9.
Pah, von wegen ab -20 Grad machte es keinen Unterschied mehr, ob die Temperaturen noch weiter sanken oder nicht! Hier in Regina waren nur -26 Grad und das fühlte sich doch erheblich wärmer an als die Temperaturen in Winnipeg. Okay, jetzt nicht warm genug, um auf die Leggings unter der Hose zu verzichten, aber doch irgendwie angenehmer. Vielleicht war es auch die Luftfeuchtigkeit. Lisa zuckte mit den Schultern. War ja auch egal. Noch vier Blocks, dann musste sie links abbiegen und ungefähr einen Finger lang die Querstraße hinunterlaufen. Die Göberitzerin musterte ihren Stadtplan erneut. Wenn es nach Fingerlängen ging, dann hatte sie gerade mal die Hälfte des Weges geschafft und dabei war sie schon eine Stunde unterwegs. Naja, vielmehr 45 Minuten. Immerhin hatte sie noch einen Zwischenstopp eingelegt, um zu frühstücken. Nach dem Besuch im Museum würde sie aber einen Supermarkt suchen und einkaufen. Zu blöd, dass es in diesem Hostel immer nur stundenweise Ansprechpartner und kaum Gäste gab, die man hätte nach Einkaufsmöglichkeiten befragen können… Ein Rülps suchte seinen Weg ins Freie. Lisa wurde klar, dass sie von ihrem Frühstücksburger den ganzen Tag etwas haben würde. Eine seltsame Frühstückskultur hatten diesen Nordamerikaner, schüttelte sie den Kopf. „Hi!", rief ihr jemand zu. Geistesgegenwärtig antwortete sie ebenfalls mit „Hi!". Sie sah der jungen Passantin hinterher. Die kannte sie ganz sicher nicht – genauso wie die anderen Leute, die sie heute schon auf der Straße gegrüßt hatten.
„Willkommen im Museum der berittenen Bergpolizei", wurde Lisa eine weitere Stunde Fußmarsch später freundlich begrüßt. „Hallo", entgegnete sie außer Atem. „Wo kommen Sie her?" – „Aus der Jugendherberge in der McIntyre Street." – „Eigentlich meinte ich, aus welcher Stadt Sie sind. Aber Respekt – von der McIntyre Street hierher zu laufen. Das ist… wow… echt weit. Interessanterweise sind Sie heute schon die zweite, die das gemacht hat. Sind Sie etwa auch aus Deutschland?" Lisa nickte. „Aus Berlin", fügte sie hinzu. „Das muss so ein europäisches Ding sein. Laufen und dann noch so weit." – „Ja, aber das Wetter ist so schön und ich bin gestern Abend erst angekommen und wollte doch etwas von der Stadt sehen." – „Das Wetter ist schön?", zog die Frau die Augenbrauen hoch. „Naja, ich war die letzten Tage in Winnipeg und da war es viel kälter", verteidigte Lisa sich. „Das glaube ich. Wieso legen Sie nicht ab?", bot die Museumsführerin Lisa an. „Sie sind zu einem idealen Zeitpunkt hier. Sie können sich erst den Überblicksfilm hier im Museum ansehen und dann rüber zur Übungsparade gehen", lächelte die Frau mit dem graumelierten Haar der Touristin zu.
„Ist der Platz noch frei?" Rokko sah auf. „Ähm… ja. Sitze ich vielleicht falsch?", wollte er von dem Uniformierten vor ihm wissen. „Nein, nein", lachte dieser. „Das ist nur eine Übungsparade. Allerdings bin ich im Dienst", deutete der Mittvierziger auf seine Jacke. „Interessant, dass es hier so voll ist. Das hätte ich nicht erwartet. Wo bist du her, mein Freund?" – „Aus Deutschland", erwiderte Rokko wahrheitsgemäß. „Steht in euren Reiseführern nicht, dass man sich bestimmte Gegenden nicht im Winter ansehen soll, damit man auch mit einem guten Eindruck nach Hause fährt?" Der wildgelockte junge Mann lachte angesichts dieses Scherzes. „Ich muss ganz ehrlich sagen, mir gefällt es bisher ganz gut und… naja… in einem Land, in dem es ungefähr sechs Monate lang Winter ist, da bleibt kein sonderlich großes Zeitfenster für Touristen." – „Leg noch zwei Monate dazu und du bist im Bilde", lachte der Polizist. „Du hast echt Glück, dass du heute hier bist. Nach der Übungsparade kriegt die Abschlussklasse offiziell ihre Dienstmarken. Dafür gibt es eine eigene Parade. Wenn du Zeit hast, solltest du dir das nicht entgehen lassen."
Rokko war zu vertieft in sein Gespräch mit dem Mountie, um zu merken, dass unter den Besuchern, die in die Halle strömten, auch eine gewisse Göberitzerin war. Lisa nahm in einer der hinteren Reihen Platz. War das aufregend! Eine Übungsparade der Royal Canadian Mounted Police! Das würde ihr doch Zuhause niemand glauben. Lisa zog ihre Kamera aus ihrem Rucksack. Zu blöd, dass sie nur dieses alte Ding hatte, das in geschlossenen Räumen keine schönen Bilder machte. Aber halt! Damit konnte man Videos machen. Keine sonderlichen schönen und ohne Ton, aber immerhin. Lisa drückte ein paar Knöpfe – gerade rechtzeitig, um den Anfang der Parade nicht zu verpassen.
„Miss! Miss!", trat ein Verkäufer einige Stunden später an Lisa heran. „Sie sind ja noch hier", wunderte er sich. „Ja, ich… ich habe mir die Parade angesehen und danach das Museum. Es ist toll." – „Ah", lächelte der Verkäufer. „Sie sind die junge Frau, die von der McIntyre Street hierher gelaufen ist, richtig? Sehen Sie", zog der junge Mann mehrere Broschüren hinter seinem Rücken hervor. „Ich weiß ja nicht, wie lange Sie in Regina sind, aber hier habe ich den Busfahrplan für Sie." – „Ich bleibe eine Woche", erklärte Lisa. „Vielen Dank", nahm sie den besagten Fahrplan entgegen. „Eine ganze Woche. Wow, das ist lang für Regina… also zumindest zu dieser Jahreszeit. Ich habe mir erlaubt… hier", hielt er Lisa weitere Broschüren entgegen. „Das ist alles, was es hier zu sehen gibt und wenn das nicht reicht: Das Kino in der Innenstadt hat eine spezielle Vorstellung am Dienstagnachmittag. Da kostet der Film genauso viel wie eine Busfahrt – nämlich zwei Dollar und die wechseln", spielte er darauf an, dass man in kanadischen Bussen immer passend zahlen musste. „Wann fährt denn der nächste Bus?", wollte Lisa nun wissen. „In zwei Minuten. Wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie den noch. Oder Sie nehmen sich ein bisschen Zeit, sehen sich hier in Ruhe um und nehmen den nächste, der in 20 Minuten fährt", lächelte der Verkäufer auf die Auslagen in dem Souvenirshop deutend.
Während Lisa sich nicht entscheiden konnte, welche Kleinigkeit sie als Andenken an ihren Besuch im Museum sie kaufen sollte, hatte Rokko das Stadtzentrum von Regina schon erreicht. Es war nicht sonderlich hilfreich für Touristen, dass die Namen der Haltestellen nicht angesagt wurden. So musste er eine Station zurücklaufen, um an der entsprechenden Kreuzung zu einem Supermarkt abzubiegen. Wenn in Regina alles so preiswert war wie das Hostel, das wirklich ordentlich und trotzdem ziemlich schlecht besucht war, dann würde er es hier noch eine Weile aushalten. Es gab einen Internetzugang in der Bibliothek der Jugendherberge, den er für eine Jobsuche nutzen konnte. Rokko sog die eiskalte Luft tief in seine Lungen. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass es mit seinem Job in Toronto aus war und dass es in Winnipeg nicht geklappt hatte. Vielleicht hatte seine durchgeistigte Schwester ja Recht und es öffnete sich ein Fenster, wenn eine Tür sich schloss… oder so ähnlich.
„Das nenne ich effizient. Sie haben ein Souvenir gefunden und schaffen Ihren Bus ganz bequem", lächelte der Verkäufer derweil Lisa an. Diese hatte sich für einen Plüschelch in RCMP-Uniform entschieden. „Er braucht täglich frisches Wasser und ein wenig Bewegung", scherzte der junge Mann. „Reicht Leitungswasser oder braucht er das gute aus der Flasche?" – „Nein, aus der Leitung reicht." – „Oh schade", seufzte Lisa. „Sonst hätte ich Sie jetzt diskret nach einem Supermarkt in der Nähe des Hostels gefragt. Ich bin gestern Abend erst angekommen und hatte noch keine Zeit, mich nach einem umzusehen." – „Sie haben Glück, Miss, ich habe erst vorhin jemandem erklärt, wie er dahin kommt. Also, Sie fahren mit dem Bus bist McIntyre, doch statt gleich in Richtung Hostel zu gehen, gehen Sie einen Block westlich. Da ist ein großer Supermarkt. Ein Safeway. Den kann man eigentlich nicht übersehen." – „Danke", lächelte Lisa. „Einen schönen Aufenthalt in Regina wünsche ich", winkte der Verkäufer der Göberitzerin hinterher.
Lisa tat sich schwer, den Sicherheitscode in das Türschloss einzugeben und gleichzeitig keine ihrer Einkaufstüten fallen zu lassen. Innerlich grinste sie. Sie hatte sich große Mühe gegeben, möglichst kanadische Lebensmittel einzukaufen. Aus den Zutaten etwas Leckeres zu kochen, darauf freute sie sich schon. Und auf ein großes Glas Milch. Seit Toronto hatte Lisa nun schon Lust auf Milch, hatte es sich aber bisher immer verkniffen, welche zu kaufen, weil sie einfach viel zu teuer war. Es hatte eben auch etwas Gutes in Saskatchewan zu sein – hier gab es so viele Kühe, dass die Milch einfach nicht teuer sein konnte.
Sie würde sich nur kurz in ihr Bett legen. Nur ein halbes Stündchen und dann würde sie sich ein leckeres Abendessen kochen, entschied Lisa, als sie ihre Einkäufe in den gähnend leeren Kühlschrank stellte. Sie würde sich ein bisschen ausruhen und dann wäre sie fast wie neu, redete sie sich gut zu. Ihr war gar nicht aufgefallen, wie sehr der Tag sie geschlaucht hatte.
„Hi!", strahlte eine Asiatin die Göberitzerin an, als diese den Schlafraum in der ersten Etage betrat. „Hi!", freute Lisa sich. Alleine in einem 8er-Schlafraum zu sein, war schon irgendwie gruselig. „Ayako", stellte der Neuankömmling sich vor. „Japan." – „Lisa. Germany", lächelte die Angesprochene zurück. „Scheiße", artikulierte ihr Gegenüber ziemlich deutlich. Lisa riss ihre blauen Augen auf. „Mist", strahlte die Japanerin erneut. „Trottel", fügte sie dann hinzu. „Mein Vater hat lange Zeit in Deutschland gelebt. Er sagt das manchmal", erklärte Ayako dann in gutem Englisch. Lisa konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. „Hier", zeigte Ayakoa ihr eine Plastiktüte. „Darin hat er mir ein Souvenir aus Deutschland mitgebracht." Lisa erkannte die Tüte von C&A sofort. Weil sie aber nicht wusste, was sie sonst tun sollte, lächelte sie einfach nur freundlich. „Mein Dad hat mir einen Rock von Kerima Moda mitgebracht. Kennst du das Label?" – „Ja", seufzte Lisa. Besser als mir lieb ist, fügte sie in Gedanken hinzu. „Die machen echt abgefahrene Klamotten."
Er hatte sich jetzt genug ausgeruht, entschied derweil Rokko im Jungenschlafraum. Hunger hatte er auch. Da traf es sich bestens, dass im Kühlschrank in der Gemeinschaftsküche ein paar leckere Dinge auf ihn warteten, die gegessen werden wollten. Er sprang aus seinem Bett, nur um sich gleich wieder hinzusetzen. „Autsch", kommentierte er den Umstand, dass er doch noch nicht so fit war, wie er dachte. Wann hatten seine Füße und Waden angefangen, so weh zu tun? Vermutlich war er so beeindruckt von seinem Tag gewesen, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie viel Kraft ihn sein Ausflug gekostet hatte.
Auf dem Weg in die Küche hinunter konnte Lisa die Mikrowelle hören. Ihr Piepton ließ erahnen, dass sie mit ihrem Auftrag fertig war. Zumindest waren Ayako und sie nicht alleine im Hostel, schmunzelte Lisa.
„Hi!", grüßte eine Männerstimme Lisa kurze Zeit später, während die Göberitzerin ihre Tüten inspizierte. „Hi!", grüßte sie zurück ohne aufzusehen. Reis mit Soße direkt aus der Tüte in kochendes Wasser, aufgepeppt mit etwas Mais und Fleisch und schon war das so gut wie Hausmannskost, legte sie ihr Abendessen fest.
Also für ein kanadisches Sandwich würde er sterben, entschied Rokko, als er zum wiederholten Mal in eine Art belegtes Baguette biss. Und sie kurz anzuwärmen, machte sie nur besser. Der Käse war dann etwas geschmolzen… „Can I sit here?", hörte Rokko jemanden fragen. Was sollte er sagen? So viele Sitzplätze gab es nicht. „Yes", murmelte er. „Lisa!", erkannte er erstaunt, als er dann doch aufsah. „Rokko!", war die junge Frau ebenfalls erstaunt. „Was machst du denn hier?", kam es von beiden gleichzeitig.
„Ich wusste, dass du das nicht durchziehst mit dem Verkauf von Dildos und Kondomen", lachte Rokko, nachdem Lisa ihm gestanden hatte, dass sie die Stelle in Winnipeg gar nicht erst angetreten hatte. „Hältst du mich etwas für prüde?", echauffierte Lisa sich. „Ach i-wo", winkte Rokko schmunzelnd ab. „Aber wieso denn? Ich meine, der Job war doch gar nicht so schlecht. Wieso hast du ihn geschmissen, bevor du ihn angefangen hast?", wollte der wild gelockte junge Mann wissen. „Ich… ich habe etwas Besseres gefunden. Ich schätze, das war Schicksal oder so. Jetzt bist du bestimmt noch sauerer als ohnehin schon, oder?" – „Nein", sagte Rokko lang gezogen, so als dächte er noch über eine angemessene Antwort nach. „Ich war auch nie wirklich sauer auf dich. Ich war wohl eher sauer auf mich. Immer wenn mir so etwas passiert, muss ich an meinen Vater denken und wie sehr er gegen dieses Kanada-Jahr war und dass er meinte, dass ich irgendwann schon bei ihm angekrochen käme und um Hilfe betteln würde. Vielleicht kennst du das ja." – „Nein", schüttelte Lisa den Kopf. „Meine Eltern lieben mich", grinste sie Rokko dann an. „Tut mir leid. Ich wollte keinen dummen Scherz auf deine Kosten machen", erkannte sie aber sofort, dass sie Rokkos Gefühle womöglich verletzt haben könnte. „Lieber einen Feind mehr als eine Pointe verpasst… dieses Weisheit habe ich perfektioniert – wie könnte ich dir da böse sein? Übrigens freut es mich für dich, dass du geliebt wirst – auch wenn es nur von deinen Eltern ist. Nun erzähl mir schon etwas von deinem Job. Ist er hier in Regina?" – „Nein", antwortete Lisa. „Er ist in Port Severn in Ontario. Er beginnt auch erst im Mai." – „Details, Details", winkte Rokko ab. „Komm doch mal zu Potte. Was wirst du in Port Severn tun?" – „Ich werde Rezeptionistin in einem Hotel sein." – „Cool", nickte Rokko anerkennend. „Und was machst du bis Mai?" – „Ich habe mir eine kleine Reiseroute überlegt. Also, so neu ist das ja nicht. Ich habe mir überlegt, statt von Edmonton aus nach Fort McMurray zu reisen, weiter nach Vancouver zu fahren – mit Zwischenstopps." – „Klingt gut. Vancouver ist aber auch ganz schön weit weg von Ontario." – „Ich weiß, aber dafür wurde etwas erfunden, dass sich Flugzeug nennt." – „Ich sehe schon, du hast einen guten Plan", lachte Rokko. „Du solltest dein Essen nochmal aufwärmen", deutet er auf Lisas Teller.
„Und was willst du jetzt machen?", rief Lisa auf der Küche, wo sie darauf wartete, dass die Mikrowelle ihr Essen erwärmte. „Jobtechnisch, meine ich." – „Ich wollte ein paar Tage hier bleiben und mal recherchieren und wenn sich etwas ergibt, werde ich meine Pläne an die Situation anpassen. Du kannst ja mal die Augen und Ohren für mich offen halten." – „Mache ich", versprach Lisa, die mit ihrem Teller wieder den Gemeinschaftsraum betrat. „Ich habe ein paar Broschüren über Regina. Interessiert, was es hier zu sehen gibt?", wollte sie von ihrem Bekannten wissen. „Wusstest du, dass man Kultur auch überdosieren kann?", gab Rokko ungerührt zurück. „Jup, wusste ich. Wusstest du, dass das Kino in der Innenstadt einen speziellen Rabattnachmittag hat?" – „Wenn die einen ziemlich niveaulosen Film spielen, gehe ich mit dir hin – nur damit du Streber nicht noch klüger nach Hause reist als du von da weg bist." – „Ich bin kein Streber", widersprach Lisa unerwartet heftig. „Entschuldige", erkannte Rokko, dass er wohl zu weit gegangen war. „Ich wollte nicht… Zeig mir schon, was es hier zu sehen gibt", forderte er Lisa dann in einem möglichst versöhnlichen Tonfall auf.
Mit einem Auge beobachtete Lisa, wie ihre japanische Zimmergenossin ihren Koffer auspackte. Mit dem anderen Auge las Lisa ihre E-Mails. Ein Gruß von ihren Eltern – voller Tippfehler, weil ihr Vater nur mit zwei Fingern tippte. Ein Witz, den Jürgen ihr geschickt hatte – zu versaut für ihren Geschmack. Eine E-Mail von Sam Breckbill. Noch ein paar Hinweise für ihren zukünftigen Job und eine Bitte. Das Personal für die neue Saison war noch nicht vollständig. Es fehlten noch ein Hausmeistergehilfe, ein Rettungsschwimmer und ein Kinderbetreuer. Wenn sie jemanden kannte oder mal in der Jugendherberge herumfragen könnte, dann wäre er ihr dankbar.
„Du weißt schon, dass es gegen die Regeln des Hostels ist, dass Jungs und Mädchen sich im gleichen Schlafraum aufhalten, wenn es sich um einen geschlechtergetrennten Schlafraum handelt?", zog Rokko Lisa auf, die sich an ihm vorbei in das Zimmer drängte. „Kannst du schwimmen? Handwerken oder kennst du dich mit Kindern aus?" – „Nun, ich weiß, wie man sie macht, wenn du das wissen willst", zog Rokko Lisa auf. Diese seufzte genervt. „Nun, ich habe einen schriftlichen Beweis dafür, dass ich mich in dieser Materie besser auskenne als du", knurrte sie. „Theoretisch", grinste Rokko. „Okay, haken wir die Kinder ab. Hast du deinen Rettungsschwimmer mal gemacht?" – „Jup, beim Bund." – „Hast du den Nachweis hier?" – „Irgendwo bei meinen Zeugnissen. Und eh du weiterfragst: Ich kann nur kaputt reparieren." – „Okay. Ähm, hör zu. Ich habe dir doch von meinem Job in Port Severn erzählt, ja?" – „Ja", nickte Rokko. „Das Hotel braucht noch einen Hausmeistergehilfen, einen Rettungsschwimmer und einen Kinderbetreuer. Sam möchte wissen, ob ich jemanden für eine der Stellen kenne. Hast du Interesse?" – „An Sam?", lachte Rokko. „Boah, machst du das mit Absicht oder bist du schwer von Kapee? Hast du Interesse an einem dieser Jobs? Du würdest den Mindestlohn plus Bonus und Trinkgelder kriegen. Unterbringung und Verpflegung vor Ort." – „Kling reizvoll", musste Rokko eingestehen. „Ab Mai, he?" Er überschlug kurz seine Situation. Wenn er sparsam war, dann würde er die Zeit sicher überbrückt kriegen. „Okay", drückte Lisa ihm ihren Laptop in die Hand. „Überleg es dir und bring mir meinem Computer zurück, wenn du genug darüber nachgedacht hast."
Rokko überflog seine Bewerbung. Sie entsprach ganz und gar kanadischen Standards. Er hatte das Bewerbungsformular für Severn Lodge ebenfalls ausgefüllt. Er musste nur noch auf „Senden" drücken. Wer wusste schon, ob er den Job überhaupt kriegte. „Und ab damit", kommentierte Rokko, als er auf die entsprechende Schaltfläche drückte. Ob Lisa wohl etwas dagegen hatte, wenn er sich mal kurz bei Skype anmeldete? Bestimmt nicht. Sie war eben ein netter Mensch – ein viel zu netter Mensch, schmunzelte er.
„Hallo Mama", grüßte Rokko reserviert. „Rokko, mein Junge!", freute sich seine Mutter. „Wie geht es dir? Wo bist du?" – „In Kanada." – „Scherzkeks. Das weiß ich doch. Aber wo in Kanada bist du?" – „In Regina", antwortete Rokko. „Regina", grübelte seine Mutter. „Wusstest du, dass Mimis Orden da eine Niederlassung hat? Schwester Lilianne ist da. Du kennst sie. Sie ist aus Ruanda." – „Ja, Mama", nickte Rokko ergeben. „Du solltest sie besuchen, wenn du schon mal da bist. Soll ich dir die Adresse geben?" – „Nein", lehnte der junge Mann ab. „Ich kann die Adresse googeln, wenn ich sie brauche." – „Du solltest sie wirklich besuchen. Lilianne ist so eine nette Frau und Mimi würde sich auch freuen. Du würdest so einen Schritt auf sie zu machen und auf deinen Vater auch." – „Hör zu, Mama, Überseegespräche sind unglaublich teuer. Ich wollte nur hören, ob es euch gut geht." – „Ja, geht es uns. Melde dich doch bitte ganz bald wieder, ja?" – „Mach's gut, Mama", verabschiedete Rokko sich.
„Du kannst aber schnell nachdenken", staunte Lisa, als sie kurze Zeit später ihren Computer wieder in Empfang nahm. „Ja, ich habe nur schnell die Bewerbung abgeschickt. Mehr nicht." – „Schön", freute Lisa sich. „Dann könnten wir bald Kollegen sein", grinste sie. „Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt was Gutes oder was Schlechtes ist", scherzte Rokko. „Sag mal, Lisa…", druckste er dann herum. „Du liest doch sicher viel, oder?" – „Wie Streber das so machen", bestätigte die Angesprochene. „Wusstest du, dass es hier in Regina einen Buchladen gibt, bei dem Hostelgäste 20% Rabatt kriegen?" – „Ähm… ja… wusste ich. Ich weiß nur nicht genau, wo der ist." – „Das lässt sich sicher herausfinden. In deinem superduper getimten Sightseeingplan ist doch noch ein freier Tag. Hättest du nicht Lust, mich dahin zu begleiten?" Hoffnungsvoll sah Rokko Lisa an. „Okay", lächelte diese ohne zu ahnen, dass sie damit einen Grund für Rokko schuf, Schwester Lilianne nicht besuchen zu müssen.
