ZEHN
„Willst du wirklich keine Suppe?"
Remus schüttelte den Kopf und lächelte. Ihre Lippen folgten automatisch seinem Beispiel.
„Wie du meinst", sagte sie schulterzuckend. Als sie vom Tisch aufstand, um ihre leere Schale auf den bereits vorhandenen Berg mit schmutzigem Geschirr zu legen, stand auch Remus von dem kleinen Tisch auf.
„Du hast eine Gesamtausgabe von William Shakespeare?"
Tonks grinste. Sie musste nicht aufblicken um zu erraten, dass er wieder einmal unter ihrem Hochbett stand und mit einer steilen Falte auf der Stirn die Bücher musterte, die dort dicht gestapelt jedes einzelne Fleckchen Wand bedeckten.
„Von Opi."
Remus nickte abwesend und zog eines der Bücher heraus. Tonks beobachtete, wie er völlig geistesversunken durch die Seiten blätterte und nicht mal zu merken schien, wie sein Körper auf das kleine Sofa inmitten der Bücherregale sank. Sie griff sich zwei Schokokugeln aus der offenen Tüte im Schrank und durchquerte mit wenigen Schritten den Raum um sich zu ihm aufs Sofa zu setzen.
„Ich hab in meiner Jugend einiges von ihm gelesen, aber nie alles", flüsterte Remus selbstvergessen.
Tonks berührte sachte seine Schulter und er blickte auf und nahm die Schokokugel, die sie ihm hinhielt. Sie zog die Beine an die Brust und drehte sich auf dem Sofa, so dass sie den Kopf an eine der Armstützen legen konnte. Auch Remus ließ nun das Buch in seinen Schoß sinken und sackte entspannt in die Polster der gegenüberliegenden Armlehne.
„Wusstest du, dass die Muggel, die verrücktesten Theorien haben, um zu erklären, wie Shakespeare so unglaublich viele Stücke schreiben konnte. Natürlich schrieb er als Zauberer nicht unbedingt sehr viel schneller als ein Muggel es getan hätte, aber…"
„…er hatte einfach länger Zeit?", unterbrach Tonks ihn zwinkernd.
Remus nickte und sah sie offen lächelnd an. „Was gefällt dir am besten von ihm?"
„Oh" Tonks dachte einen Moment über ihre Antwort nach während ihr Blick ziellos durchs Zimmer streifte. „Ähm… das mit den drei Hexen."
Remus zog fragend die Augenbrauen hoch.
„Na das mit den drei Hexen", sagte Tonks grinsend.
„Ach, Macbeth?"
„Ähm…"
„Über den Usurpator von König Duncan?"
„Nein, das andere mit den drei Hexen", sagte Tonks erneut und verfiel in ein Lachen, als sie Remus' verwirrtes Gesicht sah. Remus grinste und zog eine Augenbraue hoch. „Ach das?", sagte er mit ironischem Unterton, „das kenn ich gar nicht."
„Na ja, wie du schon sagtest, du hast im Gegensatz zu mir nicht alles gelesen", sagte Tonks schnippisch und musste nur noch mehr lachen als sie sah, wie Remus' Augenbrauen in seinen Haaren verschwanden. Als ihre Brust nicht mehr vor Lachen bebte und ihr Atem sich etwas beruhig hatte, sagte Tonks lächelnd, „Ich lese eigentlich nur Sachbücher, hauptsächlich über dunkle Magie und nützliche Zauber dagegen. Aber Opi hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. ‚Du hast als Kind doch auch immer so gerne zugehört, wenn ich dir vorgelesen habe'" Sie seufzte sanft. „Mach ich auch immer noch, aber selbst lesen ist irgendwie nicht das gleiche."
Während der letzten Worte war ihre Stimme immer leiser geworden. Erleichtert sah sie, dass Remus keinesfalls entrüstet über die Tatsache schien, dass sie die Bücher, über die sie sich in den vergangen Wochen und Monate unterhalten hatten, gar nicht selbst gelesen hatte. Er nickte nur, als wäre damit alles zu dem Thema gesagt und für einen Moment verlor sich Tonks in der Betrachtung seiner sanften Züge und seines leicht gewellten, ihm unordentlich in die Augen fallenden Haars. Er bemerkte ihren Blick und sie spürte wie ihre Wangen sich leicht röteten.
„Wieso hast du eigentlich noch nie etwas gegessen, was ich gekocht hab?", sagte sie schnell um das Thema zu wechseln. „Ich weiß, ich bin keine so gute Köchin wie Molly, aber ich hätte nie gedacht, dass die Nachricht davon schon so weit gereist ist, dass die Leute nicht mal mehr probieren, bevor sie dankend ablehnen."
Remus lachte schnaubend auf und die Muskeln in Tonks' Nacken entspannten sich wieder.
„Oder hast du etwa Angst, dass ich aus Versehen, was Dummes mache und dir dann Brokkoliröschen aus den Ohren sprießen?", sagte Tonks in gespielt entrüstetem Ton.
Remus lachte wieder. „Nein, ich bin nur Vegetarier", sagte er schließlich und unterdrückte bei ihrer Reaktion ein Grinsen.
„Wirklich? Wieso?"
Ihr gefiel, wie nachdenklich sein Gesicht für einen Moment wirkte und dass er die Frage nicht einfach mit einer sarkastischen Bemerkung beiseiteschob.
„Ich mag den Geschmack einfach nicht, schätze ich", sagte er schließlich schulterzuckend.
„Keine anderen Gründe?"
„Nein, nicht wirklich."
Tonks war überrascht, als er plötzlich auf den Beinen war.
„So? Das mit den drei Hexen, ja?"
Sie wurde wieder rot und vergrub peinlich berührt das Gesicht in den Händen. Remus stellte das Buch zurück in die, so schien es, einzige Lücke im gesamten Regal und zog stattdessen ein anderes heraus mit dem er sich wieder in die Kissen fallen ließ.
„Macbeth. Erster Akt. Erste Szene", Sagte er mit theatralischer Stimme und begann zu lesen.
„Wann treffen wir drei uns das nächste Mal,
Bei Regen, Donner, Wetterstrahl?
Wenn der Wirrwarr ist zerronnen,
Schlacht verloren und gewonnen"
Tonks folgte gebannt seinen Worten, hatte aber schon bald den Überblick über die Personen verloren. Doch das gleichmäßige Auf und Ab von Remus' Stimme, die dramatischen Pausen mit denen er das regelmäßige Versmaß durchbrach, seine flüchtigen Blicke aus funkelnden Augen, als wollte er prüfen, ob sie bereit für die nächste Zeile war, all das fesselte sie nur umso stärker, je weniger sie den eigentlichen Sinn der Worte, die er sprach, verstand. Sie spürte wie ein wohliges Lächeln ihr Gesicht erfasste und ihr ganzer Körper mehr und mehr in die weichen Kissen des Sofas sackte. Tonks schloss die Augen um sich ganz auf seine Stimme zu konzentrieren, um alles zu vergessen, was nicht hier und jetzt und diese unglaublich beruhigende Stimme war. Vor ihrem geistigen Auge konnte sie weiter sehen, wie Remus' Augen sich im gespielten Entsetzen an manchen Stellen weiteten und an anderen Stellen so abwesend wirkten, als sähen sie den Text auf der Seite vor ihm gar nicht. Ihre Gedanken drifteten immer weiter ab in diese Bilder, in andere Bilder, Bilder von ihm die sie schon öfter in ihrem Kopf gesehen zu haben schien, bis sie schließlich schlief.
Ein Licht. Sie blinzelte, war sofort geblendet. Das Licht schien durch ihre geschlossenen Lieder. Tonks öffnete die Augen. Sie lag ausgestreckt auf dem Sofa, die flauschige lila Decke, die sonst am Fußende ihres Bettes lag, war um ihren Körper drapiert. Remus, den Rücken an das Sofa gelehnt, saß zu ihren Füßen auf dem Boden. Sein Gesicht wurde spärlich von dem Licht an der Spitze seines Zauberstabes erhellt. Tonks' Hand wanderte langsam in seine Richtung, während seine Augen konzentriert über die Zeilen flitzten. Sie wollte wissen, ob sie nur träumte. Als ihre Fingerkuppen seine Schulter streiften hob er den Kopf.
„Entschuldige, ich hab die Zeit vergessen." Sein Lächeln war so allumfassend, erreichte seine hellgrauen Augen und jede Falte in seinem jungen Gesicht. Er stand auf. Warum? Ihre Hand wollte nicht, dass er ging und ergriff seine Finger. Er hielt inne. „Du musst nicht gehen…" Hatte sie das wirklich gesagt oder hatte nur die Stimme in ihrem Kopf gesprochen? „…wenn du nicht willst." Er sah auf sie herab. Ihre Fingerspitzen fühlten sich so wohl auf seiner Haut.
„Es ist spät", sagte er leise. Er entglitt ihrer Hand. Sie spürte seine Berührung als er ihr die Haare aus den Augen strich. Geh nicht. Zu spät. Die Hand war fort.
„Bis morgen Tonks." Seine Stimme klang so sanft. Sie konnte nicht antworten, sah nur still zu, wie er das Buch nahm und sich entfernte. Mit einem leisen Plopp verschwand er und das Zimmer war dunkel und Tonks allein.
