10. KAPITEL

Das Wochenende verbrachte die ganze Schule draussen. Die Sonne und der glitzernde See luden geradezu zum Müssiggang ein. Nur zwei junge Frauen aus dem Hause Gryffindor hatten sich mit Bücherstapeln umgeben. Während Hermione Aufgaben machte, suchte Ginny in den voluminösen Astronomiebüchern nach dem tierischen Himmelskörper der Prophezeiung. Es war bereits Sonntagnachmittag, als Ginny fündig wurde. „Das könnte es sein." Sie rutschte näher zu Hermione, um ihr den Fund zu zeigen. „Ein Komet namens Serpentia."

Hermione schnaubte. „Wie passend."

„Er heisst so aufgrund seines langen Schweifes. Laut der Beschreibung kommt er alle 639 Jahre an der Erde vorbei."

Eine halbe Stunde später war klar, dass Serpentia der einzige Komet war, der der Erde in diesem Jahr so nah kam, dass man ihn von blossem Auge erkennen konnte. Ginny berechnete die kleinste Distanz auf die Nach vom 30. April auf den 1. Mai.

Die Entdeckung wurde sofort mit Harry und Ron geteilt, die soeben mit vier Butterbieren auftauchten. Und für einmal konnten sie auch Hermione für eine Weile von ihren Büchern ablenken.

Am nächsten Abend fand sich Hermione pünktlich um acht Uhr in Snapes Labor ein. Er stand mitten im Raum und starrte sie an. Sie war unfähig, den Blickkontakt zu brechen und wurde sich plötzlich einem tastenden Etwas in ihrem Kopf bewusst. Sie realisierte, was sie gerade dachte. Sie als Kind, wie die anderen sie komisch ansahen und auslachten, weil ihr Lesebuch Feuer gefangen hatte… Sie, alleine vor einem Geburtstagskuchen… Sie, lesend in einer Ecke des lärmigen Gemeinschaftsraumes… Bis dahin hatte sie ihre Konzentration soweit gesammelt, um die Oberhand über den Sturzbach ihrer Gedanken zu bekommen. Nun stemmte sie sich mit aller Kraft gegen den Eindringling in ihrem Kopf. Kurz bevor ihre mentale Blockade einstürzte, musste er sich zurückziehen.

Hermione schwankte leicht und hielt sich an den Seiten des Kamins fest. Als sie wieder zu ihm aufblickte, wurden ihre Augen erneut von seinen gefangen. Sie, Harry und Ron von einer Dummheit abhaltend… Diesmal war sie schneller und entschlossener. Im Nu gelang es ihr, Snape aus ihrem Kopf zu werfen. Er blinzelte und schien keinen weiteren Vorstoss versuchen zu wollen. „10 Punkte für Gryffindor für ausserordentliche Leistung."

Hermione war verblüfft. Snape gab Gryffindor Punkte? Ron würde zweifellos sagen, dass die Hölle zufror. „Ich habe Ihnen Ihre Notizen zurück. Sie waren sehr hilfreich."

„Offenbar. Wir werden die unmittelbare Abwehr noch weiter üben, doch Sie können sich bereits dem Studium meiner weiterführenden Aufzeichnungen zuwenden. Sie werden den Dunklen Lord nicht einfach abblocken dürfen. Sie müssen lernen, ihn nur ausgewählte Erinnerungen sehen zu lassen."

„Ich verstehe. Das ist, wie Sie überleben."

Er antwortete nicht darauf, sondern wies sie an, denselben Heiltrank wie eine Woche zuvor zu brauen. Er selbst ging in den hinteren Teil des Zimmers, wo der perlmutterne Kessel stand.

Als sie wieder in der Rührphase angelangt war, wandte sich der Professor ihr zu. „Haben Sie über ein Projektthema nachgedacht, Miss Granger?"

„Angesichts unserer Situation wäre eine Abhandlung über Dunkle Tränke am sinnvollsten. Das würde Ihm zeigen, dass Sie bereits gute Arbeit leisen. Ausserdem möchte ich mehr darüber wissen."

„Weshalb bin ich nicht erstaunt?" Da war er wieder, der Hohn.

„Ich weiss einfach gerne, was ich da eigentlich tue. Nur die Kenntnis der Einzelteile führt zum Verstehen."

„Was ist mit der Macht?"

„Machthungrig und somit gefährlich sind die Blender. Der Weg zum Verstehen ist zu mühsam für sie. Verstehen ist eine einsame Macht, unbrauchbar gegenüber der Masse."

„Und wenn ein Verstehender trotzdem die Macht sucht?"

„Dann hat das andere Gründe. Aber er wird kaum selber führen, sondern Anhänger eines anderen werden."

Er entschied, die Sache abzubrechen. „Wir werden am Mittwoch Ihre Arbeit planen."

„Erfahre ich dann auch mehr über die Magiearten?"

Ein scharfer Blick. „Nicht am Mittwoch." Nicht, solange er es irgendwie vermeiden konnte, dachte er.

Hermione wollte bereits protestieren, als ihr etwas Besseres einfiel. „Übrigens, Ginny Weasley hat herausgefunden, welcher Himmelskörper in der Prophezeiung gemeint sein könnte." Sie gab ihm die nötigen Informationen und ging dann zurück in den Gryffindorturm.

Der Tränkemeister sah ihr nach. Hatte sie ihn da eben sanft zu erpressen versucht? Das wäre eine typische Slyhterin-Methode gewesen. Interessant.

Am Ende der dritten Woche kam Severus Snape nicht mehr drumherum, sich einige Gedanken zu seiner Braupartnerin und ihrer weiteren Zusammenarbeit zu machen. Sie so häufig in seinen Räumen zu haben, war zwar nach wie vor irritierend für ihn, doch er nahm sie nicht mehr als Eindringling und Störfaktor war. Natürlich hätte er lieber alleine gearbeitet, denn er war an die Einsamkeit gewöhnt und durchaus nicht gesellschaftstauglich. Doch sie hatte sich einwandfrei verhalten, sein Labor stets ordentlich zurückgelassen und keine Zutaten verschwendet. Die Bilder, die er in ihrem Kopf gesehen hatte, liessen keinen Zweifel daran, dass sie die Einsamkeit kannte. Das war wohl auch ein Grund, weshalb sie seine Arbeitsweise teilte: still und konzentriert, ohne Ablenkung und überflüssigen Gesprächen. Ihre wider erwarten seltenen Fragen waren durchaus berechtigt. Er hatte gewusst, dass sie überaus intelligent war und genoss es heimlich zu sehen, wie sie Informationen kombinierte und Schlussfolgerungen daraus zog. Und was Occlumency anging: keine seiner Befürchtungen hatte sich bestätigt. Im Gegenteil. Sie war sehr talentiert, arbeitete hart und er war zunehmend zuversichtlich, dass sie das Treffen mit dem Dunklen Lord überstehen konnten. Ausserdem waren da ihre Wortgefechte. Ihre Reaktionen auf seine Provokationen amüsierten ihn und was sie über Verstehen und Macht gesagt hatte, hatte ihn tiefer getroffen, als sie ahnen konnte. Er hatte den Verdacht, dass sie bereits bemerkt hatte, dass er anders sein konnte als sie ihn vom Unterricht her kannte. Zwar war auch der „öffentliche Snape" ein Teil von ihm, doch er hatte viele andere, für die meisten verborgene Seiten – angenehmere wie auch gefährlichere. Durfte er zulassen, dass sie einige dieser Seiten kennen lernte? Merlin, sie war eine Schülerin und eine Gryffindor noch dazu! Doch er ahnte, dass ein besseres kennen lernen unvermeidbar werden würde, wenn sie weiterhin zusammenarbeiteten. Er beschloss, die Sache erstmal laufen zu lassen. Vorerst würde er ihr eine Antwort auf ihre Frage nach den Magiearten geben, denn er sah nun ein, dass es unumgänglich war, sie einzuweihen. Sie konnte nicht Dunkle Tränke brauen und nicht wirklich wissen, in welchem Gebiet sie sich da betätigte und wie es zu anderen Magiebereichen stand.