~Kapitel 10~
Lilliana lief ziellos durch die Straßen, um ein wenig durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen. Trotz, dass es noch relativ früh am Tag war, ist schon viel passiert. Erstens: Sie war überhaupt aufgestanden – und das ziemlich zeitig. Zweitens: Sie hatte sich mal wieder in der Kanzlei sehen lassen. Drittens: Sie hatte Holland endlich mal die Meinung gesagt – klipp und klar. Mit einer kleinen Drohung zum Schluss. Ist doch gut gelaufen! Und viertens: Lindsey hatte sich entschuldigt und sie geküsst – und sie hatte ihn abblitzen und im Fahrstuhl stehen lassen. War doch ein ganz erfolgreicher Vormittag!
Dachte sie. Was hatten alle auf einmal nur mit ihr? Sie seufzte lang und lief noch ein Stück. Was mach ich denn noch mit dem angerissenen Tag? Während sie so vor sich hin träumte, riss sie plötzlich eine Melodie aus den Gedanken. Ihr Handy klingelte. „Ja?" Es war ihre Schwester. Natürlich! Wir wollten uns zum Essen treffen! Lilliana willigte ein und sie machten sich einen Treffpunkt aus. Beim Essen sprachen sie von Lilah's Meeting und was die Woche sonst noch so anstand.
Lilliana erzählte ihrer großen Schwester nichts von ihrem Gespräch mit Holland. Sie wollte abwarten, ob dieser irgendwelche Schritte einleitete. Lilah würde dann früh genug von dem Gespräch erfahren und Lilliana sofort nachträglich eine Predigt halten. Ebenfalls erzählte sie nichts von Lindsey. Sonst hätte sie ja zugeben müssen, dass sie nicht gleich gegangen wäre und dann hätte sie ja erzählen müssen, dass sie in der Zwischenzeit von Lilah's Meeting bei ihrem Chef angetanzt war. Neeee! Den Stress kann ich mir ersparen – vorerst.
Nachdem die beiden fertig waren, verabschiedete sich Lilah und ging wieder in die Kanzlei. Lilliana blieb zurück und überlegte erneut, was sie noch so machen könnte. Sie kannte ja nicht viele hier, mit denen sie etwas unternehmen konnte. Eigentlich gar keinen – außer Angel. Bei dem Gedanken an ihn musste sie zwangsläufig an ihre letzten Minuten mit Angel in der Lobby des Hyperions denken.
Sie hatte ihm zwar versprochen wieder zu kommen, jedoch wusste sie nicht, ob das eine so gute Idee war, nachdem was da zwischen ihnen passiert war. Sie war sich unsicher in ihren Gefühlen für Angel und für Lindsey. So hatte sie sich ihr Wiedersehen mit Angel nicht vorgestellt. Ja, sie waren damals richtig gute Freunde, aber er hatte da ja noch Buffy als DIE Freundin, DIE Angebetete. Mit solchen Augen hatte Lilliana ihn nie gesehen, sodass der Kuss umso überraschender kam. Heute ist sowieso Tag der Wahrheit, da können wir ja gleich bei Angel weitermachen! Und so beschloss sie, dass der nächste Zwischenstopp das Hyperion Hotel war.
Diesmal klingelte sie nicht mehr so unsicher. Und schon kurz darauf ging die Tür auf – doch sie sah keinen, dann fiel ihr ein, dass die Sonne genau in die Türöffnung fiel und sie trat schnell ein. Angel schloss die Tür und sah sie mit strahlenden Augen an. „Du bist tatsächlich wiedergekommen!" Er zog sie in eine feste, kurze Umarmung und sah sie dann wieder an.
„Hey, das hatte ich doch versprochen!" erwiderte sie lächelnd. „Du hast Glück, die anderen sind noch nicht da." Ups, die hatte ich ja total vergessen! „Oh, gut." War das Einzige, was ihr darauf zu sagen einfiel. Und dann: „Wo sind sie denn?" Angel erklärte es. „Magst du was trinken?" fragte Angel. Der Vampir war sich ebenso unsicher, jetzt da sie hier war. Er wollte eigentlich nur wieder ihre weichen Lippen spüren, doch Lilliana's Zögern hielt auch ihn zurück.
Die Angesprochene nickte und beide gingen in die Küche. „Und hat das Böse immer noch Pause?" fragte Lilliana schließlich und setzte sich mit Schwung auf die Anrichte. Angel kümmerte sich um etwas zu trinken für beide und grinste. „Sag du's mir!" Lilliana wusste, dass er damit auf Lilah anspielte. „Na Wolfram und Hart werden ja wohl nicht für alles Böse hier in L. A. verantwortlich sein, oder?" Sie hatte das „oder" sicherheitshalber doch noch eingefügt.
Angel lachte kurz auf, gab ihr dann ein Glas und klirrte mit seinem dagegen, bevor beide einen Schluck tranken. Danach führte Angel Lilliana nach oben, in sein Zimmer, wo sie ihre Tasche ablegte und sich auf das Bett setzte. Sie blickte ihn immer noch fragend an. Angel setzte sich neben sie und schüttelte dann langsam mit dem Kopf. „Nein, das schafft nicht mal Wolfram und Hart. Aber es gibt ja noch genügend andere Dimensionen und Völker außer den Menschen, die Chaos stiften können."
Er hob seinen Arm und wollte Lilliana gerade übers Gesicht streicheln, als sie seine Hand in der Luft gekonnt abfing und sanft festhielt. „Ähm Angel, genau darüber wollte ich mit dir reden…" Sie ließ ihrer beide Arme auf ihren Schoß fallen und spielte gedankenverloren mit seinen Fingern. Er ließ es geschehen und genoss es, solange es andauern möge, da er sich sicher war, jetzt eine Abfuhr zu bekommen.
„Hör zu, das… also der Kuss. Ich, verdammt, ich weiß eigentlich gar nicht, was ich dazu sagen soll!" Gab sie nun nervös lächelnd zu. Angel ergriff das Wort, nahm seine andere Hand und hielt damit ihr Kinn fest, damit er ihr in die Augen sehen konnte. „Du brauchst auch dazu noch nichts zu sagen. Es fühlte sich in diesem Moment einfach richtig an für mich, okay? Ich weiß, dass ich dich ein wenig damit überrumpelt hab. Aber jetzt weißt du wenigstens, wie wichtig du mir bist." Lilliana sah ihn nur an und nickte schließlich langsam. Angel ließ sie los und Lilliana blickte auf ihre beider Hände.
Ein Moment des Schweigens trat ein, bis Lilliana, die immer noch mit Angels Fingern spielte, es schließlich abrupt brach: „Ich war heute bei Holland." Angel schrak kurz zusammen und sah sie dann von oben bis unten an. Lilliana konnte das förmlich spüren. „Keine Angst. Er hat mich ganz gelassen." Sie grinste leicht. „Ich habe ihm nichts gesagt und ihm deutlich gemacht, dass das auch so bleibt."
Sie machte kurz Pause, um einen Schluck zu trinken, bevor sie lachend weiterredete: „Das war ein göttlicher Anblick – wie ihm das Grinsen aus dem Gesicht schwand! Das hättest du sehen sollen…" Als sie Angels Blick begegnete, verstummte sie augenblicklich. „Was ist los?" Sie konnte kein eindeutiges Gefühl bei ihm erkennen.
„Du warst bei Holland? Holland Manners von Wolfram und Hart?" Lilliana nickte, fragend. „In größere Schwierigkeiten hättest du dich nicht bringen können, oder?" Sie wusste gar nicht, was er hatte, immerhin schien das Gespräch doch gut gelaufen zu sein – dachte sie. „Was? Wieso? Ich hab doch gesagt, ich unternehm was, um das zu klären! Er hat zwar nichts direkt dazu gesagt, aber ich denke, ich habe einen bleibenden Eindruck hinterlassen!" erklärte sie selbstbewusst.
„Und du denkst, deswegen gibt er einfach auf? Wenn Wolfram und Hart etwas haben will, dann versuchen sie alles um es auch zu bekommen! Da kann sie leider keine Erklärung davon abbringen!" Lilliana kniff kurz die Augen zusammen. „Du sprichst da aus Erfahrung, oder?" Angel nickte sachte, dann rückte er näher an Lilliana und sah ihr durchdringend in die Augen. „Lilliana, wenn es hart auf hart kommt, ist es okay, wenn du ihnen alles erzählst von damals, okay? Ich möchte nicht, dass sie dir wehtun."
Den letzten Satz murmelte er fast lautlos, doch Lilliana hörte es trotzdem, wie ein Flüstern im Wind. „Aber, ich…" Angel schüttelte heftig mit seinem Kopf. „Nichts aber! Versprich es mir! Du gibst im Ernstfall nach!" Er wusste, dass sie niemals freiwillig irgendetwas erzählen würde und wenn man sie noch so anbettelte oder sie in noch größerer Gefahr schweben würde, dafür war sie viel zu trotzig und stur.
Lilliana blieb nichts anderes übrig als zu nicken. Angel sah sie skeptisch an. So hartnäckig war der ja noch nie! „Ja, okay." Stimmte sie schließlich zu. Auf Angels Gesicht bildete sich ein Lächeln und Lilliana setzte schnell noch einmal an: „Aber ich weiß doch überhaupt nicht wozu das gut sein soll, wofür die die Infos eigentlich brauchen!"
Angel senkte grimmig seinen Blick. „Um meine Schwachstellen herauszufinden." Und ihm war klar, dass Lilliana gerade auf dem besten Weg war, seine größte zu werden. Ihr entfuhr ein leises „Oh…", dann kniete sie sich vor ihn hin und nahm seine Hände in ihre. „So weit wird es nicht kommen!" Versuchte sie ihn, mit so viel Überzeugung wie möglich in der Stimme, zu ermuntern.
TBC
