Disclaimer: Nichts ist mein Eigentum, ich übersetze nur.

Und nun viel Spaß mit Kapitel 10!

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Kapitel 10 – Der Eisberg taut

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Sonntag, 28. Juni 2009, 16:12 Uhr

Dantes Haus

Venedig, Italien

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Dante Vale, heute wirst du dich mir ganz sicher hingeben! Zu Füßen wirst du mir liegen!

Und das ist alles andere als ein leeres Versprechen! Ich würde so etwas ja nicht sagen, wenn ich mir nicht 100% sicher wäre, dass es eintrifft. Schließlich habe ich alles genau vorbereitet und geplant. Und ich habe guten Grund ein wenig eitel zu sein – davon habe ich mich vor meinem Aufbruch persönlich überzeugt. Ich sehe zum Anbeißen aus! Die Stunden vor dem Spiegel haben sich gelohnt, ebenso wie die gründliche Auswahl was ich anziehen soll, wie ich meine Haare zurecht mache und welches Make-up ich auflege.

Früher oder später im Laufe des Tages wird das keine Rolle mehr spielen… Kleider sind schneller ausgezogen als man sie angezogen hat, Haare und Make-up leiden unter den geplanten Aktivitäten sowieso, aber ich wollte mir zumindest den kleinen Triumph vorab gönnen, Dantes sprachloses Gesicht zu sehen. Ich kann mich auch jetzt noch gut an seinen Gesichtsausdruck erinnern, als ich mit ihm im Flugzeug geflirtet habe… Es war zum Schießen! Er ist ja kein schlechter Schauspieler, aber jetzt weiß ich mit Sicherheit, dass der ganze lässige Akt eben nur das ist: ein Akt, um seine vollkommen hilflose Schwäche zu verbergen. Man hätte fast meinen können, er wäre eine unberührte Jungfrau, so sehr hat ihn eine leichte Berührung mit der Hand aus der Fassung gebracht! Vielleicht hat er wirklich noch nie eine Frau gevögelt? Oder aber es ist schon so lange her, dass er vollkommen vergessen hat, wie es ist mit einer Frau zusammen zu sein – bei all der Arbeit.

Aber keine Sorge, Süßer. Ich werde dich schon wieder daran erinnern! So oft du willst!

Immerhin habe ich extra für ihn einen Push-up-BH angezogen und einen Tanga, so schmal wie Messers Schneide und eine hautenge Jeans die die Kurve meines Pos betont. Dazu ein Make-up, das selbst ein Star vor Neid erblassen würde. Den roten Lippenstift habe ich aber lieber weggelassen und stattdessen farblosen Lipgloss verwendet. Roter Lippenstift ist zwar der Klassiker und immer noch das Beste um wollüstige Männer zu verführen, aber beim Kissen hinterlässt er leider sichtbare Spuren auf den Lippen des Partners – und Dante Vale mit einem roten Lippenstiftrand um seine Lippen, wie Joker aus dem Batman-Film… Ich glaube da würde ich laut loslachen! Und das würde die ganze Stimmung zu Nichte machen. Der Lipgloss wirkt auch, erscheint aber nicht so aufdringlich. Das ist zwar eigentlich kontraproduktiv – immerhin möchte ich ihm ja eindeutige Signale senden, aber wenn man es recht bedenkt, ist es so besser: Immerhin soll er nicht denken, dass ich mich zum Vögeln bereit gemacht habe, deswegen muss ich eher locker und lässig wirken. Er soll schon glauben, dass er mich vorher ein bisschen beeindrucken muss, bevor er mir an die Wäsche darf. Und das ist eigentlich das ganze Geheimnis dieser listigen Tour.

Das Endergebnis mit dem Lipgloss ist zufriedenstellend. Außerdem muss ich bei meinen Lippen nicht viel tun, damit sie verführerisch aussehen. Angelina Jolie könnte einpacken – ich muss meine Lippen nicht künstlich aufpumpen! Ich streiche mir noch kurz die Haare zurecht bevor ich anklopfe, eine lässige Pose einnehme und darauf warte, dass Dante mir die Tür öffnet. Wahrscheinlich wird er sehr förmlich sein und ein wenig verschlossen. Ich hoffe nur, dass er seinen scheußlichen Mantel heute nicht anhat! Er könnte wenigstens zu dieser Gelegenheit mal was Gescheites anziehen! Ich hab mich ja auch in Schale geschmissen, und ertrage tapfer den unbequemen String-Tanga. Allerdings wird der natürlich nicht lange an bleiben! Hihihi!

Warum braucht er eigentlich so lange um zu öffnen? Steckt er noch inmitten von hektischen Last-Minute-Vorbereitungen? Wäre es nicht witzig, wenn ich ihn erwische, wie er gerade versucht die Hose hochzuziehen, mit seiner Unterwäsche noch zur Schau gestellt? Wenn ich so etwas in den Reihen der Organisation erzählen würde, die würden sich zu Tode lachen! Ich kann nicht widerstehen und drücke die Türklinke, aber in dem Moment drückt jemand von der anderen Seite gegen die Tür. Einen Moment lang schieben und ziehen wir die Tür zwischen uns hin und her.

„Wer ist da?", fragt die Stimme schließlich.

„Ich bin es!", antworte ich und kann mir den Zusatz ‚Du Idiot' nur schwer verkneifen. Das gibt noch Rache. Ich mach ein Foto seiner benutzten Unterwäsche und schicke es an die ganze Organisation, male ich mir selbst aus, um nicht vor Frust zu knurren. Ich lasse die Klinke los – mir reicht's mit diesem dämlichen Gezerre wie aus einer billigen Komödie. So kommen wir doch nicht weiter.

Ein blonder Kopf taucht auf.

„Zhalia!", lächelt Lok und öffnet die Tür. „Hi! Was machst du hier?"

„Ich stehe hier rum, siehst du doch!", grummle ich böse. Ich bin nicht gerade begeistert ihn hier anzutreffen. Und wie konnte ich bloß Dantes tiefe Stimme mit seiner dank Stimmbruch brüchigen Stimme verwechseln? Aber mit ihm hatte ich hier nun wirklich nicht gerechnet. Was zum Geier will er hier? Möchte er sich den Liebesackt mal in echt ansehen? Verteilt Dante jetzt schon Tickets für die Show?

„Ach ja!", bemerkt der Junge verlegen über seine Unhöflichkeit. „Sorry. Komm bitte rein!".

"Ich hab dich hier nicht erwartet", bemerke ich leichthin. Soll der Kleine mir wie ein Butler die Tür öffnen, damit Mister Vale sich nicht selbst zur Tür bemühen muss, oder was? Wo zum Teufel steckt er?

„Wir kümmern uns um das Haus", antwortet der Junge und schließt die Tür, dabei macht er eine einladende Geste in Richtung Wohnzimmer. Na klasse, also ist die kleine Giftspritze auch hier. Jupp, da sitzt sie auf dem Teppich, als wäre sie hier zuhause, und als sie mich sieht kräuselt sie die Nase als hätte ich mich seit einer Woche nicht mehr gewaschen. Ich ignoriere ihre missgünstigen Blicke und tue so als wäre sie Luft. Das ist für alle das Beste!

„Dante hat uns gebeten nach dem Rechten zu sehen, während er weg ist", erklärt Lok und setzt sich neben Cherit aufs Sofa. „Er ist noch nicht zurück von seiner geheimnisvollen Reise…"

Moment mal! Was soll das heißen: Noch nicht zurück?! Es interessiert mich nicht, was seine Ankunft verzögert hat, aber er hätte hier sein sollen, Basta! Er hat eine Verabredung mit einer heißen Braut, für die er notfalls auch quer über den Atlantik schwimmen sollte, nur um rechtzeitig anzukommen. Und was macht er?! Er lässt mich hier hängen mit drei Anstands-Wauwaus – wenn man den kleinen Gargoyle mitrechnet.

Das kann doch nicht wahr sein, dass Dante Vale mich einfach versetzt, obwohl wir doch klar abgemacht haben, dass wir ins in zwei Tagen treffen. Okay, wir haben keine bestimmte Zeit ausgemacht, aber er hatte schließlich ein paar Tage Zeit um abzusagen, falls er es nicht schafft. Aber das hat er nicht! Er hat weder angerufen, noch eine popelige SMS geschrieben. Ich koche fast vor Wut! Dabei sollte er doch rückwärts die Minuten herunterzählen bis er mich endlich treffen darf…

„Nun, dann kann ich hier ja gar nichts tun", erwidere ich trocken und vor allem angepisst.

„Oh nein, geh nicht. Bleib doch noch etwas!", versucht Lok mich umzustimmen. Er ist noch ungeübt darin Signale der Frauensprache zu entschlüsseln, sonst hätte er an meinem Gesicht erkannt, dass ich stinksauer bin. „Dante sagte er wäre nur übers Wochenende weg. Heute ist Sonntag, also muss er bald zurückkommen".

"Hast du etwas geschäftliches mit ihm zu besprechen?", fragt Sophie direkt, die scheinbar entschieden hat meine Anwesenheit hinzunehmen und lieber ihre Neugier zu befriedigen.

„Selbst wenn dem so wäre, würde es nur ihn etwas angehen", antworte ich schnippisch. „Du hast recht", sage ich zu Lok. „Ich werde warten".

Der Junge lächelt und bietet mit einen der Sessel an, in den ich mich so würdevoll niederlasse, dass selbst Cleopatra noch was von mir lernen könnte. Von hier aus habe ich auch den perfekten Blick auf die Tür, um die Rückkehr des Königs –nämlich Dante- abzupassen. Und von der Tür aus hat er einen freien Blick auf mich, um seinen wohlverdienten vernichtenden Blick zu kassieren.

Das soll er sich gleich hinter die Löffel schreiben: Niemand versetzt Zhalia Moon, dem sein Leben lieb ist!

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Am gleichen Tag, 16:49 Uhr

Marco Polo Flughafen

Venedig, Italien

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"Mein Herr? Wir… sind schon gelandet. Sie können das Flugzeug schon verlassen".

Dante zuckte zusammen und wendete seinen Blick vom Fenster ab. Einen Moment lang starrte er auf das schmale Gesicht einer hellhaarigen Frau in dunkelblauer Uniform, ohne etwas wahrzunehmen. Die Frau stand halb über ihn gebeugt, ein professionelles Lächeln auf den Lippen. Dante blinzelte und schüttelte den Kopf. Erst da bemerkte er, dass durch das Fenster die Lichter seiner Heimatstadt zu sehen waren und zahlreiche Leute auf dem Flughafen hin und herliefen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie schon gelandet waren, so sehr war er in Gedanken versunken.

„Oh, natürlich", sagte er und löste den Sicherheitsgurt. „Bitte entschuldigen Sie".

Die Flugbegleiterin lächelte, wirkte aber deutlich weniger fröhlich. Für einen Moment wirkte ihr sonst schon künstlich wirkendes Lächeln beinahe natürlich, wie das anderer Menschen.

„Geht es Ihnen gut?", fragte sie und verzog die wohlgezupften Augenbrauen.

Die Frage war berechtigt. Dante hatte sich selbst heute im Spiegel gesehen und war sich bewusst, dass er nicht gerade in bester Verfassung war. Er hatte zu wenig geschlafen, hatte sich stundenlang mit besorgniserregenden Gesprächen voller medizinischer Fachausdrücke herumgeschlagen, hatte Wache am Bett seines Freundes gehalten, der von medizinischen Apparaturen umgeben war, hatte seinem schweren Atem gelauscht und war die restliche Zeit sorgenvoll im Gästezimmer auf und ab geschritten und hatte sich den Kopf zermartert nach einer Lösung, die diesen unerträglichen Zustand endlich heilen würde… Sein Gesicht fühlte sich an, als wären seine Muskeln permanent in der sorgenvoll verzogenen Miene festgefroren, selbst jetzt, wo er versuchte ein dankbares Lächeln hervorzubringen.

„Gut genug, als dass Sie sich nicht sorgen müssen", antwortete er so höflich wie möglich, um sein mangelndes Lächeln wettzumachen.

„Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann…", erwiderte die Frau schüchtern. Sie wirkte sehr jung und verwirrt, schien es aber ehrlich zu meinen.

Dante fühlte sich betrübt. Wenn ihm nur jemand so einfach helfen konnte… Wenn es so jemanden doch gab… Er würde selbst die legendären Städte des Goldes finden, oder ein Einhorn, oder das Perpetuum mobile erfinden, wenn es nur das Leben desjenigen schützen würde, der ihm so viel bedeutete.

„Danke", sagte er einfach und erhob sich endlich von seinem Sitz. „Ich hoffe, dass alles sich bald wieder einrenkt".

Seine einzige Zuversicht stammte von einem kleinen gefalteten Papier in seiner Tasche, auf der mit scharfer, kantiger Schrift eine Adresse in Wien vermerkt war.

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Am gleichen Tag, 17:29 Uhr

Dantes Haus

Venedig, Italien

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Ich bringe ihn um! Ich schwöre es!

Ich weiß ja, das ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Schwur abgebe – aber dieses Mal ganz bestimmt! Und nicht auf die sanfte Tour. Oh nein. Am liebsten würde ich in seiner Anwesenheit eine ganze Packung Zigaretten rauchen und ihm jeden einzelnen Zigarettenstummel noch glühen in den Hintern schieben, solange bis die Zigarettenstummel sich aneinanderreihen und auf einem Röntgenbild eine zweite Wirbelsäule bilden! Wie wäre das?

Ich drücke beinahe den Stift durch das Papier in meiner Wut. Ich versuche die Zeit zu nutzen und eine Karte zu erstellen mit den Anweisungen, die mir Klaus hat zukommen lassen. Wir hatten gestern eine kleine Auseinandersetzung. Er hat versucht mich von einer neuen Mission zu überzeugen, deren Ziel ein bestimmtes Haus in Wien ist, in dem sich angeblich der legendäre König Basilisk befindet.

Ich habe zwar versucht ihm zu verklickern, dass ich extrem beschäftigt bin und ihm von meinen Plänen mit Dante erzählt, aber statt Lob und Anerkennung habe ich nur Kritik geerntet. Irgendwie scheint er sich in den Kopf gesetzt zu haben, dass ich beides gleichzeitig schaffen kann – Dante eine Falle zu stellen und gleichzeitig das tödliche Reptil zu finden.

Ich hab ihm schließlich gesagt, dass er selbst entscheiden muss was ihm wichtiger ist, statt dass ich nun seiner Anweisung folge, nur damit er es sich plötzlich anders überlegt. Ich habe auch gesagt, dass ich persönlich es vorziehen würde mich mit der überdimensionalen Eidechse, als mich mit der Schlange in Dantes Hose zu beschäftigen, aber dass die Anweisung von oben nun einmal lautete, dass die Infiltration von Dantes Team Priorität hatte.

Klaus hatte lange herumgegrummelt. Seine Gier war uneins mit seinem Pflichtbewusstsein und dem Willen dem Professor Folge zu leisten, und ihm die Treue zu halten, damit er am Ende auch da ankam, wo er hinwollte: Höher gestellt als alle anderen Agenten der Organisation. Schlussendlich sagte er mir, ich solle einfach machen, was ich für das Beste halte, aber ich weiß, dass es ihm nicht leichtfällt von einem so mächtigen Titanen abzulassen. Wahrscheinlich macht er sich immer noch Gedanken, wie er doch an König Basilisk herankommt.

Aber man kann nicht alles haben. Und da ich Dante Vale gewählt habe, ist auch für mich der Basilisk unerreichbar. Aber nun, da Dante anderswo seinen Spaß hat und irgendwo herumgondelt, statt mir abzusagen, frage ich mich, ob es nicht doch eine gute Möglichkeit wäre nach dem Titan zu suchen. Immerhin wird er mir gehören, wenn es mir gelingt König Basilisk zu bezwingen - Dante dagegen ist nur ein Spielzeug für eine Weile, bevor ich ihn dem Professor aushändigen muss und ihn vergesse. Wahrscheinlich werde ich mich höchstens noch daran erinnern, dass er es war, dank dem ich in der Organisation an die Spitze kam. Vielleicht.

„Man, ich weiß nicht weiter", murmelt Lok und lehnt sich auf den Tisch. „Das ist wie ein Test am ersten Tag nach den Ferien…"

Ich linse neugierig nach den Kindern. Seit ich hier bin spielen sie schon mit bunten Klötzen. Irgendwie passend – die Kinder am rechten Fleck, beschäftigt mit irgendeinem Mist, der eh keinen Sinn macht, außer dass er sie von anderen Gefahren abhält, die Gesundheit und Leben gefährden. Neben ihnen fühle ich mich als wäre ich eine gelangweilte Kindergärtnerin…

„Ach, gib nicht so schnell auf, Lok", ermutigt Cherit ihn. Oh, sorry. Scheinbar ist die Position des Kindergärtners schon belegt. „Sieh nur wie weit Sophie schon ist!".

Der Junge starrt gehorsam auf das Puzzle seiner Kameradin.

„Hey, wie hast du das gemacht?", wundert er sich und beobachtet wie das Mädchen zielstrebig einen weiteren Klotz an seinen Platz schiebt.

„Es ist nur eine Parkettierung", antwortet Sophie lässig und macht unbeirrt weiter. „Du weißt schon, wie die von Escher, auch wenn dieses hier deutlich komplexer ist".

„Was für ein Parkett?", fragt Lok verwirrt. An dem Punkte hat sie ihn offensichtlich verloren und der Rest ihrer Rede hat ihn überhaupt nicht beeindruckt. Kein Wunder. Auch für mich klang es nur nach Gebrabbel, um mal wieder zu zeigen, wie überragend ihr Wissen ist.

„Eine Parkettierung", wiederholt sie geduldig. „Das ist eine Abfolge von gleichen Formen. Erinnerst du dich nicht an unseren Kunstunterricht?"

„Ich versuche ihn zu vergessen", grummelt er angewidert, stützt beide Ellbogen auf das Sofa, und wirft dem Puzzle böse Blicke zu. Ich kann seinen Kopf fast qualmen sehen. Gib es auf, Junge, und gönn dir eine Auszeit an der Spielkonsole. Ein paar Knöpfe zu drücken steht dir besser.

„Dante!", ruft Sophie plötzlich aufgeregt. „Du bist wieder da!".

Die Worte sorgen dafür, dass ich mich anspanne, wie ein Panther, der zum Sprung ansetzt. Ich habe den Blick und das erste was ich sehe ist ein Mantel in der Farbe von Durchfall, den ein Mann gerade ablegt. Der kann sich auf was gefasst machen – Mann und Mantel!

Scheinbar hatte jemand ein anstrengendes Wochenende.

Dante wirft den Mantel über die Lehne des zweiten Sessels und lässt sich kraftlos hineinfallen, den Blick auf seine Knie gerichtet, als würde er uns gar nicht wahrnehmen. Sein Blick wirkt leer und eingefallen vor Müdigkeit, und die dunklen Ringe unter seinen Augen sind in seinem seltsam blass-gräulichen Teint deutlich sichtbar. Sein Bart wirkt ungepflegt – scheinbar hat er sich seit dem letzten Mal nicht rasiert und die nachgewachsenen Barthaare lassen die sonst so akkurat geschorene Form verschwimmen. Er wirkt ungepflegt und könnte problemlos als Landstreicher durchgehen.

Aber wenn er von mir Mitleid erhofft, ist er bei mir an der falschen Adresse. Insbesondere nachdem er mich so bloßgestellt hat. Ich räuspere mich hörbar, um ihn auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen und ihn zu einer Erklärung zu veranlassen. Ohne Erfolg. Der reagiert nicht einmal!

„Du warst fast zwei Tage weg!", sagt Lok strafend. „Und du hast nicht einmal angerufen…"

„Stimmt! Wir haben uns Sorgen gemacht!", stimmt Sophie zu und starrt ihren Helden besorgt an, so als würde es ihm sein Lebenslicht jeden Moment aushauchen.

„DU hast dir Sorgen gemacht, meinst du wohl", verbessere ich sie kalt. Mich interessiert nicht warum er aussieht als hätte er soeben eine Begegnung der dritten Art überlebt. „Vielleicht will Dante ja nur nicht jede Kleinigkeit mit euch Kindern besprechen?"

Aber mir könnte er schon mal erzählen, was los ist! Schließlich habe ich ein Recht zu erfahren, weshalb er mich versetzt hat – und weswegen er hier so aufkreuzt. Man könnte ja meinen, er wäre der Hauptdarsteller im Film ‚Dawn oft he dead'.

Sophie wirft mir einen strafenden Blick zu und ich erwidere ihren Blick nicht weniger vernichtend.

„Beruhigt euch!", beschwichtig Cherit, der den Sturm kommen sieht, als würden die Funken zwischen uns fliegen. „Er kann ja auf einer Mission gewesen sein. Was sagst du, Dante?", versucht er ihn ins Gespräch einzubringen.

Der Mann rutscht unruhig im Sessel hin und her – entweder aus Ungeduld oder aus Verwirrung.

„Eigentlich…". Ah, er spricht! Vielen Dank, dass du uns mit dem Klang deiner Stimme beehrst! Beim nächsten Mal kannst du bitte mit „Hallo zusammen" oder „Guten Abend" beginnen. „Eigentlich habe ich mich auf meine Reise nach Wien diese Woche vorbereitet".

Ich zucke zusammen. Wien? Warum gerade Wien? Verdammt, er wird doch nicht Lunte gerochen haben, was meine Herkunft angeht? Hoffentlich ist das nicht der Grund, warum er sich so seltsam benimmt… und warum er unser Date scheinbar völlig ausgeblendet hat…

„In seinem Tagebuch schreibt mein Dad dauernd über Wien!", meint Lok aufgeregt. „Toll! Lasst uns packen!"

Dante seufzt tief und erhebt sich langsam. Seine Bewegungen haben die typische Kraft verloren. Was ist bloß mit ihm los? Er führt sich auf als wäre er doppelt so alt wie sonst.

„Sorry, aber ich werde alleine gehen", antwortet er streng.

Lok und Sophie schauen sich erstaunt an. Auch Cherit starrt Dante aus großen Augen an. Okay, ich muss zugeben, die Aussage überrascht mich auch… Bei unserem Muster-Teamplayer hatte ich realistisch betrachtet nicht erwartet, dass er nur mich darum bittet ihn zu begleiten -und er dann sein Zuspätkommen ausbügelt, indem wir die meiste Zeit in einem ausgiebigen Stadium der Nacktheit, mit meinen Beinen um sie Hüfte verbringen- aber ich hätte zumindest erwartet, dass er uns alle mitnimmt und ich mich dann mit den Kindern und seinem Zombie-Abbild herumschlagen muss. Dass er Gesellschaft gänzlich anlehnt, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

„Aber…", beginnt Lok zu protestieren, hält aber inne, als wüsste er nicht, wie er seine Gedanken seinem völlig veränderten Mentor gegenüber zum Ausdruck bringen soll.

Dante geht an meinem Sessel vorbei zum Fenster. Ich beobachte ihn intensiv. Vielleicht entschuldigt er sich wenigstens mal?

„Es gibt Dinge, die muss man alleine erledigen", erklärt er mit fester Stimme.

Ja klar, Cowboy – jetzt ist aber gut! Deine unerwartete Tour ins Land der schweigsamen Einzelkämpfer beeindruckt mich ganz und gar nicht.

„Was für ein Pech", antworte ich laut und deutlich, nachdem ich zu dem Schluss gekommen bin, dass ich wohl für einen vernünftigen Gesprächsverlauf selbst sorgen muss. „Denn ich plane selbst etwas in Wien auszukundschaften".

Hoffentlich erinnert ihn das auch an unser Date, zu dem er zu spät ist und wozu er sich immer noch nicht geäußert hat.

„Dante, ich dachte wir sind ein Team!", setzt Lok nach. „Komm schon!"

Das meinte ich damit zwar nicht… Aber nun komm ich selbst ins Grübeln. Was ist nun besser? Wenn er alleine geht (was mir die Chance auf eine gelungene Verführung ruiniert), oder ihm mit den anderen zu folgen und damit die Kinder auch am Hals zu haben? Naja, die Kids könnte man ja immer noch irgendwo abschütteln… Im Zweifelsfalle wird man sie spätestens nachts los, wenn wir –Dante und ich- uns ein Doppelzimmer in einem gemütlichen Hotel buchen…

Vale schweigt. Ich würde mich zu gerne umdrehen, um seinen Gesichtsausdruck zu sehen, aber ich sitze mit dem Rücken zu ihm – und zu neugierig will ich auch nicht wirken. Ich behandle ihn lieber so, wie er mich auch behandelt: Als würde ich seine Anwesenheit kaum wahrnehmen. Die Kinder dagegen starren ihn offen und unnachgiebig an.

„Also gut", antwortet Dante schließlich und ich habe das Gefühl, dass in seiner Stimme ein Lachen mitschwingt – das überrascht, wenn man seine Laune bedenkt. „Ich gebe mich geschlagen. Packt eure Koffer".

„Oh, ja!", strahlt Sophie und stößt triumphierend ihre Faust in die Luft.

Nun ja, ich kann nicht sagen, dass ich mit dem Ergebnis unzufrieden bin. Vielleicht finden wir während des Hinfluges eine Gelegenheit, bei der Dante sich endlich entschuldigt und –als Geste der Reue- mich nicht nur zum Kaffee, sondern zum Abendessen ausführt. Und Übernachtung, inklusive Frühstück am nächsten Morgen.

„Äh, wie können doch weiter nach deinem Vater suchen, richtig Lok?", setzt Sophie hinzu, als sie merkt, dass ihre übertriebene Fröhlichkeit etwas zu viel des Guten war. „Hä? Warte mal! Wann hast du… Wie hast du…?".

Es ist allerdings selten, dass man die kleine Casterwill sprachlos erlebt (Schade eigentlich!), also drehe ich mich um, um zu schauen, was die Ursache ist.

„Ich habe das Spiegelbild gesehen", deutet Lok auf den Spiegel, der vor sich das fertig gebaute Puzzle hat. „Das Muster ist eine Kleinigkeit, wenn man es spiegelverkehrt betrachtet".

Sophie verschränkt die Arme und schaut höchst unzufrieden drein. Scheinbar passt es ihr nicht, dass ihr dümmlicher Schulkamerad sie überflügelt hat. Immerhin hat sie stundenlang an etwas gesessen, das Lok innerhalb weniger Minuten fertig hatte!

„Manchmal hilft es, das Problem aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten", bemerkt Dante.

Das klingt nach einer Weisheit aus dem Kinderprogramm oder einem Glückskeks. Und das sagt vor allem der, dem das Problem nicht einmal auffällt, wenn es ihn direkt mit einem mörderischen Blick anstarrt! Nämlich mich! Du tischst mir besser auf dem Flug nach Wien eine verdammt gute Erklärung auf, ansonsten kannst du mal sehen, wo du mit deinen Weisheiten hinkommst.

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Montag, 29. Juni 2009, 16:12 Uhr

Vor dem Haus der Huntik Vereinigung

Wien, Stadtteil Spittelberg

Österreich

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Einen Flug nach Wien zu erwischen war nicht so einfach wie Dante gedacht hatte. Die meisten Flüge waren gestrichen worden oder verspätet, daher hatten sie einen Großteil der Nacht und des Morgens am Flughafen verbracht. Dante beneidete Lok, der scheinbar in jeder Position und trotz der unbequemen Plastikstühle in der Lage war zu schlafen. Er selbst hätte sich liebend gerne auf den Sitzreihen ausgestreckt und hätte in einem ausgiebigen Schlaf all seine Sorgen vergessen, ebenso wie die nervöse Energie, die ihm die Brust zuschnürte.

Erst als sie an Bord gegangen waren konnte auch er ein Nickerchen machen – und da war er von der langen Warterei schon so erschöpft, dass er fast beim Überschreiten des Flugfelds eingeschlafen wäre. Dennoch schreckte er alle paar Minuten panisch hoch – die Anspannung ließ einfach nicht nach. Er gab schließlich auf und zog sein Handy hervor, um immer wieder die Liste seiner empfangenen Anrufe zu betrachten, nur um sich zu vergewissern, dass das letzte Telefonat kein Traum gewesen war – das Telefonat, in dem er alles Wichtige geregelt hatte.

Ihre Ankunft war durch die Verzögerung sehr verspätet, daher war Dante wegen des Zeitverlusts unruhig als sie endlich in Spittelberg eintrafen. Er trieb sein Team an wo er konnte, aber obwohl die Kinder artig und folgsam waren, schien Zhalia ihre Ankunft absichtlich herauszögern zu wollen. Dante hatte den Eindruck, dass sie böse auf ihn war. Sie hatte sich im Flugzeug absichtlich einen weit entfernten Platz genommen, aber ihre wütenden Blicke, die sie ihm dann und wann zuwarf, waren ihm nicht entgangen. Auch wenn ihm das zu denken gab und missfiel, hatte er jetzt keine Zeit sich damit auseinanderzusetzen. Er hoffte nur, dass der Grund nicht irgendeine Lappalie war.

Als er sein Team endlich erfolgreich an ihrem Unterschlupf abgeliefert hatte, ermutigte er sie eine Weile dort zu bleiben. Er selbst griff nur einen silbernen Metallkoffer und machte auf dem Absatz kehrt– die überraschten Blicke seines Teams hatte er noch gesehen. Wahrscheinlich verdächtigten sie ihn nun, dass er illegale Güter schmuggelte oder in Geldwäsche-Machenschaften verwickelt war. Aber egal. Im schlimmsten Falle würde seine blütenreine Weste ein paar Schmutzflecken bekommen – das war ein kleiner Preis verglichen mit dem schlimmen Schicksal, das ihm drohte, wenn er diesen Versuch ungenutzt lassen würde.

„Ich bin den ganzen Tag mit persönlichen Angelegenheiten beschäftigt, also wartet nicht auf mich", erklärte er ohne Umschweife.

Zhalia machte ein knurrendes Geräusch und warf ärgerlich ihren Kopf zurück, so dass ihre Haare flogen.

„Als ob ich auf deine Hilfe angewiesen wäre! Ich komme sehr gut alleine klar!", zischte sie mit einer Schärfe, die er von ihr sonst nicht kannte –zumindest nicht ihm gegenüber, und wo sie sich doch vor ein paar Tagen noch so angeregt unterhalten hatten. Ohne eine Antwort abzuwarten und ohne ein Wort des Abschieds sprang sie in ein Taxi.

„Wohin, meine Dame?", hörte Dante den Fahrer noch munter fragen.

„So weit wie möglich weg von diesem Idioten", zischte sie betont laut und warf Dante dabei einen vernichtenden Blick zu. Das Taxi rauschte davon.

In der letzten Woche war er schon zum Versager geworden, nun war er also auch noch ein Idiot. Na wunderbar… Blieb abzuwarten, welche Kosenamen noch auf ihn warteten…

Er seufzte leise und drehte sich zu den Kindern um. Lok schien verlegen zu sein –wahrscheinlich wusste er nicht, wie er reagieren sollte, so die beiden Erwachsenen sich stritten. Sophie dagegen strahlte, als hätte man ihr das letzte Bonbon auf Erden geschenkt.

„Ich weiß, ihr Zwei kommt allein klar", sagte Dante. „Seid vorsichtig und ruft mich im Notfall an. Aber nur im Notfall!", betonte er, um den Ernst seiner Worte zu verdeutlichen. Dann drehte auch er sich um und ließ die beiden stehen. Seine Schritte waren schnell, so schnell wie möglich ohne zu rennen, aber aus Vorsicht nutze er sofort als er um die nächste Ecke bog Hyperschritt, und suchte sich über die Dächer der Häuser und durch schmale Gassen seinen Weg – einen möglichst komplizierten Weg, um Verfolger abzuschütteln. Er kannte seine Teammitglieder. Sie würden versuchen im zu folgen.

Aber jetzt gerade konnte er sie nicht gebrauchen. Zwei Fünfzehnjährige am Rockzipfel passten einfach nicht zu einem Kuhhandel auf dem Schwarzmarkt. Auch jene krummen Geschäfte, die einem guten Zweck dienten…

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Am gleichen Tag, 17:02 Uhr

Stadthaus des Basilisks

Wien-Spittelberg, Österreich

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Was muss jemand für ein Volltrottel sein, um erst ein Mädel um ein Date zu bitten, dann für zwei Tage ohne Wort und Rückmeldung zu verschwinden, das Mädel zu versetzen, um dann zurückzukommen und zu tun als wäre nichts gewesen?!

Der Gedanke lässt mir einfach keine Ruhe, während ich mit Gareon auf der Schulter den Flur durchschreite. Dieses Stadthaus ist das reinste Labyrinth! Gareon ist mein zweites Paar Augen, für den Fall, dass ich mich verirre. Ich habe zwar die Karte auswendig gelernt – und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich jede Ecke und Biegung kenne, aber die Dinge liegen nun anders: Ich bin nur halb bei der Sache. Und das ist alles nur die Schuld von diesem Volltrottel!

Er hatte so viele Gelegenheiten mich anzusprechen und sich zu erklären! Aber hat er es auch nur ansatzweise versucht? Natürlich nicht! Stattdessen hat er mich nicht einmal großartig beachtet, so als wäre überhaupt nichts vorgefallen und ich nicht zumindest eine Entschuldigung verdienen! Leidet er plötzlich an Gedächtnisverlust, oder was? Aber vielleicht ist sein Kopf von all dem Ruhm als Berühmtheit auch schon so angeschwollen, dass er so etwas einfach vergisst… Wer hätte gedacht, dass Dante Vale so ein Depp ist?

‚Ich', echot Gareon in meinen Gedanken. Der kleine Kerl wirkt ausgesprochen zufrieden mit meiner gedanklichen Tirade über Dante Vale. Ich bin zwar nicht in der Stimmung zum Lachen, aber seine Genugtuung amüsiert mich dennoch. Kleiner Schlaumeier! Ich streichle ihm den Kopf und verspreche ihm, dass er nach Abschluss dieser Mission –Operation Dante Vale- den Mantel des Schreckens als Kauknochen bekommt, den er dann nach Belieben zerbeißen und zerfetzen darf. Gareon drückt mir glücklich den Kopf gegen die Wange.

Plötzlich wird Gareon starr und wölbt dann den Rücken wie eine Katze, die einen Buckel macht. ‚Jemand kommt', warnt er mich. Ich lausche angestrengt und höre ebenfalls Schritte. DeFoe läuft hier irgendwo herum, das weiß ich wohl. Das sollte mir eigentlich keine Sorgen bereiten, aber ich würde ihm trotzdem lieber nicht begegnen. Wir haben nicht gerade ein kollegiales Verhältnis… Andererseits ist das in der Organisation nicht ungewöhnlich – jeder würde wohl alle Kollegialität vergessen, wenn es um einen Preis wie König Basilisk geht.

Ich erreiche das Ende des Tunnels – nur um festzustellen, dass es eine Sackgasse ist. Gareon bewegt sich nervös hin und her. ‚Lenk sie ab', weise ich ihn an. Er hüpft mir von der Schulter und läuft zurück, wird dabei auf halbem Wege unsichtbar. Ich lege mich auf die Lauer, bis zwei Gestalten mein Versteck passieren. Moment! Das Flausch-Röckchen kenne ich doch?! Na toll, die beiden haben mir gerade noch gefehlt! Die verderben mich aber auch alles! Nicht, dass ich Angst hätte, dass sie mir das Wasser reichen könnten, aber mit inkompetenten Leuten kann ich einfach nichts anfangen. Vielleicht kann ich mich ja unbemerkt an ihnen vorbeischleichen…

„Komm raus! Wir wissen, wo du bist!", brüllt Lok. Beide Kinder drehen sich abrupt in die andere Richtung um.

Zu schade, dass sie mir den Rücken zukehren. Ich hätte zu gerne ihr dummes Gesicht gesehen, als sich statt eines Gegners nur Gareon zeigt. Naja, am meisten schade ist eigentlich der unglückliche Umstand, dass sie überhaupt hier sind. Aber gut, so ist es eben.

„Ach, wisst ihr das, ja?", frage ich sarkastisch und trete ins Licht. „Da muss aber jemand dringend an seinem Orientierungssinn arbeiten", werfe ich bissig ein und rufe Gareon erst einmal ins Amulett zurück.

„Was machst du denn hier?", fragt Lok überrascht.

„Das wüsste ich auch zu gerne", setzt Sophie skeptisch nach und verschränkt die Arme.

„Ich bin genau genommen nur wegen dieses Hauses und seiner Schätze hier in Wien", erkläre ich. „Leider ist die Organisation wohl auch auf die Idee gekommen".

„Was für ein seltsamer Zufall…", zischt Sophie bissig und grinst mich hämisch an.

„Jetzt pass mal auf, Kleine. Nur weil…", setze ich an, weil mich diese ewige Welle von Vorwürfen und spitzen Bemerkungen langsam zur Weißglut bringt. Will sie mich absichtlich wütend machen?! Als würde es nicht schon reichen, dass ich mich Tag ein, Tag aus mit diesen unbequemen sexy Unterhöschen abquälen muss –für alle Fälle, und bisher auch noch vollkommen vergebens!

„Okay, Mädels. Ich weiß ja wie sehr ihr es liebt euch zu hassen", unterbricht Lok. "Aber wir müssen hier weg und den Titanen holen, bevor die Bösen es tun!".

„Aye, wir müssen uns aufmachen!", bekräftigt Cherit.

Irgendwie ist es mir lieber von ungepflegten Vollidioten in scheußlichen Mänteln herumkommandiert zu werden als von den beiden Kindern… Und wie sich herausstellt, weiß Lok auch nicht was er tut, denn beinahe rennen wir DeFoe und seiner lustige Truppe im Bob, der Baumeister-Kostüm in die Arme.

Schnell drücken wir uns gegen die Wand, um im Schutz der Dunkelheit in diesem spärlich beleuchteten Gang unsichtbar zu werden. Die Hektik wäre allerdings gar nicht nötig gewesen – die Typen sind so mit ihrer Karte beschäftigt, dass sie nicht einmal in unsere Richtung aufblicken.

„Sie folgen einer Karte", flüstert Lok viel zu laut.

„Daher wissen sie, wohin sie gehen müssen", wirft Sophie ein und kniet sich neben Lok nieder.

„Dann bringt die Karte sie auch aus dem Labyrinth hinaus", stimmt Cherit ein.

„Super", werfe ich bissig ein. „Dann bringt die Karte sie auch zu dem Titanen…"

„Wenn wir ihnen die Karte abnehmen würden, könnten wir zuerst da sein", schlussfolgert Lok und entspannt sich ein wenig, als die unheilige Truppe um die Ecke verschwindet. „Wir kommen so an ihnen nicht vorbei, aber… wie wäre es, wenn wir über sie hinweg gehen?"

„Über sie?", frage ich überrascht.

„Wenn ihr beide sie ablenkt, kümmern Cherit und ich uns um den Rest", bekräftigt er selbstsicher. Irgendwie kommt mir diese entschlossene Pose bekannt vor… Warum nur muss er ausgerechnet den italienischen Trottel als Vorbild haben?

Naja, zugegeben, Dantes Pläne funktionieren meistens. Zumindest bisher. Ich weiß zwar nicht, ob das für Loks Pläne auch zutreffend ist… aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wenn ich nicht Dante Vale und König Basilisk gleichzeitig haben kann, nehme ich zumindest einen von beiden. Und Klaus ist schon total ungeduldig – er kann es kaum erwarten König Basilisk endlich zu sehen. Er führt sich fast wie ein Kind an Weihnachten auf. Dennoch will in mir keine richtige Hochstimmung aufkommen, obwohl ich die Möglichkeit habe einen wirklich mächtigen Titanen zu bekommen. Warum?

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Am gleichen Tag, 18:30 Uhr

Wien-Spittelberg

Österreich

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Der Metallkoffer war nur noch halb so schwer, aber die Last wog doppelt so wertvoll wie vorher. Dante fühlte sich erschöpft und angespannt. Auf dem Hinweg hatte er sich keine Sorgen machen müssen den Koffer fallenzulassen. Jetzt musste er mit seinem kostbaren Gut vorsichtig umgehen – und der Griff drohte ihm ständig aus der Hand zu rutschen, weil seine Finger allein beim Gedanken an die Konsequenzen vor Angst schwitzig waren. Er bemühte sich unauffällig zu wirken, allerdings war ihm auch langsam klargeworden, dass sein auffälliger Mantel in Kombination mit einer flaschengrünen Sonnenbrille wahrscheinlich nicht die beste Tarnung war. Er hätte Zhalia um Rat fragen sollen, dachte er, als er an einem Kaffeehaus vorbeiging.

Dante hielt einen Moment inne und runzelte die Stirn. Kaffee. Zhalia. Irgendwo in seinem Kopf schien es 'Klick' machen zu wollen, aber schon im nächsten Moment war das Gefühl verflogen und es blieb nur das Gefühl, dass da irgendetwas war, an das er sich erinnern sollte… Vielleicht war das aber auch nur seine Erschöpfung. Momentan wünschte er sich eigentlich nur noch ins Hotel zurückzukehren, sich der Länge nach aufs Bett fallen zu lassen und für die nächsten 12 Stunden durchzuschlafen, in dem Wissen, dass er seine Aufgabe erfüllt hatte. Kaffee passte da gar nichts ins Bild, schließlich hielt der wach. Dante schüttelte den Kopf und lief weiter.

Er atmete erleichtert auf, als er endlich das Hotel erreicht, und eilte die Treppen hoch. Vor der Tür des Hotelzimmers angekommen drückte er die Türklinke und hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Tür zu öffnen wäre. Stattdessen war die Tür verschlossen. Dante runzelte die Stirn und wühlte in seiner Manteltasche nach dem Schlüssel, schloss die Tür auf und betrat endlich den Raum. Das Zimmer war in Dunkelheit gehüllt und er knipste das Licht an, um nicht irgendwo gegen zu laufen. Sein eigenes Zuhause kannte er zwar in und auswendig, aber hier in fremder Umgebung kam er bestenfalls mit einem geprellten Zeh und schlimmstenfalls mit einem Schädelbruch hier raus. Und seinen Kopf brauchte er ständig –wie den Rest seines Körpers eigentlich auch- insbesondere in einer Stadt wie Wien, in der es von Agenten nur so wimmelte.

Er blickte sich um. Alle Türen standen offen, aber niemand war hier. In einem Zimmer lag ein offener Koffer, dessen Inhalt unordentlich herumgeschoben worden waren – und sofort spannten sich seine Muskeln. Vorsichtig und eingehend betrachtete er das Zimmer erneut. Die Unordnung sah eigentlich mehr nach Schlampigkeit oder Eile aus, als nach einem Einbruch, bei dem jemand das Zimmer durchwühlt hatte. Das sprach eher für den Einfluss zweier Teenager-Sucher als nach einem Hinterhalt der Organisation.

„Scheinbar bin ich nicht zur Party eingeladen worden…", murmelte Dante leise – eine dumme Angewohnheit, der er immer nachhing, wenn er seine Gedanken ordnen musste. Es beruhigte ihn, seine Gedanken laut vor sich hinzumurmeln und half ihm dabei sich wieder zu strukturieren. Dante blickte sich um, legte den Koffer mit seinem wertvollen Inhalt auf dem Tisch ab und ging zu Sophies Tasche.

„Kein Cypherdex…", bemerkte er, als er eingehend die Tasche untersucht hatte. „Kein Tagebuch…", stellte er bei Loks Koffer fest.

Sein photographisches Gedächtnis half ihm auch hier wieder die Momente bei ihrer Ankunft zu überdenken. Zhalia hatte im Wohnzimmer am Tisch gesessen. Er ging zurück ins Wohnzimmer und fand das Papier, das sie in der Hand gehalten hatte. Er hatte ihm vorher keine Bedeutung zugemessen.

„Das ist die Karte, die Zhalia angeschaut hat", erinnerte er sich. Er betrachtete eingehend die Linien, die mit Kreisen und Kreuzen am Ende versehen waren –und er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Entschlossen schritt er zur Tür.

„Wenn es eine Party gibt, muss ich wohl uneingeladen aufkreuzen".

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Am gleichen Tag, 18:41 Uhr

Das Stadthaus des Basiliken

Wien-Spittelberg

Österreich

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Wie sich herausstellt, sind meine Vorahnungen nicht nur Unkenrufe, sondern echte weibliche Intuition. Wie sonst soll man begründen, dass es mir von Anfang an gegen den Strich ging auf Lok zu hören? Das konnte ja nur in der Katastrophe enden!

Zuerst lief es ja noch ganz gut – Sophie und ich haben DeFoe abgelenkt, Lok hat seine Tricks mit Kipperin durchgezogen – Flupp, hatte er die Karte gemopst- wir haben auf dem Absatz kehrt gemacht und sind abgehauen. Der Sieg sollte aber nicht lange unser sein. DeFoes Männer hatten uns bald umstellt, beinahe so problemlos als wären wir eine Gruppe planloser Schulmädchen auf einem Ausflug. Verdammter Mist! Es ist zwar nicht das erste Mal, dass ich Handschellen trage, aber das heißt nicht, dass ich es toll finde. Und von dem langhaarigen Zottelkopf da so eng verschnürt zu werden wie ein Paket kann ich mal sowieso nicht leiden! Wenn ich freikomme, ist der Zottelkopf deswegen auch als erstes dran! Meine Titanen haben sie mir auch abgenommen, diese Rohlinge! Und nun wollen sie noch den Titan freisetzen, der einen in Stein verwandeln kann. Na wunderbar!

DeFoe zieht uns in ein Kellergewölbe, das auf meiner Karte als das Ziel der ganzen Reise angegeben ist. Es ist riesig, die Lampen tauchen alles in gelbliches Licht – nur der Vorhang am anderen Ende des Gewölbekellers erstrahlt in feurigem Rot. Der Vorhang verdeckt die halbe Wand gegenüber dem Eingang – und den Kopf einer großen in die Wand eingelassenen Steinreliefs, die ein enormes reptilienartiges Biest darstellt. Ich will nicht die erste sein, die hinter den Vorhang guckt… Immerhin steckt in jeder Legende ein Fünkchen Wahrheit – und in dieser Legende kann der Blick des Basiliken einen in Stein verwandeln. Da bleibt man den Augen doch lieber fern.

Dumm nur, dass ich keinen Einfluss auf die Situation habe. Ich stehe hier ja mit einem dekorativen Paar Handschellen um die Handgelenke…

"Ihr zwei!", richtet sich DeFoe an zwei seiner Teammitglieder. „Zeit für den nächsten Schritt! Zieht den Vorhang beiseite!".

Ich verbeiße mir mühsam den Kommentar, dass das ja wohl die blödeste Idee des Jahres ist. Aber was soll's? Die Typen hier behandeln mich ja auch als wäre ich ein echtes Huntik Mitglied und somit minderwertig, warum sollte ich ihnen da den Allerwertesten retten? Die zwei Kerle hechten sofort vor und folgen DeFoes Anweisungen.

„Los, macht schon!", treibt DeFoe sie an.

Naja, je schneller sie sind, desto schneller haben wir weniger Gegner. Versteinerte Leute kämpfen so schlecht! Ich beobachte aufmerksam, wie die beiden den schweren Vorhang beiseite schieben – und plötzlich schreit einer von ihnen auf. Der andere springt zurück, bevor die Welle aus violetter Energie, die seinen Kumpel umhüllt hat, ihn erreichen kann. Der andere hat weniger Glück – er wird wahrhaftig zu einer Steinfigur.

„Oje, wie tragisch", kommentiert DeFoe dramatisch und beachtet weder uns noch seinen hysterisch japsenden Teamkollegen, der die Statue seines Kumpels anstarrt. „Da brauchen wir wohl ein paar mehr Versuchskaninchen… Zum Glück hat die Huntik Vereinigung uns großzügigerweise einige zur Verfügung gestellt", grinst er hämisch in unsere Richtung.

Oh nein, DeFoe! Wenn du jetzt mein Leben und die Mission riskierst, gehst du zu weit! Es reicht schon, dass ich den Anblick von Gareons Amulett in seiner Gürteltasche kaum ertragen kann… Das Amulett scheint mich sehnsüchtig anzublinken…

"Unser kleiner fliegender Robert und die Casterwill-Erbin gehen voran", fordert er.

Kluger Schachzug. Damit bestehen für DeFoe zumindest noch Chancen, dass er mit seinen Kronjuwelen an der richtigen Stelle angewachsen dieses Abenteuer hinter sich lässt.

„Ihr liebt doch Puzzles, oder nicht?", grinst er breit in Loks Richtung.

„Nun… eigentlich", stottert Lok. „Mir… geht's ganz gut. Ich brauch jetzt gerade eigentlich kein Puzzle…"

„Wir haben keine Wahl!", erwidert Sophie und deutet auf die Agenten, die sie scharf beobachten und bereit sind beim kleinsten Fehltritt ihre Kräfte gegen die beiden Kinder einzusetzen.

Die Kinder nähern sich der Malerei auf wackligen Füßen. Aber nicht nur die beiden, sondern auch alle anderen sind angespannt – dabei achtet niemand auf mich oder Cherit. Schließlich sind die Kinder viel spannender – man könnte beinahe wetten, ob sie es schaffen oder auch zu Stein verwandelt werden. Perfekt, das verschafft mir etwas Zeit.

„Beeilt euch, Kinder", treibt DeFoe sie mit säuselnder Stimme an.

Ich kann nur hoffen, dass sie geschnallt haben, dass es eine schlechte Idee ist dem Biest in die Augen zu blicken – und das zumindest einer von ihnen mal die Kindergeschichte gehört hat, wie das Biest besiegt wurde, nämlich mit…

Na klasse, Sophie. Ein Spiegel – genau! Wer hätte gedacht, dass die kleine Streberin noch mal nützlich werden würde? Andererseits bekräftigt sie damit auch meine Meinung über sie, dass sie eigentlich eine verwöhnte und oberflächliche arrogante Ziege ist, die regelmäßig ihr Makeup kontrollieren muss. Welche normale Sucherin schleppt schon Makeup-Tiegel mit sich herum, wenn sie auf einer Mission ist?!

Ich selbst schwöre höchstens auf Haarnadeln, aber das liegt daran, dass sie nicht nur zum Wegstecken der Haare nützlich sind, sondern auch zum Aufknacken von Handschellen. Das Schloss ist ziemlich einfach, nur ein paar Momente und…

Das Schloss geht auf, als Lok den Vorhang beiseiteschiebt.

Lok fällt auf die Knie und schirmt seinen Blick ab. Sophie zieht die Schultern hoch und wendet ihr Gesicht ab, während sie den Spiegel so hoch hinausstreckt wie möglich. Ich schließe die Augen –keine Ahnung, wie weit der Blick des Basiliken noch Wirkung hat, aber ich will nicht riskieren, dass er seinen Blick dem Nächsten zuwendet, wenn er merkt, dass er bei den Kindern keine Wirkung erzielt. Ich höre also nur, wie die Statue plötzlich selbst versteinert und in Stücke bricht, als der Spiegel seine Wirkung erzielt. Und als die Teile des Wandreliefs in sich zusammenbröckeln, geben sie den Blick frei…

„Dahinter ist noch ein Gang!", ruft Lok aufgeregt, bevor er vor Staub husten muss.

„Wie großzügig von euch, dass ihr mir die Drecksarbeit abnehmt", zischt DeFoe, der mehr als verärgert darüber scheint, dass die Kinder ihn erneut übertrumpft haben. „Jetzt können wir ja zum eigentlichen Teil der Arbeit kommen". Er greift Lok beim Kragen und zieht ihn hoch, benutzt dabei zudem noch eine seiner fiesen Kräfte, die Lok in giftige grüne Wolken hüllen.

Nanu, was war das? War da nicht eine Bewegung in einer der Gänge? Ich drehe mich vorsichtig um, und tue dabei so als wäre die Bewegung, um eine Haarsträhne aus den Gesicht zu schütteln. Da! Ein Handsignal! Diese Hand kenne ich nur zu gut – und zum ersten Mal bin ich richtig froh ihn zu sehen, auch wenn ich ihm in letzter Zeit am liebsten den Kopf abgerissen hätte. Ein Idiot mag er ja sein, aber sein Timing ist wie immer perfekt.

Ich zapple ein wenig mehr herum, um die Agenten abzulenken. Dante nutzt die Gelegenheit um schnell wie der Blitz im Schutz des Schattens in den Raum zu huschen und direkt hinter DeFoe Stellung zu beziehen. Und direkt hinter DeFoe tritt er ins Licht und ist zur Stelle, um den Retter für Lok zu spielen. Obwohl der Junge schon ganz verquollene Augen hat von dem grünen Giftgas, erkennt Lok seinen Mentor sofort.

„Du kapierst es einfach nicht", keucht er halb erstickt. „Das gehört alles zu Dantes Plan!"

„Na warte, Bürschchen! Du wagst es mir zweimal die gleiche Lüge aufzutischen?", grollt der Kopf der Truppe wütend und verstärkt seine Giftgas-Dosis.

„Wenn er lügt, warum stehe ich dann genau hinter dir?"

DeFoe dreht sich erschrocken um, als Dante hinter ihn tritt und ihm einen arroganten Blick zuwirft. Obwohl sein Gesicht durch den Lichteinfall beinahe unheimlich wie aus einem Frankenstein-Film wirkt, spiegelt es doch perfekt den arroganten Gesichtsausruck eines ewigen Helden wider, der dank seines andauernden Glücks rein zufällig mitten in die Meute seiner Feinde stolpert und quasi im Vorübergehen deren Pläne vereitelt.

„Nein!", keucht Anführer mit seinem dünnen Ponyzopf und hält Lok fester in seinem Klammergriff, während er seine Ampulle mit Gift hervorzieht, die der alte Giftmischer so gerne für seine ungebetenen Gäste vorhält.

Mit einem rauschenden Flattern schlägt Solaris ihm die Pulle aus der Hand und reißt gleichzeitig die Tasche mit den Amuletten vom Gürtel DeFoes. Praktisch! Die Tasche fliegt in hohem Bogen und landet irgendwo in der Ecke, was weniger praktisch ist. DeFoe blickt finster drein, als er seinen Preis verloren sieht.

„Komm heraus, Kreutalk!", grollt er wütend und ängstlich, jetzt wo sein Erzrivale ihm gewissermaßen im Kreuz sitzt.

Der Titan greift sofort Solaris an. Dante scheint davon aber wenig beeindruckt und konzentriert sich lieber auf das wesentliche Problem.

„Zeit, hier mal gründlich durchzufegen!", erklärt er und zieht ein Amulett hervor. „Caliban!" DeFoe hat keine Chance. Grier sieht es wohl dennoch als seine Pflicht ihn zu verteidigen.

„Halt ihn auf, Breaker!", befiehlt er scharf und verlässt sich ganz auf die Stärke seines kleinen Kuscheltierchens.

Prima, alle sind beschäftigt – Dante selbst kümmert sich um Grier, Caliban mit Breaker, Solaris mit Kreutalk, DeFoe steht allen im Wege herum und die Kinder –wie immer- haben die leichteste Aufgabe, nämlich die Agenten aus den Latschen zu hauen. Also, was mach ich?

‚Ab hier wird's interessant', bemerke ich und entledige mich mühelos mit einem gezielten Tritt dem Agenten, der mich festhält und den Handschellen.

Ich reibe meine Handgelenke und quittiere mit Genugtuung meine neugewonnene Freiheit – aber viel Zeit zum Triumphieren bleibt mir nicht. Meine Untätigkeit wird bald auffallen, und nun, da der Weg zu König Basilisk frei ist, kann ich keine Minute vergeuden…

Schnelle durchquere ich das Schlachtfeld –mit Armorbrand geschützt, werde beinahe von Kreutalks Schwanz niedergeschmettert, bevor der Giftzwerg sich umdreht und einen Schwall von Giftbrühe in meine Richtung spuckt. Solaris nutzt den Moment um den grünen Titanen zu erledigen und flattert zufrieden mit den Flügeln. Ich schaffe es zum Glück noch der Giftbrühe auszuweichen, rutsche dabei aus und lande –ungeplant aber elegant- mit dem Hosenboden voran- genau bei den Amuletten (Wenigstens ist der Boden da sauber, wo ich mit meiner Jeans nachpoliert habe – Geht auf's Haus!).

Erleichtert nehme ich meine Amulette wieder an mich und stopfe sie in meine Tasche – nur Gareon lasse ich draußen. Ich kann seine aufgewühlte Stimmung spüren, als er versucht auf dem Amulett herauszukommen. Ich rufe ihn sofort herbei, um ihn aus seiner Einsamkeit und Wut zu entlassen. Er ist glücklich wieder mit mir vereint zu sein und ich lasse seinem Freudenschwall freien Lauf, bevor ich seinen Freudentanz und die Schmusereien unterbreche und ihm einen Auftrag gebe – er soll die anderen Amulette zum Rest des Teams bringen. Willig folgt er meiner Anweisung, obwohl ich eigentlich mit Widerstand gerechnet hatte. Scheinbar hat es ihm als Beute von DeFoe nicht besonders gefallen und ist nun umso lieber wieder mit mir verbunden. So hat das ganze Theater doch was Gutes.

Jetzt, da ich sicher sein kann, dass alle Amulette wieder dahin gelangen, wo sie hingehören, kann ich mich dem Wesentlichen zuwenden. Mit großen Sätzen spurte ich die Stufen zum Podium hinauf und flitze durch in den angrenzenden Korridor in eine zweite Kammer hinein. Hier ist es stockdunkel und ich taste mich an der Wand entlang – und stehe schließlich Auge in Auge mit der Statur von König Basilisk, die genauso aussieht wie die vorige. Hastig blicke ich beiseite, obwohl eigentlich schon ein Blick genügt (Man will ja nichts riskieren!), aber scheinbar hat diese Statur keine entsprechende Kraft, jedenfalls merke ich keine Veränderung und auch nicht den Hauch einer verborgenen Macht.

Hmm, ist das nun eine weitere Falle? Ich nähere mich zögerlich der Steinfigur und lege ihm vorsichtig die Hand auf die Schnauze. Und da schießt eine reißende, gewaltige Energie in mich hinein, so heftig und wild, dass ich die Zähne aufeinanderbeiße, um nicht vor Schreck und Schmerz loszubrüllen. Autsch! Das fühlt sich an als würde man gleichzeitig gevierteilt, vergiftet und aufgepeitscht! Na, eine Falle ist das jedenfalls nicht – diese Energie ist der Titan selbst!

„Der ist ja nicht gerade freundlich…", grolle ich, während mir ein Schweißtropfen die Stirn herunterrinnt. „Kann ich mit dem überhaupt eine Verbindung eingehen?"

Farbige Punkte tanzen vor meinen Augen, der Schmerz wird stärker und stärker, ist kaum noch zu ertragen. Es brennt wie Gift, wie Feuer, das jede Zelle meines Körpers bis zur Unkenntlichkeit verkohlt, bis zur Gefühlslosigkeit… Ich kann nicht mehr, selbst mein Blut scheint zu gefrieren… Nein, ich kann das nicht. Jemand anders muss diesen Titanen bändigen… Mein Ehrgeiz in allen Ehren, aber ich möchte das Vieh nicht um jeden Preis…

„Caliban!". Dantes erschrockener Schrei hallt durch die Räume und reißt mich in die Realität zurück. Wir verlieren, ich weiß es. Und es ist auch kein Wunder! DeFoe ist Lok überlegen, Sophie ist durch die erste Falle von König Basilisk schon bedient, Cherit kann nichts Großes bewirken und Dante ist momentan sowieso nicht in Bestform. Wer also soll hier das Ruder herumreißen, wenn nicht ich es tue?

„Du kannst mich mal, König Basilisk!", grolle ich heftig durch zusammengebissene Zähne. „Du kommst mit mir uns Ende der Diskussion!".

Endlich gelingt es mir meine eigene Kraft gegen die des Titanen einzusetzen, auch wenn es eher dem Stich einer Biene gleichkommt, die genau weiß, dass sie danach sterben wird. Ich kralle meine Finger in die steinerne Schnauze der Statue, breche mir dabei noch einen Nagel ab, und spüre den Stein, der in meine Hand bohrt… und dann –Endlich!- eine Form unter meiner Handfläche, die ungleichmäßig ist und sich auch ein wenig wie Stein anfühlt.

Ich öffne die Augen und starre ausdruckslos auf das Amulett, das in meiner Hand liegt. Ich hab's geschafft. Ich hab es wirklich fertig gebracht. Aber noch ist der Kampf nicht gewonnen – nur bei Besinnung bleiben, denn der Boden scheint plötzlich unter mir zu schwanken. Ich muss es schaffen, auch wenn ich mit jeder Sekunde die rebellische Energie des erzürnten Titanen spüre, der seine plötzlich Gefangenschaft alles andere als toll findet. Ich richte mich langsam auf.

Oha! Gut, dass ich eine gute Schauspielerin bin. Täuschung kann manchmal alles sein, vor allem, wenn man sonst nichts mehr zu bieten hat.

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Am gleichen Tag, 19:01 Uhr

Stadthaus des Basilisken

Wien-Spittelberg, Österreich

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"Jetzt hab ich euch", erklärt DeFoe triumphierend.

Dante warf einen Blick auf sein erschöpftes Team. Caliban war gerade erst in sein Amulett zurückgekehrt, Sabriel und Kilthane waren zwar noch körperlich anwesend, aber durch Kreutalks Giftattacken so erledigt, dass sie im Kampf keine Hilfe mehr waren. Lok und Sophie waren durch die Agenten ausgeschaltet. Zhalias Gareon hatte ihnen zwar ihre Amulette zurückgegeben, aber er konnte alleine im Kampf gegen diese Übermacht auch nichts ausrichten. Ein Schlag und er wäre erledigt.

Obwohl die Casterwill Erbin ihren Icarus herbeigerufen hatte, war auch dieser erschreckend schnell erledigt worden. Solaris hatte sich tapfer gehalten, hatte aber schließlich einen Schlag von Mindrone einstecken müssen und war ebenso in sein Amulett zurückgekehrt. Und Cherit alleine würde sie aus dem Schlamassel nicht rausholen können, selbst wenn er all seine Kraft zusammennahm.

Dante schlug das Herz bis zum Hals. Ausgerechnet jetzt! Nur nicht gerade jetzt durfte er im Kampf unterliegen, wo doch im Hotelzimmer ein silberner Koffer auf dem Tisch lag, der einen wertvollen Inhalt sicher aufbewahrte, die vielleicht die entscheidende Wendung brachte. Er musste diesen Koffer so schnell wie möglich nach Deutschland schicken – ohne Umschweife. Er konnte jetzt nicht aufgeben und seine ganzen Bemühungen zunichtemachen… Jemand verließ sich auf ihn. Aufzugeben und denjenigen im Stich zu lassen war keine Option! Aber was sollte er bloß tun?!

„Stopp!", hörte er da eine Frauenstimme. „Jetzt bin ich an der Reihe!".

Dante drehte sich zum Podium um, wo vorher die gefährliche Falle von König Basilisk gewesen war, die nun nur noch in Trümmern lag. Zwischen den Gesteinsbrocken standen zwei Steinfiguren, die Beine wie zum Rücksprung gebeugt, die Arme abwehrend gehoben. Die beiden Agenten waren der Sage um das Monster zum Opfer gefallen.

„Sie blufft doch!", konterte DeFoe mit abtuender Stimme.

Dante konnte seine Schlussfolgerung nachvollziehen. Zhalia wirkte zerbrechlich und klein in diesem Umfeld, wo jemand beim Bau der Halle der monströsen und majestätischen Größe von König Basilisk Rechnung getragen hatte. Sie hatte keine Waffen, nicht einmal einen Titanen bei sich, und stand einfach nur da – allein, wie eine einsame Schauspielerin auf einer Bühne, so still und ungeschützt, dass 90% aller abgefeuerten Kugeln sie treffen würden. Was tat sie denn da?! Wieso riskierte sie so viel?! Das brachte doch nichts, sich so den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen!

„Seht sie euch an! Sie hat es nicht geschafft mit dem Titanen eine Verbindung einzugehen!". Selbst DeFoe bemerkte wie hilflos Zhalia war. „Grier!", gab er seinem Handlanger ein Zeichen. Der setzte mit einer Handbewegung seinen Breaker auf Zhalia an.

Dante riss hektisch den Kopf herum, sah den bärigen Titanen wie in Zeitlupe immer näher an Zhalia herankommen – in dem Wissen, dass nichts was er tat ihr auch nur im Entferntesten rechtzeitig nützen würde. Jede Sekunde brachte den Titanen näher an sein Ziel – in zwei Sätzen würde er sie erreicht haben, sie vor seinen Augen zerreißen, wie in einem blutrünstigen Horrorfilm…

„Da wäre ich nicht so sicher!", rief Zhalia und ihre Augen erstrahlten plötzlich mit einer unheimlichen Kraft. Normalerweise waren ihre Augen braun, wie brauner Turmalin, nun leuchteten sie violett, beinahe überirdisch, wie aus einer anderen Welt. Dante erkannte die Energie eines Titanen.

„Lass sie erzittern, König Basilisk!", rief sie mit herrischer Stimme, die in der Halle Echos warf. Sie hielt das Amulett hoch, wie eine Priesterin, die ein geheimes Ritual vollführte und dabei die Mächte jenseits aller Grenzen des Menschlichen anrief. Ihre Haare peitschten ihr ums Gesicht, wie glänzende Schlangen, und ihre ganze Gestalt sprach von so viel Kraft und Macht, dass Dante automatisch und ehrfürchtig einen Schritt zurück tat.

Vor ihm auf dem Podium stand keine schwache, hilflose junge Frau – vor ihm stand eine gefährliche, mächtige Schönheit, voller Kraft und mit der Herrschaft über ein gewaltiges Wesen, mit ledrigen Schwingen, gespaltener Zunge, einem gehörten Kopf und glühend roten Augen, die gierig auf Breaker gerichtet waren. Plötzlich wirkte der bärige Titan wie ein Teddybär.

Der Bär heulte auf, als sein Fell plötzlich starr wurde und jedes Haar einzeln zu einer steinernen Nadel wurde. Das Gebrüll stoppte plötzlich, als die Versteinerung den Hals erreichte, und schließlich zerfiel der Titan zu Staub. Seine Energie kehrte in das Amulett zurück, das Grier um den Hals hängen hatte.

„Das gibt's doch nicht!", keuchte DeFoe und starrte das Monster mit offenem Mund an.

Zhalia wandte sich ihm würdevoll zu, als wolle sie sagen ‚Das gibt es'. Sie machte einen Schritt vor und legte die Hand auf den Arm des erstens Opfers ihres Titanen.

„Ihr wollt doch nicht wie eure Vorgänger hier enden, oder?", fragte sie stolz und tippte die Statue mit Nachdruck an. „Ihr habt zwei Möglichkeiten: A". Sie hob bedächtig den Zeigefinger. "Ich macht den Abflug und betet, dass ich ihn nicht hinter euch her hetze. Oder B: Die Plattform in der Nachbarkammer bekommt eine schicke neue Statur…".

DeFoes Gesicht fiel. Er wusste, dass er verloren hatte – gegen die Frau, die König Basilisk befehligte als wäre er ein wohlerzogener Terrier, hatte er keine Chance.

„Wir sehen uns wieder, Dante Vale. Und bis dahin träume ich nur von deiner Vernichtung", zischte er und ging bedachtsam in Richtung Ausgang – immer so, dass er keine schnelle Bewegungen machte, die eventuell König Basilisk zum Angriff reizen würden, der ohnehin angriffslustig mit seinem Schwanz hin und her schlug.

Zhalia betrachtete den Abzug ihrer Feinde ohne Regung, als stünde sie über den Dingen. Furchtlos stand sie neben König Basilisk, der sie um ein vielfaches überragte und zudem nicht nur teuflisch beweglich, sondern auch ohne Bewegung alleine schon durch seinen Blick tödlich war, so als hätte sie einen Chihuahua neben sich stehen. Das Team starrte sie sprachlos an, immer noch ehrfürchtig vor ihrer furchtlosen Attacke.

Endlich bewegte Zhalia sich. Im nächsten Augenblick verflog die Gestalt von King Basilisk zu einer Welle von violetter Energie, die in sein Amulett zurückkehrte. Zhalia fuhr mit ihrer Fingerspitze über den violetten Stein des Talismans, dann schritt sie würdevoll die Stufen hinab wie eine Königin, die sich zum gemeinen Volk herablässt.

Ihre Bewegungen waren fließend und elegant. Dante konnte den Blick nicht abwenden. Jede einzelne ihrer Bewegung hielt ihn gefangen, als stünde er in ihrem Bann.

„Warum hast du sie gehen lassen?!", platze Sophie heraus und brach die beinahe mystische Stimmung.

Dante runzelte die Stirn, konnte den Blick aber immer noch nicht von Zhalia abwenden, die nun neben ihnen stand als wäre nichts gewesen und als hätte sie nicht eben ein blutrünstiges Monster gezähmt.

„Sie hatte keine andere Wahl", erklärte er und warf Zhalia einen anerkennenden Blick zu.

Zu seiner Überraschung reagierte sie nicht mit Wut, Ironie oder einem schneidenden Blick. Ganz im Gegenteil blickten ihre Augen ihn einfach nur an, richtiggehend… sanft. Selbst der versteinernde Blick von König Basilisk würde ihn niemals so sehr beeindrucken, wie Zhalias Blick es in dem Moment tat, obwohl ihre Augen keinen magischen Schimmer mehr enthielten. Dennoch hatten ihre Katzenaugen etwas magisches, ganz von sich aus. Sie lächelte ihn dankbar an, und Dante –obwohl er nicht sicher war, womit er die plötzliche Sinneswandlung verdient hatte- nahm ihr Lächeln glücklich und erleichtert an. Schweigend bewunderte er sie.

Und er hätte sie sicher noch länger bewundert, wenn sie nicht plötzlich eingeknickt wäre.

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Am gleichen Tag, 19:14 Uhr

Stadthaus des Basilisken

Wien-Spittelberg, Österreich

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Dieser Moment, in dem ich plötzlich gen Boden falle, erscheint mir erstaunlich lang. Meine Umgebung wirkt plötzlich tausend Mal komplexer als sonst… Die Farben fließen ineinander, alles vermischt sich und wird zu einem wilden Gewirr aus Formen, Farben und Lichtern… Und dann scheint sich plötzlich alles umzukehren, Kopf zu stehen und ich habe nicht die Kraft mich dagegen zu stemmen. Ich will nur noch schlafen, mir reicht's für heute…

Geistig habe ich mich schon auf einen Zusammenstoß mit dem Fußboden eingestellt, von dem ich nur hoffen kann, dass er nicht so hart ist wie er aussieht, als mich plötzlich etwas um die Schultern fasst und mich festhält. Ich schwanke ein wenig in meiner Orientierungslosigkeit und drohe nach hinten zu kippen, falle aber nur gegen etwas Warmes. Nicht weich, aber auch nicht zu hart, und definitiv warm, und somit perfekt um meine unkoordinierten Gliedmaßen zu stützen.

„Einen mächtigen Titanen wie König Basilisk herbeizurufen ist anstrengend", spricht eine sanfte Stimme genau über meinem Ohr. Ich versuche zu nicken. Da hat er Recht! Und die ganze Tortur genau nach meiner Periode!, denke ich noch, bevor ich überhaupt bemerke, dass es Dantes Stimme ist und dass meine ach so bequeme warme Stütze seine durchtrainierte Brust ist.

„Sie hat wirklich geblufft?! Das gibt's ja nicht!". Lok ist erstaunt, aber seine Stimme schwingt voller Bewunderung.

Mir ist im Moment ziemlich egal ob meine Vorstellung sie beeindruckt hat oder nicht. Ich wünsche mir nur, dass sie mit ihrem Gebabbel aufhören und mich endlich von hier wegbringen… Ich kann ja schon mal vorgehen. Aber schon als ich versuche mich von Dante wegzubewegen, knicken mir die Beine weg. Dante hält mich wieder, aber dieses Mal falle ich mit dem Gesicht voran gegen seine Brust, so dass meine Nase in seinen Pulli gegraben ist.

„Jetzt überanstreng dich nicht", murmelt er beruhigend und stützt mich, ohne mich dabei einzuengen.

„Jetzt lass doch! Ich kann alleine gehen…", zische ich zurück und versuche vergeblich ihn wegzustoßen.

„Vergiss es", antwortet er bestimmt und umschlingt mich mit den Armen.

„Vielleicht ist es besser, wenn du sie trägst, Dante?", schlägt Lok vor.

Oh ja, setz ihm mal weiter solche Flausen in den Kopf! Dante setzt schon ganz automatisch an mich hochzuheben wie ein Bräutigam seine Braut, aber ich setze mich mit gezielten Zappelerin zur Wehr und bohre ihm die Finger in die Schulter.

„Kommt nicht in Frage. Das ist wirklich nicht nötig!", antworte ich mit Bestimmtheit. „Ich schaff das schon, ich bin nur ausgelaugt. Es wird nicht lange anhalten".

"Möglich, aber wenn du bewusstlos wirst, kann ich dich sonst nicht mehr rechtzeitig auffangen, bevor du dir den Schädel einschlägst", kontert Dante. „Wenn du also nicht getragen werden willst, stütz dich wenigstens auf mich".

Na toll, verflixtes Alpha-Männchen. Aus Erfahrung weiß ich schon, das Argumentieren an der Stelle zwecklos ist. Dante greift als meinen Arm, beinahe zögerlich als wolle er erst sicher gehen, dass es mir recht ist. Na schön, na fein. Vielleicht hat er ja Recht und ich sollte mich wirklich auf ihn stützen. Ich erlaube also, dass er meinen Ellbogen fasst. Ohne es zu wollen stütze ich meinen Kopf an seiner Schulter ab – mein Kopf scheint so schwer, dass ich ihn kaum aufrecht halten kann. Die Welt dreht sich noch immer zu schnell und meine Knie fühlen sich an wie Wackelpudding.

Vielleicht ist mir auch nur so schummerig von dem Geruch? Der Duft von Waschpulver steigt mir von Dantes Pullover in die Nase. Aber nein, der Geruch scheint meine Kondition nicht zu verschlechtern, sondern eher zu verbessern. Ich fühle mich wieder etwas besser. Der Duft von Waschpulver ist mit einem ganz eigenen Geruch vermischt – sehr männlich und typisch Dante- und selbst jetzt bemerkbar, wo sich noch der Geruch von Aftershave, Shampoo, Duschgel und Deo untermischen. Wieso muss der Zottelkopf bloß so gut riechen?!

„Wir sind ganz schnell im Hotel, dann kannst du dich ausruhen", versichert er mich beruhigend, wobei sein Atem mein Ohr kitzelt. Mir fehlt die Kraft die Hand zu heben um das Gefühl wegzukratzen. „Wir gehen. Schön langsam. Keine Sorge, du kannst dich auch mich verlassen".

"Da bin ich nicht so sicher", murmele ich und kämpfe gegen die Lethargie in meinen Gliedern an, die mir die Augenlider herunterklappen lässt. Ich würde niemals zugeben, dass ich innerlich nicht den geringsten Zweifel habe, dass Dante mich im Notfall auffängt. Er hat zwar auch seine Stärken und Schwächen, aber er würde niemals zulassen, dass ich mir den Schädel einschlage, wenn er es verhindern kann. Er ist einfach genau die Art von Mann…

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Am gleichen Tag, 20:30 Uhr

Hotel der Huntik Vereinigung

Wien-Spittelberg, Österreich

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"Dieser Schlüssel war auch im Tagebuch meines Vaters gezeichnet…", murmelte Lok und drehte den Schlüssel andachtsvoll in seinen Fingern. „Warum hatte die Organisation ihn?"

„Das lässt sich nicht nachvollziehen", gibt Cherit zu, der ebenfalls gebannt den Schlüssel anstarrt. „Vielleicht haben beide denselben Schatz gesucht…"

„Hältst du es für möglich… dass mein Dad für den Professor gearbeitet hat?", fragte der Junge unglücklich.

„Mach dich nicht lächerlich!", erwiderte der Titan mit Bestimmtheit. „Dein Vater war Mitglied der Huntik Vereinigung, das darfst du niemals vergessen".

„Er hat recht", stimmte Dante zu und hob den Blick von Eathons Tagebuch, das er durchgeblättert hatte. „Dein Vater war ein guter Mann".

„Ja schon, aber…". Lok zögerte. „Er hatte so viele Geheimnisse… Ich weiß nicht mehr, was ich noch glauben soll… und wem", gab er leise zu.

"Soweit ich weiß war dein Vater nur der Huntik Vereinigung gegenüber loyal. Aber wie du schon sagtest, hat er viele Dinge für sich behalten, daher würde ich für ihn nicht meine Hand ins Feuer legen. Bedenke nur, dass auch die Besten mal schlechte Tagen haben – und Fehler zu machen bedeutet noch nicht, dass man ein schlechter Mensch ist. Manchmal bewahrt man Geheimnisse, um andere zu schützen. Damit sie sich keine Sorgen machen", erklärte Dante in beruhigendem Tonfall.

Der Junge nickte flüchtig, schien aber nicht völlig überzeugt. Dante wollte ihm gerne den Kummer nehmen, fand aber nicht die richtigen Worte. Solange sie nicht die ganze Wahrheit herausgefunden hatten, würden an Eathons Beweggründe wohl stets Zweifel aufkommen. Dante konnte Lok am besten helfen, indem er sein Bestes bei der Suche nach seinem Vater gab, so dass Eathon sich selbst erklären konnte – gegenüber der Vereinigung, vor allem aber gegenüber Lok. Huldvolle Worte des Trosts waren zwar gut gemeint, aber leere Phrasen.

Und Dante fühlte sich nicht wohl dabei, wenn gerade er solche hohlen Worte sagte. Gerade er, gerade jetzt, würde er sich gerne seiner Sache sicherer fühlen. Jetzt, da er sich selbst schlecht fühlte über seine Unachtsamkeit, würde er viel geben für einen Hoffnungsschimmer der Vergebung.

Endlich hatte er verstanden, warum Zhalia ihn plötzlich so eiskalt behandelt hatte – und er konnte plötzlich überhaupt nicht mehr verstehen, warum ihr Verhalten ihn nicht schon viel früher mit der Nase drauf gestoßen hatte. Es war doch so eindeutig! Und wie hatte er ihre Verabredung überhaupt vergessen können?! Er hatte sich noch vorgenommen einen Eintrag in seinem Kalender zu machen, eine Erinnerung in seinem Handy einzutragen – aber aus irgendwelchen Gründen hatte er das alles vergessen…

Es war idiotisch und beinahe unverzeihlich. Egal wie beschäftigt er auch war, hatte er doch immer seine Termine eingehalten oder zumindest rechtzeitig abgesagt, wenn ihm wirklich etwas dazwischen gekommen war. Dass er jemanden so gänzlich und vollkommen im Regen hat stehen lassen, wie er es mit Zhalia getan hatte, war ihm noch nie zuvor passiert. Kein Wunder, dass sie böse auf ihn war… Sie hatte ein gutes Recht sauer auf ihn zu sein.

Das Unfassbare an der Sache war eigentlich, wie er ihr Treffen überhaupt hatte vergessen können. Immerhin hatte er nach ihrem Island-Abenteuer so oft an ihr bevorstehendes Treffen gedacht, sich gefragt wie es wohl laufen würde so zu zweit, was er ihr außer Kaffee sonst noch vorsetzen wollte, was er in ihren Gesprächen neues über sie lernen würde. Er hatte sich gefragt ob ihre Gespräche so flüssig, unterhaltsam und selbstverständlich sein würden, wie sie es bisher gewesen waren, wenn sie sich zu zweit unterhalten hatten… Und die Vorfreude hatte ihm so sehr geholfen die aufkeimende Furcht vor seiner Reise nach Deutschland zu überstehen. Und dann war das ganze Kartenhaus plötzlich in sich zusammengefallen…

Dante seufzte und rieb sich die müden Augen. Seine inneren Selbstvorwürfe machten ihn noch müder, aber er würde kaum schlafen können, solange ihn diese Sache belastete. Er konnte sich seine eigene Dummheit nicht vergeben, besonders nach Zhalias Aufopferung heute, wo sie sie alle gerettet hatte. Sie war einfach unglaublich gewesen… Sie hatte so viel riskiert, vielleicht sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, als sie sich den Feinden präsentiert hatte. König Basilisk herbeizurufen hatte sie völlig ausgezehrt, und dennoch hatte sie genug Kraft gefunden die Organisation zu vertreiben, auch wenn ihre eiskalte Stärke nur gespielt war und sie einen Moment später fast zusammengeklappt wäre…

Dante fühlte einen wohligen Schauer auf seinem Rücken, als er daran dachte. Der Duft ihrer Haare, als sie ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte… Bei jedem Schritt hatte ihr Busen seinen Arm gestreift, und ihr Becken das seine. Es war wahrlich kein unangenehmes Gefühl gewesen… Dante war sein ein Profi, aber er war dennoch ein Mann. Und eine schöne Frau bemerkte er sofort. Wie selbst Guggenheim schon festgestellt hatte, war Zhalia eine attraktive junge Frau. Das war sie ohne Zweifel.

Er würde es sich nie verzeihen, wenn sie wegen seiner eigenen Dummheit den Kontakt verlieren würden…

Aber um die Situation geradezubiegen, musste er etwas tun und zwar schnell. Je länger er dies hinausschob, desto mehr verhärteten sich die Fronten und eine Lösung würde immer schwieriger herbeizuführen sein.

Er stand auf und legte das Tagebuch im Vorbeigehen auf den Tisch. Lok blickte auf und sah ihm nach.

„Wo willst du hin?", fragte er neugierig.

„Ich bin gleich zurück", antwortete Dante ausweichend und zögerte einen Augenblick, bevor er hinzufügte: „Möchtest du auch etwas zu trinken?"

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Am gleichen Tag, 20:42 Uhr

Hotel der Huntik Vereinigung

Wien-Spittelberg, Österreich

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'Ich wusste ja, dass du es schaffen würdest, Zhalia', lobt Klaus so überschwänglich, dass seine Stimme vor Ausregung ganz heiser klingt.

Sein Enthusiasmus überträgt sich leider nicht auf mich… Mein Kopf schmerzt zu erbarmungslos, als dass ich zu Freudentänzen aufgelegt wäre.

„Ja, ja", murmele ich emotionslos und betrachte das Amulett, das neben meinem Bett auf dem Nachttisch liegt. „Wenigstens etwas".

Es ist nur eine Frage der Zeit', begeistert sich Klaus weiter, sein Tonfall ungeahnt freundlich, als hätte er mich nicht vor einigen Tagen wegen der Verzögerung gescholten. ‚Niemand kann die wiederstehen – nicht einmal König Basilisk. Und das ist auch wichtiger als dieser Vale-Typ, oder nicht?'

Ich schweige. Der plötzliche Umschwung in Klaus' Prioritäten überrascht mich. Für ihn scheint die Sicherstellung des Titanen tatsächlich wichtiger zu sein, als die eigentliche Mission. Das ist so offensichtlich, dass es keiner Antwort von mir bedarf. Vielleicht möchte ich aber einfach nicht zugeben, dass mir persönlich die Akzeptanz von König Basilisk mir weniger bedeutet als die von Dante Vale. Dass er mir überhaupt keine Beachtung schenkt, obwohl ich mich so abmühe…?

Ich zucke zusammen, als ich ein leises Klopfen an der Tür höre.

"Zhalia?", höre ich eine tiefe Männerstimme, die mir sehr vertraut ist – und lasse vor Schreck fast mein Handy fallen. „Schläfst du schon?"

„Nein", rufe ich kurz. Wie lange steht er schon vor meine Tür? Wie viel hat er gehört?

Nein?', gibt Klaus erstaunt zurück. ‚Was meinst du mit Nein?"

‚Das galt nicht dir", zische ich und lege schnell auf, bevor er antworten konnte. Und gerade rechtzeitig, denn Dante strecke den Kopf durch die Tür.

„Darf ich reinkommen?", fragt er vorsichtig.

„Wenn es sein muss", murmele ich unfreundlich. Ich bin verdammt müde und außerdem würde ich derzeit lieber mit Breaker in einen Käfig gesperrt werden als mit Dante zu reden.

„Ich habe etwas für dich… sieh es als Bestechung an damit du mich nicht rauswirfst", erwidert er und deutet auf einen dampfenden Becher in seiner Hand. (Warum sieht er so nervös aus? Ich bin doch noch angezogen…)

"Was ist das?". Will er mich letztendlich doch vergiften?

„Tee", antwortet er. „Er hilft beim Einschlafen".

"Klar", erwidere ich tonlos, verwirrt über seine Geste. Warum bringt er mir plötzlich Tee? Immerhin hat er so viele Sachen zu tun, die ihm alle wichtiger sind – z.B. mit Lok das Tagebuch zu lesen, oder den Schlüssel zu untersuchen. Eine Unterhaltung mit mir kann da nur den Kürzeren ziehen… Dass er nun plötzlich und unerwartet in meinem Zimmer steht verwirrt mich – und ist auch der Grund, warum ich ihm nicht direkt meine Meinung um die Ohren klatsche. Nun ja… Das, und die beginnende Migräne, die sich durch meinen Schädel bohrt…

„Warte lieber noch ein bisschen, bis er etwas abgekühlt ist", riet er und stellte den dampfenden Becher auf den Tisch. „Ich habe den Tee nicht gesüßt, aber wenn du magst hole ich dir etwas Zucker. Zitrone gibt es allerdings nicht".

„Kein Problem", gebe ich zurück, verdutzt über seiner unerwarteten Freundlichkeit. „Ich trinke ihn pur, ohne Zusätze. Ich mag keinen Zucker", antworte ich zusammenhanglos. Was rede ich denn da? Ich bin doch nicht betrunken, aber ich brabble wie jemand, der gesoffen hat.

Dante nickt, entweder um zu zeigen, dass er sich das bereits gedacht hat, oder aber um es sich für die Zukunft zu merken. Nun, da er den Becher auf dem Tisch abgestellt hat, weiß er nicht wohin mit seinen Händen, also steckt er sie erst in die Taschen, bevor er merkt, dass dies nicht gerade gutes Benehmen zeigt und sie wieder herauszieht, sie auf dem Tisch abstützt und schließlich wieder hängen lässt.

Die Minuten verstreichen und ich blicke stur auf meine Hände (in meiner Handfläche sind noch immer die Abdrücke, wo das Amulett von König Basilisk eingedrückt hat). Erwartet er etwa, dass ich ihm anbiete sich zu setzen? Verzieh dich, Versager. Du wirst weiterhin stehen müssen, damit du endlich die Lust verlierst und mich in Ruhe lässt – so dass ich endlich schlafen kann, um mich zu erholen, nachdem ich dir den Hintern retten musste.

„Ich weiß, dass ich dir Kaffee versprochen habe", sagte er schließlich.

Es kostet mich reichlich Selbstbeherrschung nicht den Blick zu heben. Sieh an, es ist ihm wieder eingefallen. Also deswegen der ganze Aufriss? Äußerlich bin ich unbeweglich, aber innerlich koche ich vor Wut und auch vor Neugier.

„Es tut mir leid, Zhalia", sagt er verlegen. „Das alles tut mir sehr leid. Wirklich".

„Ach du, mach dir keine Gedanken. Eine einfache Agentin wie ich kann sich wohl kaum beschweren, wenn der Superstar sie versetzt", antworte ich trocken und starre auf die halbrunden Druckstelle neben meinem Daumen.

„Aber nein", erwiderte Dante heftig. „Das war nicht meine Absicht! Ich wollte dich nicht versetzen. Es ist nur… Ich hatte ein wirklich anstrengendes Wochenende".

„Jeder hat mal einen anstrengenden Tag", zische ich verachtend. „Aber die meisten Leute können trotzdem noch ihr Telefon benutzen, oder zumindest eine Mail schreiben. Du hattest nicht einmal Anstand genug abzusagen".

„Ich hab's vergessen", gab er zu. Seine Ehrlichkeit würde ihn eines Tages noch um Kopf und Kragen bringen… Legt er es drauf an, dass ich ihm eine Ohrfeige verpasse?

„Oh, natürlich". Ich grinse bitter – warum erstaunt mich das nicht? "Die ganzen Fans, Interviews, Huldigungen… Wer würde sich da schon an eine Verabredung mit einer gewöhnlichen Agentin erinnern?".

Dante seufzt tief in Ergebenheit. Ich bin etwas überrascht – er klingt fast, als würde er sich die Sache wirklich zu Herzen nehmen. Irgendwie passt sein mutloser Gesichtsausdruck nicht zu Dante, der sonst so schlagfertig ist und immer eine Lösung für jedes Problem parat hat. Wenn er aber glaubt er würde mich damit erweichen…

„Zhalia, bitte hör mir einfach einen Moment zu. Bitte", flüsterte er eindringlich und seine Stimme schwingt vor Bedauern und Reue…

… okay, von mir aus. Ich jage ihn nicht zum Teufel. Also bleibe ich sitzen und lausche.

„Wäre die Lage anders gewesen, hätte ich unser Treffen ganz sicher nicht vergessen", versichert er. „Normalerweise hätte ich es ungeduldig erwartet… Es ist… eines der wenigen erfreulichen Dinge, die mir in letzter Zeit passiert sind… Und auch wenn du es nicht glaubst, bin ich kein Star, der seiner Berühmtheit nachjagt. Im Gegenteil versuche ich immer so normal wie möglich zu sein, aber… wie du selbst weißt, ist meine Situation leider nicht normal. Aber das ist auch nicht der Grund, warum ich unser Treffen vergessen habe", sagt er düster. „Ich habe derzeit einige… private Probleme. Nicht etwa Schulden, oder einen Nachbarschaftsstreit oder so etwas". Ich blicke ihn scharf an – und Dante interpretiert meinen Blick ausnahmsweise richtig. „Es hat auch nichts mit einer anderen Frau zu tun", fügt er schnell hinzu. „Ich.. würde lieber nicht weiter darauf eingehen".

"Warum erzählst du mir das?". Ich zucke die Achseln – wenn er sich nur ausjammern will, soll er sich einen Psychiater suchen.

„Weil ich möchte, dass du weißt, dass ich dich nicht absichtlich versetzt habe – und nicht wegen irgendeiner Lappalie", sagt er mit entwaffnender Ehrlichkeit.

Ich sehe ihn erschrocken an. Sein Blick ist so offen und ehrlich, sein Gesicht ernst, als würde er mich für ein weitaus schlimmeres Vergehen um Verzeihung bitten – als hätte er mich ausgeraubt, verprügelt und beschimpft, statt mich nur zu versetzen. Sein Gesichtsausruck verstärkt die Zeichen seiner Erschöpfung. Ich sollte froh sein, dass ich nicht die einzige bin, die fertig aussieht, aber… er tut mir irgendwie leid. Ein bisschen. Ein kleines bisschen nur.

Aber genug, als dass ich meinen Blick beschämt abwende und in einer übertrieben leichten Art sage: "Ach, schon okay. Mach dir keine Gedanken. Vergangen und vergessen. Aus und vorbei".

"Aber ich möchte nicht, dass es vorbei ist", sagt er eindringlich. „Wenn du… mir nur noch einen Chance gibst. Ich verspreche, dass ich dich nicht enttäuschen werde!"

Wir schweigen beide. Es wird langsam peinlich – nur die Uhr im Flur tickt, als wolle sie mich anhalten endlich etwas zu sagen. Aber was? Natürlich, Dante. Lass uns gleich morgen ausgehen. Nein, ganz sicher nicht. Klaus möchte zwar, dass ich die Sache beschleunige, aber Dante verdient es noch eine Weile zu schmoren. Ich kann unmöglich mit ihm ins Bett hüpfen, einen Tag nachdem er mich versetzt hat. Wenn es ihm wirklich so viel bedeutet, soll er noch etwas zu Kreuze kriechen.

„Nun?", fragt er leise, als wolle er meinen Gedankenfluss nicht unterbrechen. „Was sagst du? Gibst du mir noch eine Chance meine Missetat wieder gutzumachen?"

Ich konnte seine Erwartungshaltung förmlich spüren. Ich kann ihn zwar nicht sehen, aber ich spüre seinen hoffnungsvollen Blick auf mir. Ich rolle meine Schultern, um das unangenehme Kribbeln abzuschütteln – ich hasse es so scharf beobachtet zu werden.

„Ich denke darüber nach", antworte ich schließlich, aber meine Stimme klingt nicht so abweisend wie ich erwartet hatte. Vielleicht bin ich aus der Übung…

Unwillkürlich zucke ich zusammen, als sein rotbrauner Schopf plötzlich vor mir auftaucht.

„Du solltest den Tee trinken, solange er noch warm ist, und dann schlafen gehen", sagt er mit sanfter Stimme , während er vor mir hockt und mir die Tasse hinhält.

Sein Gesicht ist direkt vor meinem – ich habe keine Chance etwas anderes anzusehen als ihn. Ich bemühe mich zwar, aber schließlich gebe ich auf und treffe seinen Blick.

Seine Augen sind wie ein Magnet – sie ziehen an. Erst jetzt, wo wir so dicht beieinander sind, stelle ich fest, dass seine Augen nicht wirklich braun sind. Sie sind… eher golden. Bernsteinfarben. Wie Solaris' Augen, nur nicht so stechend. Und warm… sanft. Seine Augen durchdringen mich bis in den letzten Winkel meines Seins, aber es ist kein unangenehmes Gefühl. Genau genommen spüre ich ein Kribbeln –ein angenehmes, dieses Mal- im Bauch. Aber das darf nicht sein…

Ich beobachte ihn intensiv. Er sieht immer noch übermüdet aus, aber… irgendwie gibt ihm das den Charme eines berittenen Sheriffs . So einer aus den alten Wildwestfilmen, der stets gerecht ist und zu jeder Tages und Nachtzeit das Gesetz vertritt. Dante ist ein attraktiver Mann, selbst mit Bart. Einer der attraktivsten, der mir je begegnet ist…

Und er hat schöne Hände… stark und dennoch bei jeder Bewegung so kontrolliert. Ein Mann mit solchen Händen muss ein verdammt guter Liebhaber sein – ich bin sicher, dass er genau weiß, wie er eine Frau berühren muss, um sie zu den höchsten Gipfeln der Lust zu bringen. Ich stelle mir vor, wie seine Fingerspitzen meinen Rücken entlangstreicheln und ein Schauer jagt mir über den Rücken.

Moment, was denke ich denn da? Ich muss ja… unausgelastet sein, wenn ich mir schon lustvoll ausmale wie es mit einem Typ im Bett ist, der momentan einer der Zombies aus „The walking dead" spielen kann. Das liegt nur an meiner Periode… Ich bin dann immer so verflixt wollüstig – und ich hatte in letzter Zeit auch keine Gelegenheit mir selbst Erleichterung zu verschaffen… Wahrscheinlich würde mich sogar ein Typ wie Freddy Krüger anmachen, wenn er hier wäre.

Ich greife schnell zur Tasse – und lasse sie beinahe fallen, weil sie immer noch verdammt heiß ist. Ich ziehe meine Ärmel über die Hände und nehme Dante die Tasse ab. Besser. Und jetzt habe ich auch etwas anderes das ich anstarren kann, statt dass ich Dante anstarre als hätte ich nicht mehr alle Sinne beisammen. Ich nehme einen Schluck… Wunderbar. Genau wie ich es mag – für den Fall, dass ich jemals Teetrinker werde und dem Kaffee entsage.

„Er ist gut", murmle ich leise.

„Da bin ich froh", antwortet er sanft und warmherzig, als würde er sich wirklich freuen. „Trink aus und dann schlaf. Du siehst erschöpft aus… Ich lass dich jetzt auch in Ruhe".

Er stand auf und sein Mantel streifte den Boden. Ich starre den Saum seines Mantels an, als er sich zur Tür bewegt. Sieh nur ihn nicht an! Sieh nicht hin und alles wird gut. Gleich ist er weg, dann kannst du dich beruhigen…

Dante stoppt plötzlich und blickt über die Schulter zurück. Er holt Luft – und ich bete, dass er nichts sagt.

„Zhalia… Danke". Meine Finger greifen den Becher fester, nur damit sie nicht anfangen zu zittern.

„Wofür?", frage ich. „Ich hab nichts getan".

"Doch. Das hast du", sagt er. "Und ich meine nicht nur, dass du die Organisation in die Flucht geschlagen hast. Ich… Ich danke dir, dass du mich nicht einfach rausgeworfen hast. Das… bedeutet mir viel. Ich werde mein Bestes tun um es wieder gutzumachen".

Er ist beinahe schon draußen – sehr schnell, als ob er meint, dass er schon zu viel gesagt hat. Aber ich…

„Dante!", rufe ich ihm nach bevor ich die Worte schlucken kann. Er dreht sich überrascht zu mir um.

„Ich…", flüstere ich erstickt. Was nun? Was will ich ihm denn sagen?

Ich will's mit dir treiben. Hier und jetzt. Ich habe schon viel zu lange gewartet…

Ich schüttele den Kopf um meine Gedanken zu ordnen. Das Ende meiner Periode, der Adrenalin-Stoß nach dem Kampf mit der Organisation, die Macht von König Basilisk sind zu viel und verdrehen mir meine geordneten Gedanken. Ich sollte nicht zu ungeduldig sein. Eine schnelle Nummer mit ihm wird wenig befriedigend sein, auch wenn es erst einmal das größte Verlangen befriedigt.

„Weißt du… wäre ich alleine gewesen, hätte ich es nicht geschafft", gebe ich zu. „Aber du hast… mir geholfen, mich aufgefangen und mich hergebracht… und mir sogar noch einen Tee gemacht. Und du warst ehrlich wegen deiner Probleme, auch wenn du es mir nicht hättest erzählen müssen". Ich brabble wie ein Idiot. „Was ich sagen will, ist… also… auch danke", murmele ich endlich und fühle mich idiotisch und beschämt. Warum schütte ich einem Kerl mein Herz aus, der bald vor mir kniend um Gnade winseln wird?

Dante lächelt nur warm und das Beben in den Tiefen meines Bauchs verstärkt sich, wird beinahe schmerzhaft…

„Gute Nacht, Zhalia", flüstert er sanft bevor er den Raum verlässt und mich verdattert zurücklässt, mit einem erstaunten Gesichtsausdruck und mit einem unstillbaren Verlangen, dem keine Tasse Tee Herr werden kann.

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Ende von Kapitel 10

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Anmerkung der Übersetzerin:

Wie versprochen hier Kapitel 10. War ich schnell, oder war ich schnell? ;)

Ich hoffe es hat euch gefallen. Das nächste Kapitel –zugegeben eines meiner Lieblingskapitel- ist schon auf einem sehr guten Wege. Ihr müsste also nicht allzu lange warten. Zum nächsten Wochenende dürfte es fertig sein.

Ich freue wie immer mich über Feedback und wünsche euch ein schönes Wochenende!

Viele Grüße,

Joey