigen Bacon, Baked Beans, Spiegeleiern und gegrillten Tomaten. Das Teewasser dampfte vor sich hin und die goldbraunen Toastscheiben sprangen aus dem Toaster. Als Stephen die Pfanne mit den Baked Beans auf den Tisch stellte, war das Gefühl fremd zu sein schon völlig vergessen. Er fühlte sich wohl, seine Freunde hätten nicht besser reagieren können, nach seinem überraschendem Auftauchen.

Gemütlich am Tisch sitzend und sich über die Köstlichkeiten hermachend, plauderten Abby und Connor von früheren Einsätzen. Stephen hörte aufmerksam zu. Einiges konnte er gar nicht einordnen. Doch bei vielen Sachen gab es Parallelen. Nach einiger Zeit ging auch Marlin aus sich heraus und erzählte einige Dinge, von denen Stephen nichts wissen konnte, da sie in seiner Version der Zeit nicht vorgekommen war. Einige kleine private Momente kamen dabei zu Vorschein, von denen auch der liebe Connor nichts wusste. Er machte große Augen und wollte gerade zu einem netten Kommentar ansetzten, als Abby ihn unter dem Tisch gegen sein Schienbein trat. Beleidigt rieb er sich das selbige. Abby verstand auch wirklich keinen Spaß. Doch dann sah er in Marlin leuchtende Augen und begriff, was da vor sich ging. Er grinste Abby an und zwinkerte ihr unentwegt zu. Genervt verdrehte diese ihre Augen.

Dann kamen sie auf die Einweihungsfeier im Arc zu sprechen und Connor war Feuer und Flamme. Brühwarm erzählte er, wie er heimlich einen Haufen Mammutsabber auf Lesters schönen Lederstuhl platziert hatte, als plötzlich eine weiter Stimme sich zu Wort meldete.

„Ach Sie waren das, Connor. Na vielen Dank, er hat mir dafür die Schuld gegeben."

Alle drehten ihre Köpfe in die Richtung der Stimme. Es war Jenny. Stephen hatte die Haustür nach seinem Frühstückseinkauf nicht richtig geschlossen und sie war ohne zu klopfen eingetreten. Ihre Haare hatte sie streng nach hinten gekämmt zu einem Zopf gebunden. In einem grauen Kostüm mit roter Bluse und ihrer Handtasche über der Schulter stand sie mitten im Raum. Connor begann zu stottern.

„Ähm, oh Mist, das sagen Sie aber doch jetzt nicht Lester, Jenny? Das können Sie mir nicht antun. Der macht mich zur Schnecke."

„Hmm, wenn ich von dem lecker duftenden Frühstück etwas abbekomme, könnte ich mich zum Schweigen überreden lassen."

Connor zog sogleich einen weiteren Stuhl an den Tisch und Marlin brachte ein Gedeck für Jenny. Sie war begeistert, lange hatte sie nicht so ein köstliches Frühstück genossen. Vor allem nicht so gemütlich und in geselliger Runde. Einige Male war sie schon mit Nick zum Frühstück verabredet gewesen, doch leider war es erst ein einziges Mal wirklich dazu gekommen. Immer waren ihnen Anomalien oder Lesters nervige Meetings dazwischen gekommen. Und seit sie ihre Verlobung aufgelöst hatte, hatte sie auch den größten Teil ihrer Freunde verloren, da diese nur durch ihren Ex-Verlobten zu Freunden geworden waren. Die wenigen verbliebenen Bekannten hatten wenig Verständnis für ihre nicht ganz alltäglichen Arbeitszeiten. Und so waren es doch meistens ihre Kollegen, mit denen sie ihren Tag verbrachte. Da war dieses Frühstück schon ein kleines Highlight. Fröhlich stimmte sie in die Erzählungen mit ein und gab sehr zur Freude der anderen einige Schoten von Lester zum Besten. Bald kamen sie aus dem Lachen kaum noch heraus. Abby standen schon die Tränen in den Augen. Durch ihr lautes Lachen hatten sie fast die Türklingel überhört. Marlin stand rasch auf und rannte die Treppe herunter. Mit einer braunen Einkaufstüte bewaffnet stand Nick Cutter vor ihr.

„Hallo Marlin. Ich hab Frühstück dabei. Ich dachte so zum Einstand von Stephen."

„Oh, ähm, naja da warst du nicht der Einigste. Komm rein."

„Echt? Wieso?"

In der Wohnung angekommen staunte er nicht schlecht, als er sein Team inklusive Jenny am reich gedeckten Frühstückstisch sitzen saß. Etwas enttäuscht blickte er auf seine mitgebrachten Sachen. Lachend nahm ihm Stephen die Tüte ab uns verfrachtete ihn auf einen Stuhl. Schnell wurde ein weiteres Gedeck gebracht.

Nach einer geschlagenen Stunde war alles verspeist, wobei auch Nicḱs mitgebrachten Lebensmittel noch in die Pfanne und anschließend auf den Tellern der Sechs landeten. Nach dem Abwasch saßen sie gemütlich auf den Sofas. Marlin erweiterte die Einkaufsliste zusammen mit Abby um einige Dinge. Stephen und Conner gaben noch ihre Wünsche hinzu, wo bei Connor immer stiller wurde, als er sah, wie lang die Liste bereits war. Triumphierend gaben die Mädels im die Liste anschließend. Connor schluckte und mit einem gequälten Lächeln steckte er sie sich in die Tasche.

Nick kam aus der Küche mit einer Tasse Tee und setzte sich zu Jenny.

"So, was hat sich der werte Lester denn nun ausgedacht? Wie soll es weitergehen mit uns und Stephen?"

"Nun ja, er hat nicht wirklich eine Lösung. Er müßte eine Erklärung vor dem Premiereminister abgeben, warum Stephen jetzt auf einmal nicht mehr tot ist. Und ihr könnt euch ja vorstellen, wie gerne er das machen möchte. Daher hat er in Erwägung gezogen, Stephen eine neue Identität zu geben."

"Was? Aber wie soll das gehen? Er ist doch immer noch der Gleiche und arbeitet mit mir weiter. Wird das nicht komisch aussehen, wenn er dann behauptet, ein anderer Mensch zu sein, obwohl er immer noch genauso aussieht? Jeder an der Universität kennt ihn, jeder im Arc kennt ihn und auch sonst viele Leute kennen ihn. Jenny, das funktioniert so nicht."

"Ja ich weiß Nick. Ich fand den Vorschlag auch nicht richtig. Aber noch ist ja auch nichts entschieden. Ich werde versuchen, eine andere Lösung zu finden."

"Ich wüßte da eine Lösung. Verdammt, er soll meinen Tod widerrufen. Ich will nicht mit einem anderen Namen rumlaufen."

"Keine Angst, wir werden dich immer Stephen nennen."

"Danke Connor, jetzt bin ich echt beruhigt. Jenny bitte, das kann nicht sein Ernst sein."

"Stephen, bitte verstehen Sie mich. Ich bin nur eine Beraterin. Ich kann keine Entscheidungen treffen. Das letzte Wort hat Lester. Aber ich werde versuchen, ihn dazu zu bringen, sich für einen anderen Weg zu entscheiden. Ich gebe Ihnen mein Wort."

Stephen nickte stumm. Betretendes Schweigen machte sich breit. Alle dachten an die wirre Vorstellung, Stephen eine neue Identität zu geben. Einen anderen Namen, ein anderes Leben. Aber das war einfach unvorstellbar. Unmöglich. Marlin schüttelte fast unauffällig den Kopf. Dann hielt sie inne. Ein leises Piepen erfasste ihre ganze Aufmerksamkeit. Auf dem leicht geöffneten Laptop war ein schwaches Blinken zu erkennen. Eine neue Anomalie? Aber Jenny war hier. Sie konnte jetzt nicht darauf reagieren. Jenny würde es sofort mitbekommen. Der Zufall kam ihr zu Hilfe. Jennýs Handy vibrierte. Ein kurzer Blick und sie stand auf.

"Tut mir leid, ich muß zurück ins Arc. Wir sehen uns dann später. Nick kommst du mit?"

"Ähm er kommt nach. Wir müssen noch kurz was klären", stotterte Marlin.

"So, was haben Sie denn mit ihm zu klären?"

"Oh, also, ja nun, das ist ehr privat."

"Soso. Ok, dann sehen wir uns später Nick. Bis dann."

Als Jenny das Haus verlassen hatte, schaute Nick Marlin fragend an.

"Also was privates?"

"Ähm nein, ehr doch beruflich. Eine neue Anomalie."

"Woher weißt du das?"

Marlin holte zähneknirschend ihren Laptop und klappte ihn für alle sichtbar auf. Der Detektor blinkte. Die Fokussierung war auf ein Randviertel von London gerichtet. Die Anomalie war in einer ärmlichen Wohngegend mit alten Fabrikgeländen. Connor betrachtete fasziniert die Daten, als er plötzlich inne hielt.

"Wieso hast du den Detektor auf deinem Laptop?"

"Das wollte ich auch gerade fragen", gab Nick vorwurfsvoll von sich.

Marlin biss sich verlegen auf die Unterlippe.