Und wieder ein langes :)
Larah: Willkommen bei den Geouteten :) Wie meinst du das, mit „fast alle"? Albus und Minerva wussten es von Anfang an, eigentlich als einzige Außenstehende. Ansonsten wissen und wussten es nur Harry, Ginny und Ron. Severus ist ja von alleine drauf gekommen und Poppy wurde natürlich darüber aufgeklärt, wer da bei ihr in der Krankenstation gelandet ist. Und die Kinder von Harry und Elena selber kennen Hermine natürlich – aber eben nicht als Hermine Granger sondern Mina Parker. Ich hoffe, ich konnts aufklären ;)
ZauBaerin: Ich fänd's auch ziemlich grauenhaft. Aber Hermine blockiert sich halt irgendwie selber und da sie ja schnell wieder auf dem Damm sein will, wählt sie das kleinere Übel. Außerdem ist Sevi ja absolut integer ;) Und du kannst mir glauben – da werden noch einige höchst interessante Sachen entdeckt :D
Und jetzt weiter im Text :) Viel Spaß!
10. Sorgen
„Ella?" Lilian setzte sich zu ihrer Freundin, die im Gemeinschaftsraum der Gryffindors vor dem Kamin hockte und mit ernstem Blick auf dem jungen Gesicht ins Feuer starrte.
„Hi, Lil."
„Was ist los?"
„Nichts."
„Ach, erzähl mir nichts. Irgendwas ist."
„Na... ich hab Mom vor vier Tagen eine Eule geschickt. Aber bis jetzt hat sie noch nicht geantwortet."
„Hm." Freundschaftlich legte Lilian Elena einen Arm um die Schultern. „Deine Mom arbeitet doch immer so viel. Vielleicht musste sie wieder ewig Dienst schieben, weil die Versager im St. Mungos ohne sie aufgeschmissen sind. Vielleicht hat sie es einfach vergessen."
„Vielleicht." Aber Elena war nicht überzeugt von dem, was sie sagte. Ihre Mutter arbeitete viel, das stimmte, aber über all ihrer Arbeit hatte sie noch nie-niemals ihre Tochter vergessen, sie nahm sich immer Zeit für sie.
Lilian sah anscheinend, dass ihre Freundin noch nicht besser gelaunt war. „Soll ich Mom eine Eule schicken? Sie quatscht doch dauernd mit deiner Mom. Vielleicht kann sie sie fragen, ob die Eule angekommen ist."
„Das wäre super." Elena lächelte die Freundin an und geschickt lenkte Lilian sie auf andere Themen um.
Doch sie vergaß nicht, was sie versprochen hatte und schickte ihrer Mutter noch am selben Abend eine Eule.
Ginny und Harry wurden von der Eule unterbrochen, als sie gerade dabei waren... nun, die Freiheiten einer Nacht ohne Kinder in der Nähe zu genießen. Als die Eule energisch an das Fenster klopfte, fuhren sie sofort auseinander und sahen sich alarmiert an. Nachricht von Hermine! Eilig kletterte Harry aus dem Bett, tapste rasch zum Fenster und öffnete es. Draußen war es bitter kalt und er hatte das Gefühl, in dem kurzen Lufthauch schockgefrostet zu werden.
Grummelnd wollte er der Eule den Brief abnehmen, doch sie pickte gereizt nach ihm und hüpfte zu Ginny, die das Ganze vom warmen Bett aus beobachtete. Sie nahm den Brief an und gnädig ließ die Eule sich von Harry einen Eulenkeks geben und verschwand dann wieder hinaus in die Kälte, was Harry zum zweiten Mal bibbern ließ. Rasch sprang er zurück ins Bett und schmiegte sich an seine Frau, um sich an ihr aufzuwärmen.
„Von wem ist der Brief?"
„Von Lilly." Ginny war etwas blass um die Nase. „Sie schreibt, dass Elena sich Sorgen macht, weil Hermine ihr seit vier Tagen eine Antwort auf einen Brief schuldet. Lilly meint, wir sollten sie doch daran erinnern, Elena zurück zu schreiben."
Harry verzog das Gesicht. „Wir sollten Albus Bescheid sagen. Soweit ich weiß, ist Hermine immer noch nicht bei Bewusstsein... und man weiß nicht..."
Ginny schluckte. Harry hatte in jener Nacht als er von Hermine zurück nach Hause gekommen war getobt, gewütet und geweint. Sie hatte ihren Mann noch nie so aufgelöst erlebt, nicht einmal der Krieg und der darauf folgende Sieg über Voldemort hatten ihn emotional so mitgenommen. Seit dieser Nacht warteten sie angstvoll auf Nachricht von Albus, doch bisher hatte er sich nur einmal am Tage darauf gemeldet. Hermine sei stabil, sagte er wage, sie werde es überleben. In welchem Zustand sie es überleben würde, hatte er nicht gesagt. Und sie hatten sich nicht getraut zu fragen.
„Was sagen wir Elena, wenn Hermine nicht wieder wach wird?" Ginnys Stimme klang brüchig. Hermine war für sie wie eine Schwester und Elena fast wie ihr eigenes Kind, der Gedanke an die beiden trieb ihr die Tränen in die Augen.
Harry drückte sie fest an sich. „Hermine wird wieder wach werden. Und wenn wir die ganze Welt nach einem Heilmittel absuchen. Und solange kann Elena jeder Zeit bei uns unter kommen... sie gehört doch quasi zur Familie."
Seine Frau nickte und vergrub den Kopf an seiner Schulter. Die romantische Stimmung war dahin.
„Wir reden morgen mit Albus." Er vergrub das Gesicht in ihrem weichen Haar. „Er wird wissen, was zu tun ist."
Er hatte es natürlich nicht mehr geschafft, Albus anzusprechen, denn der alte Kauz war anscheinend mal wieder für das Ministerium unterwegs. Auf jeden Fall war er nicht da. Und so versorgte Severus Hermine mit einem Stärkungstrank für die Psyche und einem Fläschchen Traumlostrank für einen ruhigen, erholsamen Schlaf und ging selber ebenfalls ins Bett. Er war wie erschlagen – wann hatte er das letzte Mal geschlafen?
Am nächsten Tag ließ er das Frühstück zu Gunsten eines Besuchs bei Hermine ausfallen, legte eine kurze Fragestunde ein, um zu überprüfen, wie es mit ihren „neu" erworbenen Erinnerungen vom Vortag aussah (er war zufrieden mit dem Ergebnis) und versorgte sie mit den Lehrbüchern aller 7 Klassen für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Dann prügelte er 6 Stunden lang unterschiedlich alten, aber im Großen und Ganzen gleichdummen Hohlköpfen die Grundlagen der Zaubertrankbrauerei ein und bemerkte, dass Elena besorgt aussah, was ihn ebenfalls besorgt stimmte. Ob sie merkte, dass irgendetwas nicht normal war? Er beschloss, auch darüber mit Albus zu sprechen.
Das Mittagessen ersetzte er durch zwei Tassen starken Kaffee (so stark, dass sie quasi als Mahlzeit bezeichnet werden konnten) und begab sich abermals zu Hermine, um eine weitere Legilimenssitzung durchzuführen.
Ihre ersten drei Hogwartsjahre waren nicht nur für sie harte Kost, auch Severus schlugen sie aus verschiedenen Gründen auf den Magen. So war es erstens nicht ganz einfach, sich selber beim Herumzischen zu beobachten (er bemerkte allerdings selbstgefällig, dass er heute wesentlich besser aussah als damals), zweitens war es irritierend, sich selber als Hermine immer mit Weasley und Potter herumhängen zu sehen, drittens machte es ihn wütend zu sehen, wie Hermine im ersten Schuljahr gelitten hatte (obwohl sie, wie er vor ihr abgeschirmt dachte, es irgendwie provoziert hatte mit ihrer arroganten Art... sagt Mister Arrogant persönlich, warf das böse Stimmchen in seinem Kopf ein), viertens machte es ihn wütend zu sehen, wie oft ihm Punktabzüge für Potter und Weasley durch die Lappen gegangen waren, fünftens war er sich nun sicher, dass sie damals die Baumschlangenhaut geklaut hatte und sechstens hatte er noch nie das Bedürfnis verspürt, zu erfahren, wie es war von einem Basilisken versteinert zu werden und mit Potter und Weasley unter einem Tarnumhang zu stecken. Für einen Moment war er überzeugt, dass die Sache mit dem Tarnumhang schlimmer war als der Basilisk. Es wunderte ihn jedoch nicht, dass sie es gewesen war, die ihm seine Genugtuung über den elenden Sirius Black versaut hatte. So etwas in der Art hatte er sich ja schon gedacht.
Im Nachhinein war die Sache aber ohnehin halb so wild, da Sirius Black sich ja zu seiner Erleichterung selbst ins Jenseits katapultiert hatte.
Trotz all dieser Abenteuer war er froh, dass Hermine kein typisches Mädchen gewesen war. Keine Jungengeschichten, keine Erinnerungen an Gegibbel mit irgendwelchen Mädchen, keine albernen Hüpfereien in den Duschen oder Schlafsälen. Hermine war ein erfrischend langweiliges Kind gewesen (bis auf ihre Weltrettungserlebnisse) und Severus war herzlich dankbar dafür, auch wenn er wusste, dass es nicht so bleiben würde.
Wieder verließ er Hermine nach der Sitzung hastig und sie war zu benommen, um direkt auf ihn zu reagieren, die Erinnerungen hatten ihr viel Kraft abverlangt, zumal es mehr gewesen waren, als bei den Jahren vor Hogwarts.
In seinen Räumen angekommen ließ er sich erschöpft in einen Sessel sinken. Hunger verspürte er keinen, doch er fühlte sich leer und ausgelaugt. Sein Leben und seine Erinnerungen waren schon eine Last und nun trug er Hermines Last ebenfalls mit sich – und dabei waren die schlimmsten Erinnerungen noch gar nicht erschienen. Sie würden beide viel Kraft für das Kommende brauchen.
„Severus,
bitte komm sofort in mein Büro.
Albus"
Der altbekannte Zettel, von dem Albus vermutlich einen Stapel in seiner Schreibtischschublade hatte, rauschte durch den Kamin auf den Schoß des erschöpften Zaubertrankprofessors und diesmal fragte er sich nicht lange, worum es ging. Aktuell gab es nur ein Thema und er wollte ja sowieso mit dem Direktor über Hermines Umzug reden.
Und so machte er sich ohne Umschweifen auf den Weg zu Albus, der ihn auch schon erwartete.
„Tee, Severus?"
„Nein, danke. Worum geht's?" Severus warf sich in einen der weichen Sessel und streckte müde seine langen Beine von sich.
„Ich habe vorhin eine Eule von Harry erhalten. Ginevra Potter erhielt gestern einen Brief von ihrer Tochter, der die Bitte enthielt, Hermine daran zu erinnern, auf einen Brief von Elena zu antworten, den sie ihrer Mutter vor fünf Tagen geschrieben habe, Elena mache sich Sorgen. Harry war im Hauptquartier und fand dort den Brief, er hat ihn mir mitgeschickt. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, ihm zu antworten, aber die einfachste Möglichkeit wäre meines Erachtens nach, Hermine eine plausible Antwort verfassen zu lassen und diese an Elena zu senden, damit sie erst einmal beruhigt ist. Die Frage ist, ob Hermine dazu in der Lage ist."
Severus wog den Kopf. „Es würde unseren Arbeitsplan durcheinander bringen, aber ich denke, wir können es einrichten. Unsinn erzählen sollte sie auch ohne Erinnerungen können."
„Das klingt, als würdet ihr gut vorankommen."
„Ich bin zuversichtlich."
„Das aus deinem Munde soll schon etwas heißen. Gibt es etwas, womit ich euch unterstützen kann?"
„Ja. Ich will, dass Hermine aus dem Krankenflügel weg kommt. Am geeignetsten wäre es wohl, sie in meiner Wohnung einzuquartieren, da ich sie da unter Kontrolle habe und es bevorzuge, solche langwierigen, anstrengenden Legilimenssitzungen in meiner vertrauten Umgebung zu unternehmen. Desweiteren kann man nicht ewig die Krankenstation sperren – es ist ein Wunder, dass bisher noch kein Schüler Hermine gesehen hat."
„Ich sehe darin kein Problem, wenn sie es auch will."
„Mit ihr ist schon alles geklärt." Severus sah mürrisch drein. Natürlich glaubte der Direktor wieder, er würde Hermine herumkommandieren. Sie konnte auch einfach gehen, sie hatte jeder Zeit die Wahl. - Für sich selber wusste er, dass es nicht so einfach war, aber... trotzdem!
Albus lächelte milde. „Dann ist ja alles wunderbar." Ihm schien etwas einzufallen, denn seine Miene wurde schlagartig wieder ernst. „Da ist noch etwas, Severus. Der Zaubergamot fragt an, wann Hermine vernehmungsfähig sein kann – sie wollen die Prozesse so schnell wie möglich zum Laufen und zum Abschluss bringen. Lestrange, Macnair und Travers verkörpern die Erinnerung an die schlimmste Zeit dieses Jahrtausends, dem Ministerium ist sehr daran gelegen, damit schnell abzuschließen."
„Damit sie in seliger Ignoranz weiter ihrem reinblütigen Abschaum in den Hintern kriechen können", spie Severus angeekelt aus und Albus seufzte.
„Ich würde es nicht so drastisch ausdrücken, aber im Prinzip hast du Recht... in Bezug auf das Ministerium. Der Zaubergamot wird allerdings seit zwei Jahren von einer gewissen Susan Bones geleitet... du erinnerst dich an die Dame?"
„Wenn du so fragst, nehme ich an, sie war eine Schülerin?"
„Allerdings. Sogar in Hermines Jahrgang, in Hufflepuff, wenn ich mich recht entsinne."
„Ich bin sicher, das tust du." Severus' Stimme war säuerlich und Albus lachte.
„Ich auch, mein Lieber. Miss Bones ist eine Korefähe auf ihrem Gebiet und sie schätzt Hermine sehr, ich bin sicher, der Prozess wird zu unserer Zufriedenheit verlaufen, sobald bekannt ist, dass unsere Zeugin Hermine Granger heißt."
Für einen kurzen Moment schoss Severus der Gedanke durch den Kopf, dass eine Richterin, die durch persönliche emotionale Bindungen befangen war, eigentlich nicht angeblich objektiv Recht sprechen sollte... im Falle der drei Drecksäcke wischte er die Bedenken jedoch sofort wieder bei Seite – sollte sie befangen sein, wie sie wollte, Hauptsache war, dass es schlecht für die drei verabscheuungswürdigen Kreaturen ausging. Je schlechter, desto besser.
„Ich werde mit Hermine darüber reden, wenn ich das Gefühl habe, dass sie so weit ist. Sie ist noch äußerst labil. Miss Bones sollte nicht zu früh mit einem Prozess rechnen, wenn sie Hermine als Zeugin dabei haben möchte."
„Ich bin überzeugt, Miss Bones wird alles zu eurer Zufriedenheit regeln. Die drei verbleiben bis zur Verhandlung in Azkaban."
„Endlich mal eine gute Nachricht." Ein grimmiges Lächeln überzog das Gesicht des Tränkemeisters, als er daran dachte, wie die Dementoren die drei psychisch aushöhlten. Dann erhob er sich. „Wenn es dir Recht ist, kümmere ich mich um Hermines Umzug. Und es wäre wohl sinnvoll, wenn du einen der Hauselfen – Dobby oder Winky oder wie sie alle heißen – anweist, in meiner Unterrichtszeit ein Auge auf Hermine zu werfen."
Mit einem Lächeln nickte Albus. „Das werde ich selbstverständlich tun."
Severus nickte ihm zu und verschwand dann mit wehenden Roben.
Albus sah ihm nachdenklich, aber weiterhin lächelnd nach. Vielleicht würde Hermine nicht die Einzige sein, die in den kommenden Wochen geheilt werden würde. Er hatte den Eindruck, dass es seinem Ziehsohn sehr gut tat, endlich wieder eine fordernde Aufgabe zu haben, so unwillig er sich auch in bestimmten Momenten zeigte. Und wer weiß... vielleicht konnten zwei verletzte Seelen zu einer heilen zusammen wachsen?
Hermine sah von den Büchern auf, als Severus herein gestürmt kam.
„Du ziehst um", ranzte er sie an. „Dafür solltest du aufstehen."
Ein spöttisches Lächeln kroch ihr über die Lippen. „Verzeihung, dass ich nicht schon bei deinem bloßen Anblick auf den Beinen war und salutiert hab."
„Das üben wir noch."
Sie traute ihren Ohren kaum. Humor? Trockener, ja. Aber... Humor von Severus Snape? Es geschahen doch noch Zeichen und Wunder.
Er nahm sie nun scharf ins Visier. „Dir scheint es besser zu gehen."
„Stimmungsaufheller a la Severus Snape versüßen auch dir den Tag."
„Na wunderbar. Superhirn Granger in meinen Räumen und dann auch noch unter Drogeneinfluss." Ein Schnauben entfuhr seiner – wie Hermine wieder einmal fasziniert feststellte – wirklich überdimensionalen Nase. Als seine Miene sich jedoch sichtbar weiter umwölkte, beschloss sie, ausnahmsweise brav zu sein und aufzustehen.
Vorsichtig schob sie sich über die Bettkante und Severus war förmlich gezwungen, einen Blick auf ihre Beine zu werfen, die unter dem Nachthemd hervor schauten. Was er sah, gefiel ihm.
Schnell wandte er den Blick ab. Dafür war keine Zeit.
Mit einem Wink seines Zauberstabes ließ er Tränke, Bücher und die Waschartikel von dem kleinen Waschtisch neben dem Bett in einer mitgebrachten, kleinen Tasche verschwinden, die er noch weiter verkleinerte und in einer der unzähligen Taschen seiner Robe verstaute.
„Hast du dir die Tasche gemerkt?", erkundigte Hermine sich frech. „Es könnte Jahre dauern, die alle auszuleeren."
„Mein Gedächtnis funktioniert hervorragend", erwiderte er schneidend und bereute es schon, als ihre Miene sich verschloss. Trotz Stimmungsaufheller. Na herzlichen Glückwunsch, Snape, gratulierte er sich selber düster, du landest immer zielsicher einen unter die Gürtellinie. „Ich werde einen Ignorierzauber auf dich legen, damit dich von den Schülern keiner sieht."
In diesem Moment kam Poppy herein, sah Hermine und begann sofort zu protestieren. „Aber Severus, was machst du mit dem Mädchen? Sie ist krank! Sie gehört ins Bett! Und du lässt sie hier rumstehen im Nachthemd und mit bloßen Füßen... willst du sie doch noch umbringen?"
„Miss Granger verlässt dich, Poppy", gab er ölig zurück. „Sie braucht kein Bett, sondern eine Erinnerungsaufräumaktion und dafür ist sie hier falsch."
Poppy schnaubte erbost und Hermine hob beruhigend die Hände.
„Trotz seiner unglaublich charmanten Art hat er Recht, Poppy. Du hast alles getan, was du tun konntest und ich denke, man kann mit Recht sagen, dass du mich gut wieder hingekriegt hast. Aber hier oben", sie tippte sich an die Stirn, „herrscht noch völliges Chaos... und ich schaffe das nicht allein."
Gerührt sah Poppy sie an. „Ich bin so froh, dass du das überlebt hast, Mädelchen. Was hätte Elena bloß gesagt..."
Elena! Hermine sah etwas schuldbewusst drein. Ihre Tochter war nur ein blasser Widerhall in ihrem Kopf und seit dem sie erwacht war, hatte sie sich kaum Gedanken über sie gemacht.
„Elena ist hier völlig in Sicherheit", schaltete Severus sich wieder ein, als hätte er ihre Gedanken gehört. Sie sah ihn fragend an und er schnaubte. „Du hast wirklich besseres zu tun, als dich in Sorgen zu wälzen, was deine Tochter angeht. Die ist hier so sicher wie zwischen Merlins Barthaaren. Können wir jetzt also endlich gehen?"
„So geht sie hier nicht raus, Severus", fauchte Poppy und schwang ihren Zauberstab. „Accio Bademantel!"
Ein weißer Frotteebademantel sauste ihr in die Hände, in den sie Hermine zärtlich einpackte. Mit einem weiteren Accio verwandelte sie zwei leere Phiolen in weiche, warme Hausschuhe, in die Hermine auch dankbar stieg.
„Vielen Dank für alles, Poppy."
„Gute Besserung, mein Mädelchen. Wenn du irgendwas brauchst, sag einfach Bescheid!" Poppy ließ es sich nicht nehmen, ihren ehemaligen Schützling an sich zu drücken.
Gereizt tappte Severus mit dem Fuß auf den Boden und sprach dann einfach ohne weiteres Drumherum den Zauber auf Hermine.
Als sie das Kribbeln des Zaubers spürte und den Zauberstab auf sich gerichtet sah, krochen wieder übelkeiterregende Erinnerungen auf sie zu, die sie jedoch energisch niederkämpfte.
„Bleib dicht bei mir", knurrte Severus sie an. „Momentan ist es Zeit fürs Abendessen, es werden kaum Schüler unterwegs sein... aber sicher ist sicher."
Dann marschierte er einfach los. Während er ging, achtete er jedoch darauf, dass Hermine, die noch nicht wieder auf der Höhe ihrer Kräfte sein konnte, mithalten konnte.
Tatsächlich waren die Gänge wie ausgestorben, doch er atmete merklich erleichterter, je näher sie den Kerkern kamen. Ein leichtes Unbehagen befiel ihn, als er daran dachte, dass er in Kürze seine geheiligten Privaträume für diese Frau öffnen musste und nicht nur das... sie würde auch noch bei ihm leben. Ob er diese Entscheidung wohl noch bereuen würde?
Als er die Treppe zu den Kerkern hinunter rauschen wollte, hielt ihre leise Stimme ihn am Treppenabsatz zurück.
„Severus?"
„Was ist? Wir sind gleich da."
„Ich weiß." Ihre Stimme klang verzagt. „Können wir... kannst du vielleicht den Gang hell machen?"
Er unterdrückte ein Stöhnen. „Wenn ich auf dem Gang eine Festbeleuchtung mache, was glaubst du, wie schnell die halbe Schule hier steht?" Genervt warf er einen Blick in den düsteren, nur von Fackeln erleuchteten Gang. Natürlich machte ihr das zu schaffen. Da hätte er auch drauf kommen können.
„Es ist albern, ich weiß." Ihre Stimme wankte etwas. „Aber die Dunkelheit macht mir Angst, Severus."
Er seufzte. „Ich weiß." Kurz zögerte er, doch dann streckte er seine Hand aus. „Komm her."
Der Ignorierzauber verhinderte zuverlässig, dass er sie sehen konnte, doch er spürte, wie sie seine Hand nahm. Vorsichtig zog er sie zu sich und tastete mit der anderen Hand um ihre Schultern, wo sein Arm leicht zu liegen kam.
„Wir werden den Weg jetzt gemeinsam gehen. In einem Rutsch gerade durch. Wenn du möchtest, kannst du die Augen zu machen und ich führe dich."
„Ich... nein... ich glaube, es geht so. Danke, Sev."
Er erstarrte und zischte dann: „Nenn mich nicht so."
„Tut mir leid."
Während sie noch sprach, zog er sie schon vorwärts mit langen, kräftigen Schritten durch den dämmerigen Flur.
Vor einem Wandteppich mit einem Drachen blieb er stehen. „Caligatio", murmelte er und der Drache bewegte sich fauchend und gab dann den Eingang frei.
Hermine, deren aufgeregte Atemzüge ihn bei jedem Schritt begleitet hatten, prustete leise, als sie das Passwort hörte. Er reagierte nicht darauf, wusste aber, was sie von der Wahl seines Passwortes hielt.
Drinnen angekommen beeilte er sich, das Wohnzimmer so hell wie möglich zu machen, bevor er den Ignorierzauber von ihr nahm.
Interessiert sah sie sich um. „So lebt also die Oberschlange von Slytherin."
„Ja", fauchte er, „und wenn es dir nicht gefällt, kannst du direkt wieder gehen."
„Sachte." Sie lächelte. „Es gefällt mir, okay? In die neue Ausgabe von 'Schöner Wohnen' kommst du nicht damit, aber mir gefällt's."
Er erinnerte sich an die Zeitschrift aus Hermines Gedächtnis – ihre Mutter hatte sie mit Vorliebe gelesen. Angewidert schüttelte er sich. Abgesehen davon erstaunte es ihn, dass es ihr gefiel. Wobei... irgendwo auch schon wieder nicht. Denn seine Wohnung war vollgestopft mit Büchern. Die Regale an den Wänden waren aus hellbraunem Holz und eigentlich war nur an den Seiten neben dem großen Kamin die Wand nicht mit Bücherregalen bedeckt. Vor dem Kamin standen auf einem hohen, tiefgrünen Teppich ein hoher Ohrensessel und eine schmale Couch, beide in Anthrazit gehalten. Ein schwerer, schmuckloser Glastisch zwischen Sessel und Couch war ebenfalls mit Büchern bedeckt.
Vom Wohnzimmer aus gingen – soweit Hermine das überblicken konnte – zwei Türen ab. Sie fragte sich unwillkürlich, wo sie wohl schlafen würde.
Wieder schien er ihre Gedanken zu erraten. „Die Tür dort hinten geht in mein Schlafzimmer. Ich wäre dankbar, wenn du dich davon fern halten würdest, damit ich wenigstens in einem Raum meine Ruhe habe."
Sie zuckte leicht zusammen, als er durchschimmern ließ, dass sie eine Belastung war.
Er schien es nicht bemerkt zu haben, denn er deutete auf die zweite Tür. „Dort habe ich dir ein Zimmer eingerichtet. Es ist eigentlich mein Arbeitszimmer, aber ich werde solange dann auf mein Büro ausweichen. Ich wäre dir trotzdem dankbar, wenn du die dort abgelegten Forschungsberichte nicht durcheinander bringen könntest."
Ein leiser Funken Wut regte sich in ihr. Er redete mit ihr, als hätte sie sich hier eingeschlichen, dabei hatte er gewollt, dass sie aus der Krankenstation auszog!
„Das Badezimmer", sprach er ungerührt weiter, „befindet sich hinter dem Bücherregal dort. Wenn du an dem Buch mit dem roten Ledereinband ziehst, öffnet sich die Tür – vorausgesetzt das Bad ist frei. Falls du Hunger hast, kannst du jeder Zeit einen der Hauselfen über den Kamin rufen – Flohpulver steht auf dem Sims. Natürlich ist der Kamin nicht an das Flohnetzwerk angeschlossen, ich denke, das ist selbstredend. Tee habe ich auch hier..." Er wies auf ein schmales Schränkchen, das sich an einer Seite an den Kamin schmiegte. „Dort findest du alles was du brauchst." Zum ersten Mal sah er sie nun wieder direkt an. „Du verstehst sicher, dass ich dir deinen Zauberstab aktuell noch nicht wieder geben kann – es wäre für uns beide zu gefährlich."
Sie nickte. Nicht auszudenken, was sie ihm und sich antun konnte, wenn sie in einem Moment geistiger Umnachtung an ihren Zauberstab kam. Energisch biss sie sich auf die Unterlippe, als ihr bewusst wurde, wie ausgeliefert sie ihren Erinnerungen und vor allem ihrer Panik doch war.
Severus' Blick wurde etwas weicher, als er ihre Stimmung bemerkte.
„Das kriegen wir hin", sagte er ernst, aber ohne seinen üblichen Spott. „Du bist auf einem guten Weg." Etwas hilflos sah er sich im Raum um und Hermine beschlich nun der Verdacht, dass er gar nicht anders konnte, als sie erst einmal mit seiner Oberlehrerätzart zu überschütten – vermutlich war er es nicht im Geringsten gewohnt Gäste – und noch dazu so lang bleibende – zu haben.
Und so fiel seine nächste Frage auch etwas linkisch aus: „Hast du Hunger oder möchtest du etwas trinken?"
Sie lächelte. „Ein Tee wäre nett."
Ein Nicken und einen Schwenk seines Zauberstabes später dampfte auf dem Glastisch für jeden eine Tasse Tee und er wies sie mit einer Handbewegung an, sich zu setzen.
Erleichtert ließ sie sich auf der Couch nieder und entspannte sich nun endlich. Nachdenklich sah er sie an.
„Warum, zum Geier, hast du dein Haus nicht mit einem Fidelius-Zauber geschützt? Potter hätte dein Geheimnisverwahrer sein können... oder Albus... oder irgendjemand."
Nun war es an ihr, nachdenklich zu schauen. „Um ehrlich zu sein, kann ich mich an meine Beweggründe noch nicht wieder erinnern", erwiderte sie langsam. „Wenn ich sie aber so rekonstruiere, denke ich, dass ich Elena ein möglichst normales Leben ermöglichen wollte. Sie weiß noch immer nicht, was geschehen ist und wer sie ist. Im Lehrbuch der 7. Klasse in Verteidigung der dunklen Künste steht das Wesen des Fidelius beschrieben: Du kannst nicht mehr kommen und gehen wie du möchtest – alles geschieht in Heimlichkeit. Sicher zwar, aber heimlich. Das ist für mich keine Option für ein Kind. Für ein Baby, ja. Für einen Erwachsenen auch. Aber nicht für ein Kind. Ich hätte ihr und vor allem ihrer Psyche nichts Gutes getan, wenn ich sie ihr ganzes Leben lang zur Geheimniskrämerei verurteilt hätte."
„Ihr habt unverschämtes Glück gehabt." Im Anbetracht ihrer Situation war das fast ein Witz, aber Severus meinte es tatsächlich so.
Sie nickte. „Du hast Recht. Jetzt sehe ich es auch. Aber damals habe ich vermutlich nicht so gedacht. Sonst hätte ich uns besser geschützt."
Er nickte und eine Weile hingen sie beide ihren Gedanken nach. Dann sah Hermine auf.
„Severus?"
„Nun frag schon."
„Das, was du mit mir gemacht hast. Als ich... im Dunkeln war. Was wäre geschehen, wenn du es nicht getan hättest?"
Ein bitteres Lachen entfloh ihm. „Dann wärst du vermutlich über kurz oder lang in der seligen Staniolpapierwelt von den Longbottoms angekommen. Du warst schon in einem Stadium geistiger Zerrüttung. Ich hab selber nicht daran geglaubt, dass ich dich da wieder raus kriege."
„Aber du hast es geschafft." Sie sah ihn ernst an. „Danke."
Abweisend winkte er ab.
„Severus?"
„Was denn noch?"
„Was genau war mit den Longbottoms?"
Kurz sah er sie an und in diesem Moment entdeckte Hermine tiefen Schmerz in seinen Augen. Doch der Moment verstrich und seine Miene wurde wieder ausdruckslos.
„Alice und Frank. Die Eltern von Neville Longbottom und einstmals gute Auroren. Die… Familie, von der du weißt, welche ich meine, erwischte sie vor fast 30 Jahren. Sie wurden gefoltert, bis sie wahnsinnig wurden. Dir sind schreckliche Dinge geschehen – aber bei ihnen war es schlimmer. Man hat sie tagelang durch die Mangel gedreht, bis von ihrem Verstand nichts mehr übrig war. Seit dem befinden sie sich im St. Mungos."
„Wäre es nicht möglich, dass es bei den Longbottoms auch funktioniert?"
Gerade noch schaffte er es, ein Seufzen zu unterdrücken. Weltretterin Granger war wieder da. „Ich glaube nicht. Die Longbottoms wurden wesentlich länger gefoltert als du und sind seit knapp 30 Jahren in diesem Zustand. Vermutlich hat sich alles, was in irgendeiner Form an einen normalen Verstand erinnert, in ihren Köpfen in Wahnsinn aufgelöst. Du hattest unglaubliches Glück, Hermine. Und du bist ein starker Charakter. Aber vor allem war der Zustand bei dir noch frisch. Bei den Longbottoms ist nichts anderes mehr da."
„Aber du bist nicht sicher?"
Nun entfloh ihm doch ein gereiztes Schnauben. „Doch, fast hundertprozentig. Glaub mir, Hermine, bei den Longbottoms ist es nicht damit getan, in ihren Köpfen anzuklopfen und mit einem Foto von ihrem trotteligen Sohn zu winken."
„Aber hast du es versucht?"
Jetzt reichte es. „Nein, habe ich nicht. Vor 30 Jahren hatte ich andere Sorgen, als mich um ein Paar Auroren zu kümmern, die nicht schlau genug waren, den Lestranges zu entkommen!"
Hermine erstarrte, als sie den Namen hörte. Das Blut begann in ihren Ohren zu rauschen und die mittlerweile bekannte, eisige Panik kroch in ihr hoch.
Severus fluchte leise und war dann im nächsten Moment bei ihr. „Legilimens", flüsterte er leise und fand sich im nächsten Moment in ihrem Kopf vor. Von überall her kam Lestrange geifernd auf ihn zu. Dutzend Mal von allen Seiten in immer ein und derselben Situation.
„Schluss damit!", donnerte er schließlich. „Reiß dich zusammen, Hermine."
Ein Wimmern drang an sein Ohr, doch er nahm es kaum wahr, während er weiter in Gedanken auf sie einredete.
„Warum in so vielfacher Ausführung, Hermine? Reicht es nicht, seine Visage nur in einer Version zu sehen? Warum lässt du zu, dass dein Gehirn dir solche Streiche spielt? Wehr dich gefälligst!"
Innerlich seufzte er. Lestrange war ein Meister der Angst. Auch Macnair und Travers hatten Hermine gefoltert und doch schaffte es nur SEIN Name, sie durch bloße Nennung außer Gefecht zu setzen.
Sie bemühte sich, er bekam es mit – und war erstaunt, welche Taktik sie anwandte, um die Panik nieder zu kämpfen: Mit aller Kraft versuchte sie, ihre Erinnerungen an die Zaubertrankbücher in den Vordergrund zu rücken.
„Das ist gut, Hermine, sehr gut", flüsterte der Tränkemeister ihr zu. „Weiter so. Du bist auf dem richtigen Weg."
Die Vernunft und der Wahnsinn in ihr rangen mit einander – doch mit fast körperlicher Anstrengung gewann die Vernunft die Oberhand. Die Lestrange-Bilder wurden weniger und von ihren Erinnerungen an Tränkeunterricht, Buchseiten und Pergamente verdrängt.
Vorsichtig zog er sich wieder aus ihrem Kopf zurück und sah ihr in die nun wieder klaren Augen.
„Das war gut. Aber das muss schneller werden. Du darfst nicht bei der bloßen Nennung eines Namens in Panik verfallen. Es ist nur ein Name. Und deine Erinnerungen sind glücklicherweise was sie sind – schrecklich, aber nur Erinnerungen."
„Du sagst das so einfach", murmelte sie verzagt und er zog eine Augenbraue spöttisch hoch.
„Tu ich das, ja?"
Da leuchtete es ihr ein: Er wusste natürlich wovon er sprach. Jahrzehntelange Gräueltaten unter Voldemort, die er nicht nur vollbracht hatte, sondern die auch an ihm vollzogen worden waren, hatten ihn gelehrt, mit Erinnerungen umzugehen.
„Tut mir Leid", murmelte sie.
„Die Todesser waren alle Künstler, wenn es darum ging, Angst einzuflößen. Aber niemand war so perfekt und grauenvoll dabei wie... du-weißt-schon-wer und seine Namensvettern. Es war weniger die Brutalität, sondern viel mehr die perfide Grausamkeit..." Er schüttelte den Kopf, wie, um die Erinnerungen abzuschütteln. „Dein Zimmer ist so verzaubert, dass es hell wird, wenn du herein kommst. Wenn du dabei nicht schlafen kannst, sag mir Bescheid."
Sie nickte und erhob sich, den Becher Tee mit sich aufnehmend.
Da fiel ihm noch etwas ein.
„Hermine?"
„Ja?"
„Hier. Du solltest dir rasch eine unverfängliche Antwort ausdenken, Elena wird schon unruhig." Er zog den Brief hervor und reichte ihn Hermine.
Überrascht nahm sie ihn entgegen. „Danke."
Er zögerte kurz und sagte dann: „Auf meinem Schreibtisch stehen Pergament und Federkiele. Bedien dich."
Ihre Miene wurde zunächst noch überraschter und dann unvermittelt weich. Sie lächelte. „Das werde ich. Danke, Sev."
Auf die erneute Abkürzung seines Namens hin schickte er ihr einen bösen Blick, sagte jedoch nichts, sondern schüttelte nur den Kopf.
Neugierig und etwas aufgeregt betrat Hermine den ihr zugestandenen Raum und als die Lichter darin aufflammten, sobald sie auch nur die Tür öffnete, konnte sie ein leises, erstauntes Aufkeuchen nicht unterdrücken.
Der Raum war nicht riesig, aber auch durchaus nicht beengt. Im Kamin prasselte ein Feuer und es war wohlig warm. Ein großes Bett dominierte den Raum – kein Himmelbett, wie Hermine dankbar feststellte. Offensichtlich hielt Severus Snape genauso wenig von pompösen Möbeln wie sie.
Ein großer Schreibtisch stand in einer anderen Ecke, über und über bepackt mit wüsten Pergamentstapeln. Hermine war sofort klar, dass der Hinweis mit der Ordnung seiner Papiere hinfällig war – wenn es hier eine Ordnung gab, war sie ein Hauself. Dafür jedoch gab es auch hier unzählige Bücher an den Wänden, und: Licht. Alles war hell. Die Möbel waren cremeweiß, das Bettzeug hellblau und der Teppich auf dem Boden grasgrün. Zwar merkte man, dass Severus Snape kein ausgeprägtes Farbverständnis hatte, doch er hatte sich alle Mühe gegeben, das Zimmer nicht wie eine Gruft zu gestalten. (Fast war es Hermine ZU bunt.)
Ein kleinerer Schreibtisch zeichnete sich vor allem durch seine Leere aus. Dieser war offensichtlich also für sie gedacht.
Sie wurde sich des Tees und des Briefes wieder bewusst und legte beides auf ihrem Schreibtisch ab. Dann begann sie zu lesen.
„Hi, Mom!
Wie geht es dir? Hoffentlich nerven die Leute im St. Mungos dich nicht so an. Hier in Hogwarts ist alles ziemlich normal. Die Zaubertrank-AG bei Professor Snape läuft noch recht gut (wenn er gut gelaunt ist), aber mittlerweile lässt er mich meistens so schwere Sachen brauen, dass ich sie oft nicht richtig mache. Letztens musste ich zwei ganze Stunden seine Vorratskammer neu ordnen und katalogisieren. Der hat da echt krasse Sachen rumstehen. (Hier runzelte Hermine die Stirn. Die Schule tat dem Wortschatz ihrer Tochter offensichtlich nicht gut.) James hat jetzt eine Freundin. Sie ist ziemlich blöd und eine hohle Nuss. Lily sagt, dass das daran liegt, dass Sarah blond ist. Wieso soll das denn an ihrer Haarfarbe liegen? Naja… egal. James tut jetzt auf jeden Fall so, als wäre er so ein toller Kerl, auf den einfach alle Frauen fliegen. Ich hoffe, er wird bald wieder normal.
Wir haben jetzt in Geschichte der Zauberei mit dem Krieg gegen Voldemort angefangen. Das ist echt spannend! Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das noch nicht lange her ist. Und Prof. Yesteryear erzählt dauernd von Onkel Harry und seinen Freunden und wie toll die alle waren. Dabei hast du gesagt, dass Onkel Harry genauso ein Junge war, wie alle anderen. Aber ich sag das nie, weil Lily mich dann kneift. Sie findet das nämlich super, dass sie dann immer sagen kann, dass sie Onkel Harrys Tochter ist und dass dann alle sie bewundernd angucken. Das ist wirklich sehr kindisch. (Hermine lächelte über die altkluge Art ihrer Tochter. Da diese nicht wusste, dass sie die Tochter von Hermine Granger war, konnte sie sich auch nicht mit der Person, die in den Geschichten des neuen Geschichtsprofessors so glorifiziert wurde, identifizieren wie Lily Potter dies tat. Vielleicht würde sich dies nun bald ändern.)
Wir wollen jetzt zum Abendessen gehen. Bitte schreib mir bald, wie es Puzzle und Bell geht, ja? (Hermine war etwas ratlos. Sie hatte keine Ahnung, wer Puzzle und Bell waren. Sie würde Harry danach fragen müssen.)
Viele Grüße auch an Onkel Harry und Tante Ginny!
Ich hab dich lieb,
Elena"
Gerührt strich Hermine über die ordentliche Schreibschrift ihrer Tochter und der fiese Schmerz der Schuld bohrte sich in ihre Brust. Wie würde Elena reagieren, wenn das Lügengebilde ihres Lebens in sich zusammen fiel? Wie würde Elena auf die Wahrheit reagieren? Dass sie Elena Granger hieß. Dass sie das Kind eines Todessers war. Dass ihre Mutter sie 12 Jahre lang angelogen hatte.
Sie musste es ihr sagen. Sie musste ihr alles erzählen. Irgendwann.
Mit leicht zitternden Händen kramte sie auf Severus' Schreibtisch nach Pergament, Feder und Tinte und setzte sich damit wieder an den ihren. In etwas wackliger Schrift setzte sie eine Nachricht auf.
Ob Hermine eine ordentliche Antwort hinkriegt? Oder ob sie Elena eher noch misstrauischer und besorgter macht? So ein kluges Kind kann auch ein Fluch sein, hm? ;)
