Lucius hatte nicht wirklich erwartet, dass Severus nach diesem Ritual vergnügt durch das Haus sprang. Eigentlich hatte er es sich genau so vorgestellt: Severus hatte Schmerzen und würde kaum in der Lage sein, auch nur eine Tasse zu halten. Und zu viel Stolz, als dass er Lucius sein Leid zeigen würde. Seinen dauernden Entschuldigungen folgten Ablehnungen und der Blonde wurde langsam ungeduldig. Wenn Severus die ganze Nacht so stur weiter machen wollte, dann würde es eine lange Nacht werden. Vermutlich musste er etwas deutlicher seine Wünsche formulieren. Vielleicht sollte er auch einfach handeln.
Zunächst jedoch beobachtete er fasziniert, wie Severus sich in einer schnellen Bewegung aufrichtete und ihm gegenüber saß. Dann sah er dabei zu, wie er die Decke daran hinderte, von seinen Schultern zu rutschen. Diese hatten sie schon entblößt. Lucius starrte auf die weiße Haut. Severus war unglaublich blass. Er sah schon fast krank aus, so blass wie er war. Aber das kam davon, wenn man seiner Haut nie der Sonne aussetzte. Unter der Haut zeichneten sich die Knochen ab, Muskulatur war sicherlich vorhanden, wenn auch nur rudimentär ausgebildet. Vor allem die Schlüsselbeine stachen deutlich hervor. Lucius leckte sich unterbewusst über die Lippen. So schnell, wie der Anblick da war, wurde er auch wieder verdeckt und weitere Ablehnungen kamen von seiner Seite.
Seine erste Handlung hatte ihre Wirkung. Deutlich war zu erkennen, wie der Schwarzhaarige erstarrt war. Zwei dunkle Augen fixierten seine und Lucius war sich nicht sicher, ob Severus ihn sofort vor die Tür setzen würde. Schaffen würde er es nicht, aber er konnte darüber nachdenken.
Schließlich hörte er seine Worte und lachte laut auf.
"Als ob ein Heilzauber Linderung bringen würde! Das ist mit das dunkelste, was an Magie existiert. Ein Heilzauber hätte absolut keine Wirkung!", meinte er dann belehrend. Severus wusste das sicherlich auch, der Schmerz ließ ihn vermutlich so etwas nicht bedenken.
"Sicherlich kannst du es ertragen. Wenn du unbedingt leiden willst, dann wirst du die Schlimmste Nacht deines Lebens haben", meinte er.
Dann beugte er sich kurzerhand nach vorn, nutzte das Überraschungsmoment und zog ihm die Decke vom Körper, um nach seinem linken Unterarm zu greifen. Diesen zog er zu sich hin, richtete seinen Zauberstab auf das blutrote Mal und murmelte einige Formeln.
"Damals, als ich mein Mal erhalten habe, lag ich die ganze Nacht wach. Ich wollte niemanden sehen, niemand sollte mich sehen. Ich kam mir vor wie ein Feigling, der zu schwach war, die Schmerzen zu ertragen", während er sprach, vollführte er mit dem Zauberstab einige Bewegungen. Kompressen wurden heraufbeschworen, die sich auf die Wunde legten. Zum Schluss kam aus der Zauberstabspitze eine Binde, die sich um den Arm wickelte.
"Heute wünsche ich mir, dass jemand da gewesen wäre, der mir beigestanden hätte. Ich weiß, was du gerade durch machst, ich habe es hinter mir. Vielleicht wird dir dies Linderung bringen. Ich habe eine Formel angewandt, die deine gesamten Nerven in diesem Arm betäuben - der Arm wird beweglich sein, aber nicht schmerzen. Ich habe den Zauber selber entwickelt nach meiner Nacht. Ich weiß nicht, ob er wirkt. Ich denke, der Schmerz wird immer noch stark genug sein, dass du an das erinnert wirst, was heute passiert ist", er sprach ruhig und sanft zu Severus. Noch nie hatte er darüber gesprochen. Vermutlich würde er es auch nie wieder tun.
Während der ganzen Zeit hatte er unverwandt auf den Unterarm geschaut, den er behandelte. Severus nackten Oberkörper ignorierte er so gut es ging. Seine Gedanken hätten nur wieder Pfade beschritten, die er nicht gehen wollte. Seinen Schmerz ignorierte er auch. Vermutlich hatte er mit seiner spontanen Aktion mehr Schmerz verursacht, als er den Arm gepackt und zu sich gezogen hatte. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn Severus vor Schmerz ohnmächtig geworden wäre.
Nachdem er nun seine kleine Heilkunde beendet hatte, nahm er eine Teetasse und genehmigte sich selbst einen Schluck. Dann nahm er die andere und hielt sie vor Severus' Gesicht.
"Du wirst sofort einen Schluck trinken, sonst belege ich dich mit dem Cruciatus!", sagte er wieder etwas ernster.
