10. Gegenargumente

Eine ganze Weile starrten sie sich an, ohne von den Augen des anderen zu lassen. Noch immer hatte Severus seine Fassung nicht zurückgewonnen, so sehr er es auch versuchte. Er sah in Grangers Augen, die sein Spiegel waren, dass er ihr mehr sagte, als er wollte. Noch einen Moment zuvor war er nicht bei sich selbst gewesen und hätte sich die Erde aufgetan, er hätte nichts dagegen gehabt für immer darin zu verschwinden. Niemals hätte er sich vor irgendwem entblößt, und besonders nicht vor ihr, aber im Angesicht seiner größten Schwäche, hatte all das keine Bedeutung mehr gehabt. Irgendeine Form von Anstand oder Schamgefühl.

Er hatte ihr vertraut, als wisse sie genau, was zu tun war, um seine fiebrige Seele hinunterzukühlen.

Sie sah ihm an, dann auf ihre eigenen Hände. Sie wusste vermutlich selbst, dass er ihr vertraut hatte, in dem er sich ihr nackt gezeigt hatte, obwohl er sich eingeredet hatte, es sei eine gleichgültige Provokation gewesen. Es gab kaum einen größeren Vertrauensbeweis.

,,Das ist eine große Verantwortung, Granger."

Sie sah auf. Ihr Blick überflutete ihn. ,,Hermione."

,,Mein Leben in der Hand zu haben ist eine zu große Verantwortung." beharrte er.

,,Ich habe ständig Leben in der Hand, Sir. Und irgendwer rettet auch mir dauernd das Leben. So ist das. Wir retten uns alle ständig gegenseitig. Sehen Sie das anders?"

,,Ich sehe ein halbes Kind, Granger, das sich übernimmt."

,,Und eine Schülerin, die ihre Blauäugigkeit mit Leidenschaft verwechselt." erinnerte sie ihn trotzig. ,,Nein, Sir, sie haben keine Chance, mich loszuwerden oder mich umzustimmen. Ich werde nicht zulassen, dass Sie etwas falsches tun."

,,Ich habe Gegenargumente, Granger. Willst du Sie hören?"

,,Natürlich, aber ich denke nicht, dass Sie mich umstimmen werden."

Severus wandte seinen Blick und sammelte sich. Dann begann er zu er sprechen, nicht einfach so. Es hatte die Schwelle zum Todeswunsch übertreten müssen, und das war der weitestes Weg der Entblößung den man gehen konnte, dagegen erschien ihm das Erzählen wie eine Befreiung.

,,Seit ich klein bin habe ich davon geträumt ein Zauberer zu werden. Meine Eltern waren arm und der Traum meiner Mutter von der Zauberei leben zu können hat sich nicht erfüllt. Sie hatten oft Streit, aber wenn ich es im Nachhinein betrachte, haben sie jeden Tag gegen die Wut in sich gekämpft nicht das sein zu können, was sie wollten, und trotz allem haben Sie mir alles gegeben, was sie konnten. Ich habe sie gehasst, obwohl sie es nicht verdient haben. Jeden verdammten Tag habe ich den Brief aus Hogwarts herbeigesehnt, habe Nächte nicht schlafen können, weil ich mich aus dem Spinners End weg gewünscht habe. Dann als ich den Brief bekam, dachte ich, ich sei der Gosse endgültig entkommen, und ich hätte nun mein Schicksal selbst in der Hand. Als ich in Hogwarts ankam, war es wie ich es mir erträumt hatte, eine Fülle an Wissen, das ich selbst in sieben Jahren nicht auszuschöpfen in der Lage war, wie sehr ich mich auch angestrengt habe, und das habe ich, Grangers - ich wollte etwas ganz Großes werden. Aber ich musste schnell feststellen, dass die Grenzen auch in Hogwarts nicht verschwanden. Dass es auch dort Menschen gibt, die mit dem Gewissen auf die Welt kommen, dass sie oben stehen, und andere unter ihnen, so weit unten, dass sie ihnen die Schuhsohlen lecken müssen, wenn sie den Rest des Tages friedlich ihrer Wege ziehen möchten. So war es die ganze Jahre, und so habe ich mein Ding gemacht. Ein paar Mal versuchte ich mich zu wehren, doch jedes Mal habe ich den Ruf des Hauses Slyhterin in Verruf gebracht, und man hat mir einen hinterhältgen Charakter nachgesagt. Anfangs war es mir nicht egal, weil es mir gegen den Strich ging, dass man das Haus der Slytherins ständig diskreditierte, dann aber begann es mir zu gefallen, nicht gefällig zu sein, und mich nicht mehr anpassen zu müssen, an irgendwelche höheren Werte des Anstand oder der verlogenen Moral. Ich wollte immer noch groß werden. Ich habe mich auf dem Weg gewähnt etwas ganz besonderes zu werden. Lucius Malfoy hat mich unter seine Fittiche genommen, hat mir wieder Selbstvertrauen gegeben, und bald hat es keiner dieser Upperclass-Wichser mehr gewagt, über mich herzuziehen. Andere Dinge waren wichtig geworden. Dinge, wie Geisteshaltung und überragende Fähigkeiten. Dann machte ich meinen Abschluss und Slughorn schlug vor, dass ich meinen Meister in Zaubertränke machte. Er setzte große Hoffnung in mich, doch er hatte nicht damit gerechnet, dass ich zwar die Kunst des Brauens interessant fand, aber die Macht der Magie, die in Lucius Kreisen praktiziert wurde, überaus fazinierend. Es hat mich eingesogen, die Versammlungen, die Parties, das Gefühl elitär zu sein, geschätzt und Besonders, trotz meiner Herkunft. Ich war kaum neunzehn, da fragte mich Lucius, ob ich den größten aller lebenden Zauberer und einen großen Visionär kennenlernen wolle, mit dem seine Familie schon seit einiger Zeit verbunden sei. Ich sagte natürlich zu. Nichts war für mich erstrebenswerter, als die Aussicht auf eine gute Position unter dem größten aller lebenden Zauberer. Und so wurde ich in seine Kreise eingeführt. Ich war jung, und der Stolz dazu zugehören, wuchs immer mehr und sehr rasant. Es dauerte nicht lange, bis ich das Mal. Ich habe schon damals den Beginn meine Verderbens gespürt, als ich die Gedanken dieses Wahnsinnigen in meinem Kopf hatte, und diesen brennenden Schmerz in meinem ganzen Körper gespürt hatte. Aber ich war jung und ehrgeizig, es machte mir nicht mal etwas aus, mir die Hände schmutzig zu machen. Die Versammlungen, die Parties, Drogen, Frauen, all das mehrte sich immer mehr. Ich erzählte meinen Eltern nichts davon, denn sie hätten mich verstoßen, das wusste ich.

Bald schon fand der dunkle Lord Gefallen an meinem rhetorischen Talent und meine Überzeugungskünsten. Er trug mir auf Leute auszuspionieren. Dinge herauszufinden. Ich wusste, dass ich diese Menschen verriet, und sie ausliefert, aber der Eifer in mir, die Angst meine Status einzubüßen, und zuletzt auch das unmissverständliche Wissen, dass der einzige Rücktritt aus seinen Diensten der Tod war, trieben mich an. Zu Beginn war ich noch eingenommen von diesem Gefühl der Erhabenheit. Ich habe die Konsequenzen meiner Handlungen nicht wahrhaben wollen. Ich wusste, dass Menschen starben, qualvoll, durch meinen Verrat, meine Verhöre, meine Art die Dinge aus Menschen herauszubekommen, in denen ich ihnen Angst machte. Doch die Dinge ändern sich, wenn du schließlich mit aller Brutalität gezwungen wirst, die Augen zu öffnen, in die Augen derer zu sehen, die durch dich sterben, sie flehen und trotzdem krepieren zu sehen. Ich habe schnell gemerkt, dass ich eine Maschine werden muss, alles wegsperren, was mich angreifbar macht, und so habe ich es getan. Ich wusste der Zeitpunkt an dem ich selbst jemanden töten musste, würde kommen, und als er da war, da wollte ich leben und habe es getan, ohne auch nur einmal zu blinzeln. Ich war in diesem Moment kein Mensch, Granger. Und danach konnte ich nicht mehr zurück. Jahre habe ich auf diese Weise überlebt. Bis zu dem Zeitpunkt, wo der Punkt überschritten war, und Menschen sterben mussten, die mir wichtig waren."

Severus schmeckte wieder klebriges Salz an seinen Mundwinkeln.

,,Ich habe verraten, ausgeliefert und getötet, bis heute. Aber der Punkt, an dem mir mein Leben noch irgendetwas bedeutet, ist längst überschritten. Weil es kein Leben ist, Granger. Weil ich es hasse aufzustehen, weil ich es hasse zu unterrichten, weil ich es hasse, auf den Schlaf zu warten, auf den nächsten Versuch der anderen mich zu erheitern, und weil ich es am meisten hasse, so zu tun, als sei das ein Leben. Du siehst also, du hast nicht die geringste Ahnung, Granger."

Sie sah ihn lange und forschend an.

,,Und wollen Sie jetzt tun?" hörte er sie fragen ,,Ihr selbsternannter Henker sein?"

,,Auch wenn du denkst, ich würde mich selbst bis aufs Blut hassen, habe ich mir dennoch soviel Würde bewahren wollen, so zu sterben, wie es ich es will."

Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter. Nein, sie war keine Illusion.

,,Mit Ihrem Lieblingsgift?"

,,In Ruhe." erwiderte er mahnend. ,,Außerdem ist mein Lieblingsgift das der - ."

,,Tarantula." sagte sie schnell.

Seine Augen zuckten zusammen.

,,Ich habe nie behauptet, dich völlig zu kennen. Aber ein wenig schon. "

,,Nein, du bist eine wahnsinnige Stalkerin." murmelte er in sich hinein.

,,Severus?"

Er sah sie gebannt an. Sie hatte seinen Namen benutzt.

Wie schön sein Name klang, wenn sie ihn aussprach. Dabei hatte er seinen Namen nie gemocht.

Sie strich ihm eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Er sah ihre Angst vor Zurückweisung hinter ihrem milden Gesichtsausdruck.

,,Jetzt, in diesem Moment...sind Sie keine Maschine." flüsterte sie und nach einem weiteren kurzen Schweigen fügte sie hinzu ,,Danke, dass Sie es mir erzählt haben. Ein Unmensch könnte das nicht."