So, nach einer längeren Pause geht es jetzt weiter!

Ist euch eigentlich aufgefallen, dass wir das letzte Mal gar nicht um Reviews gebeten habe? *stolz* Und trotzdem: HAPPY 50th REVIEW!!!!!!!! *celebration*

DANKESCHÖN!!!!!

PS: Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten! *grins*



Chapter 10: Fairy - Tales Never Will Come True



„Bist du verrückt?" Es war nur ein Zischen, während Kate Vicky unsanft am Arm packte und sie hinaus in den Thronsaal zerrte, wo momentan niemand war.

„Au! Lass los...ich wollte die Thronbesteigung sehen...ich war doch nur neugierig..."

Mit einem Ruck ließ Kate ihren Schützling los, stemmte die Arme in die Hüften und sah sie wütend an.

„Neugierig? Hast du sie noch alle? Lernst du denn niemals aus deinen Fehlern? Wie bist du überhaupt hier herein gekommen?"

„Ich...du solltest wissen, dass das für mich kein Problem ist..." Vicky sah fast beleidigt aus.

Erstaunt bemerkte Kate, dass das Mädchen mit den Tränen kämpfte, doch in diesem Augenblick war es ihr gleich. Wenn sie denn nicht hören wollte, musste sie eben fühlen.

„Aber du wirst eines bekommen, wenn du nicht gleich von hier verschwindest! Mach, dass du weg kommst!" Es war nur Sorge, die in Kate diese Reaktion auslöste, und Vicky wusste das ebenso wie sie, doch sie konnte ihre Wut nicht zügeln. Warum tat die Kleine das? Sah sie nicht, dass sie schon genug Probleme hatte? Ohne ein weiteres Wort drehte Kate sich um, nachdem sie Vicky's zaghaftes Nicken gesehen hatte. Die Rothaarige stand da wie ein begossener Pudel, und so taten Kate ihre harten Worte schon wieder leid. Sie wollte fort von hier, bevor sie wieder weich wurde, wie es immer der Fall war, doch als sie Vicky's verzweifelte Stimme hörte, drehte sie sich langsam um.

„Kate! Bitte sag mir nur eines, dann geh ich sofort!"

„Was?" Kate war misstrauisch, doch als sie in Vicky's Augen sah, bemerkte sie einen seltsam dunklen Schleier über ihren normalerweise sprühenden Augen.

„Bitte...bitte sag mir, was zwischen Adhemar und der Königin ist?! Ich habe alles gesehen vorhin! Sein Blick, seine Gestik ihr gegenüber...was ist zwischen den beiden?" ‚Die Wärme in seinen Augen als er Michelle ansah, der Ausdruck auf seinem Gesicht beim Kuss...seine Worte als er vor ihr kniete...' doch diese Gedanken wagte sie nicht preiszugeben, weil sie selbst nicht begriff, warum ihr Herz so sehr geschmerzt hatte, als sie dies alles mit angesehen hatte.

„Oh, Vicky..." mit zwei schnellen Schritten war Kate wieder bei der Kleinen und umarmte sie. „Meine arme, kleine Vicky..." Sie spürte, wie deren Körper unter ihr zitterte, dass sie weinte. Sinnlose Worte flüsternd strich sie über die Lockenmähne, während sie versuchte selbst zu begreifen, was sie gesehen hatte. Es war so klar in ihren Augen zu lesen, die Angst und der Schmerz darin so offensichtlich, dass es ihr wehgetan hatte. In welchem Ausmaß und mit welcher Intensität musste dann erst Vicky unter ihren Gefühlen leiden? Wenn sie daran dachte, wurde ihr kalt. Selbst sie konnte es nicht ertragen.

Und so hielt sie das Mädchen nur noch fester, während Vicky in ihren Armen weinte – völlig verwirrt und erschlagen von dem, was sie fühlte. Was sie fühlte aber nicht einordnen konnte. Die Angst, der Stolz, die Unsicherheit, die Hoffnung, vermischt mit dem Zittern, das sie ergriff, wenn sie sich in Adhemar's Nähe befand. Dieser Sog, der sie jedes Mal aufs Neue - wie eine Motte zum Feuer, in ihr sicheres Verderben, fliegen ließ – zum ihm hinzog, dem sie sich nicht entziehen konnte. Die Macht und das Intensive der Emotionen, die sie in seiner Nähe empfand.

Wie gut tat es auf einmal zu weinen, loszulassen und gehalten zu werden. Wärme und Liebe zu spüren, getröstet und umarmt zu werden. Nun war sie nicht mehr alleine, jemand war da, verstand sie. Der Druck, der seit dem Ball auf ihr gelastet hatte, war nun von ihr genommen, floss mit den Tränen aus ihren Augen, wie silberner Regen. Sie lauschte Kate's stetig schlagendem Herz, einem warmen Rhythmus, lebendig und einschläfernd. Dann hörte sie deren Stimme, leise, beruhigend.

„Nein, mein Herz, die beiden teilen eine gemeinsame Vergangenheit und glückliche Stunden, die sie aneinander binden. Nichts sonst, nur die Erinnerungen an eine kindliche Schwärmerei und brüderlicher Stolz."

In Vicky's Kopf drehte sich alles. Sie wusste nicht was sie fühlen sollte...die Erleichterung war grenzenlos, doch gleichzeitig war die Verzweiflung umso größer, wenn sie an die Wärme in seinem Blick dachte. Sie, Vicky das Straßenmädchen, hatte er immer nur mit kalter Gleichgültigkeit angesehen. Sie hatte immer wieder seine Nähe gesucht, doch niemals war ihr wirklich bewusst gewesen, dass sie nach mehr verlangte...langsam kroch in ihr die Erkenntnis hoch: Sie wollte ihn beeindrucken, nicht um gegen ihn zu siegen und ihm deshalb Stärke und Stolz zu beweisen, sondern um von ihm akzeptiert zu werden. Ihm ebenbürtig zu sein, bedeutete, dass sie ihm vielleicht nicht mehr länger gleichgültig war...es bedeutete, dass er sie vielleicht irgendwann gerne in seiner Nähe hatte, dass er sie irgendwann auch einmal so ansah, dass seine dunklen Augen sich erhellten. ‚Kindliche Träumerei...sinnlos und ohne Hoffnung...er ist ein Ritter, ich bin ein Mädchen aus der Gosse; er ist ein Graf, ich bin eine Diebin.'

„Vicky..." Sanft hörte sie Kates Stimme, die ihren Namen flüsterte. Vicky zog die Nase hoch, dann trennte sie sich etwas von ihrer Freundin um sich über die Augen zu wischen.

„Keine Angst. Ich gehe jetzt..." Brachte sie heißer heraus, während sie sich immer noch an Kate festhielt und versuchte ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. „Und ich werde euch heute abend auch in Ruhe lassen auf dem Krönungsball..." Sie versuchte ein Lächeln und scherzhaft zu klingen, doch ganz gelang es ihr nicht. „Höchstens ich werde vom König persönlich eingeladen."

Mit wehmütigem Blick sah Kate ihrer rothaarigen Freundin nach, wie sie hinter einer Säule verschwand, dann war sie noch einmal kurz zu sehen, als sie hinter einem Vorhang stehend Kate ein letztes Mal zuwinkte. Die Worte hallten immer noch in ihrem Kopf. Sie wusste, dass Vicky sie nicht ernst gemeint hatte, hatte jedoch die Hoffnung, die darin mitgeklungen hatte, vernommen. Eine Idee begann in ihr zu erwachen, die sich – die traurigen Augen Vickys vor Augen – immer mehr festsetzte. Das Gefühl, der Wunsch vielmehr, ihrer Kleinen helfen zu wollen und wenn es nur eine kurzweilige Ablenkung von ihrem Kummer war, wurde stärker. Sie lächelt, als sie sich Vicky auf dem Ball heute Abend vorstellte. ‚Es muss für sie ein Traum sein, ihr wie ein Märchen vorkommen.'

Vicky war eine Träumerin, ob sie es wollte oder nicht. Die immer den Märchen gelauscht hatte und sich gewünscht hatte die Prinzessin zu sein, im Schloss zu leben und all die schönen Kleider zu tragen. Ihre Abneigung und Verachtung war nur Ausdruck des – auch für sie – verborgenen Sehnens ihres romantischen Herzens. Kate würde nie vergessen, wie sie der jüngeren Vicky einst vorgelesen hatte, im Schein einer Kerze, begleitet vom Prasseln und Knacken des Feuers, während Vicky in ihrem Bett lag, und mit träumendem Blick den Sagen aus längst vergangenen Zeiten lauschte. ‚Kleine Träumerin...' dachte sie zärtlich. Das war wenige Wochen nach dem Tod des alten Schmiedes gewesen – vor fast drei Jahren. Sie verbannte diese Gedanken. So war es immer gewesen: Vicky, die Träumerin und sie die große Schwester, mit beiden Beinen in der grausamen Realität... ‚Realität, dass ich nicht lache!' verächtlich dachte sie an ihre Träume, die alle längst vergessen waren.

Sie bemerkte, dass sie immer noch zu der Stelle starrte, von der Vicky eben noch gewunken hatte und riss sich selbst aus ihren Gedanken. Sie musste zurück zu Tisch...und mit Michelle reden. Nun war der Drang nach einem Gespräch unter vier Augen noch größer geworden.

Als sie den Speisesaal wieder betrat, sah sie, dass man bereits das Dessert reichte. Die Königin lächelte ihr zu, doch sie schien mittlerweile erschöpft und müde.

Möglichst unauffällig setzte sie sich wieder an ihren Platz. Die einzige, die sie missbilligend ansah, war Jocelyn. Diese ignorierend setzte Kate sich.

„Begleitest du mich in meine Gemächer?" Die Königin sah Kates bejahendes Lächeln und wendete sich an Jocelyn. „Mylady, ihr könnt gerne noch hier bleiben." Es war im Grunde ein Befehl, auch wenn Michelle sie freundlich ansah, und Jocelyn zeigte ihren Ärger in einem säuerlichen Lächeln. „Gerne, meine Königin, ich danke euch."

Michelle nickte, dann ergriff sie Edwards Hand und lehnte sich zu ihm.

„Mylord, es ist, glaube ich, besser, wenn ich mich nun etwas hinlege." Sie küsste seine Hand, dann sah sie ihn mit bittender Zärtlichkeit an. „Wenn ihr mit den Staatsgeschäften fertig seid...darf ich euch in meinen Gemächern erwarten?"

Mit einem Lächeln und Nicken bejahte er. Dann nahm er ihre Hand und stand auf.

„Meine Gemahlin wird sich nun zurückziehen." Sprach er laut und sofort verstummten die Gespräche der Anwesenden. Sie erhoben sich ebenfalls und verneigten sich vor der Königin.

***

Begleitet und beobachtet von Mathilda liefen sie durch die Halle. Erst als sie in Michelles Gemach angelangt waren, bat die Königin ihre Amme sie alleine zu lassen.

Kaum hatte die ältere Frau nach einigen letzten Protesten das Zimmer verlassen, nahm Michelle Kates Hand und zog sie mit sich zum Bett.

„Kate, es tut mir so leid wegen Jocelyn. Ich wollte es heute morgen so anders haben..." Sie setzte sich aufs Bett und lehnte sich zurück in die weichen Kissen, während sich ihre Freundin auf die Bettkante setzte. Traurig nickte sie.

„Das macht nichts, Majestät...ich meine Michelle."

„Ich hätte so gerne mit dir alleine geredet...über gestern, heute und über alles." Sie blickte kurz auf ihre Hände, die sie auf ihrem Bauch gefaltet hatte. Jetzt griff sie nach der Hand ihrer Freundin. „Kate...?"

Noch bevor sie ausgesprochen hatte, wurde sie von dieser unterbrochen. „Bitte, Michelle, ich hätte eine große Bitte an dich!" sagte sie schnell, bevor Michelle ihre Frage stellen konnte.

Überrascht sah die junge Frau auf.

„Könntest...würdest..." Kate schluckte. „Würdest du Vicky zum Ball heute Abend einladen?" Es war heraus und nach einem Augenblick wagte sie aufzusehen. Sie sah Michelles warme, gütige Augen und fühlte wie die Königin ihre Hand etwas fester drückte.

„Kate, ich habe mit dem Gedanken gespielt...doch nicht gewagt es zu tun. Ich weiss, dass Vicky den Adel nicht sonderlich mag und..." Sie lächelte und sah Kate durchdringend an. „Wenn du es auch gut heisst, werde ich nachher mit Edward sprechen."

Oh ja, Michelle, bitte tu es! Sie wünscht es sich doch...insgeheim wäre sie wohl auch gerne wie eine Prinzessin...ich weiss doch wie gerne sie träumt und wie sie sich ersehnt zu tanzen und zu vergessen was sie wirklich ist...woher sie kommt."

„Ich werde Edward gleich fragen, wenn er kommt und heute Abend wird aus Vicky eine wunderschöne Prinzessin." Michelles Augen funkelten begeistert und Kate freute sich.

Obwohl es eigentlich unmöglich war, dass ein Mädchen, dass noch gestern am Pranger gestanden hatte, auf dem Krönungsball von England anwesend sein konnte, rechnete keine der beiden Frauen damit, dass Edward seiner Frau diesen Wunsch abschlagen könnte.

„Aber, dich bedrückt doch noch mehr, oder?" Michelle sah Kate fest in die Augen. „Ich habe gesehen, wie du und Will gestern getanzt habt und..." Sie sah, wie sich Kate's Augen verdüsterten...traurigen wurden.

„Ach..." Sie entzog der Königin ihre Hand und sah zu Boden.

„Es tut mir leid Kate...wenn du nicht darüber reden willst..."

„Doch!" Schnell sah die Schmiedin auf und ergriff fast verzweifelt die Hand Michelles, als hätte sie Angst, dass diese verschwinden könnte, wenn sie sich nicht festhielt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich...habe doch die ganze Zeit darauf gewartet mit euch allein zu sein! Ich...ich bin so durcheinander..."

„Was...ist denn passiert?" Die Stimme der Königin klang sanft und sie streckte die Hand aus um der verzweifelten Freundin eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen.

„Es ist ..." sie nagte auf ihrer Unterlippe. Die Worte, die sie schon die ganze Zeit hatte loswerden wollen, waren wie verschwunden. Natürlich wollte sie es Michelle erzählen, doch wie. Sie hatte keine Ahnung, wie sie es in Worten fassen sollte, da waren keine Gedanken mehr in ihr, nur noch Gefühle. Gefühle, die sie verwirrten, verunsicherten und beinahe ängstigten. Betreten blickte sie nach unten. Ihre Schultern zitterten, doch als Michelle ihr Gesicht sanft anhob, sah sie keine Tränen mehr.

„Pscht..." sie streichelte ihr über den Rücken. Kate schluchzte auf, als sie die Berührung spürte. Sie lehnte den Kopf an Michelles Schulter und verharrte so, während diese sie durch das Streicheln beruhigte.

„Ich weiß nicht mehr weiter..." begann sie nach einer Weile. „Ich weiß, nicht mehr was ich tun soll... was ich tun soll...Ich weiß gar nichts mehr." Die Verzweiflung war deutlich aus ihren Worten heraus zu hören. Hastig und immer wieder von Schluchzern unterbrochen, erzählte sie, was am morgen vorgefallen war, was er gesagt hatte...

„Ich dachte zuerst, mein Herz würde zerspringen vor Freude; er, der mir solche Dinge sagt, er, der mich berührt, der mich beachtet! Weiß er denn nicht, was er in mir auslöst? Wie weh er mir damit tut? Dass er wieder diese kindische Hoffnung erweckt, die doch vollkommen vergebens ist? Alles, was er sagt oder tut, macht es nur noch schlimmer, nur noch viel schlimmer..." ihre Stimme erstarb, weinen konnte sie nicht mehr. „Er wird sie heiraten, dennoch ertappe ich mich immer bei dem Gedanken, dass sie ihn nicht verdient." Sie blickte in Michelles Gesicht. Ihre Augen beinahe zornig, eiskalt und emotionslos, so dass ihre Freundin erschrak. „Ist das nicht hoffnungslos kindisch? Ich weiß, doch dass er sie liebt, dass er in mir nur ein „Freundin" – oh, wie ich dieses Wort hasse! – sieht! Dennoch mit jeder Berührung, mit jedem Blick in seine Augen, mit jeden Herzschlag in seiner Nähe, wächst die Hoffnung und der Schmerz danach." Sie schwieg kurz, bevor sie mit ruhiger, schmerzvoll verzweifelter Stimme weitersprach, während Michelle sie traurig ansah. „Und was habe ich Jocelyn denn entgegen zu setzen? Sie ist jung, wunderhübsch und alles, was ich nicht bin. Hat er denn irgendeinen Grund sie nicht zu lieben? Natürlich muss er sie lieben! Was bin ich denn gegen sie? Eine ungehobelte Frau, die obendrein noch in einer Schmiede ihr Lohn verdient, die immer dreckig ist und die niemals in seinen Träumen auftauchen wird." Jetzt rannten ihr wieder Tränen die Wangen hinab, obwohl sie geglaubt hatte, sie wären längst versiegt. Michelle zog sie in ihre Arme und sie ließ es willig geschehen. Sie hielt sich an ihrer Freundin fest und weinte. Sie fühlte, wie die Königin ihr sanft und beruhigend durchs Haar strich und es tat so gut einfach schwach sein zu dürfen. Nach einer ganzen Weile ergriff Michelle sie bei den Schulter, so dass sie sie ansehen musste. Zu ihrer Überraschung standen auch in den Augen der Königin Tränen, trotz ihres liebevollen Lächelns und ihrem warmen Blick. Sanft strich sie Kate über die Wangen und wischte die Tränen weg.

„Komm mal mit." Michelle stand auf ohne Kates Hand loszulassen und zog sie sanft vor den großen Spiegel am anderen Ende des Zimmers. „Schau dich doch an Kate." Sie deutete auffordernd auf das Spiegelbild. „Und? Was siehst du?"

Die dunkelhaarige Frau sah zu Boden, konnte nicht sprechen...

„Sieh dich an!" Michelle hob Kates Kinn an, so dass diese ihr Spiegelbild betrachten musste, dann fuhr sie leise fort: „Sieh dich an, und du weißt, dass das was du gerade gesagt hast nicht stimmt." Sie lächelte, während Kate gedankenverloren in den Spiegel sah. „Wenn Will alles sein kann, aber eines ist er sicher nicht: Unaufrichtig! Er hätte das heute früh niemals gesagt, wenn er es nicht meinte..."

„Ja, vielleicht!" Kates Stimme klang fast zornig. „Aber Jocelyn..." wollte sie protestieren.

„Pssst..." Michelle legte ihr den Zeigefinger über die Lippen, so dass sie nicht weitersprechen konnte. „Ich könnte dir tausend Dinge sagen, warum die beiden nicht glücklich werden können...doch letztendlich ist es seine Entscheidung, da hast du recht." Michelles Augen wurden trauriger. „Kate, willst du wissen, was ich denke?"

Kate nickte leicht. Sie kämpfte mit Tränen der Rührung auf Grund der aufrichtigen Worte Michelles. Sie fühlte, wie diese ihre Hand ergriff und drückte, während sie ihr fest in die Augen sah.

„Ich glaube, dass Will nach langer Zeit der Blendung durch Jocelyn endlich feststellt, dass es mehr geben muss als nur Fassade. Er bemerkt, dass du ebenso schön, wenn nicht schöner, sein kannst als Jocelyn...mit einem Unterschied: Du besitzt auch Innere Schönheit. Deine Fassade wird niemals anfangen zu bröckeln, wie es ihre jetzt tut."

Nachdenklich betrachtete sich Kate im Spiegel. Den Kopf schief legend, fuhr sie sich über den Wangen, um die letzten Tränen, die gerade zu trocknen begannen, wegzuwischen. „Ich wollte dich nicht mit meinem Selbstmitleid belasten..." ein trauriges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Ich weiß nicht, was gerade über mich kam. Normalerweise bin ich nicht so, nur... Dieses Gefühl kann ich einfach nicht verdrängen... dieses Gefühl, das mich einhüllt, das sie ausstrahlt, so dass ich mich in ihrer Nähe, stets als minderwertig fühle. Du weißt, was ich meine." Mit einer schnellen Bewegung drehte sie sich um und blickte Michelle in die Augen. „Mir bleibt wohl nur die Hoffnung, dass Will es nicht nur allmählich erkennt, sondern dass er es vor der Hochzeit tut." Wieder das traurige Lachen, doch ihre Augen machen einen entschlosseneren Eindruck. „Danke Michelle." Erstaunt sah sie, wie die Königin errötet und zu Boden blickt.

„Dafür sind Freundinnen doch da...weißt du, Kate, du bist meine erste und einzige Freundin." Sie blickt auf und lächelt vorsichtig. „Wir sind doch Freundinnen?!"

„Oh ja, das sind wir." Mit einem Schritt ging Kate auf die junge Frau zu und sie nahmen sich in die Arme. Niemals hätte sie dies für möglich gehalten: Sie war befreundet mit der Königin von England...plötzlich musste Kate lächeln. Es passierten so viele Dinge im Leben, mit denen man niemals gerechnet hätte, warum sollte dann nicht zwischen Will und ihr ein Wunder geschehen?

„Es wird alles gut, Kate...da bin ich mir ganz sicher." Als hätte sie Kate's Gedanken gehört, flüsterte die Königin diese Worte in ihr Ohr. Sie wünschte sich so sehr, dass sie recht behalten würde.

Edward betrat gerade das Zimmer durch den Geheimgang, als er die beiden Frauen sah. Einen Augenblick sah er zufrieden das Bild, dass sich ihm bot. Doch dann besann er sich. Er würde den beiden noch etwas Zeit geben...obwohl es ihn drängte mit Michelle allein zu sein. Gerade wollte er sich zum Gehen wenden, als Michelle ihn sah.

„Edward." Leise rief sie ihn zurück, nachdem sie festgestellt hatte, dass er gehen wollte. Sofort trat ihre Freundin einen Schritt beiseite und verneigte sich vor ihrem König.

„Lasst euch nicht von mir stören, ich werde später wiederkommen."

„Majestät, ihr stört nicht, ich war gerade im Begriff zu gehen." Kate lächelte, sie wusste um die Sehnsucht der beiden, nach einem Moment des Alleinseins. Mit einer leichten Umarmung verabschiedete sie sich von der Königin, dann verbeugte sie sich vor den Beiden. Gerade als sie die Türe erreicht hatte, hielt Michelle sie noch einmal zurück.

„Kate, warte!"

Überrascht drehte sie sich um.

„Edward." Die junge Königin wandte sich zu ihrem Gemahl. „Sag mir, was du siehst, wenn du Kate ansiehst." Sie lächelte, als sie sah, wie jene protestieren wollte.

Einen Augenblick sah Edward verwirrt aus, dann blickte er von Michelle zu Kate und er verstand. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Heisst das, dass du nichts dagegen hast, wenn ich in deiner Gegenwart von der Schönheit einer anderen Frau spreche?" Gespielt enttäuscht sah er Michelle an, die errötete, jedoch zufrieden lächelte und dann zu Kate sah, deren Wangen noch etwas röter waren.

„Wenn du mich als einzige liebst, so kannst du getrost von der Schönheit anderer Frauen sprechen..." sie kräuselte die Nase, was Edward unwiderstehlich fand. „...solange es vielleicht nicht gerade Jocelyn ist." Sie kicherte. Er wusste, wie sie zu ihrer Hofdame stand.

„Keine Sorge, von deren Schönheit zu schwärmen, habe ich keinen Anlass." Er trat zu seiner Gemahlin, legte ihr die Hände auf die Schultern.

„Aber von Kate's Schönheit zu schwärmen hast du Anlass?" neckte Michelle, während sie Kate zuzwinkerte, die sofort eine abwehrende Geste machte.

„Wie gesagt: Nur wenn du nichts dagegen hast." Versuchte er sich aus der Situation zu retten. Er legte den Kopf schief und Michelle sah lächelnd zu ihm auf.

„Nein, das habe ich nicht...sie ist nämlich meine Freundin."

Ihre Worte, so ehrlich stolz auf diese Tatsache, berührten ihn. Das Glänzen in ihren Augen machte ihn glücklich. Langsam nickte er, dann ging er zu Kate, ergriff ihre Hand und meinte leise, während er in ihre Augen sah.

„Es würde mir eine Ehre sein, wenn die schöne Freundin meiner Gemahlin, mir heute abend einen Tanz aufheben würde." Er küsste ihre Hand und lächelte sie zwinkernd an.

„Es ist und wird mir immer eine Ehre sein." Sie strahlte ihn an. „Ich bin glücklich, dass ihr mich aufheitert und es auf solch nette Art und Weise tut." Sie entzog ihm ihre Hand. „Doch werde ich jetzt gehen." Erst als sie schon den Türgriff in der Hand hielt, drehte sie sich noch einmal um. „Michelle?" sie blickte zu Edward, bis sie sah, dass ihre Freundin begriffen hatte und ihr zunickte. Mit einem letzten Lächeln verschwand sie. Draussen auf dem Flur, begegnete sie Mathilda, die sie misstrauisch beäugt und sich sofort an ihr vorbei drängelte.

„Sie können da jetzt nicht hinein." Sie wollte der Amme, die Hand auf die Schulter legen, doch ein eisiger Blick hielt sie davon ab.

„Was geht sie das an?"

„Michelle ist meine Freundin."

Kate hörte sie leise etwas von ‚Michelle weiß nur nicht, was gut für sie ist' murmeln und langsam begann sich Zorn in ihr bemerkbar zu machen. Warum wollte diese Frau Michelle stets bemuttern? Sie musste doch wissen, dass Edward bei ihr war. Warum konnte sie die beiden nicht einen Moment alleine lassen?

„Ich denke, dass sie das sehr wohl weiß! Und ich auch! Deshalb werden sie jetzt da nicht hineingehen und Michelle und Edward stören!" Sie funkelte die Ältere an. „Notfalls werde ich hier warten und dafür sorgen, dass sie es nicht tun." Sie fühlte sich nicht nur schuldig, für all das, was die beiden für sie getan hatten, sondern wünschte den beiden aus ganzem Herzen einen kurzen Moment, in dem sie zusammen sein konnten, in dieser Zeit, die so turbulent und hektisch war. Ein überraschter, fast beeindruckter, Schatten schien über Mathildas Gesicht zu ziehen. Kate wusste nicht, ob sie es sich nur einbildete, doch es war ihr auch gleich, denn die Amme drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand am Ende des langen Korridors.

***

„Es würde Vicky soviel bedeuten. Man wird sie nicht erkennen..." Bittend sah Michelle zu Edward auf, der bei ihr auf der Bettkante saß. Er hielt sie im Arm und so war sie seinem Gesicht ganz nah. Betroffen stellte sie fest, wie ernst er jetzt aussah, nachdem sie ihre Bitte geäußert hatte. Er haderte; sie konnte es in seinen Augen genau erkennen. Zerrissen zwischen dem Wunsch seine Zustimmung zu geben und seinen Pflichten als König.

Er hatte gesehen, wie gut Michelle der Kontakt zu dem Mädchen getan hatte, doch Vicky war eine Diebin...auf dem letzten Ball hatte sie einen Ritter bestohlen. Was wenn sie erkannt werden würde? Wenn er erlaubte, dass Vicky kommen durfte, dann setzte er mehr aufs Spiel, als Michelle bisher bewusst gewesen war. Dem Mädchen eine viel geringere Strafe als angemessen zukommen zu lassen war eine Sache...sie dann aber auch noch offiziell zum Krönungsball einzuladen eine vollkommen andere. Erschrocken stellte sie fest, dass er mit ausdruckslosem Blick seine Arme zurückzog und aufstand. Mit schwerem Herzen sah sie, wie er langsam, nachdenklich ans Fenster trat. Die Stille um sie fühlte sich so kalt an...sie wollte seine Nähe, seine Wärme und so stand sie auf, und mit einigen wenigen Schritten war sie bei ihm.

Michelle kam zu ihm und umschlang ihn von hinten. Ihr warmer Körper ließ ihn wohlig erschauern Er ergriff ihre Hände, die über seine Brust strichen und umschloss sie. Edward fühlte wie sie sich an ihn lehnte...spürte ihren gewölbten Bauch, ihre Brüste an seinem Rücken; ihre Wange an seiner Schulter...die Wärme ihrer Berührung. Er fragte sich, ob sie wusste, was diese Nähe, ihre Geste, in ihm auslöste. Er erschauerte, als sie sich noch etwas enger an ihn schmiegte...

Schon allein ihre Gegenwart ließ ihn glücklich sein. Michelle zu betrachten bedeutete höchstes Glück für ihn...doch durch ihre Zärtlichkeit ihrer Liebe immer wieder versichert zu werden, war der Himmel.

Ihr Haar kitzelte ihn im Nacken und durch sein Hemd fühlte er ihren warmen Atem auf seiner Schulter. Edward zog die Luft scharf ein.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke: Viele seiner früheren Mätressen hatten die Wirkung, die sie auf ihn gehabt hatten zu ihren Gunsten ausnutzen wollen. Er war der Kronprinz gewesen, und warum nicht einen Vorteil daraus schlagen, dass man dessen Geliebte war... ihre Bemühungen waren jedoch immer erfolglos geblieben. Als er nun Michelles zarten Körper an seinem fühlte, sie roch, spürte und sie so in ihm ein angenehmes Feuer entfachte, wurde ihm klar, dass Michelle die einzige Frau war, der es gelingen würde ihn auf solche Weise zu beeinflussen. Mit dem einen Unterschied, dass ihr diese Möglichkeit nicht einmal Ansatzweise in den Sinn kommen würde...

Er strich ihre Arme entlang, bewirkte so, dass sie die Nähe nicht unterbrechen konnte. Sie löste einen Sturm in ihm aus und er wollte, dass es so blieb...genoß es. Die sanfte, doch steigende Erregung, die ihre unschuldige Geste an ihm bewirkte war unvergleichlich. Er hatte keine Ahnung, ob sie wusste was sie mit ihrer bloßen Gegenwart in ihm in Bewegung brachte, doch wie auch immer: Er wusste, dass die Umarmung, die sie ihm schenkte, die zärtliche Berührung nicht dazu diente ihn und seine Antwort zu beeinflussen. Sie wollte ihm mit dieser zärtlichen Geste zeigen, dass sie seine Entscheidung nicht nur akzeptieren, sondern vor allem verstehen und mit tragen würde. Als sie sich noch enger an ihn schmiegte, drehte er sich langsam um. Seine Arme zogen sie gleich wieder an seine Brust. Er presste sie an sich, konnte sie nicht nah genug fühlen...er versuchte seine Erregung zu zügeln, doch es gelang ihm nur halb. Sie war so schön, so perfekt...ihr Körper ebenso wie ihr Geist... so unschuldig, dass er Mühe hatte der Versuchung zu widerstehen sie zu streicheln, zu liebkosen, zu lieben. Michelle umschlang ihn, drückte sich an ihn, und berührte zärtlich mit ihren Lippen sein Kinn, seine Wange, seinen Hals...streichelte mit ihren zarten Händen seinen Rücken. Ihr Blick bestätigte all seine Gedanken, als sie zu ihm aufsah: Ihre Liebe war bedingungslos...

„Ich werde die Einladung schreiben..." Brachte er heißer hervor.

***

Jocelyn war ungehalten. Noch immer dachte sie über die Worte der Königin nach. Es war eine Unverschämtheit! Wie konnte Michelle sie nur so behandeln?! Wie konnte sie es wagen?! Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf der Tischplatte, blickte sich im Saal um. Es waren nur noch wenige Gäste da, die vereinzelt miteinander sprachen oder sich noch immer am reichhaltigen Essen labten. Sie schnaubte kurz. Natürlich hatte sie noch bleiben wollen, schließlich liebte sie höfische Gesellschaften und vielleicht hätte sie noch einen der französischen Gesandten kennengelernt. Aber dass Michelle sie geheißen hatte, ihr befohlen (!) hatte hier zu bleiben! Das war der Gipfel. So etwas konnte man ihr, als erste Hofdame der Königin nicht antun! Kochend vor Wut stand sie auf. Und dass Kate, die nicht einmal adlig war, eingeladen worden war mit der Königin zu gehen, war Öl in ihrem brodelnden Feuer. Sie stieß einen jungen Diener beiseite und machte sich auf die Suche nach ihrem Verlobten. Den sie schließlich auch im Garten fand, in ein lebhaftes Gespräch mit einer gewissen Schmiedin vertieft...

***

„Dass du die Einladung sogleich verfasst, wird nicht nötig sein, mein König." Michelle umfasst die Schultern ihres Gemahl. Lächelte ihn nachdenklich verträumt an.

„So?" Er betrachtete sie fasziniert. Das geheimnisvolle Lächeln und das neckische, träumerische Glitzern in ihren Augen, machten sie wunderschön. Wie gebannt strich er durch ihre Haare, löste die Kämme und Nadeln, die das Kunstwerk festhielten, um die weiche Seidigkeit zu fühlen. Ihr süßes Kichern machte ihn neugierig.

„Und weshalb sollte ich die Einladung nicht aufsetzten?" fragte er in demselben neckenden Tonfall. Natürlich konnten sich seine Hände und Gedanken tausend Dinge vorstellen, die er jetzt lieber tun wollte, als sich von ihr zu trennen und einen Brief zu schreiben. Und er wusste genau, dass Michelle das ebenso konnte, an was sie gerade dachte. Doch er wollte es aus ihrem Mund hören, wollte sehen, wie sie zart errötete, wenn sie es aussprach.

„Nun..." sie zögerte. „...weil ich es ihr lieber durch Kate ausrichten lassen möchte...und..." mit Unschuldsmiene blickte sie zu ihm auf, umfasste sein Gesicht mit ihren Händen. „...weil ich etwas anderes im Sinn habe, wie eure Majestät sich die Zeit vertreiben können." Sie errötete tatsächlich, genoß die Wärme in seinen Augen, ebenso wie die Wärme, die seine Hände auslöste, während sie ihr Rückrad hinab wanderten.

„Genau das wollte ich hören..." Seine Lippen küssten zart die Stelle, wo Nacken und Schultern sich berührten, während sein Atem warm über ihre zarte Haut glitt.

***

„...meinst du, dass du die Dellen wieder heraus bekommst? Oder wäre es besser, wenn du mir eine neue machst?"

„Nun..." nachdenklich blickte Kate zu Boden. „...wahrscheinlich könnte ich die Dellen wieder ausbügeln, der Stahl ist sehr robust. Aber da du schon so lange in dieser Rüstung antrittst und du so oder so bald eine neue brauchst, könnte ich dir ebenso jetzt eine neue anfertigen."

„Ja, klingt logisch..." Er blickte auf einen Punkt hinter Kate, seine Augen wurden schmaler. „Sag mir wenn..."

***

Mit raschen Schritten näherte sie sich den beiden. Was hatte Kate jetzt vor? Wollte sie ihr auch noch Will ausspannen? Der Gedanke amüsierte sie, laut lachte sie auf. Als sie näher kam und verstehen konnte, über was die beiden sprachen, war sie besser gestimmt. Die beiden redeten über Rüstungen! Dennoch fand sie die Idee belustigend, Kate könnte versuchen mit Will zu flirten. Wie lachhaft! Trotzdem machten die letzten Worte sie misstrauisch. Warum sprach er nun so leise, beeilte sich, als wolle er nicht, dass sie ihn hörte. Sie beschleunigte ihre Schritte um wenigstens Kate's Antwort zu hören.

„Vorbeikommen ist schlecht..." sie legte den Finger an die Nase. „Durch die französischen Gäste habe ich ziemlich viele neue Kunden." Freude blitzte in ihren Augen auf. „Und da ich jetzt am Hof bin, wollen viele Ritter ihre Rüstungen aus meinem neuen Stahl..." sie lächelte stolzerfüllt.

„Oje...das klingt nach ernst zu nehmender Konkurrenz..:" Will verzog das Gesicht, seufzte gespielt. „Die Zeit der leichten Siege ist wohl vorbei."

„Na, tu nicht so!" Sie lachte. „Komm am besten abends vorbei, wenn der ganze Trubel mit den Feierlichkeiten vorüber sein wird." Schmerzhaft wurde ihr wieder bewusst, dass zu diesen Feierlichkeiten auch Will's Hochzeit mit Jocelyn in wenigen Tagen gehören würde. Erschrocken drehte sie sich um, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Dann war Jocelyn schon an Wills Seite und begrüsste ihn mit einem Kuss. Ihr Herz tat weh, sie fühlte förmlich wie es verkrampfte.

„Du bekommst eine neue Rüstung? Welche Farbe?" fragte sie interessiert. „Könntest du auch eine schwarze fertigen?" Sie streichelte über seine Brust.

„Ich könnte es, doch ich werde es nicht tun. Schwarz ist Adhemar's Farbe." Erklärte sie kühler.

„Außerdem steht mir das nicht." Protestierte Will.

„Wann wird sie denn fertig sein?"

‚Das weißt du doch ganz genau!' sie zweifelte nicht daran, dass Jocelyn alles mit angehört hatte.

„Wenn du sie noch „vor" unserer Hochzeit fertigen würdest, dann wäre es doch ein phantastisches Geschenk für Will."

„Aber, Kate sagte doch..."

„Meinst du nicht auch, Kate?"

„Sicher..." murmelte sie bedrückt. Ihr Herz wollte nicht aufhören weh zu tun.

„Dann wäre es doch sicher besser, wenn er „vor" der Hochzeit vorbeikommen würde, oder?" Sie beobachtete wie die andere Frau immer bleicher und trauriger wurde. Das Leuchten war nun vollständig aus deren Blick gewichen.

„Kate, es eilt nicht, ich weiss, dass du sehr beschäftigt bist." Warum musste Jocelyn so unfair zu ihr sein und sie derart bedrängen? Er verstand seine Verlobte nicht.

„Schon gut, Will." Sie winkte ab. „Komm morgen abend, dann kann ich deine Maße nehmen. Sie..." Ein Blick auf Jocelyn. „...wird dann rechtzeitig fertig sein. Übermorgen kannst du sie ausprobieren und ich sie genauer anpassen."

„Und was ist mit der Picknick-Fahrt? Wenn du an der Rüstung arbeitest, kannst du nicht mitkommen!" Er wusste, wie schwer und zeitintensiv es war eine Rüstung zu fertigen. Es war eine Arbeit von mehreren Tagen...

„Lass es." Um ihn zum Schweigen zu bringen, hob sie die Hand. „Jocelyn hat Recht, außerdem bist du doch mein Freund. Es macht mir nichts aus, wenn ich dich zwischen zwei andere Aufträge schiebe."

„Siehst du?" Jocelyn lachte Will an. „Habe ich es nicht gesagt? Kate macht das schon."

‚Ja, aber sicher nicht für dich!'

„Außerdem wäre sie ohne dich nicht da, wo sie jetzt ist. Sie schuldet dir etwas."

Will wollte seinen Ohren nicht trauen. Im ersten Moment war er über diese Bemerkung so geschockt, dass es ihm die Sprache verschlug. Wenn hier jemand jemandem etwas schuldete, dann war er selbst es. Ohne seine Freunde wäre er niemals erster Ritter...geschweige denn überhaupt ein Ritter geworden. Entsetzt blickte er zu Kate. Wie mussten sie diese Worte getroffen haben? Seine Wut auf Jocelyn wurde von einem schmerzenden Druck in seiner Brust abgelöst, als er Kate's glasige Augen sah. Er hatte es bemerkt, auch wenn sie sich offensichtlich große Mühe gab einen unberührten Eindruck zu machen. Will spürte den Wunsch sie zu verteidigen, Jocelyn wegzustoßen und an Kate's Seite zu stehen...war es nicht immer so gewesen? Wenn einer von ihnen in Schwierigkeiten war, standen die anderen zu ihm...doch er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass es diesmal um mehr ging war als um den Ehrenkodex einer Freundschaft. Er betrachtete Kate, sah wie ihr alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war, bemerkte die Leere in ihren Augen. Er kannte sie so nicht...sie war doch immer schlagfertig gewesen! Er ertrug Jocelyn's Nähe mit einem Mal nicht mehr, zog seinen Arm zurück, den er ihr um die Hüfte gelegt hatte. Gerade wollte er einen Schritt auf Kate zugehen, als diese mit gezwungenem Lächeln meinte.

„Natürlich, Jocelyn. Du hast recht..." Es kostete sie alle Mühe keine bissige Bemerkung zu machen, und freundlich zu lächeln. Doch was konnte sie Jocelyn's Argumentation entgegen setzten? Warum sollte sie der anderen Frau erklären, was wahre Freundschaft bedeutete? Wie konnte sie ihr je klar machen, dass es dabei keine Frage von Schuld und Nichtschuld gab? Wie sollte sie je verstehen, dass es Dinge gab, die man tat ohne eine Gegenleistung zu erwarten...Kate dachte nicht einmal darüber nach, wer wem etwas schuldete...es war irrelevant...nicht von Bedeutung. Nur der Schmerz war in diesem Moment von Bedeutung, nur er war real. Sie sah sehr wohl Will's Entsetzen über die Worte Jocelyns, doch er sagte nichts...setzte ihr nichts entgegen. Wie in Trance sah sie Jocelyn's befriedigtes Nicken als Kate ihre Worte aussprach. Meinte etwas wie Traurigkeit, Resignation auf Will's Gesicht zu sehen, doch sie wollte es nicht beschwören. Es war ja auch gleich. Ihre Territorien waren abgesteckt...ihre Grenzen einmal mehr aufgezeigt worden. Sie stand weit unter dem ersten Ritter und der ersten Hofdame, unten in ihrer Schmiede. Und dort sollte sie auch bleiben...sowohl Jocelyn's Worte als auch ihr Augen machten Kate das unmissverständlich klar.

„Komm jetzt, Schatz." Jocelyn ließ den Abstand zwischen ihr und ihrem „Liebsten" nicht mehr gelten und hängte sich an dessen Arm. Mit zuckersüßem, verführerischen Lächeln blickte sie zu ihm auf. „So, und jetzt musst du mit mir kommen! Du musst mir un-be-dingt noch sagen, welches Kleid ich heute abend tragen soll."

Er nickte, hielt aber den Blick weiterhin auf Kate gerichtet, die starr zu Boden blickte. Warum hatte sie nicht widersprochen? Das war doch so gar nicht ihre Art, nachzugeben, sich einfach so behandeln zu lassen, auch nicht wenn es eine Freundin war. In Gedanken sagte er sich aber sofort, dass dieser Ausdruck so nicht stimmte. Er glaubte nicht, dass sich die zwei Frauen als „Freunde" bezeichnet hätten. Zwar wusste er nicht, wie genau sie zueinander standen, doch wurde er das Gefühl nicht los, dass die Sympathie, die vielleicht einmal zwischen ihnen bestanden hatte, längst abgeklungen war. Es war nur die Höflichkeit, die sie noch verband. Kate's Reaktion war für ihn verständlich, doch er konnte nicht erklären, weshalb Jocelyn sie so behandelte. Er begriff nicht, wieso seine Verlobte das tat. Sie demütigte Kate manchmal regelrecht und er wusste, dass sie es mit Absicht tat.

„Ko-omm schon!" Jocelyn's Stimme verlangte energisch nach seiner Aufmerksamkeit.

„Moment, ich komme ja gleich." Er rührte sich nicht. „Kate? Du kommst doch heute Abend auch?" Er wollte noch so vieles sagen, wollte sich vor allem entschuldigen. Sie so zu sehen versetzte ihm einen Stich. Gerade eben war alles noch in Ordnung gewesen und jetzt starrte sie regungslos auf den Boden und sah so verletzt aus, dass es ihn schmerzte. Ihr zögerndes Nicken zu sehen, erleichterte ihn. Nach allem, hätte er verstanden, wenn sie es sich anders überlegt hätte. Vielleicht ergab sich so die Gelegenheit, mit ihr in Ruhe zu reden. Jocelyn zog ihn mit sich ohne Kate auch nur noch eines Blickes zu würdigen.

Die junge Schmiedin fühlte sich unendlich leer. Dass Will sich noch einmal zu ihr wendete, und ihr aufmunternd zuzwinkerte, machte ihr Herz nicht leichter...im Gegenteil. Diese freundschaftliche Geste verletzte sie noch tiefer...machte ihr wieder klar, wie aussichtslos doch alles war. Der Anblick, wie die schöne Lady ihren Ritter mit aufs Schloss nahm und das arme Mädchen allein hier im wilden Garten zurückließ, hatte fast etwas symbolisches für Kate. Wie hieß es immer am Schluss von den Märchen, die sie Vicky einst vorgelesen hatte? ‚Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.' Die gerade wiedergefundene Hoffnung auf ein glückliches Ende dieses „Märchens" verflog mit diesem Bild mehr und mehr und ließ in ihr nichts zurück als Trauer, Wut und Enttäuschung. Mit einer trotzig schnellen Handbewegung wischte sie sich über die Augen, bevor auch sie sich wieder auf den Weg zur Burg machte. ‚Märchen werden niemals Wirklichkeit...'

...to be continued