9. Kapitel

Am folgenden Tag wurde das Lager abgebrochen. Es gab für die Roma in Toulouse nichts mehr zu tun. Sie zogen weiter nach Süden, dem Meer entgegen. Valjean und Javert reisten mit ihnen. Es war keine Entscheidung gewesen, über die die beiden lange diskutiert hätten. Eigentlich hatten sie gar nicht darüber gesprochen, sondern hatten sich mit ihrem Wagen, zu dem auch zwei Pferde gehörten, der Gruppe angeschlossen. Valjean hatte erwähnt, ans Meer zu wollen, die Roma zogen Richtung Meer, es gab somit nichts logischeres, als gemeinsam zu reisen.

Zwischen Javert und Valjean hatte sich eine gewisse Tagesroutine eingestellt. Javert stand früh auf, er wartete niemals, bis Valjean erwacht war, und begann mit den Arbeiten des Tages, beispielsweise der Versorgung der beiden Pferde. Wenn Valjean aufgestanden war, machte er sich meist im Lager nützlich; seine große Körperkraft und seine Geschicklichkeit erfreuten sich großer Beliebtheit.

Sie sprachen nicht allzuviel miteinander, und sie sprachen niemals über das, was in den Nächten zwischen ihnen geschah. Es blieb in dem Wagen, wie Javert sich dies gewünscht hatte, doch es hörte nicht auf, sondern nahm an Intensität sogar zu. Indem beide lernten, was dem anderen besonders gefiel, handelte es sich längst schon nicht mehr um die hastige Suche nach Trost, Nähe und Vergessen, auch wenn es keiner auszusprechen wagte.

Nach einigen Tagen erreichten sie das Ziel der Roma, Narbonne, wo diese einige Tage verbringen wollten. Valjean sah dieses Ziel mit gemischten Gefühlen. Das Meer lag nur ein paar Meilen entfernt, das Ziel, was er Javert vor einer Ewigkeit, die nur wenige Wochen zurücklag, für seine Reise genannt hatte.

Valjean wußte nicht, was geschehen würde, wenn sie das Meer tatsächlich erreichten. Er wagte auch nicht, Javert danach zu fragen, denn das hätte bedeutet, über ein Thema zu sprechen, über das Javert ausdrücklich nicht reden wollte.

Es war ein Gefühl der Angst in Valjean gewachsen, je mehr er beobachtete, wie leicht sich Javert unter den Roma wieder zurechtfand. Wenn dieser sich entschied, dort zu bleiben, würde es vermutlich keinen Platz für Valjean geben. Er konnte nicht unter diesen Leuten bleiben, die ihn zwar freundlich aufgenommen hatten, doch zu denen er nicht gehörte. Dann blieb nur das Zurückziehen in ein Haus am Meer, wie er es einmal geplant hatte; nur daß diese Planung nicht mehr nach einem guten Platz zum Sterben klang, sondern nach einem Ort, wo nur ein langsames Dahinvegetieren möglich war.

Mit Nervosität und Irritation beobachtete Valjean, wie Javert ab dem zweiten Tag in Narbonne begann, jeden Tag eine Zeitung zu erwerben. Javert hatte auf der ganzen Reise nicht ein einziges Mal Interesse an regelmäßiger Zeitungslektüre gezeigt, doch jetzt studierte er die Zeitungen sorgfältig.

An einem Morgen etwa eine Woche nach der Ankunft in Narbonne war Javert wie üblich fort, als Valjean erwachte. Doch an diesem Morgen war Javert weder im Lager, noch in der Umgebung zu finden. Eines der beiden Pferde, das normalerweise ihren Wagen zog, war ebenfalls verschwunden.

Valjean verbrachte einen höchst unruhigen Tag voller Sorge und Ungewißheit. Beim kleinsten Geräusch schreckte er auf in der Hoffnung, Javert sei zurückgekommen. Einige Dutzend Male hielt er rund ums Lager Ausschau, so daß diese merkwürdigen rosafarbenen Vögel mit den großen Schnäbeln und langen Beinen, die im flachen Brackwasser in großen Gruppen vornehmlich auf einem Bein herumstanden, nach einer Weile nicht einmal mehr aufblickten, wenn er an ihnen vorbei kam.

Die Sonne war schon am Untergehen, als Valjean endlich einen Reiter in der Ferne erkannte, der auf das Lager zuritt mit einem fulminanten Sonnenuntergang im Rücken. Bevor Valjean Einzelheiten erkennen konnte, wußte er, daß es sich um Javert handelte; die gerade Haltung war unverkennbar.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Toulouse hatte Javert die Haare im Nacken zusammengefaßt, und sofort wäre niemand auf die Idee gekommen, Vermutungen über seine Herkunft anzustellen. Er sah deutlich dem Javert ähnlicher, den Valjean bis zur Barrikade gekannt hatte.

Etwas in Valjean krampfte sich zusammen. Wenn Javert sich zurück in den kalten, unbarmherzigen Polizisten verwandelt hatte, dann war eine gemeinsame Zukunft nicht einmal mehr eine vage Hoffnung.

Javert sprang vom Pferd, übergab es zur Versorgung einem der Männer und kam zu Valjean hinüber. „Wir müssen reden."

Während Valjean nickte, fielen seine Schultern merklich herab. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und folgte Javert aus dem Lager zu den Flamingos, für die dieser jedoch keinen Blick zu haben schien.

„Ich war in Perpignan", begann Javert und wirkte auf einmal nicht mehr sonderlich selbstsicher. „Es liegt sehr nahe an der spanischen Grenze am Meer. Es wäre ein idealer Ort für Sie; falls doch noch jemand auf die Idee käme, nach Ihnen zu suchen, hätten Sie Frankreich schnell verlassen."

Oh, Gott, schoß es Valjean durch den Kopf, er sucht einen Ort, wo er mich guten Gewissens zurücklassen und danach seiner Wege gehen kann.

„Ich habe eine Anzeige gelesen, daß dort ein kleines Haus mit Garten zu verkaufen ist", fuhr Javert fort. „Ich habe es mir angesehen heute, es wird Ihnen gefallen."

Natürlich, Javert dachte an alles, nur nicht daran, wie Valjeans Herz langsam brach. „Ich habe dazu gar nichts zu sagen?"

„Was?" Javert wirkte für einen kurzen Moment verständnislos. „Sicher haben Sie etwas dazu zu sagen. Wir können es uns gerne morgen ansehen."

„Gut." Valjean würgte dieses Wort förmlich heraus.

„Der Garten ist etwas vernachlässigt, aber es gibt dort zahlreiche Rosenstöcke." Für einen Sekundenbruchteil lächelte Javert.

„Das klingt tatsächlich unwiderstehlich." Am liebsten wäre Valjean davongelaufen, um sich in irgendeiner Ecke zu verstecken und einfach nur zu sterben. Trotzdem zwang er sich, die nächste Frage zu stellen. „Darf ich fragen, was Sie nun vorhaben? Werden Sie hier bei Ihrer Familie bleiben?"

Der letzte Rest von Javerts Lächeln erstarb. „Ich fürchte, ich verstehe nicht, was Sie meinen."

„Nun ja, wenn ich ein Haus am Meer beziehe, wie ich es einmal plante, dachte ich, Sie würden mich vielleicht auch in Ihre Pläne einweihen."

„Das tue ich doch gerade." Nach einer kurzen Pause stöhnte Javert auf. „Kann es sein, daß wir uns gerade mißverstehen? Daß Sie denken, ich suche eine Unterkunft für Sie und gehe dann meiner Wege?"

Valjean nickte wortlos.

„Das ist nicht meine Absicht. Ich habe nach einem Haus gesucht, was sowohl Ihnen als auch mir gefallen könnte."

Valjean stieß einen undefinierbaren, jedoch hörbar erleichterten Laut aus.

„Es sei denn, Sie ziehen es vor, allein zu leben." Auf einmal klang Javert fast schüchtern.

Valjean schaffte es immer noch nicht, ein verständliches Wort von sich zu geben, und schüttelte einfach den Kopf.

„Sie haben mir eben einen ziemlichen Schreck eingejagt", gab Javert zu.

„Das war nicht meine Absicht." Endlich hatte Valjean seine Stimme wiedergefunden. „Sind Sie sicher, daß Sie nicht bei Ihrer Familie leben wollen?"

„Ich gehöre nicht hierher, ich habe nie hierher gehört", antwortete Javert. „Ich habe versucht, mich hier zuhause zu fühlen, um meine Mutter zu erfreuen und zu ehren, aber ich kann so nicht leben. Ich tue hier nichts, was Sinn ergibt, womit ich irgendwie von Nutzen sein kann, wenn ich bliebe."

Valjean spürte, wie Worte versuchten, aus ihm herauszubrechen, wie er Javert sein Herz zu Füßen legen wollte, aber er rang diese Worte nieder. Javert ließ nicht erkennen, daß er hierfür bereit war, und die Vorstellung, daß er dadurch verschreckt würde, war zuviel. „Ich denke nicht, daß ich das Haus sehen muß, um zu wissen, daß Sie die richtige Entscheidung getroffen haben. Sie würden da keinen Fehler machen."

„Ich bin da nicht so sicher. Ich habe noch nie in einem eigenen Haus gewohnt, geschweige denn daß ich eines besessen hätte, nur in Wagen, Kasernen und Wohnungen. Ich weiß also nicht, worauf es ankommt."

„Ich vertraue Ihnen." Valjean lächelte, und am liebsten hätte er den anderen Mann in seine Arme gerissen, doch er wagte es nicht. „Ich habe noch eine Bitte."

„Eine Bitte?"

Es war ungewohnt für Valjean, etwas für sich selbst zu erbitten. „Wäre es möglich, wenn Sie aufhören könnten, mich zu siezen?"

„Ich verstehe nicht ganz. Ich tue das, weil ich Sie respektiere."

„Das weiß ich, aber es schafft eine Distanz, die ich nicht will. Sie entspricht nicht dem, was zwischen uns passiert."

„Ich habe noch nie jemanden geduzt, der nicht für mich verachtenswert gewesen wäre." Javert blickte zu Boden. „Ich muß mich daran gewöhnen."

„Ich habe auch noch niemals jemanden geduzt, der kein Kind war. Auf jeden Fall freue ich mich auf Perpignan." Das war eigentlich die Untertreibung des Jahrhunderts. Valjean hätte sich am liebsten einfach in Javerts Arme geworfen, doch es gab tausend Gründe, es nicht zu tun. Einer davon war, daß von hinten die Lagerbewohner und von vorne die Flamingos starren würden. „Was ist mit Geld?"

„Geld, was soll damit sein?"

„Ich verfüge nicht mehr über M. Madeleines Vermögen, nun, ja, nur noch über einen kleinen Teil. Der Rest war Cosettes Mitgift. Ich kann kein Haus bezahlen."

„Ich kann auch kein Haus bezahlen, jedenfalls nicht allein, obwohl ich einiges zurückgelegt habe", erwiderte Javert. „Wofür hätte ich es auch ausgeben sollen? Es reicht aber, wenn wir unsere Ersparnisse zusammenlegen."

„Du hast das bereits ausgerechnet?" Das „tu" ging Valjean vollkommen leicht und natürlich über die Lippen.

Javert hob statt einer Antwort nur die Augenbrauen.

XXX

Beim Abendessen teilten sie den anderen ihre Entscheidung mit. Vor dem Schlafengehen hatte Javert den Wagen und die beiden Pferde bereits zu einem fairen Preis an Carles verkauft. Es gab keinen Grund, den Wagen zu behalten, daher war diese Möglichkeit, ein bißchen Bargeld zu bekommen, nicht unwillkommen.

Am nächsten Morgen gab es einen langen, nach Javerts Geschmack viel zu sentimentalen, Abschied von den Roma Er brauchte nicht daran erinnert zu werden, daß er diesmal seine Herkunft endgültig hinter sich lassen würde.

In Narbonne bestiegen er und Valjean die Postkutsche nach Perpignan, welches sie am Nachmittag erreichten. Valjean schien die Stadt zu gefallen, denn er strahlte über das ganze Gesicht. Javert führte ihn zu einem kleinen Haus mitten in der Stadt, welches keinen Garten zu haben schien, wie Valjean enttäuscht notierte. Aber wenn sie zusammen sein würden, war ein Garten nicht das, was wichtig war.

Javert läutete an der Tür des Hauses. Eine rundliche Frau Mitte Fünfzig mit fröhlichem Gesicht öffnete die Tür. „Ah, M. Javert, wie schön, Sie wiederzusehen. Sie haben also entschieden, ob Sie das Haus haben wollen."

„Guten Tag, Mme. Bernays", antwortete Javert mit distanzierter Förmlichkeit. „Darf ich Ihnen M. Jean Fauchelevent vorstellen?" Sie hatten nicht darüber gesprochen, welchen Namen Valjean benutzen würde, daher wählte Javert den echten Vornamen und den letzten benutzten Nachnamen.

„Sehr erfreut, Monsieur." Mme. Bernays musterte den zweiten Besucher sehr eingehend. Offenbar fiel die Musterung zu ihrer Zufriedenheit aus, denn sie strahlte Valjean geradezu euphorisch an.

In Javert regte sich ein leises Gefühl, das ihm bisher unbekannt gewesen war. Niemand hatte das Recht, Valjean in einer solchen Weise anzuschauen – außer vielleicht ihm selbst. War das Eifersucht? Er beschloß, später darüber nachzudenken. „Wir haben uns entschlossen, das Haus Ihres verstorbenen Schwagers zu erwerben."

„Sehr schön." Mme. Bernays fiel es schwer, ihre Augen von Valjean zu wenden. Daher blickte sie ihn auch gleich darauf wieder an. „Sie müssen wissen, M. Fauchelevent, der Bruder meines verstorbenen Mannes ist nun auch von uns gegangen. Er hatte keine Kinder, und so ist es meine Aufgabe, sein Haus zu verkaufen."

Fein, jetzt erklärte diese Frau Valjean auch noch ganz nebenbei, daß sie zu haben war! Beinahe hätte Javert geknurrt. Als er gestern mit Mme. Bernays verhandelt hatte, war sie vernünftig und geschäftsmäßig gewesen. „Ich schlage vor, Sie geben uns die Schlüssel, und morgen wickeln wir die Formalitäten ab. Ich hatte ja bereits eine Anzahlung geleistet."

Mme. Bernays nickte, auch wenn sie nicht wußte, warum Javert plötzlich so barsch klang, und holte die Schlüssel.

„Du hast bereits etwas angezahlt, bevor du meine Antwort kanntest?" Valjean spielte den Zustand der Schockiertheit nicht besonders überzeugend.

„Ich hatte eine Ahnung, daß du zustimmen würdest. Außerdem mußte ich verhindern, daß sie das Haus anderweitig verkauft." Javerts Versuch, unschuldig zu wirken, war ebenfalls nicht glaubwürdig.

Mme. Bernays kehrte mit den Schlüsseln zurück und zwinkerte Valjean vertraulich zu. „Wir sehen uns morgen bei meinem Anwalt. Ich freue mich, Sie dort wiederzusehen."

In Javert wuchs der Wunsch, der Frau den Hals umzudrehen; nur der Gedanke, daß Valjean dafür schwerlich Verständnis aufbringen würde, hielt ihn ab.

AN: Bevor jemand fragt, es gibt Flamingos bei Narbonne; es ist einer der ganz wenigen Orte in Europa, wo man sie außerhalb von Zoos in freier Wildbahn sehen kann (auch wenn man beim Blick aus dem Zugfenster erst an seiner Wahrnehmung zweifelt…).