Viel Spaß und das ganz besonders für alle Staffel 6 Seher :D
Seelenlos - Teil 10
Kurz zuvor ...
Das Feuer im Kamin lachte ihn aus, das Knacken der Holzscheite klang wie das Bersten von Knochen, die auf einem Scheiterhaufen zu Staub verbrannten. Die Flammen tanzten, als wüssten sie, dass es für ihn kein Entrinnen gab.
Sam war müde, so unbeschreiblich müde, dass jede Bewegung zu einer Herausforderung wurde, die seine Grenzen weit überschritt. Er brauchte Hilfe, so viel war klar – Hilfe, um den Schritt zu wagen, vor dem er sich am meisten fürchtete. Schon alleine das war verwirrend, Angst zu spüren, den Herzschlag, der sich automatisch beschleunigte, das Adrenalin, das ihm überhaupt die Kraft gab, noch zu sitzen. Aber schlafen hieß vielleicht nie wieder aufzuwachen, die Hölle lehrte einen, dass man die Augen nicht ungestraft schloss.
Hölle...
Sam musterte aus dem Augenwinkel die Frau neben sich. Er fragte sich, warum gerade diese Fremde ihm solchen Frieden gab. Warum nicht Dean? In seinen Erinnerungen aus dem anderen Leben, das gefühlte tausend Jahre zurücklag, war es so gewesen. Doch diesen Sam gab es nicht mehr. Der Sam jetzt sah nur den Jäger neben sich, der das Monster, das er einmal kleiner Bruder genannt hatte, früher oder später töten würde. Dieser Sam hatte sich selbst zu dem gemacht, was jetzt Angst vor so etwas Simplem wie Schlaf hatte – denn dort würden sie ihn finden, würden auf ihn in den Schatten lauern, die er selbst erschaffen hatte. Sie wussten, wo sie suchen mussten und Rachegefühle kannten keine Zeit, keinen Raum und in der Hölle war die Ewigkeit nur ein Wimpernschlag.
Ein Zittern durchfuhr ihn, das nur die Hand auf seiner Schulter stoppte.
„Warum legst du dich nicht eine Weile hin? ..." Der Rest ertrank in purer Erschöpfung.
Seelenlos gewesen zu sein war vielleicht doch nicht das Schlechteste gewesen.
Doch er ließ zu, dass sie ihn auf eines der alten Sofas platzierte und ihm ein Kissen unter den Kopf schob. War es so, wenn man eine Mutter hatte, die nicht nach dem Warum fragte, sondern einfach nur für einen da war? Damals hätte er Dean gefragt und eine seiner Erinnerungen mit sich teilen lassen.
Damals.
Als sein Körper sich entspannte und Muskeln sich lösten, atmete er erleichtert auf. Er würde nicht schlafen, das hier musste reichen – es würde reichen.
Arme und Beine wurden schwerer und die kleine Hand fuhr sanft über seine Schulter, die jetzt unter der warmen Decke vergraben war.
Er wollte sie bitten zu bleiben, doch es war töricht als erwachsener Mann die Frau eines anderen um so etwas zu bitten und sei es auch nur als Gesellschaft ohne direkte Gesellschaft.
Davon hatte es eh zu viel gegeben, unzählige Gesichter, in zu vielen wachen Nächten und Sam schüttelte sich …
Seufzend blickte er durch das Gewirr seiner Haare zu ihr auf, sagte nichts, dankte ihr nur stumm und ohne Erklärungen. Wie hätte er das auch tun sollen, wenn er es selber nicht verstand.
Aber sie blieb. Setzte sich neben ihn und zog eines der Sofakissen zu sich, die auf dem Boden gelegen hatten, lehnte sich seitlich an und blickte ins Feuer.
Die Flammen schienen sie zu beruhigen.
Ein kleiner Tropfen Harz explodierte krachend und sie lächelte leicht, fasste sich wieder an den Hals, um den er es silber blitzen sah. Er fragte sich, wem sie in Gedanken das bezaubernde Lächeln schenkte. Derjenige musste ein sehr glücklicher Mensch sein... Das war das Letzte, was Sam mitbekam, bevor ihn der Schlaf gnadenlos in seinem Reich willkommen hieß.
~sss~
Als Maggie sicher war, dass der Jüngere ihrer Gäste tief und fest schlief, wollte sie nach dem anderen sehen. Immerhin wäre es nicht einfach, beim Frühstück zu erklären, warum Dean mitten in der Nacht draußen vor der Tür zu einem Eisblock geworden war. Zugegeben, er hätte eine hübsche Statue abgegeben, doch spätestens der Frühling würde das Kunstwerk ruinieren. Grinsend über diese seltsamen Gedanken bog sie um das beladene Sofa und entdeckte einen sitzenden Schatten neben der Tür.
Was hatte ihnen der Sturm da nur ins Haus geweht? Dean sah mindestens so verloren aus wie sein jüngerer Bruder. Das Gesicht eine starre Maske, die alles verbarg, mit Augen, die so viel älter schienen, als es bei zwei Männern dieses Alters sein dürfte.
Kurz beobachtete sie ihn, sah ihn förmlich grübeln und denken. „Hey," flüsterte sie leise und blieb doch ungehört.
Maggie kam noch einen Schritt näher, wollte ihn nicht erschrecken und endlich bemerkte er sie. „Er schläft ..." Sie hatte vieles erwartet, besonders Erleichterung, aber was sie sah waren Schock, Unglaube und so etwas wie Hoffnung, zusammen mit einem Blick, der zwischen ihr und dem Sofa immer hin und her huschte. Lippen öffneten sich, Lippen bewegten sich und brachten doch nichts hervor.
Selbst in der Finsternis sah sie seine Augen mit solch einer Dankbarkeit aufglühen, dass sie beinahe zurücktaumelte, stattdessen zog sie ihren warmen Morgenmantel fester um sich und wartetet einfach ab.
Noch immer kämpfte der Mann zu ihren Füßen sichtlich um Fassung und um Worte, bis schließlich eines seinen Weg fand: „Sammy-...", leise und nur ein geflüsterter Hauch.
Als wenn der Wind ihn draußen gehört hätte, fegte eine Böe gegen Wände, drückte gegen Türen und Fenster. Im Kamin heulte der Wind und die Flammen verbrannten das Echo des Wortes in den Funken, als sie aufstoben. Holz knackte freudig und das Feuer loderte, sang seine eigene Melodie zu dem Takt des Sturmes draußen im Wald.
~sss~
Maggie war die Erste, welche die Veränderung bemerkte.
Sam.
Das Bündel unter der warmen Decke bewegte sich immer unruhiger . Ein Kopf vergrub sich in Kissen und gekeuchte Worte wurden vom weichen Stoff erstickt. Eine zitternde Hand im Gegenlicht des Feuers deutlich zu sehen, krallte sich haltsuchend in die Bezüge.
Dean bewegte sich nicht, starrte nur auf das, was sich nur wenige Meter vor ihm abspielte.
Irritiert musterte sie den Älteren, der jetzt seine eigene Faust fest in den Stoff seiner Jeans krallte, der Körper in Richtung des Magneten, der ihn anzog. Deans Gesicht war in rotes Licht getaucht, beinahe, als wäre es selbst aus Feuer gemacht. Das Grün seiner Augen flackerte rot glitzernd.
„Dean?" Doch der reagierte nicht.
Augenrollend drehte sie sich um und eilte zum Sofa – Männer.
Sam lag eingeschnürt in der zerwühlten Decke, die ihn gefangen hielt und Maggie versuchte, ihn daraus zu befreien, flüsterte besänftigenden Nonsens, wie sie es bei jedem ihrer Jungs getan hätte. Sam lag immer noch auf der Seite, das Gesicht im Kissen vergraben. Beruhigend strich sie ihm über den Hinterkopf, doch jede Berührung schien es schlimmer zu machen. Seine Hände griffen ins Leere, tasteten, wehrten ab.
Mühsam drehte sie den Koloss halb auf den Rücken und rief nach dem anderen: „Dean …" doch die Hilfe, die sie erhoffte, blieb aus.
„Hey Sam ...", ihre Finger strichen ihm die Haare aus dem Gesicht und erstarrten.
GRUNDGÜTIGER.
Sam brannte, seine Adern glühten wie Lava unter seiner Haut und das Feuer fraß sich weiter unter dem Kragen des Pulvers hervor und hinauf zu seinen Schläfen. Der Körper bäumte sich auf, seine Hände krallten sich an seine Brust und sie dachte im ersten Augenblick, er würde einen Anfall haben, oder einen Infarkt – schlimmstenfalls alles zusammen. Doch dann sah sie, wie sich dunkles Rot auf der hellen Wolle ausbreitete, riss seine Hände zur Seite, die beinahe spastisch krampften und tauchte ihre eigene Hand in warmes Blut, wo keines sein durfte.
Sams Herz unter ihren Fingern raste in einem halsbrecherischen Tempo in einem Brustkorb, der dem Widerstand beinahe nicht mehr entgegenhalten konnte.
„HILFE … CAM, oh mein Gott – CAMERON!"
