Kapitel 9 – Sometimes When We Touch (Olivia Ong)
„Das ist schlecht", erwiderte Marc trocken und griff sich unbewusst an seinen Hals.
Was hätte er auch großartig sagen können? Er kannte Gundis nicht gut. Alles was er wusste war, dass sie und Medhi zusammen zur Uni gegangen und wohl dick befreundet waren. Und ein beunruhigendes Gefühl hatte sich in den letzten Tagen in seine hintersten Gehirnwindungen geschlichen: dass nämlich die Tropen-Öko-Tussi an diesem ganzen desolaten Zustand die Hauptschuld trug.
Aber das konnte er einem heulenden Medhi schlecht sagen.
„Mehr hast du nicht zu sagen? Außer dass es schlecht ist?", ein abwertendes Lächeln zierte den Mund von Marcs gegenüber.
„Gundis war meine Freundin, sie war ein wunderbarer Mensch und mehr hast du zu deinem - wohl einzigen - Freund nicht zu sagen?", Medhi erhob sich, schob sich grob vorbei zur Tür.
Marc stand ein wenig paralysiert da. Es gab einiges, dass er Medhi zu sagen hatte, doch wie sollte er denn am besten anfangen, nachdem er anscheinend gerade mal wieder ins Fettnäpfchen getreten war, wie kein zweiter?
Geschwind drehte er sich um, ehe der Halbperser das Zimmer verlassen konnte und überlegte nicht lange, wie er die Ereignisse, die ihn heute Morgen aus seinem warmen Bett geklingelt hatten, nett verpacken sollte – obwohl er dafür gerade eben erst ein ziemlich ruppige Reaktion eingesteckt hatte.
„Lilly ist wieder da."
Als Jochen das erste Mal die Tür öffnete wurde er von der besten Freundin seiner Schwester unsanft zur Seite gedrückt.
„Ich wünsche dir auch einen guten Tag, Gina", murmelte er gespielt freundlich zu sich selbst, als er die Haustür laut zuknallte.
„Gretchen? Gretchen? Gretchen! Oh Gott komm her", der Neuankömmling zog seine Schwester, als diese aus der Küche kam, in eine dicke Umarmung die, zu Jochens Verwunderung nur halbherzig erwidert wurde.
„Ich hab mir solche Sorgen gemacht, als ich heute morgen aufgewacht bin und du bist nicht mehr da gewesen. Warum hast du nicht gesagt, dass du nach Hause gehen wolltest, ich hätte dich doch begleitet"
Gretchen versuchte sich in einem freundlichen Lächeln, und hoffte inständig dass sie nicht gerade eine verheerende Grimasse schnitt.
„Gigi, ich...", ihre Stimme war ganz rau geworden, weshalb sie sich räusperte und noch einmal von vorn begann.
„Gigi, ich denke wir sollten mal reden", ein zustimmendes Nicken ihrer Mutter, die neben Lilly auf der Couch saß bestärkten sie darin, ihre Freundin unter den Arm zu klemmen und in ihrem Zimmer das Gespräch zu führen, was Gretchen schon seit Jahren vor sich herschob.
Seufzend schloss sie die weiße Holztür, an der sie sich dann rücklings anlehnte und beobachtete Gigi für einen kurzen Moment, als diese sich fragend auf Gretchens Bett plumpsen ließ.
Ein tiefes Seufzen entrang sich Gretchens Kehle als sie allen Mut zusammen nahm und das Wort erhob:
„Ich weiß, dass du nicht mit Marc geschlafen hast, Gigi!"
„Wie kommst du denn auf diesen Unsinn?", Gina sprang empört auf.
Ergeben schloss Gretchen die Augen, als das bekannte Brennen hinter ihren Liedern und das Kribbeln in der Nase unerträglich wurden, nicht zuletzt aber vor Wut.
„Vielleicht weil es seit Monaten das aller erste Mal ist, dass ich mich wieder des klaren Denkens mächtig fühle."
„Und das soll im Klartext heißen, dass du mir zutraust, dass ich dich anlüge? Ich bin deine beste Freundin, verdammt nochmal!", schnaubte Gina verächtlich, ihr Lügengebilde weiterhin aufrecht erhaltend.
„Bist du das?", fragte Gretchen und die ersten Tränen verfingen sich zwischen ihren dichten Wimpern.
„Du stellst unsere langjährige Freundschaft in Frage, wegen eines Mannes, der dich mehr als einmal und mit deiner besten Freundin betrogen hat? Was hat er um Himmels Willen denn mit deinem klaren Menschenverstand angestellt?"
„Ich weiß, dass du viele Dinge einfach getan hast, weil du dachtest, dass es besser für mich ist. Doch du bist hier eindeutig zu weit gegangen! Meine Entscheidung Alexis zu heiraten so zu manipulieren, was hast du dir denn dabei gedacht?"
„Bitte? Was ich mir gedacht habe? Du hast jetzt Alexis, sei froh darum, er ist der bessere Mann!"
„Und das weißt du, weil du Marc so gut kennst? Ich habe dir vertraut, Gigi, in einer meiner schwärzesten Momente hast du meine Unsicherheit einfach ausgenutzt um... um? Um was? Ich verstehe einfach nicht, warum?"
„Oh, du verstehst nicht warum?"; spie Gina unverhüllt ehrlich: „Du hast einen tollen Mann, der dich auf Händen trägt, aber nein, du brauchst ja auch noch einen Lover, der bis zu letzt um dich kämpft! Mensch, Gretchen, Alexis liebt dich und du ihn, ich wollte doch nur das beste für dich, sodass..."
„Sodass was, Gigi?"
„Sodass du glücklich bist.", endete Gigi gehetzt.
Es war eine Eingebung, viele kleine nichtige Details, die Gretchen so oft einfach nicht wahrhaben hatte wollen und wie blind darüber hinweggesehen hatte. Begonnen hatte diese Frenemy Beziehung mit Gigi schon seit dem ersten Tag seit sie sich kennengelernt hatten... Und während Gretchen aus der Klein-Mädchen Eifersüchtelei unter Frauen gedachte hatte, dass Gigi ihr dennoch eine wahre echte Freundin wäre, triefte dieser höhnische Unterton nur so aus dem Mund der blonden Vogelscheuche.
„Sodass ich glücklich bin, oder du?"
„Egal was ich sage, du glaubst mir ja eh nicht, also was willst du hören? Sag es mir, damit wir dieses peinliche Gespräch endlich beenden können - wir sind hier nicht im Kindergarten. "
„Dieses peinliche Gespräch?", ungläubig stand Gretchen noch immer nahe ihrer Zimmertür und wünschte sich nichts sehnlicher als ihren Stuhl oder ihr Bett, auf dem sie sich niederlassen könnte. Sie war müde. Sie war dieser Freundschaft müde, wenn es überhaupt jemals eine war.
Mit brüchiger Stimme und dicken Tränen die ihr am Kinn zusammen liefen klagte sie Gigi an:
„Was ich hören will ist eine Entschuldigung, ein bisschen Mitgefühl und dass meine beste Freundin vielleicht einfach mal nicht mein Wohl im Kopf hat sondern einfach meine Freundin ist, die egal was ich für Fehler mache, immer hinter mir steht. Das wünsche ich mir, Gigi. Nicht ein Schock nach dem anderen, in die ich seit Tagen immer wieder stolpere... Ich..."
„Eben, du, du und nochmals du. Warum gibst du dich nicht mit dem zufrieden, was du hast, einen Mann, der dich liebt, das muss ja wohl reichen."
„Und einen toten Vater im Krematorium, ja?"
Gigi stöhnte genervt: „Deine theatralischen Einschübe könntest du dir wirklich sparen. Es geht hier doch gar nicht um deinen Vater, oder um Alexis, oder um Marc. Hier geht es nur darum, dass du das was du hast wieder mal nicht würdigst, egal wie lange du dafür hast kämpfen müssen. Ich wollte doch nur helfen und dafür brauche ich mich auch nicht zu entschuldigen!", energisch schob sie die Arme vor ihrer Brust ineinander.
Verstohlen zog Gretchen ihre Nase hoch und atmete stockend aus: „Wenn du wirklich nicht verstehst, warum ich so enttäuscht und verletzt ich bin, weiß ich nicht, was das hier für eine Freundschaft ist."
„Und was gedenkst du nun zu tun, wo du zu solch einer tiefgründigen Erkenntnis gekommen bist?", Gigis Stimme triefte nur vor Sarkasmus,weshalb Gretchen sich erstmals seit ihrer Schulzeit selbst vergas.
Mit der rechten Hand öffnete sie abrupt die Tür, packte ihre ehemals beste Freundin grob am Arm, um sie in einer fließenden Bewegung aus ihrem Zimmer zu schmeißen:
„Ich gedenke das einzig vernünftige zu tun, dich aus meinem Leben zu eliminieren, Gina. Verschwinde!"
Als ihr gegenüber allerdings nur sehr blass um die Nase wie angewurzelt stehen blieb, verlor die gerade frisch angetraute, frische Halbweise abermals sämtliche Geduld. Energisch zog sie Gina trampelnd die Treppen hinunter, sodass Gretchens Bruder und ihre Mutter aufgeregt aus dem Wohnzimmer kamen um zu fragen, was denn los sei.
Doch noch bevor Gina etwas sagen konnte hatte Gretchen sie vor der Haustür abgestellt und mit einem lauten Knall eben dieser dieses Kapitel in ihrem Leben beendet. Wenn du solche Freunde hast, brauchst du keine Feinde mehr. Und ein Frenemy war Gina gewiss auch nicht.
Als Gretchen in die entsetzten Gesichter von Jochen und Bärbel schaute zitterten ihre Knie. Sie hatte gerade elf Jahre gestauten Frust über ihre beste Freundin innerhalb einer halben Stunde Luft gemacht und sie wusste nicht ob, es ihr jetzt besser oder schlechter ging, als vorher.
Geschwind legte sie die Strecke zu ihrem Zimmer zurück, schloss ebenfalls mit einem lauten Knallen ihre Zimmertür, ehe sie sich weinend und erschöpft quer über ihr ganzes Bett schmiss.
Eine dreiviertel Stunde nachdem seine Schwester Gigi aus dem Haus befördert hatte, saßen Jochen und seine Mutter mit Lily im Wohnzimmer, wo sie versuchten das arme Kindchen noch immer zu beruhigen. Ärger, Streit und Türenknallen hatten sie so aufgewühlt, dass sie angefangen hatte furchtbar zu weinen.
Und obwohl Lily ihm unendlich leid tat, diesen Zickenkrieg mitangehört zu haben war er in einer hinteren Ecke seines Gehirns unheimlich Stolz auf Gretchen. Nach all den Jahren, seit Jochen die Freundin seiner Schwester nun kannte, hatte er nur selten wirklich nette oder gar lobende Worte von dieser besten Freundin gehört. Was Gretchen oftmals in einen Sumpf der Perfektion gerissen hatte, weil einfach nichts gut genug schien.
Sich zu bemühen und zu versuchen reichten da nicht mehr. Durch diese kleinen Sticheleien wurde seine Schwester zu einer arbeitswütigen Furie, die am Ende jedoch weniger bekommen hatte, als ihr ihr Ehrgeiz gebracht hatte. Hart für seine Ziele arbeiten ist wunderbar, aber Gigi hatte es seit dem Studium mit Gretchen geschafft, sie durch ihren eigenen Ehrgeiz so mit sich zu reißen, dass seine Schwester viel zu selten merkte – nie bemerkt hatte -, dass Gigi ihren dadurch entstehenden Erfolg immer klein redete und mit ihren eigenen Noten, Abschlüssen, Wohnungen, Freunden, Männern, Aussehen in den Vordergrund rückte, nicht zuletzt, weil sie ja Gretchen „geholfen" hatte, um zu dem zu kommen, was diese denn dann erreicht hatte.
Jochen seufzte ergeben auf: Echte Freundschaften gibt es also doch nur unter Männern, oder Frauen und Schwulen!
Als Bärbel die Nase hochziehende Lily mit Keksen und Kakao ein kleines Lächeln abgewinnen konnte erhob sich Jochen um für einen kurzen Augenblick nach Gretchen zu schauen.
Die außer einem „Hau ab, Jochen, ich will niemanden sehen" nichts hinter ihrer verschlossenen Zimmertür von sich Preis gab.
Gerade als er wieder ins Wohnzimmer kam schellte es allerdings Sturm an der Haustür. Und für einen kleinen ängstlichen Moment befürchtete Jochen einer wildgewordene Gigi gegenüber stehen zu müssen.
Und als er die Tür öffnete und ein Einmeter fünfundachtzig großer Halbperser mit am Hals zuckenden Muskeln und aufgequollenen Augen die Tür so zurückdrückte, dass Jochen beinahe dahinter zerquetscht worden wäre, wünschte er sich nichts sehnlicher, als das dort hätte Gigi stehen sollen.
„Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?", Doktor Kaan hörte sich gehetzt und ungeduldig an.
Besagter Perser und – wohl sehr viel wichtiger – emotional aufgeladener Vater hatte mehr Kraft in seinem kleinen Finger, als Jochen in seinem ganzen vierundzwanzig Jahre alten Körper. Ein Blauer Fleck, Hämatom – er hatte gelernt – würde wohl unumgänglich sein.
Gerade als Jochen sich hinter der Tür hervor schieben wollte, kamen aus dem Wohnzimmer seine Mutter und eine überglückliche Lily, die ihrem Papa um den Hals fiel (wenn man Jochen fragte, es sah so pathetisch und kitschig wie ein Gary Marshall Film aus) und aus der anderen Richtung, also von draußen herein kam Marc Meier zugestoßen, der eher unbewusst sich gegen die Haustür lehnte.
So fern Jochen je wieder Luft bekam, würde er darüber nachdenken, sich kastrieren zu lassen. Denn Familie und Liebe bedeutete nicht nur emotionale Schmerzen, sondern auch physische im Brustkorb!
Als Marc endlich den sprintenden Medhi eingeholt hatte blieb ihm die Luft weg. Im Hausflur der Haases stand sein bester – sein einziger wirklicher – Freund, mit seiner kleinen Tochter in den Armen. Bärbel Haase mit dicken Tränen in den Augen die gerührt zu Vater-Tochter hinaufschaute und oben am Treppenaufsatz stand ein blonder gebrochener Engel, der sich in dem Moment nichts sehnlicher wünschte, als noch einmal mit selbiger kindlicher Natur ihrem Vater um den Hals springen zu dürfen.
Marc starrte unaufhörlich durch den ganzen Wohnraum, von Medhi und Lily zu Bärbel und hinauf zu Gretchen; irgendwas hatte sich schlagartig geändert, doch was es war, oder gar wie es sich verändert hatte konnte er weder gedanklich beschreiben, noch einen klaren Satz daraus bilden bis -
der gute Jochen seinen inneren visuellen Bann brach indem er mit seiner gestikulierenden Hand Marc bedeutete, dass er ganz dringend wieder Luft in seine Lungen pumpen musste.
„Oh – Hallo, Jochen", Marc räusperte sich umständlich, ehe Jochen sich befreien konnte und das lebensnotwendige Oxygen in seine Lungen aufnehmen konnte.
Es gab viele Momente in Medhis Leben, die er für immer hatte fühlen wollen. Seine Hochzeit mit Anna, Lily's Geburt, das Gefühl fünfunddreißig Kilo durch WW abgenommen zu haben. Aber den Moment, seine Tochter wieder in den Armen halten zu dürfen, toppte alles bisher da gewesene. Alles! Wie Lily freudestrahlend mit einem Keks in der Hand auf ihn zu gerannt kam und ihn noch immer noch Papa nannte, würde ihm für immer im Gedächtnis bleiben. Er hatte seine Tochter nach fast einem ganzen Jahr wieder in seine Arme schließen dürfen, obwohl er daran schon gar nicht mehr geglaubt hatte. Was er fühlte, wie er fühlte – er würde es niemals in Worte fassen können, und verstehen würden ihn eh nur Väter. Väter, die ihre Kinder liebten – ob oder ob nicht leiblich war ein völlig abwegiger Gedanke in diesem Moment.
„Du musst doch nicht weinen, Papa. Du bist doch ein Junge, und Jungs, weinen nicht!", grinste Lily und wischte ihrem Vater verwegen die Tränen aus den Augen und von den Wangen.
„Doch, Lily-Maus", ein dicker Kloß saß in seinem Hals, als er bemerkte, wie einfach diese Worte ber seine Lippen kamen. Damit hatte er nicht mehr gerechnet, diese Worte jemals wieder auszusprechen.
„Doch, ich darf heulen, und weißt du warum, weil das kein Weinen ist, wie Jungs auf dem Schulhof, die sich ein Knie verletzt haben. Ich bin glücklich, weil"
„Ich bin auch glücklich", Lily drückte sich wieder an die Halsbeuge von ihrem Vater und schaute Marc direkt in die Augen. Sie formte mit ihrem Mund „danke".
Während Marc die Höflichkeit hatte, zu erröten, stieß ihm Jochen zu seiner rechten mit dem Ellenbogen in die Seite. Ein wissendes Lächeln zierte die Fratze des Nachwuchs vom Professor.
Gretchen kam langsam die Treppen hinunter, nicht zuletzt, weil sie befürchtete hinunterzufallen, weil sie hinter dem Tränenschleier überhaupt nicht sah, wo sie hinging. Es war viel, sehr viel in den letzten Tagen gewesen. Und gewiss waren es die schwärzesten, schlimmsten und groteskesten Tage ihres bisherigen Lebens gewesen. Doch Medhi mit seiner kleinen Tochter in den Armen, die ihm so unmenschlich entrissen worden war ließen ihren Mut wiederkehren. Mut, an jedem neuen Tag ihres Lebens morgens in den Spiegel sehen zu können.
Und genug Mut, selbst die eine richtige Entscheidung zu treffen und sich nicht unterkriegen zu lassen.
Als sie ungefähr bis zur Mitte der Treppe gekommen war, bemerkte sie erst, dass sich der Flur gelehrt hatte, Bärbel, Medhi und Lily waren im Wohnzimmer und Jochen schloss unbehaglich die Haustür.
„Ist ganz schön kalt hier drin, aber ich bin sicher, ihr werdet es hier drin ganz schnell heiß knistern lassen."
Marc, der die ganze Zeit nur auf Gretchen geschaut hatte, gab Jochen einen finsteren Blick:
„Halt die Klappe, Jochen."
Festen, aber langsamen Schrittes ging Marc bis zum Treppenansatz auf Gretchen zu, worauf Jochen nur die Augen verdrehte und ebenfalls in die Stube schlenderte.
Er stand einfach nur vor ihr und guckte sie einen Augenblick lang an. Er sah ein Blitzen in ihren Augen, dass ihm so Fremd vorkam, weil er es so lange nicht mehr gesehen hatte. Verschwunden war es schon so lange gewesen, er konnte sich gar nicht mehr genau erinnern, es das letzte Mal gesehen zu haben. Ganz vorsichtig berührte er ihre Hand, die noch immer leicht auf dem Geländer gelegen hatte.
Unvermittelt schloss Gretchen die Augen. War das wirklich Marc, der da vor ihr stand und anscheinend genauso wenig zu wissen schien, was sie sich zu sagen haben könnten? Keine dummen Macho-Sprüche, keine kleinen Seitenhiebe? Nur ein fast geisterhaftes Streicheln?
Marc malte imaginäre Symbole auf Gretchens Handrücken, während er ihr weiter in die Augen starrte. Ein leichtes Zittern ihrerseits ließ ihn breit Grinsen.
„Hör auf damit", grinste Gretchen zurück, ehe sie sich aus dem Bann, den seine Augen gesprochen hatten, entreißen konnte und auf ihre Hand und seiner hinunterschaute.
„Womit?", fragte er heiser – war das wirklich seine Stimme?
„Marc, ich..."
„Komm", er nahm Hand, die eben noch auf Gretchens gezeichnet hatte und streckte sie ihr aus.
Sie zog ihre Stirn kraus: „Wohin?", sie schüttelte lächelnd den Kopf.
„Wir gehen spazieren", sagte er mysteriös, zwinkerte ihr zu und zog sie die letzten paar Stufen an ihrer Hüfte hinunter.
„Ich denke, wir brauchen beide frische Luft!", er machte eine kurze schnelle Bewegung mit seinem Kopf Richtung Haustür.
Abermals streckte er seine rechte Hand aus.
Als sie diesmal jedoch – zwar zögerlich – ihre Hand in seine legte, war ihr, als ob diese simple Berührung ihr komplettes Leben verändern würde...: „O-kay..."
