Die Abenteuer des Watson

5.

Missmutig sah Lisa zu David hinüber. Wie Friedrich!, schoss es ihr durch den Kopf. Der versteckte sich auch immer hinter der Tageszeitung, wenn er Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen wollte. Dabei hatten sie noch nicht einmal eine Auseinandersetzung – noch nicht. Sehr lange würde Lisa es nicht mehr ertragen, dass David sie körperlich so… aushungern ließ. Darauf konnte sie sich eh keinen Reim machen – sie hatte ihm doch mehr als ein Mal bewiesen, dass sie nicht zerbrechlich war. Lisa sah in den Stubenwagen und betrachtete ihren Sohn bei seinem Vormittagsschläfchen. „Wusstest du, dass Kowalski einen autistischen Bruder hat?", riss David sie aus ihren Betrachtungen. Angesichts des gut verdrängten Namens zuckte Lisa zusammen. „Bitte?", fragte sie fast schon panisch. „Ob du wusstest, dass Kowalski einen autistischen Bruder hat?", wiederholte David seine Frage. Er schien wirklich an der Antwort interessiert zu sein, so wie er Lisa musterte. „Ähm, nein, wusste ich nicht. Wie kommst du darauf?" – „Naja, ihr ward immerhin zusammen. Ich dachte, das hätte er dir mal erzählt oder so." – „Nein, hat er nicht. Aber wieso weißt du davon?" – „Weil es hier steht. Kowalski macht jetzt in Schokolade. Bei der Vorstellung der neuen… igitt… Schokolade mit Basilikum hatte dein Werbekomet seinen Bruder dabei. Angeblich, weil er keine adäquate Betreuung gefunden hat. Gleichzeitig hat er die Aufmerksamkeit der Presse genutzt, um anzuprangern, dass die Schirmherren der Einrichtung, in der sein Bruder untergebracht ist, die Geldmittel drastisch gekürzt hat. Die Mitarbeiter in der Werkstatt kriegen nur noch 50 ihres bisherigen Kleidergeldes. Hinzukommt massiver Stellenabbau beim Betreuungspersonal", fasste David den Artikel zusammen. „Was für eine Werkstatt?", fragte Lisa. „Für Menschen mit Behinderung. Da arbeitet Lars – so heißt Kowalskis Bruder. Die arme Sau hat's echt gebeutelt seit unserer Hochzeit: Auftragsknappheit – die Schoko-Firma ist der erste große Fisch, den er seit Kerima an der Angel hat. Sein Vater ist kürzlich nach einem Schlaganfall gestorben…" David brach seine Erzählung ab, als er sah, wie Lisa immer blasser wurde. „Alles in Ordnung mit dir?" – „Ja", stammelte Lisa. „Es ist nur… ich fühle mich gerade richtig mies. Ich habe Rokko nicht nur stehen gelassen, ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, herauszufinden, wie es ihm geht." Mit sorgenvollen Gesicht faltete David die Zeitung zusammen. „Ach Schatz, du hattest doch wirklich genug einige Probleme – die Schwangerschaft oder vielmehr deren Ausgang: Das Koma und jetzt die ganze Arbeit mit mir und unserem Kurzen. Es ist auch für Kowalski das Beste so gewesen. Er hätte sich bestimmt Hoffnungen gemacht, wenn du dich bei ihm gemeldet hättest." – „Aber… David, sein Vater ist gestorben. Ich habe mich nie für seine Familie interessiert. Ich wusste nichts von seinem Bruder und…" – „Das zeigt doch nur, dass du an unserem Hochzeitstag die richtige Entscheidung getroffen hast." – „Wenigstens erklären hätte ich es ihm müssen." – „Er hat das bestimmt verstanden. Du hast doch immer nur mich geliebt und das hat er gewusst. Trotzdem hat er versucht, dich mit aller Gewalt an ihn zu binden. Er trägt eine Mitschuld daran, wie seine Hochzeit ausgegangen ist." Nachdenklich schwieg Lisa einen Augenblick. „So habe ich das noch nie betrachtet", gestand sie leise. „Solltest du aber, dann merkst du, dass Schuldgefühle hier völlig fehl am Platz sind." David griff erneut nach seiner Zeitung und schlug sie wieder auf. „Hey, hier ist ja das Event, zu dem Hugo mich eingeladen hat. Travestie-Theater", murmelte er. „Hat wirklich gute Kritiken. Schade, dass ich nicht hingehen kann." – „Wieso nicht? Hast du einen anderen Termin?", wollte Lisa dankbar für den Themenwechsel wissen. „Nein, nein. Naja, doch – mit dir und meinem Sohn. Ich kann euch doch nicht alleine lassen." – „David", seufzte Lisa. „Es ist doch nur für einen Abend. Tagsüber kommen wir doch auch ohne dich klar. Wieso sollten wir das abends nicht? Du musst einfach dorthin gehen. Du hast so lange nichts mehr mit Hugo unternommen und wenn die Kritiken doch gut sind…" – „Naja, reizen würde es mich schon…", gab David zu." – „Dann geh. Ich bestehe darauf, aber nur wenn ich einen ausführlichen Bericht kriege", lächelte Lisa ihren Mann an.

„Wow, diese Show war magnifique", brüllte Hugo David über den Applausteppich hinweg zu. „Komm, lass uns Backstage gehen. Ich kenne die Hauptdarstellerin. Du wirst begeistert von ihr sein", schlug der Designer vor.

„Marie-France, du bist die Königin des Off-Theaters", lobte Hugo die Dragqueen, die sich gerade daran machte, ihr Make-up zu entfernen. „Hugo, Darling, wie lange ist es her, dass wir uns gesehen haben? Hm, ich glaube, das war… als ich meinen Brauereipferd-Arsch noch in eine deiner Kreationen zwängen konnte", stichelte der Schausteller freundschaftlich. Er erhob sich und umarmte Hugo freundschaftlich. „Es tut so gut, dich zu sehen. Wie geht es dir? Mir ist zu Ohren gekommen, dass du mittlerweile über den Tod deiner Frau hinweg bist." – „Als ob man das je sein könnte", winkte Hugo ab. „Aber es stimmt, es geht mir viel besser. Lass uns aber von etwas Erfreulichem sprechen. Deine Vorstellung war hinreißend." – „Ich weiß", lachte Marie-France selbstbewusst. „Naja, alles Andere wäre ja enttäuschend gewesen, immerhin haben die Truppe und ich geprobt bis die Schwarte gekracht hat." Um zu unterstreichen, wie hart sie gearbeitet hatte, schlug Marie-France sich auf den Po. „Wer ist den dieser schüchterne junge Spund?", wechselte sie das Thema auf David deutend. „Oh, wie unhöflich von mir: C'est David Seidel, ein…" – „Eine Schwester", unterbrach Marie-France ihren Freund. „Bitte?", hakte David entsetzt nach. „Eine Schwester. Du bist eine von uns." – „Marie-France, wirklich, schockier ihn doch nicht so." – „Mein Radar hat mich noch nie getrogen", widersprach die Dragqueen. „Glaub mir, ich erkenne eine Schwester, wenn ich sie sehe." – „Marie-France, diesmal täuschst du dich", lachte Hugo. „David ist verheiratet, ist kürzlich erst Vater geworden. Es gibt kaum einen männlicheren Mann als David." – „Das wollte ich auch gerade sagen – so ähnlich jedenfalls", mischte sich Kerimas Geschäftsführer in das Gespräch ein. „Verheiratet und Vater, ja? Das heißt doch nichts. Das bin ich auch – bzw. ich war es, verheiratet zumindest. Meine Töchter bleiben ja immer meine Töchter, auch wenn die sich mit ihrer neuen Mami schwer tun", lachte Marie-France. „Sie sind noch nicht lange…?", fragte David hilflos. „Eine Frau? Herzchen, ich war schon immer eine Frau, aber wissen tue ich es erst… wie lange ist das jetzt her? Hm, vielleicht zwei Jahre." – „Wie haben Sie es gemerkt?" – „Sie? Um Himmels Willen, gesiezt zu werden, gibt mir immer das Gefühl, ich wäre hunderttausend Jahre alt. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, Schätzchen: Die Erkenntnis hat mich eines Tages einfach überrollt. Dass irgendetwas nicht mit mir stimmt, das habe ich schon ziemlich früh gemerkt – da war ich noch Norbert und der begehrteste Junge der Schule und das habe ich auch ausgenutzt, wenn du verstehst", kicherte die Dragqueen wieder. „Aber als ich dann irgendwann sesshaft wurde, verheiratet und sehr monogam war, da schlich sich dann irgendwann… naja, Unlust ein. Meine Frau machte mich einfach nicht mehr an, egal wie sehr sie sich bemüht hat. Zuerst dachte ich ja, ich wäre ‚nur' schwul… was war ich zu der Zeit in den Pizzaboten verschossen." Während Marie-France in ihren Erinnerungen schwelgte, befreite sie sich gewissenhaft von ihrem Show-Make-up. „Sind Sie… also hast du… bist du biologisch immer noch ein Mann?", wollte David wissen. „Uuuuh, Jugend forscht", lachte Marie-France. „Willst du mal nachsehen, Herzchen?" – „Ähm, nein", erwiderte David verschämt. „Nun, ich habe meinen Pimmel noch, wenn du es so genau wissen willst und das wird auch so bleiben. Ich bin eine Frau, ja. Ich bin als Mann auf die Welt gekommen und dabei hat sich die Natur etwas gedacht. Da werde ich sicher nicht eingreifen, aber ich werde meine Neigung ausleben. Das Theater ist eine wirklich gute Möglichkeit der Selbstdarstellung", beantwortete Marie-France die Frage untypisch ernst. „Aber wir plaudern hier in so einem hektischen Ambiente", gab sie sich wieder fröhlich. „Was haltet ihr davon, wenn wir uns eine nette Bar suchen und dort weiter schwatzen?" – „Gerne", freute Hugo sich. „Das haben wir lange nicht gemacht." – „Dann macht ihr mal, ich werde nach Hause gehen", lehnte David das Angebot ab. „Ich vermisse meine Lisa", betonte er seine Beweggründe. „Na dann, komm gut nach Hause, Herzchen und wenn irgendetwas sein sollte, Tante Marie-France hat immer ein offenes Ohr für dich."

David betrat das Schlafzimmer seiner Villa. „Lisa, Schatz, du bist ja noch wach", wunderte er sich. „Es ist doch noch gar nicht so spät", erwiderte Lisa freundlich. „Außerdem hat dein Sohn gerade nach seiner Mami verlangt. Jetzt schläft er aber", fuhr sie auf das Babyfon deutend fort. „Ich sehe trotzdem mal kurz nach ihm, ja?" David drehte sich um und wollte gerade den Raum verlassen, als er im Türrahmen stehen blieb. „Was ist?", wollte Lisa wissen, als sie merkte, dass ihr Mann nicht weiterging. „Ich dachte nur, was passiert, wenn ich Paulchen wecke… aus Versehen meine ich." – „Was soll dann sein?", fragte Lisa verwundert. „Dann könnte das meine Lust auf das hier im Keim ersticken", meinte David und tigerte ins Ehebett.

„Du hast mir wirklich gefehlt", gestand Lisa sich an ihren Mann kuschelnd. „Du mir auch", erwiderte David nachdenklich. „Sag mal, kommt dir unser Sex-Leben manchmal auch… naja… eintönig vor?" – „Nein", widersprach Lisa. „Es ist in letzter Zeit vielleicht etwas eingeschlafen, aber eigentlich fand ich es bisher immer sehr schön." David strich mit seinen Fingern über Lisas Rücken. „Denkst du nicht, wir sollten vielleicht mal etwas Anderes ausprobieren?" – „Etwas Anderes? Woran denkst du da?", hakte Lisa beunruhigt nach. „Ich weiß nicht. Anal vielleicht?" – „Anal?!", entfuhr es Lisa entsetzt. „Nein!", lehnte sie den Vorschlag kategorisch ab. „Dafür ist der… der… der Hintern nicht da", fuhr sie schimpfend fort. „Schon gut, vergiss es, okay? Das war nur so ein Gedanke. Ich finde nämlich schon, dass unser Sex-Leben… langweilig ist. Es ist mehr oder weniger immer die gleiche Nummer. Versteh mich nicht falsch, ich finde es auch schön – hin und wieder, aber mir ist auch mal nach Abwechslung." – „Anal kommt jedenfalls nicht in Frage", wiederholte Lisa erneut. Aufgebracht hatte sie sich von David weggerollt und begonnen, sich wieder anzuziehen. „Was ist mit Rollenspielen?", schlug David vor. „Rollenspiele? Du meinst, Sekretärin und Chef, Arzt und Patientin oder so etwas?" – „Zum Beispiel", erwiderte David. „Oder Spielzeug… das würde vielleicht auch Abwechslung in unseren Sex bringen." Mittlerweile hatte Lisa sich die Decke bis ans Kinn gezogen und sich von David weggedreht. „Lass uns das morgen besprechen – in aller Ruhe, ja?"