Kapitel 9

~ Sehnsucht und Begehren ~

Wie so oft saß Eliza an ihrem Flügel, spielte und musste dabei an ihre Zeit in Hogwarts zurückdenken. Gut sechs Wochen waren seit ihrem Abschied schon wieder vergangen.

Jetzt saß sie hier und fühlte sich eingesperrt – eingesperrt in einen goldenen Käfig, den sie ohne Begleitung nicht verlassen konnte.

Leise seufzend erhob sie sich schließlich vom Klavierstuhl und ging zu ihrem Sekretär.

Die nächste Stunde verbrachte sie damit, einen Brief zu schreiben und ihn schließlich abzuschicken.

Für Severus Snape hatte sich seither nicht viel verändert. Noch immer ärgerte er sich mit unfähigen Schülern herum, ging seinen Verpflichtungen als Hauslehrer nach und spionierte für den Orden den Dunklen Lord aus. Letzteres erwies sich aber in letzter Zeit als immer gefährlicher, denn Voldemorts Einfluss und Macht wuchs von Tag zu Tag mehr und so auch seine Angst vor Verrätern in den eigenen Reihen.

Müde und genervt saß er an seinem Schreibtisch und rieb seinen linken Unterarm etwas, als ein Hauself sich ankündigte und ihm einen Brief überbrachte.

Snape betrachtete den Umschlag. Er kannte die Handschrift nicht und fragte sich zudem, wer ihm überhaupt schreiben sollte. Alle, mit denen er Kontakt pflegte, und das waren nicht viele Personen, befanden sich zu diesem Zeitpunkt hier im Schloss. Er griff nach dem Brieföffner, schlitze mit einer kurzen geschickten Bewegung den Umschlag auf und entnahm den Briefbogen, um ihn zu lesen.

Schon nach den ersten Zeilen machte sich Überraschung auf seinem Gesicht breit und er warf einen Blick auf den Unterzeichner, oder vielmehr die Unterzeichnerin. Verwundert, warum Eliza gerade ihm schrieb, las er den Brief weiter. Er hatte sie schon fast wieder vergessen, oder zumindest redete er sich diesen Umstand ein, denn im Grunde fehlte ihm etwas, seit sie weg war. Er hatte ihr gerne heimlich beim Klavierspielen zugehört und ab und an mit ihr geredet. Irgendwie vermittelte sie ihm das Gefühl, so gemocht zu werden, wie er war. Sie konnte ihn nicht sehen und trotzdem, oder gerade deshalb begegnete sie ihm vorurteilsfrei und ohne Vorbehalte.

Wie er aus ihrem Brief entnahm, ging es ihr ähnlich. Sie schien Hogwarts sehr zu vermissen, und fühlte sich eingesperrt. Snape konnte sich denken, dass ihr letztes gar nicht gefiel, denn wie oft saß sie draußen vor dem Schloss oder am See. Leise seufzend legte er den Brief zur Seite. Sie erwartete sicher von ihm, dass er antwortete, aber was sollte er ihr bloß schreiben?

Erst spät am Abend, ergriff er schließlich die Feder und fing an, eine Antwort zu verfassen. Doch er kam nicht weit, denn ein ziehender Schmerz im Unterarm unterbrach ihn bei seinem Vorhaben.

Eliza war schon seit einer Weile im Bett und schlief. So merkte sie nicht, wie urplötzlich rund um das Haus dunkle Gestalten aus dem Nichts erschienen.

Langsam bewegten sie sich auf das Anwesen zu und wurden eingelassen. Endlich hatten sie gefunden, was der Lord schon so lange begehrte und suchte. Den Schlüssel zur endgültigen Macht. Er lag in greifbarer Nähe nur einen Stock höher im Bett und schlief.

Ohne Umschweife machten sich zwei der Todesser auf den Weg in Elizas Zimmer und setzen sie außer Gefecht, bevor sie im Halbschlaf überhaupt richtig realisieren konnte, was passiert war.

Snape eilte unterdessen an die Grenzen Hogwarts, zog sich seine Todessermaske über und apparierte schließlich weg. Er fragte sich, was Voldemort nun schon wieder von ihm wollte.

Als er am Treffpunkt ankam, waren schon wieder fast alle gerufenen versammelt und er stellte sich schleunigst an seinen Platz im Kreis, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen.

Voldemort schien heute guter Laune zu sein, wenn man bei ihm überhaupt von gut sprechen konnte. Das war kein gutes Zeichen, wie Snape schon aus Erfahrung wusste. Schließlich apparierte gleichzeitig eine ganze Gruppe Todesser in ihre Mitte. Sie verbeugten sich alle demütig vor ihrem Gebieter und stellten sich an ihren Platz. Nur einer von ihnen blieb stehen und wartete. Voldemort fixierte ihn mit seinen roten Augen. „Habt Ihr endlich gefunden, wonach ich suchte?", zischte er leise und gefährlich. Der Todesser antwortete mit demütig gesenktem Haupt: „Ja, Mylord. Die Frau ist gefunden und an den Ort gebracht worden, den

Ihr gewünscht habt." Voldemort verzog sein Gesicht zu einem befriedigten und triumphierenden Grinsen, welches Snape mehr als beunruhigend fand. „Sehr gut, Crowe…", zischelte er zufrieden und der angesprochene Todesser verbeugte sich nochmals tief und stellte sich an seinen Platz.

Nach einer kurzen Weile, in der er seine Todesser der Reihe nach musterte, erhob sich der Dunkle Lord und begann zu sprechen. „Endlich ist es soweit. Mein Triumph über alle steht kurz bevor und selbst dieser Narr Dumbledore wird es nicht mehr verhindern können. Der Schlüssel zur endgültigen Macht liegt nun in meiner Hand…"

Snape rannte fast zum Schloss zurück, als Voldemort sie endlich entlassen hatte. Dumbledore musste umgehend über diese Wendung im Kampf gegen die dunkle Seite informiert werden.

Außer Atem klopfte er an des Schulleiters Bürotür, die Sekunden später aufschwang und ihn einließ. Als der Tränkemeister eintrat, merkte er sofort, dass schon eine andere Person beim Direktor war, ein älterer Mann, den er nicht kannte.

Dumbledore sah ungewöhnlich ernst aus und bat den Lehrer, sich zu setzen. Er stellte seinen zweiten Gast als Frederic Jones vor, bevor er gleich wieder zum eigentlichen Thema kam.

„Severus, Frederic kam vor einigen Minuten zu mir… Seine Tochter, Eliza, Du erinnerst Dich sicher, sie ist verschwunden." „Verschwunden, Albus?! Ich sage Dir, sie wurde gekidnappt und mein eigener jahrelanger Angestellter und Vertrauter ist darin involviert! Wenn ich ihn in die Finger bekomme, dann…", unterbrach Elizas Vater und die Wut und Sorge, die er empfand, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Dumbledore hob beschwichtigend die Hand. „Ich weiß, Frederic und ich denke, Professor Snape hier, wird uns vielleicht weiterhelfen können. Deshalb bist Du doch hier, Severus?" Der Schulleiter sah ihn fragend und forschend mit seinen eisblauen Augen an. Snape hasste es, so von ihm angesehen zu werden, dennoch nickte er und begann zu berichten. „Der Dunkle Lord rief heute den engsten Kreis zusammen. Als alle versammelt waren, berichtete einer der Todesser das Gelingen einer wichtigen Mission. Er sprach von einer Frau, die er an einen bestimmungsgemäßen Ort gebracht hätte. Daraufhin sprach der Lord vom bevorstehenden Triumph über alle, denn der Schlüssel zur Macht sei gefunden und nun in seiner Hand. Er war sich seiner Sache sehr sicher…"

Dumbledore hörte mit ernstem und nachdenklichem Gesicht zu und ergriff sogleich das Wort, als Snape endete. „Was ist das für ein Ort, Severus?", hackte er nach, während Frederic Jones unruhig und besorgt auf seinem Platz herumrutschte.

Eliza wusste nicht wo sie war. Nervös und ängstlich tastete sie sich an der kalten steinernen Wand entlang. Es war kein Geräusch zu hören und es roch nach altem staubigem Holz und Moder. Sie wollte hier weg, raus… Wo hatte man sie hingebracht? Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, waren fremde Leute in ihrem Zimmer… Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, sie war hilflos und der Gedanke, dass niemand wusste, wo sie war, machte ihr nur noch mehr Angst. Sie wollte um Hilfe schreien, aber die Furcht hielt sie zurück. So hoffte sie, ohne Hilfe irgendeinen Ausgang zu finden, doch es war keiner da. Die einzige Tür, die aus dem Raum führte, war verschlossen und ihr Zauberstab war verschwunden.

Hilflos und vor Angst zitternd ließ sie sich schließlich an der Wand neben der Tür zu Boden gleiten. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten – warten auf das Ungewisse.

Es kam Eliza wie eine Ewigkeit vor, dass sie schon in diesem unbekannten Raum gesessen hatte und sie fröstelte mittlerweile, als sie plötzlich ferne Schritte hörte, die immer näher kamen. Sogleich stieg ihre Furcht noch an, sie fühlte sich hilf- und schutzlos, ohne Zauberstab in einer, ihr völlig unbekannten Umgebung. Langsam und schon etwas klamm richtete sie sich auf, denn obwohl ihr Herz bis zum Hals schlug, wollte sie möglichst keine Schwäche zeigen. Die Schritte kamen immer näher, bis sie schließlich vor der Tür inne hielten und man leises Gemurmel hörte.

Eliza tastete sich etwas weiter von der Tür weg, um zu vermeiden, dass ihr Besucher gleich direkt bei ihr war, wenn er hereinkam und drehte sich dann wieder in Richtung des Eingangs, nicht wissend, wer gleich hereinkommen würde. Sie hörte nur, wie es leise klickte und ein Knarren das Öffnen der Tür andeutete. Schritte folgten und die Tür fiel wieder ins Schloss.

Eliza starrte in die Richtung der Geräusche, auch wenn sie nichts sehen konnte. Sie spürte sofort, dass sie von diesem Menschen, der nun direkt auf sie zusteuerte, keine Hilfe erwarten konnte. „Was wollen Sie von mir? Wo bin ich und wer sind Sie?", begann sie leicht zitternd zu sprechen. „Ich will Antworten, Miss Jones.", entgegnete ihr eine tiefe, kalte Männerstimme und packte sie unsanft am Arm. Eliza lief es kalt den Rücken hinunter. Sie spürte, dieser Mann war grausam, noch bevor er sie schmerzhaft anfasste. Eine furchtbare Angst kam in ihr hoch und ließ sie nicht wieder los. „Lassen Sie mich los, Sie tun mir weh!", wehrte sie sich. „Sagen Sie mir, was ich wissen will und ich komme Ihrem Wunsch vielleicht nach.", zischte die Stimme nahe an ihrem Ohr und in Eliza kroch langsam Panik hoch.

„Ich… ich weiß nicht, wovon Sie sprechen…" „Ich will den Schlüssel zur Macht. Der Dunkle Lord verlangt nach ihm." In Elizas Kopf schwirrte es und ihr wurde schlecht. Plötzlich wurde ihr bewusst, wo sie war. Gefangen von Todessern… das was ihr Vater immer verhindern wollte und vor dem sie sich am meisten fürchtete, war eingetreten. „Ich… habe ihn nicht. Ich weiß nicht, wovon Sie reden.", antwortete sie mit zitternder Stimme und sie spürte, wie der Griff um ihren Oberarm immer kräftiger wurde, sodass sie Mühe hatte, einen Schmerzenslaut zu unterdrücken. Eliza schloss die Augen, damit man ihr nicht sofort ansah, wie viel Angst sie hatte. „Ich habe die Erlaubnis, mit Ihnen zu tun was ich will, wenn Sie nicht antworten.", flüsterte die eisige Stimme in ihr Ohr. „Oder…", und ein breites, böses Grinsen machte sich im Gesicht des Unbekannten breit, „…oder ich bringe Sie zum Lord persönlich und er wird Ihnen Ihr zartes Geheimnis schon entlocken."

Eliza spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, sie wusste nicht, wovon dieser Mann sprach. Sie wusste zwar, dass es hieß, sie wäre der Schlüssel zur endgültigen Macht, aber das war auch schon alles. Sie konnte ihm nicht antworten, auch wenn sie es gewollt hätte, denn sie kannte die Antwort nicht. Zitternd vor Angst stammelte sie: „Ich weiß nicht… wovon Sie reden… und… Sie tun mir weh!" Der Todesser ließ sie los und stieß sie dabei unsanft zu Boden. „Ich werde Ihnen noch vielmehr wehtun, Miss Jones, wenn Sie mir nicht bald die Antwort auf meine Frage geben. Wie erlangt man die endgültige Macht? Ich weiß, dass nur Sie das Geheimnis kennen!", zischte er bösartig und drohend. „Wenn Ihnen ihr Leben also lieb ist, dann beantworten Sie meine Frage, wenn ich wiederkomme." Mit diesen Worten verließ der Maskierte den Raum und verriegelte die Tür wieder hinter sich.

Eliza lag noch Minuten später zitternd auf dem Boden und stille Tränen suchten ihren Weg über ihre Wangen. Sie war verloren, sie kannte die Antwort nicht und niemand wusste, wo sie war. Noch nie in ihrem Leben verspürte sie so viel Angst, Panik und Verzweiflung wie in diesen ewig dauernden Minuten.