Hallo meine Süßen,

Es ist zwar kein Freitag mehr ---hüstel---, aber immerhin habe ich das Update diesmal mit nur einem Tag Verspätung geschafft ---yeah!---. Wir sind mit den Chaps ja nun in der Aufklärungsphase und ich hoffe, dass einige eurer Fragen beantwortet werden.

Mein Dank für die Reviews und die Geduld gehen an:

Zissy

He, ich hab dich gewarnt, also kann ich ja wirklich nix dafür, oder? Hoffe aber natürlich, dass du das Chap trotzdem ohne bleibende Alpträume überstanden hast ---zwinker---. Und ja, selbst Severus hat Gefühle, der gute Eisklotz muss halt nur aufgetaut werden ---rrrrrrrr---

Leni4888

---lach--- Das mit dem Lernen kenne ich, bei mir ist das halt so rum: Eigentlich sollte ich lernen, ach egal, schreibe ich halt noch ein bisschen ---lol---.

Zu Remus, na ja, er hat schon Schaden angerichtet, zumindest wenn man das aus dem Blickwinkel des Zaubereiministers sieht, dessen Ruf ist nämlich geschadet. Und Shacklebolt ist halt sauer, weil er denkt, er sei von Remus hinters Licht geführt worden. In Kriegszeiten blüht nun mal das Misstrauen und dass kriegt Remus hier zu spüren ---drop---.

Bulb

Na, hoffe, es geht so weiter ---zwinker---!

DANKE auch diesmal wieder an dich, Little Whisper, für das Betalesen ---knuddel---. Und hey, ich hab Neuigkeiten, habe grade die ersten 10 Seiten des nächsten Chaps geschrieben, endlich!

Also, genug geredet! Viel Spaß mit dem neuen Chap und hinterlasst mir doch ein paar Zeilen ---smile---. Bis nächste Woche

Eure Cassie

Chapter 9 - Aufgewacht

Bin unter Tränen aufgewacht

Hab über dieselbe beschissene Frage

2 Millionen Mal nachgedacht

(Glashaus - Wenn das Liebe ist)

Irgendwo zwischen den Zeiten

Aimsir hörte das leise Flügelschlagen vor der Hüttentür und reckte sich. Ein wenig steif vom langen Sitzen schüttelte er sich die Flügel aus und blickte auf die Seherin hinab. Noch immer war sie viel zu blass, ihre Haut wirkte wie dünnes Pergament und die dunklen Ringe unter ihren eingefallenen Augen machten Aimsir klar, dass es schlecht um sie stand.

Ein leises Geräusch ließ ihn aufhorchen und er sprang vom Kopfende des Bettes herab, auf welchem er nun schon seit Tagen Wache hielt. Ungelenk tappte er zur Tür, schob sich durch den schmalen Spalt nach draußen.

Er blickte sich blinzelnd um und entdeckte einen kleinen braunen Vogel auf dem Buchsbaum neben der Tür, welcher ihn mit übergroßen gelben Augen anstarrte. „Nein!" rief Aimsir erschrocken und wich zum Eingang der Tür zurück, als wolle er die Bewohnerin vor unbefugtem Eindringen schützen.

„Hallo, Aimsir." sagte der Steinkauz (---) mit fester Stimme und sprang auf den Boden, musste nun zu dem großen Raben aufsehen.

„Nein! Verschwinde! Sie wird nicht mit dir gehen!" rief Aimsir laut, plusterte sich zu seiner vollen Größe auf, wohl wissend, dass auch diese Geste nichts helfen würde.

„Ich bin nicht hier, weil ich es will… Skuld (------) schickt mich!" antwortete der Kauz, machte aber keinen Versuch näher an Aimsir heranzugehen.

„Es ist noch nicht soweit!" Aimsirs Stimme war leiser geworden, ein klagender Unterton offenbarte die Verzweiflung, welche in ihm brannte.

„Nein, noch nicht." sagte der Kauz.

„Wieviel Zeit hat sie noch?" murmelte der Rabe nach einem Moment des unbehaglichen Schweigens.

„Ich weiß es nicht, Aimsir. Ich bin nur hier, weil Skuld mich schickt…"

„Die Seherin wird sterben?" flüsterte Aimsir und schmerzhafte Trauer flutete sein kleines tapferes Herz.

„Ja. Wie wir alle. Doch… noch ist es nicht soweit, sie ist stark und vielleicht bin ich nur zur Warnung hier…"

Aimsir schwieg und blinzelte die aufkommenden Tränen hinfort. Obwohl er es wollte, konnte er dem Kauz keinen Glauben schenken. Nicht, dass der andere Vogel ihn willentlich angelogen hätte. Doch Skuld, die Norne, welche über Leben und Tod entschied, war ein launisches Weib.

So konnte Aimsir wieder nur warten.

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Hogwarts, Gang vor Snapes Büro

„Verschwindet!" blaffte Snape sie an und Harry rappelte sich so schnell es seine rasenden Gedanken zuließen auf. Hermine erschien an seiner Seite, griff ihm helfend unter die Arme.

Harrys Blick klebte an Malfoys lebloser Gestalt. Erneut rauschten Bilder seiner Visionen vor seinem inneren Auge vorbei, sein Herz begann zu rasen, Schweiß brach ihm aus allen Poren. „Was… was ist mit ihm?" hörte Harry sich sagen, wehrte sich unbewusst gegen Hermines fester werdenden Griff.

„Harry…" Ron tauchte in seinem Blickfeld auf, legte ihm eine Hand auf die Brust und versperrte ihm gleichzeitig den Blick auf Snape und Malfoy. ‚Nein', dachte Harry, ‚Nein, das ist nicht richtig! Irgendwas ist nicht richtig, es…' Mit wachsender Intensität kämpfte er gegen Hermine und Ron an.

Snape erhob sich mit dem jungen Slytherin auf dem Arm, leblos baumelten Malfoys Kopf und Arme bei jeder von Snapes Bewegungen. „ICH SAGTE VERSCHWINDET!" schrie Snape sie an, ging, so schnell es die Last auf seinen Armen zuließ, zurück in seine Gemächer.

Ron und Hermine zogen Harry fort. Als eine Tür hinter ihnen ins Schloss flog, wandte Harry sich noch einmal um, starrte auf das abgenutzte Holz und hörte seine eigene Stimme erneut rufen. „DRACO!"

Ein Schauer überlief ihn und Harry war verwundert über die Resonanz seiner Gefühle. Was war nur mit Malfoy geschehen? Und was war es, dass ihn so außer Fassung brachte?

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Zaubereiministerium

„Diggel, auf ein Wort." herrschte Scrimgeour den Auroren an, während er an ihm vorüberhastete, seinen keuchenden Assistenten Tim auf den Fersen.

Dädalus warf Hestia einen fragenden Blick zu, welche der Minister mitten im Satz unterbrochen hatte. Sie zuckte nur mit den Schultern und riet ihm Scrimgeour zu folgen, denn ob Dädalus wollte oder nicht, der Minister hatte ihn zu Kingsleys Nachfolger gemacht.

Dädalus seufzte, gab Hestia absichtlich langsam seine Aktentasche und machte sich auf den Weg in das Büro des Zaubereiministers. Vor Scrimgeours verschlossener Tür zögerte er, die Hand schon in der Luft um zu klopfen.

Schließlich gab er sich einen Ruck, pochte an die alternde Holztür und trat ein, ohne auf eine Erlaubnis zu warten.

„Diggel!" schnauzte Scrimgeour gereizt, schickte seinen Assistenten mit einer wedelnden Handbewegung fort, welche Dädalus an das Fortscheuchen einer lästigen Fliege erinnerte. „Diggel, ich warte noch immer auf meinen Bericht."

Nun war Dädalus wirklich überrascht. „Welchen Bericht?"

„Gibt es etwas neues von Dumbledore?" Scrimgeour nahm ein Glas von seinem Assistenten entgegen und Dädalus hätte sein Jahresgehalt darauf verwettet, dass der durchsichtige Inhalt verzauberter Whiskey war.

„Ja." antwortete Dädalus scheinbar ruhig. Er unterdrückte ein fieses Grinsen, als Scrimgeour mitten in der Bewegung innehielt und ihn fassungslos anstarrte.

„Es gibt Neuigkeiten von Dumbledore?" wiederholte Scrimgeour fassungslos und wirkte mit den vor Erstaunen aufgerissenen Augen mehr wie ein Kind vor einem Weihnachtsbaum als ein Zaubereiminister in Amt und Würden.

„Ja. Dumbledore ist tot. DAS ist doch eine Neuigkeit, oder?" blaffte Dädalus und machte sich nicht mehr die Mühe auch nur den Hauch des ohnehin nicht empfundenen Respekts in seine Worte zu legen.

Scrimgeour blieb erstaunlich gelassen angesichts der Unverschämtheit des neuen Leiters der Aurorenabeteilung. „Nun, sie wissen, was ihre Aufgabe ist, Diggel."

Dädalus schwieg.

„Und ich rate ihnen, erfüllen sie sie gewissenhaft, anderenfalls sehe ich mich veranlasst eine Beschwerde gegen sie vor den Zaubergamot zu bringen."

„Aus welchem Grund? Weil ich ein Gespenst nicht dingfest machen kann?"

Scrimgeour stellte das Glas behutsam auf der Platte seines Schreibtisches ab, ängstigte mit seiner unerwartete Ruhe den armen Tim beinahe zu Tode. „Ich denke, Hochverrat nennt sich der Tatbestand, Diggel. Und sie wissen natürlich, welche Strafe darauf steht!"

„Askaban." antwortete Dädalus nicht sonderlich beeindruckt. Selbst Scrimgeour würde nicht soweit gehen und einen seiner Auroren nach Askaban bringen lassen, dazu war das Ministerium einfach zu unterbesetzt und Scrimgeour brauchte jeden Mann um die Angriffe der Todesser nicht noch weiter…

„Genau. Askaban, Dädalus. Aber nicht für sie! Sondern für ihre Familie! Ihre Frau, ihre Kinder, sogar ihre Mutter!" säuselte Scrimgeour so leise, dass Dädalus einen schrecklichen Augenblick lang dachte er hätte sich verhört. Einzig der eindeutig wahnsinnige Ausdruck in Scrimgeours rotgeränderten Augen und Tims entsetzter Gesichtsausdruck machten ihm klar, dass der Zaubereiminister tatsächlich gerade versuchte ihn zu erpressen.

„Wir haben uns verstanden, Diggel?" hakte Scrimgeour nach.

„Ja." presste Dädalus wütend heraus und verließ mit Laufschritt den Raum, sobald Scrimgeour ihm mit einem dieser widerlich uninteressierten Handbewegungen hinausgeworfen hatte.

Was der Zaubereiminister nicht wusste war, dass Dädalus Diggel nicht vorhatte sich von irgendjemandem erpressen zu lassen. Einzig Tim ahnte, dass der Minister gerade ein weiteres Bein seines Stuhles abgesägt hatte und nun gefährlich wankend über dem Abgrund schwebte. Tim fragte sich, ob Rufus Scrimgeour es wert war mit ihm unterzugehen…

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Askaban

Remus zitterte.

Noch immer konnte er nicht wirklich begreifen was geschehen war. Wie um Himmels Willen hatte es soweit kommen können, dass er hier war. In Askaban? In einem Gefängnis für Todesser, Mörder, Schwarzmagier? Er hatte doch nur helfen wollen. Als eine der malfoyschen Hauselfen bei ihm erschien und mit verstörter Stimme vortrug, dass Severus Snape sie schickte, hatte Remus keinen Moment an ihren Worten gezweifelt. Severus war nicht umsonst eng mit Lucius befreundet und selbst Lord Voldemort dürfte keinen Verdacht schöpfen, wenn die beiden Männer sich auch in ihrem Leben außerhalb des Zirkels trafen. So hatte er nicht gezögert, die Schreckensmeldung von Todessern in der Winkelgasse in das Ministerium zu tragen, in der Hoffnung, dass die Auroren ein Blutbad verhindern könnten. Aber irgendetwas war entsetzlich schief gelaufen.

Nach allem, was Remus den spärlichen Informationen der Wachen entnehmen konnte, war der angebliche Angriff in der Winkelgasse ausgeblieben. Stattdessen hatte das unerwartete Auftauchen der Auroren für ordentlich Wirbel im Ministerium gesorgt und er vermutete, dass man händeringend nach einem Schuldigen gesucht hatte. Nun, Remus Mund verzog sich zu einer Grimasse, einen Schuldigen hatte man ja gefunden, denn warum sonst hätte man ihn nach Askaban schicken sollen. Ohne Anhörung? Ohne Verhandlung? Ohne die Möglichkeit sich zu erklären?

Remus' Gedanken wurden durch ein leises Geräusch unterbrochen. Seine feinen Sinne verrieten ihm die Schritte, lange bevor irgendeiner der anderen Insassen sie vernahm. So schnell es die Enge seines Gefängnisses zuließ, verkroch er sich in den hintersten Winkel seines Verlieses. Aufstehen konnte er nicht, die Decken verhinderten alles, was einem aufrechten Gang auch nur im Entferntesten geähnelt hätte.

Stimmen schlossen sich den Schritten an. Nun hatten auch die Anderen bemerkt, dass jemand kam und die vereinzelten leisen Unterhaltungen erstarben. Es schien, als würden selbst die Steine die Luft anhalten.

Der beißende Geruch von Angst stieg in Remus' Nase. Er hätte nicht sagen können, ob der Gestank von ihm oder von dem Stein kam, an welchen er sich schmiegte. Die Verliese selbst schienen die Ausdünstungen von Hunderten ihrer Insassen aufgenommen zu haben, schienen zu atmen, zu leben, ebenso ängstlich die Luft anzuhalten, wie die Gefangenen.

Remus wusste, dass es drei der Wärter waren. Er erkannte ihren Geruch und drängte sich noch tiefer in das Dunkel seines Verlieses.

Er wusste nicht mehr, wie lange er schon in Askaban war, die ständige Dunkelheit ließ einen sehr schnell jedes Zeitgefühl vergessen. Hinzu kamen die regelmäßigen Besuche der Dementoren, welche ein normales Wesen schon längst auf ein kümmerliches Sein reduziert hätten. Allein der Werwolf in ihm konnte sich gegen diese Übergriffe wehren. Zum ersten Mal im Leben empfand Remus seine Wölfigkeit nicht als Fluch.

Als man ihn in die Katakomben von Askaban warf, hatte Remus damit gerechnet, dass man ihn in magische Ketten band, ihm Eisenkraut zu essen geben würde oder zumindest die Gitterstäbe versilbern würde. Doch nicht eine dieser Maßnahmen wurde ergriffen um auch einen Werwolf in Schach halten zu können. Und so überlebte Remus dank des Tieres in ihm. Er überlebte die Dementoren und mehr noch, der Wolf hielt den Wahnsinn davon ab, von seinem Geist Besitz zu ergreifen.

Dennoch hatte ein tiefes Entsetzen von ihm Besitz ergriffen, als er verstand, dass das Ministerium in diesen Zeiten keinerlei Kontrolle mehr über Askaban hatte. Weder über Askaban, noch über die Dementoren. Das Entsetzen wuchs ins Unermessliche, sobald Remus begann sich vorzustellen, dass die Dementoren unkontrolliert über die Zaubererwelt hereinbrechen könnten.

Beinahe noch schlimmer als die Dementoren waren aber die menschlichen Wärter. Sicherlich waren die Dementoren noch immer die schauerlichsten Geschöpfe, doch waren sie eben nur das. Geschöpfe, nicht viel mehr als instinktgetriebene Tiere, welchen es schlichtweg nicht möglich war etwas wie Mitleid oder Nächstenliebe zu empfinden. Die Wärter jedoch… die Wärter waren Menschen… und rationell gesehen grausamer als jeder Dementor.

Galt Askaban schon immer als das schrecklichste Gefängnis der Zaubererwelt, allen voran wegen der Dementoren, so war es nun ein Ort ohne Wiederkehr. Das Ministerium hatte keine Kontrolle mehr über die Dementoren, daher schickte es die menschlichen Wärter. Welche wiederum nicht einmal den Versuch unternahmen die Dementoren, jetzt, wo sie offiziell dem dunklen Lord dienten, von Askaban fernzuhalten. Remus wusste, dass er nach Askaban gebracht worden war um zu sterben. Um zu sterben und um vergessen zu werden.

Er begriff noch immer nicht wirklich, wie Shacklebolt ihm das antun konnte, denn wer sonst hätte so einen Befehl geben sollen? Und Alastor? Wieso hatte er ihm nicht geholfen? Wieso hatte er nicht gesagt, woher sie die Informationen hatten? Wieso?

Die Schritte blieben nur unweit von seinem Verlies stehen, Ketten rasselten und das gedämpfte Keuchen einer weiteren armen Seele, welche in die Gruft geschmissen wurde erklang. Remus lauschte einige Minuten bis die Schritte der sich entfernenden Wärter selbst für sein feines Gehör verklungen waren.

Nur Sekunden später wurde ihm furchtbar kalt und er wusste, dass die Dementoren kamen um dem neuen Gast in den Verliesen einen Besuch abzustatten. Remus kämpfte gegen das Verlangen an zu schreien. Er wollte schreien, toben, um sich schlagen und jedem einzelnen der vom Ministerium angeheuerten Wärter das Herz aus der Brust reißen.

Doch neben dem Zorn erwachte noch etwas anderes in ihm. Der Wolf und das Wissen, dass er seine Rache bekommen würde. Bald… bald schon würde seine Zeit kommen. Remus hatte nicht vor in Askaban zu sterben. Und ganz und gar nicht würde er vergessen werden. Seine Zeit war nah.

Der Vollmond war nah.

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Hogwarts

„Harry! HARRY!" Hermines Stimme drang nur gedämpft zu ihm durch. Er stolperte, wurde von Hermine und Ron gehalten, sonst wäre er gestürzt. Noch immer hielt er den Blick nach hinten gerichtet, obwohl er Snapes Tür schon lange nicht mehr sehen konnte.

„Was ist mit ihm?" erklang Rons Stimme an seiner anderen Seite, Besorgnis schwang darin mit.

„Wenn ich das wüsste…" antwortete Hermine.

„Sollen wir ihn auf die Krankenstation bringen?" schlug Ron vor.

„Nein, wer weiß, was Pomfrey ihm wieder einflößt…" antwortete Hermine, dann, nach einem Augenblick, den sie brauchte um zu entscheiden, wo sie am sichersten wären, flüsterte sie: „Bringen wir ihn in den Raum der Wünsche."

Ron widersprach nicht und Harry ließ sich widerstandslos mitziehen. Er begriff noch immer nicht, was eigentlich vor sich ging. Er dachte an Malfoy… ob er tot war? Er sah so … leblos aus… verdreckt und blass und… leblos…

Ron schien ähnliche Gedanken zu haben, während er Harry festhielt, als Hermine mit verkniffenem Gesichtsausdruck dreimal vor dem noch verborgenen Eingang zum Raum der Wünsche auf- und abging. „Möchte mal wissen, was mit Malfoy passiert ist…"

Hermine antwortete erst, als die schwere Holztür erschien und sie sicher im Raum der Wünsche waren. „Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich das gar nicht wissen will."

Knisterndes Kaminfeuer empfing sie, wärmte augenblicklich Harrys Wangen und brachte seinen Geist zurück. „Es geht wieder, lasst mich los." verlangte er.

Ron lockerte seinen Griff, doch Hermine zog ihn unerbittlich zu einer monströsen Couch vor dem Kaminfeuer und zwang ihn, sich zumindest darauf zu setzen. „Ich denke, es wäre besser, wenn du dich vielleicht hinlegen…"

„Nein, Hermine, schon gut, danke! Ehrlich, es geht wieder."

„Was ja nicht zum ersten Mal eine Lüge wäre." kommentierte Hermine trocken und ließ eine Saftkaraffe und drei Krüge erscheinen. Geschäftig goss sie ein. Ron setzte sich neben Harry. Hermine gab jedem von ihnen einen Krug, behielt den letzten selbst in der Hand.

„Trink." kommandierte sie.

Harry tat wie ihm geheißen, wenn auch weniger weil er tatsächlich Durst hatte, als getrieben von dem Wunsch, Hermine von ihrem wir-bemuttern-Harry-Modus abzubringen. Hermine beobachtete ihn einige Momente versonnen. Harry nahm den Becher von den Lippen und sie stellte die Frage, von der Harry gehofft hatte sie umgehen zu können. „Wieso hast du Malfoy beim Vornamen genannt?"

Harry verschluckte sich beinahe und musste sich beherrschen, nicht mit einem sarkastischen: ‚Das frage ich mich nun auch schon seit Tagen, zu antworten.

Ron riss überrascht die Augen auf: „Du hast was? Wann?"

„Blöde Frage, Ron, eben grade als er vor ihm stand?" Hermine schürzte kritisch die Lippen.

„Äh…" machte Harry, nicht wissend, was er antworten sollte. Bis jetzt hatte er den Teil seiner Visionen, in denen es um Malfoy ging ja geflissentlich verschwiegen. „Keine Ahnung… hab ich das? War bestimmt der Schreck ihn so zu sehen."

„Möchte mal wissen, wo er herkam, so dreckig wie er war." sagte Ron nachdenklich.

„Und was hat Malfoy zu dir gesagt?" fuhr Hermine fort.

Harry war froh, wenigstens diese Frage ehrlich beantworten zu können: „Er hat mich gefragt, ob ich mich erinnere."

„Das heißt, er wollte genau das mit dem Trank erreichen." schlussfolgerte Hermine schnell.

Harry nickte.

„Die Frage ist dann nur noch, WARUM er das wollte."

„Nein, die Frage ist eher, warum ausgerechnet Malfoy offensichtlich nicht von diesem Zauber betroffen ist." warf Ron ein, nippte nachdenklich an seinem Krug.

Hermine sah ihn lange an, bevor sie antwortete: „Offensichtlich war er das ja auch nie, sonst hätte er Harry den Trank nicht geben können."

„Aber warum nicht? Und wieso hilft Malfoy mir, mich wieder zu erinnern?" Harry trank ebenfalls einen Schluck Kürbissaft. Das Getränk war zu warm und so schüttelte er sich angewidert, bevor er den Krug wegstellte.

„Ich fände es interessanter zu erfahren, WER genau hinter diesem Zauber steckt und wer betroffen ist und wer nicht." sagte Hermine.

„Die Lehrer wissen Bescheid… Madam Pomfrey mit Sicherheit auch…" begann Ron aufzuzählen.

„Und die Schüler?" hakte Harry ein.

Hermine schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, die Schüler nicht, jedenfalls niemand außer Malfoy und uns."

„Bei Fred und George bin ich mir nicht sicher…" gab Harry zu bedenken. Ron machte ein unglückliches Gesicht. „Warum sollten sie jemandem dabei helfen uns hier einzusperren…?" Harry wusste keine Antwort darauf.

„Was uns gleich zur nächsten Frage bringt, WARUM verhängt irgendwer einen Zeitzauber über einen Haufen Schüler? Was haben die denn davon? Und vor allen Dingen, wieso schalten sie Harry aus und damit denjenigen, der Lord Voldemort im Endeffekt ja töten soll?"

„Es sei denn…" Harry stockte, überlegte, ob er diesen Gedanken tatsächlich aussprechen sollte. Er kam zu dem Schluss, dass er kaum eine andere Wahl hatte. „Es sei denn… jemand will mich ausschalten und so dafür sorgen, dass Voldemort ungehindert die Macht über die Zauberwelt an sich reißen kann."

„Harry, Mann, deine Bedeutung für unsere Welt in allen Ehren, aber ungehindert kann Voldemort selbst ohne dich nicht alles machen, wir haben immerhin noch die Auroren und den Orden…" Ron lächelte entschuldigend und wurde ein wenig rot um die Nasenspitze, als Harry ihn grüblerisch anschaute.

„Jaaa, weil es ja bisher ja auch so super funktioniert hat mit all den Auroren und Orden und was weiß ich noch alles… deshalb ist Voldemort ja auch gar nicht dabei eine neue Armee oder so aufzubauen…" konstatierte Hermine sarkastisch.

Ron senkte etwas verlegen den Blick. „So meinte ich das doch gar nicht…"

„Ich weiß, was du meinst, Ron, schon gut. Vielleicht sollten wir erst einmal herausfinden, wer dahinter steckt, bevor wir anfangen uns über das Motiv Sorgen zu machen." sagte Harry schließlich.

„Das Ministerium?" schlug Ron vor.

„Da müsste ich ja wieder fragen, was sie davon haben." meinte Hermine nachdenklich, stellte nun ebenfalls ihren Krug weg und lehnte sich gegen eines der weichen Sofakissen.

„Der Orden?"

Hermine machte eine Handbewegung, die andeutete, dass auch hier dasselbe galt. Warum wollte jemand Harry aus dem Weg räumen?

Harry kam auf eine noch wesentlich schlimmere Möglichkeit: „Was ist wenn wir einen Spion im Orden haben?"

Hermine machte ein fragendes Geräusch.

Harry zuckte die Schultern. „Na, überlegt mal, ich kann mich an nichts erinnern. Malfoy schon. Unsere Feindschaft ist kein Geheimnis, es würde also kaum auffallen, wenn das jemand ausnützt. Wenn Malfoy mich umbringen sollte, würde es doch gut ins Bild passen, dass er als Einziger bei Sinnen ist."

„Mag sein, aber das erklärt dann nicht, warum die Lehrer involviert sind." widersprach Hermine.

„Und immerhin hat Malfoy dich nicht vergiftet mit dem Zeugs in der Phiole, sondern dafür gesorgt, dass du dich erinnerst… scheiße, verteidige ich hier grad Malfoy?" trotz der merkwürdigen Situation mussten Harry und Hermine über Rons betretenes Gesicht lachen.

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Hogwarts, Snapes Privatgemächer

Severus öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer leise und spähte hinein. Erleichtert stellte er fest, dass Draco ihm den Kopf zuwandte und ihn ansah. Severus schob die Tür vollständig auf und trat ein, setzte sich nach einem Augenblick des Zögerns auf die Bettkante.

„Schön, dass du wieder wach bist… hast du Schmerzen?" fragte er ungewohnt weich.

Draco schüttelte den Kopf, setzte sich mit vorsichtigen Bewegungen auf, die seine Geste Lügen straften. Severus beschloss ihm später einen Trank gegen Schmerzen unterzujubeln, freiwillig würde Dracos falscher Stolz verhindern, dass er derartige Mittel einnahm. Severus verfluchte Lucius' verdammte Erziehung.

„Seit…" begann Draco mit krächzender Stimme, räusperte sich dann, bevor er fortfuhr, „…seit wann bin ich hier?"

„Nicht lange, ein paar Stunden… hast du Hunger?"

Draco schien zu überlegen, nickte aber dann doch. Severus zog seinen Zauberstab aus seinem Umhang hervor und ließ ein gut gefülltes Tablett auf der Bettkante erscheinen. Draco jedoch griff nur zögernd nach einem Stück trockenen Brotes.

„Trink zuerst etwas." meinte Severus, griff aus einer Eingebung heraus nach dem Kürbissaftkrug und führte ihn Draco an die Lippen.

Der gesenkte Blick des Jungen verriet Severus, wie unangenehm diesem die Geste war. Severus jedoch kannte sich mit den Verletzungen, die er in den letzten Stunden bei Draco behandeln musste, gut genug aus um zu wissen, dass ihm momentan einfach die Kraft fehlte den Krug selbst zu halten. Kommentarlos wartete er, bis Draco getrunken hatte. Er stellte den Krug zurück auf das Tablett.

„Ich bin froh, dich zu sehen, Draco."

Der Angesprochene brachte ein kläglich wirkendes Lächeln zustande. „Ich habe nicht mehr damit gerechnet…"

Betroffenheit machte sich in Severus bei diesen Worten breit. „Ich weiß." antwortete er leise.

Schweigend biss Draco in sein Brot.

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Hogwarts, Raum der Wünsche

„Was machen wir denn jetzt?"

Harry schaute Ron an und gähnte unvermittelt. „Wenn ich das wüsste. Wir müssen zuerst rauskriegen, ob noch jemand Bescheid weiß, von den Schülern meine ich."

Hermine nickte. „Stimmt, obwohl ich noch immer denke, dass es sonst niemand weiß… Aber wir sollten sichergehen."

„Ist euch aufgefallen, wie viele nicht nach Hogwarts zurückgekehrt sind?" fragte Harry leise. Ron und Hermine nickten. „Und dann ist da ja noch die Sache mit den Hauselfen und den Geistern."

„Wieso, was ist denn mit denen?" fragte Ron verdutzt. Hermine grinste. „Sie sind weg, Ron, sag jetzt nicht, dass dir das nicht aufgefallen ist."

„Naja, um ehrlich zu sein… nein."

Hermine schüttelte den Kopf, auch wenn ihrer Empörung die Schärfe fehlte. „Nicht zu glauben, dieser Mann!"

„Wie kriegen wir das raus? Ich meine, wir können schlecht jeden Schüler so überfallen wie Malfoy mich und in ner Besenkammer zur Rede stellen."

„Malfoy hat dich in ne Besenkammer geschleppt?" Rons Augen wurden groß, wobei Harry noch nicht sicher war, ob vor Überraschung oder vor Abscheu bei dem Gedanken mit Malfoy in einem derart kleinen Raum eingesperrt zu sein.

„Ja, hat er, ist aber nicht wichtig! Wie kriegen wir…"

„Die DA!" warf Hermine ein.

„Hä?" machte Ron, noch immer gedanklich bei der Vorstellung, dass Malfoy Harry tatsächlich ernsthaft hätte schaden können, wenn er es gewollt hätte. Was er offenbar nicht wollte. Aber warum wollte er es nicht? Ron bekam allmählich Kopfschmerzen.

„Wir rufen die DA zusammen und schauen, ob sich einer von ihnen erinnern kann." Hermine legte die Stirn in Falten. „Obwohl… na, wahrscheinlich schlafen alle ein, wenn wir nur versuchen über die wichtigen Dinge zu reden."

„Immerhin wissen wir dann, wer unter dem Zauber steht und wer nicht. Wer einschläft ist sauber, wer wach bleibt …" Harry ließ die Erwiderung vielsagend unbeendet. Ihm fiel ein, dass Fred und George ebenfalls zur DA gehörten. So könnte er schnell herausfinden, ob die Zwillinge ihn tatsächlich hintergangen hatten. Er nickte schließlich, als sein Entschluss feststand. „Ja, eine gute Idee."

„Ich kümmere mich drum." sagte Hermine mit entschlossener Miene.

„Ich muss mit Malfoy reden." stellte Harry unzusammenhängend fest.

„Ich glaube kaum, dass Snape dich näher als 50 m an ihn ran lässt." gab Hermine zu bedenken, dann, nach einem zögerlichen Moment fuhr sie leiser fort: „Ich hab Snape noch nie so besorgt gesehen."

„Könnte daran liegen, dass wir Malfoy vorher auch nie so gesehen haben." schlug Ron in dem kläglichen Versuch vor, die Stimmung etwas aufzulockern. Hermine schnitt eine unwillige Grimasse.

„Nun, heute erwische ich ihn sicherlich nicht, aber vielleicht in den nächsten Tagen…" Harry kratzte sich an der Stirn.

„Gehen wir schlafen, heute können wir sowieso nichts mehr ausrichten." beschloss Hermine letztlich und erhob sich. Weder Ron noch Harry hatten Einwände.

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Hogwarts, Snapes Privatgemächer

„Nun sag schon."

„Bitte?" Severus hob erstaunt den Blick und sah die Andeutung eines Grinsens auf Dracos Gesicht. Es erleichterte ihn, dass der Junge sich offenbar erholte. Noch vor wenigen Stunden dachte Severus, dass er es nicht schaffen würde. Eine Angst hatte von ihm Besitz ergriffen, die er schon vergessen glaubte, während er Dracos leblosen Körper in seine Gemächer geschafft hatte. Zu sehr erinnerte ihn diese Situation an… Severus schüttelte unwillig den Kopf um die unwillkommenen Erinnerungen zu vertreiben.

Er wusste, dass sie eigentlich keine Zeit verlieren durften, auch wenn er Draco gern noch ein wenig mehr Ruhe gegönnt hätte, bevor er ihm die Hiobsbotschaft überbrachte. „Hör zu, Draco, ich würde damit gerne noch warten, bis du wieder zu Kräften gekommen bist…" versuchte er ein letztes Mal das Unvermeidliche noch etwas aufzuschieben. Doch er hatte Dracos Hartnäckigkeit unterschätzt. Einmal mehr.

Draco schluckte etwas schwerfällig die letzten Reste seines Brotes hinunter und lehnte sich zurück. Nach einigen Tagen des Hungerns rumorte selbst diese einfache Speise in seinem Leib. „Sag schon."

Severus stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken, für Draco ein sicheres Zeichen seiner Nervosität. Die feinen Härchen auf seinen Armen richteten sich auf und er setzte sich aufrechter hin.

„Es ist einiges geschehen, während du… initiiert worden bist." begann Severus sanft. Draco schwieg und so blieb Severus nichts anderes übrig als fortzufahren. „Die Truppen gehen in Stellung und…" er blieb stehen um Draco ins Gesicht sehen zu können. „Ich kann nicht mehr zurückgehen."

Draco blinzelte und Severus sah ihm an, dass er versuchte zu verstehen, welche Konsequenzen dies für ihn haben würde.

„Aber… wir brauchen doch die Informationen… woher soll der Orden denn jetzt… Scheiße." fasste Draco die Situation ziemlich treffend zusammen.

„Es wird auch ohne einen Informanten aus dem Inneren Kreis gehen müssen. Schwieriger zwar, aber es wird schon funktionieren." sagte Severus, klang selbst in seinen Ohren wenig überzeugt und wenn er ehrlich war, ziemlich kläglich.

Entsprechend fiel auch Dracos Antwort aus. Er schnaubte: „Behandele mich nicht wie ein Kind, Severus! Wir wissen doch beide, dass du lügst."

Severus hielt eine Erwiderung für überflüssig. Er schaute Draco nur stumm an, bevor er seinen Weg der Unruhe wieder aufnahm. „Desto wichtiger ist es jetzt, dass du dich an den Plan hältst. Was hat Potter vorhin zu dir gesagt?"

Dracos Augen verengten sich zu Schlitzen. „Nichts." antwortete er fest. Severus blickte ihn forschend an, doch Draco wusste, dass seine Miene nichts verriet. Nach der Initiation war er an einem Punkt angelangt, an dem selbst ein Severus Snape ihn nicht mehr ohne Weiteres durchschauen konnte.

„Sicher." sagte Severus in einem Tonfall, der mehr als klarstellte, dass er Draco nicht glaubte. Draco zeigte keine Reaktion und so hielt Severus es für nötig, ihm noch einmal seinen Platz in der Geschichte vor Augen zu halten.

„Draco! Bitte, du weißt doch, wie wichtig es ist, dass du dich von ihm fernhältst. Weiß der Henker warum, aber wie es aussieht, reagiert Potter auf dich mit Erinnerungen und eine noch höhere Dosis des Trankes kann ich ihm nicht einflößen, ohne dass sein Hirn als Nebenwirkung in Brei verwandelt wird."

Draco senkte den Blick und antwortete das, was Severus hören wollte: „Ich weiß. Und ich habe dir doch schon bei unserer letzten Unterhaltung gesagt, dass ich mich von ihm fernhalten werde." Das grimmige Lächeln, welches er sich mit aller Macht verbeißen musste, sah Severus nicht. Ebenso wenig wie er wissen konnte, dass Dracos Satz in seinen Gedanken mit den Worten endete: …aber ich werde ihn nicht mehr anlügen, wenn er mich fragt.

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Hogwarts, Büro der Schulleiterin

Am nächsten Tag wurde Minerva in aller Merlinsfrühe aus dem Schlaf gerissen. Es klopfte energisch an ihre Tür. Nicht gerade damenhaft fluchend zauberte sie sich das Haarnetz aus der Frisur und schlüpfte in ihren karierten Morgenmantel. Sie rechnete mit der zierlichen Gestalt Lilith Dumbledores und riss erbost die Tür auf.

Mit einem fast 2 m großen und alles andere als zierlichen Kingsley Shacklebolt rechnete sie jedoch nicht.

„Kingsley… was tun sie hier um diese Uhrzeit… und wie haben sie uns gefunden?" brachte Minerva sichtlich verwirrt heraus.

„Darf ich hereinkommen?" fragte Kingsley mit ernster Miene.

Minerva trat zur Seite und ließ den Auroren ein. Sie bemerkte, dass Kingsley nicht den üblichen dunkelbraunen Aurorenumhang trug, sondern einen etwas abgetragen wirkenden Reiseumhang. Bevor Minerva weitere Fragen stellen konnte, brachte Kingsley sie in knappen Worten auf den neuesten Stand.

Minerva setzte sich schwer auf die Kante ihres Bettes. „Rufus denkt tatsächlich, dass Albus noch am Leben ist… aber das ist kompletter Blödsinn!"

„Das wissen wir alle, Minerva. Nun, es ist egal, ich bin auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Können sie das glauben? Die Angriffe der Todesser nehmen tagtäglich zu und Rufus denkt tatsächlich, dass er es sich erlauben kann auch nur einen einzigen Mann zu beurlauben…"

Einen Augenblick schwiegen sie, bevor Minerva auf die Frage zurückkam, welche es noch zu klären galt. „Wie haben sie uns gefunden, ich meine…"

„Oh, ganz so einfach war es nicht. Ein Hauself kam zu mir um über Remus Lupin zu sprechen… als ich ihm sagte, dass ich nichts mehr dagegen tun kann, weil ich keinen Zutritt mehr zum Ministerium habe, schickte er mich nach Hogwarts."

„Dobby." sagte Minerva. Kingsley nickte.

„Er hat mir nicht viel mehr gesagt, nur, dass ich nach Hogwarts kommen soll und vor allen Dingen, wie ich hierherkomme. Es wäre nett, wenn sie mir sagen könnten, was hier vor sich geht, Minerva! Wieso glaubt alle Welt, dass Harry Potter und sämtliche Schüler Hogwarts verschwunden sind? Wieso ist Hogwarts einerseits wieder geöffnet, andererseits aber nur durch ihre Portschlüssel erreichbar und was zum Henker bezwecken sie mit diesem Schmierentheater?" Kingsley merkte, dass er begann sich in Rage zu reden und atmete tief ein.

Allerdings fand er seine Reaktion doch verständlich angesichts der Tatsache, dass urplötzlich ein Elf in seinem Haus aufgetaucht war und mit tränenerstickter Stimme verlangte, Remus Lupin aus Askaban zurückzuholen. Gleichzeitig hatte der Elf ihm offenbart, dass nichts von dem zu stimmen schien, was das Ministerium glaubte zu wissen. Die Geschehnisse der letzten Tage warfen ein völlig neues Licht auf alles, was er sich zusammengereimt hatte. Voldemort hatte definitiv nichts mit dem Verschwinden des Auserwählten und der Hogwarts-Schüler zu tun! Sie waren ja nicht einmal verschwunden, lediglich… nun ja, von der Außenwelt abgeschirmt.

„Ich fasse die lange Geschichte in einem Wort zusammen: Albus." antwortete Minerva und seufzte, strich sich eine Strähnen ihres unfrisierten eisengrauen Haares hinter das Ohr.

„Also hatte der Minister Recht und Albus steckt hinter dem Ganzen?"

„In gewisser Weise ja. Er hat vor seinem Tod, sagen wir, gewisse Vorkehrungen getroffen."

„Was ich noch nicht ganz begreife, ist - warum jetzt? Warum nicht direkt nach seinem Tod?" Kingsley runzelte die Stirn.

Minerva hob zum Zeichen ihrer Unkenntnis die Schultern. „Das weiß keiner von uns. Es scheint, als habe Albus einen gewissen Zeitraum festgelegt, in welchem das Ganze passieren soll…"

„Sie meinen, in welchem Voldemort vernichtet sein sollte?"

Wieder zuckte Minerva mit den Schultern. „Es ist nur eine Vermutung, welche wir niemals abschließend werden klären können… zumindest wäre es ein Grund dafür, wieso das ganze erst jetzt geschieht."

„Sie meinen, Albus hat den Zauber oder was auch immer vor seinem Tod installiert und der ging urplötzlich von alleine los?" Kingsley fuhr sich mit seiner Hand durch den Nacken.

„So unglaublich es klingen mag, aber ja. Ich, genau wie alle anderen Lehrer, erhielten einen Brief, in welchem Albus uns aufforderte Hogwarts wieder zu eröffnen, koste es, was es wolle. Notfalls auch hinter dem Rücken des Ministeriums. Zuerst hielten wir es für einen perversen Scherz, wer hätte das nicht? Jedenfalls habe ich mich mit den anderen Lehrern getroffen und Severus Snape gehörte auch dazu. Sie können sich sicherlich unseren Schock vorstellen ihn zu sehen, aber er hielt ebenfalls einen Brief von Albus in der Hand. So blieb uns in letzter Konsequenz nichts anderes übrig, als Albus' Willen zu folgen, ansonsten wären zum Schuljahresbeginn hunderte Schüler angereist und hätten die Tore verschlossen vorgefunden."

Kingsley wurde einiges klar und er schwieg um die Informationen in Ruhe verdauen zu können. Wie es schien, hatte selbst er die Größe der Intrigen unterschätzt, mit welchen in dieser Auseinandersetzung gekämpft wurde. „Aber wie…"

Es klopfte abermals und Kingsley unterbrach sich. Minervas Miene verdüsterte sich zusehends. „Tun sie mir einen Gefallen, Kingsley, gehen sie dort hinter den Schrank." Sie deutete mit einem Kopfnicken auf das wuchtige Möbel. Kingsley zog fragend die Augenbrauen nach oben. Es klopfte erneut, energischer diesmal.

„Ich komme ja gleich…" stieß Minerva sichtlich genervt aus. Kingsley hob die Schultern und folgte ihrer Aufforderung.

Minerva ging zur Tür, öffnete sie nur einen Spaltbreit und ihre Worte ließen Kingsley das Blut in den Adern gefrieren. „Guten Morgen, Ms Dumbledore, was kann ich denn zu dieser frühen Stunde für sie tun?"

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Hogwarts, Eulerei

Nicht nur der ehemalige Auror Kingsley Shacklebolt war früh unterwegs an diesem Morgen, auch Hermine war schon auf den Beinen. Wobei diese Umschreibung ziemlich untertrieben war angesichts der Tatsache, dass sie mitten in der Nacht die Galleonen hervorgekramte, mit welchen sie im 5. Schuljahr regelmäßig die DA zusammengerufen hatte. Sie erneuerte den Proteus-Zauber und nur um völlig sicherzugehen, dass auch wirklich alle Mitglieder der DA den Versammlungsaufruf erhielten, stand sie nun in der Eulerei und band entsprechende Nachrichten an die schmalen Beine der Schuleulen.

Sie war zugegebenermaßen ziemlich aufgeregt und tausend Gedanken gingen ihr seit dem gestrigen Abend nicht mehr aus dem Kopf. Schlaf hatte sie kaum gefunden, so sehr rotierte ihr Geist, versuchte alle möglichen Gründe zur Rechtfertigung eines so weit reichenden Vergessenszaubers zu finden. Sie kam zu keinem Ergebnis. Selbst ein Suchzauber in aller Frühe in der Bibliothek brachte sie nicht weiter. Scheinbar war noch niemals zuvor ein solcher Zauber verhängt worden. Ein Umstand, der nicht unbedingt zu ihrem Wohlbefinden beitrug.

Und zu allem Überfluss war da noch die Sache mit Malfoy. Egal wie Hermine die Vorkommnisse drehte und wendete, es wollte ihr einfach kein passender Grund für Malfoys Verhalten einfallen. Selbstverständlich hatte sie sogar die entfernte Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Malfoy die Seiten gewechselt haben könnte… dann war ihr aber nicht klar, warum er als einziger von dem Vergessenszauber ausgeschlossen blieb.

Hermine hatte die letzte Eule mit ihrer Nachricht versehen. Seufzend trat sie an eines der unzähligen Fenster der Eulerei und ließ ihren Blick über das Schlossgelände streifen. Es sah alles so friedlich aus. So wie immer.

Sie dachte an den Krieg, welcher außerhalb von Hogwarts seine Anfänge fand. An die Opfer, welche er schon gekostet hatte und wusste, nichts würde mehr so sein wie früher. Energisch blinzelte sie die aufkommende Traurigkeit fort und eilte die Stufen der Eulerei hinunter.

Es gab noch viel zu tun.

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Voldemort

Gordon Goyle trat mit gesenktem Kopf in den Thronsaal. Nagini schlängelte sich aus dem Dunkel an ihn heran, erspürte mit ihren feinen Sinnen die Gänsehaut, welche ihn überlief, als sie an ihm vorüberglitt.

Voldemort lächelte, während sie über seinen Schoß schlängelte, sich fast zärtlich um seinen Nacken wand.

„Nun, … was bringst du mir für Kunde?"

Goyle sank demütig auf die Knie, bevor er mit leiser, doch von Stolz erfüllter Stimme sprach. „Es ist geschehen, wie ihr es wünschtet, Mylord. Nicht einer der Muggel ist uns entkommen. Wir kamen bei Nacht und gingen bei Nacht. Niemand, der uns gesehen hat, kann noch darüber berichten."

Voldemorts Lächeln wurde breiter. „Sehr gut… nun denn, es ist an der Zeit tiefer zuzustoßen. Bring deine Truppen zurück nach London! Bei der Versammlung wirst du mehr über deinen nächsten Auftrag erfahren!"

Goyle richtete sich nach einem letzten ehrerbietenden Nicken auf und wandte sich ab, hatte schon beinahe den Ausgang des höhlenartigen Saales erreicht, als die Stimme seines Herren ihn stocken ließ.

„Ach, Gordon,…" Voldemort schob Nagini sanft von seinen Schultern, bevor er sich erhob und mit langsamen, fast trägen Bewegungen auf Goyle zuging. Dieser senkte schnell den Blick während seine Gedanken rasten und er versuchte sich zu erinnern, ob er sich irgendwie die Missgunst seines Herrn auf sich gezogen haben könnte. Seine Sorge war jedoch unbegründet. Voldemort blieb so dicht vor ihm stehen, dass das fließende Gewand des dunklen Lords über seine schmutzigen Stiefel sank. „Ich möchte, dass du deinen Sohn herbringst."

Goyle schaute überrascht auf, Stolz begann sich in seinem harten Gesicht abzuzeichnen. Voldemort verzog die Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln. „Und sag auch den anderen Bescheid, dass ihre Abkömmlinge mir nun ihre Treue bekunden können…"

Goyle nickte eifrig, verbeugte sich noch einmal so gut es die körperliche Nähe seines Herrn gestattete und verließ den Thronsaal.

Lord Voldemort blickte ihm einigermaßen belustigt nach. Nagini zischelte leise hinter ihm und Voldemorts Grinsen wurde breiter. „Nagini, ich bin erstaunt, dass du solch ein Muggellied kennst, wenn ich auch zugeben muss, dass ich es äußerst passend finde."

Naginis Zischen wurde lauter und einem Zauberer, der des Parsels mächtig war, hätten Naginis Worte wohl das Blut in den Adern gefrieren lassen. „Ihr Kinderlein kommet…!"

Voldemort lachte.

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Hogwarts, Snapes Privatgemächer

Draco erwachte früh, fand sich noch immer in Severus altmodischem Bett wieder. Er gähnte und reckte sich versuchsweise. Seine Muskeln brannten unverändert von den Torturen der Initiation. Er verfluchte einmal mehr die Tatsache, dass sein Vater bei all seinen Lobreden über die Anhängerschaft des dunklen Lords, nicht mit einer Silbe erwähnte hatte, wie schmerzhaft die Initiation sein würde. Er hatte nichts von den Flüchen gesagt, nichts von den Schmerzen, nichts davon, dass Voldemort seine Gedanken durchwühlen, sein Innerstes nach außen kehren würde.

Noch immer schauderte ihn bei der Erinnerung an das Gefühl als Voldemorts Gedanken in ihn drangen. Es war, als würde ein heißes Schwert aus Düsterkeit in ihn hineingleiten, sein Herz, seinen Verstand, seine Seele filetieren um auch das letzte Bisschen Menschlichkeit aus ihm herauszuschneiden. Draco überlegte, ob er geschrieen hatte. Wahrscheinlich. Niemals zuvor hatte er solchen Schmerz, solche Qual und was am schlimmsten war, solche Hilflosigkeit empfunden.

Er dachte an seinen Vater. Wie hatte er Lucius für die endlosen Stunden gehasst, in der er ihm auf schonungslose Weise die unverzeihlichen Flüche beibrachte… und damals dachte er schon, dass er wüsste, was Schmerz war. Wie oft hatte Lucius ihn unter dem Cruciatus leiden lassen? Wie erniedrigend war die Erfahrung unter dem Imperius gewesen… Draco schüttelte sich und verdrängte die Erinnerung.

Er würde mit seinem Vater reden müssen. Bald. Zwar war es ausgerechnet Lucius' erbarmungsloses Training gewesen, was ihn die Initiation so schadlos hatte überstehen lassen, eine Frage jedoch wollte Draco beantwortet haben. Während der Initiation hatte Voldemort etwas zu ihm gesagt, was ihm einfach keine Ruhe ließ. „Du bist mein, von Geburt an gehörst du mir… nun will ich sehen, ob du meiner würdig bist!"

Draco verstand die Bedeutung der Worte nicht, doch die unbestimmte Angst in seiner Brust sagte ihm, dass er die Antwort finden musste, koste es, was es wolle. Und Lucius würde ihm einiges beantworten müssen! Wie konnte es sein, dass Lord Voldmort so viele Anhänger fand, wenn er die Initiation nur knapp überlebt hatte. Nicht jeder von Voldemorts Anhängern hatte einen Vater wie Lucius…

Ein schmales Lächeln glitt über Dracos Züge. Sei es drum, er hatte es überstanden. Vorsichtig krempelte er den Ärmel seines linken Armes nach oben, besah sich mit Abscheu das dunkle Mal auf seinem Unterarm. Es brannte heiß und Draco wollte gar nicht daran denken, wie sehr es schmerzen würde, wenn Voldemort seine Todesser das nächste Mal rief.

Das Lächeln gefror Draco auf den Lippen. Todesser. Er war ein Todesser.

Die Tür öffnete sich einen Spalt und schnell ließ er seine Arme sinken, blickte scheinbar teilnahmslos in Severus' besorgtes Gesicht. „Guten Morgen… wie geht es dir?" fragte dieser.

Draco setzte sich auf. „Besser, danke." Er machte Anstalten aufzustehen, doch Severus hielt ihn mit einer herrischen Geste auf. „Nichts da! Du bleibst liegen, bis du wieder bei Kräften bist!" Draco wollte widersprechen, besann sich dann aber eines Besseren.

Severus murmelte einige Worte vor sich hin und ein neues Tablett mit Essen erschien auf Dracos Schoß. „Iß! Danach sehen wir weiter." Die Tür schloss sich hinter dem schwarzhaarigen Mann.

Draco blickte einige Sekunden auf seinen Teller, als wäre er nicht sicher, ob das Rührei darauf wirklich essbar sein konnte. Tatsächlich war er mit seinen Gedanken ganz woanders. Potter fiel ihm ein. Und, was noch viel essentieller war, Potter erinnerte sich. Der Trank hatte also gewirkt. Das Lächeln kehrte zurück auf Dracos Lippen. Ein bösartiges Lächeln voller Zorn. Ein Gedanke begleitete es, zwei kleine Worte, deren Bedrohlichkeit in Dracos Wut kaum hätten größer sein können. ‚Wartet nur!'

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Hogwarts, Büro der Schulleiterin

Kingsley wirkte selbst unter seiner dunklen Hautfarbe verdächtig blass, als er aus seinem Versteck hervortrat, kaum, dass Minerva die Tür geschlossen hatte. „Gütiger Himmel… Dumbledores Tochter? Lilith Dumbledore?"

Minerva nickte mit grimmiger Miene.

„Aber… das kann doch unmöglich sein… Voldemort hat sie… wie ist das möglich?" stammelte er irritiert.

„Wie es aussieht, hatte Albus mehr Geheimnisse, selbst vor uns, als wir bisher annahmen. Sie kam mit Fawkes an, kaum, dass die Schüler nach Hogwarts zurückgekehrt waren." berichtete Minerva und verschwand hinter einem roten Paravant um sich endlich anzukleiden. Angesichts der Tatsache, dass ihre Privatgemächer schon früh eines Besucherstromes unterlagen, wurde wohl nichts aus einer ausgiebigen Dusche am Morgen.

„Ist sie es sicher?" hakte Kingsley nach.

„Ja, Severus hat sie überprüft. Ihre Geschichte stimmt. Dumbledore hat sie wohl zu ihrer Tante gebracht, kurz nachdem…"

„Aber wieso ist sie hier?"

„Soweit sie mir berichtet hat, und das ist nicht viel, denn im Gegensatz zu ihrer Neugier in den Schulbelangen, ist sie erstaunlich schweigsam, wenn es um ihr Leben geht, kam Fawkes zu ihr mit der Nachricht von Albus' Tod." Minerva machte eine Pause, zog sich die steife Tunika über den Kopf und schlüpfte in eines ihrer Kleider. „Fawkes hatte einen Brief von Albus dabei in welchem stand, dass sie unverzüglich zurück nach Hogwarts kommen soll, sobald es wieder geöffnet wurde."

Kingsley strich sich nachdenklich über das Kinn. „Klingt, als hätte Albus da tatsächlich einen umfangreichen Plan ausgearbeitet. Trotzdem gefällt mir das nicht…"

Minerva schnaubte. „Mir noch viel weniger. Sie hat sich sehr verändert. Das nette Mädchen von damals ist sie jedenfalls nicht mehr…"

„Ist das ein Wunder, bei dem, was sie durchgemacht haben muss… bisher habe ich angenommen, sie sei tot." Kingsley wurde leiser, das letzte Wort nur noch ein Hauch seiner tiefen Stimme.

Minerva trat hinter dem Paravant hervor und zauberte ihre Haar in eine ordentliche Frisur. „Wer dachte das nicht? Nein, was ich meine ist,… naja… sie wacht fast besessen darüber, dass der Zauber auch bei allen Schülern wirkt."

„Tut er das denn?" erkundigte Kingsley sich.

„Bei den meisten sogar erstaunlich problemlos. Ab und zu schlafen zwar vereinzelte Schüler ein, nach dem Schlaf hat das Vergessen eingesetzt und der Zauber wieder intakt. Einzig bei Harry Potter und seiner Freundin Hermine Granger mussten wir die Dosis des Zaubertrankes erhöhen."

„Zaubertrank?"

„Nichts besonderes, ein Beruhigungstrank, den sie in jeder besseren Zaubererapotheke finden. Ich habe keine Ahnung, was genau Albus sich da zusammengebastelt hat, aber es ist definitiv etwas Großes! Wir haben zur Zeit etwa 400 Schüler hier und es wirkt…" Minverva legte die Robe der Lehrer um.

„Aber wie kann es sein, dass er niemanden eingeweiht hat?" fragte Kingsley.

„Oh, immerhin scheint Fawkes Bescheid zu wissen." antwortete Minerva in dem kläglichen Versuch, die verfahrene Situation ein wenig aufzulockern.

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Hogwarts, Snapes Privatgemächer

Draco zuckte zusammen als plötzlich Flammen aus Severus' Kamin im Schlafzimmer hervorschossen. Ein Kopf erschien und Dracos Verwunderung hätte nicht größer sein können. „Vater?" brachte er überrascht heraus.

Lucius' flammender Kopf richtete sich auf ihn und trotz der Verzerrung des Feuers konnte Draco deutlich die Überraschung und… war das Erleichterung in Lucius' Gesicht, erkennen. „Draco? Bist du das?"

Draco rutschte aus dem Bett und kniete sich so gut es seine schmerzenden Glieder zuließen vor den Kamin. „Ja, Vater."

„Seit wann bist du bei Severus?"

„Seit gestern."

Lucius Miene verzog sich unwillig und das Rauschen der Flammen wurde für den Moment lauter. „Wo ist er?"

Dracos aufkeimende Freude verblasste angesichts der Tatsache, dass sein Vater sich nicht sonderlich dafür zu interessieren schien, wie er die Initiation überstanden hatte. Nun, dann würde er sich eben seine Antworten holen. Wie es schien, galt Lucius Interesse ja sowieso eher Severus als seinem Sohn. „Im Nebenraum. Und danke der Nachfrage, ich habe die Initiation überlebt." schnappte er entgegen seiner sonstigen Ehrerbietung.

Lucius blinzelte und Draco meinte, dass seine ernste Miene für einen Augenblick weicher wurde. „Ich weiß, Draco. Unser Lord hat es mir schon berichtet."

Der Moment ging vorüber. Draco verdrängte das übermächtige Gefühl seinen Vater anzuschreien, wieso er seinem einzigen Kind diese Bürde auferlegt hatte, wieso er ihn nicht davon abgehalten hatte. „So, dann kannst du mir sicher auch sagen, was unser Lord damit meinte, dass ich von Geburt an ihm gehöre und mich ihm würdig erweisen müsste, VATER." Das letzte Wort spie Draco aus.

Lucius schwieg und sah zur Seite. Was für Draco aussah wie ein Ablenkungsmanöver war für Lucius tödlicher Ernst. „Draco, hol mir Severus her! Sofort, ich habe jetzt keine Zeit für Erklärungen, wir reden später…"

„Natürlich… wir reden doch immer später…" schoss Draco kalt zurück, erhob sich ohne eine Regung, als der Schmerz ihm erneut durch die Beine fuhr. „SEVERUS!" rief er lauter und kroch zurück ins Bett.

Augenblicklich ging die Schlafzimmertür auf und Severus trat mit besorgter Miene ein. Draco deutete mit einem Kopfnicken auf den Kamin.

„Luc…" begann Severus, wurde aber sofort von einem nun unüberhörbar hektisch klingenden Lucius unterbrochen. „Keine Zeit! Schick die anderen her, der Lord will sie nun haben…"

Das Feuer erlosch, ließ einen grimmig dreinschauenden Severus und einen enttäuschten Draco zurück, in dessen Herz der Zorn neue Nahrung fand. Severus verabschiedete sich übereilt und rauschte aus dem Zimmer. Nur Sekunden später hörte Draco, wie die Tür zu Snapes Privatgemächern zuknallte.

Entschlossen schlug Draco die Bettdecke weg und erhob sich.

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Hogwarts, Große Halle

Hermine blickte immer wieder ungeduldig in die verzauberte Decke der großen Halle, an der Nebelschlieren ihre Kreise zogen. Natürlich wusste sie, dass es viel zu früh für die Eulenpost war, doch ihre Nervosität verhinderte, dass sie sich auf etwas anderes konzentrieren konnte.

Vereinzelte Frühaufsteher hatten sich schon in der Halle eingefunden, hockten noch über den Resten ihrer Hausaufgaben oder unterhielten sich leise. Normalerweise mochte Hermine diese frühe ruhige Stimmung, doch an diesem Tag war an Hausaufgaben oder andere Lektüre schlichtweg nicht zu denken.

Zudem machte ihr noch ein anderer Umstand Gedanken, nämlich die Tatsache, dass noch nicht einer der Lehrer anwesend war. Normalerweise befand sich mindestens einer der Lehrer schon zu früher Stunde hier und sei es auch nur um eventuelle Regelübertretungen der Schüler von vornherein zu verhindern.

In Gedanken ging Hermine wieder und wieder jedes einzelne Mitglied der DA durch. Ob sie alle kommen würden? Was wäre, wenn der Zauber auch dies verhinderte? Und selbst wenn die DA vollständig erschien, wie sollten sie den Zauber brechen? Von Malfoys Trank war nichts mehr übrig und Malfoy hatte nicht so ausgesehen, als wäre er in den nächsten Wochen in der Lage, auch nur einen Kessel anzufassen.

Der Schrei einer einzelnen Eule schreckte sie aus ihren Gedanken und Hermine schaute überrascht zur Decke. Eine riesige, schwarze Eule sauste herein, steuerte zielstrebig auf sie zu und landete vor ihr auf dem Tisch. Überrumpelt starrte Hermine auf den Tagespropheten, welcher vom Fuß der Eule baumelte. Sie reagierte erst, als der große Vogel ungeduldig nach ihr hackte.

Eilig nahm sie der Eule die Zeitung ab, fand zu ihrer Verwunderung einen Brief darin eingewickelt. Von dem Pergament abgelenkt, bot sie dem Vogel halbherzig einen Eulenkeks an, den sie noch von ihrem morgendlichen Besuch in der Eulerei in ihrem Umhang fand, und wurde mit einer schmerzhaften Bisswunde belohnt. Schimpfend steckte Hermine einen Sickel in die Ledertasche des Vogels. Sofort erhob sich die Eule und verschwand mit schnellen Flügelschlägen.

Hermine griff nach dem Brief und brach das Siegel.

„Sehr geehrte Ms Granger,

da die Zustellung des Tagespropheten in letzter Zeit mit einem ernormen Verlust an unseren Boteneulen einherging, fordern wir sie auf, dafür zu sorgen, dass sie für die Zustellung auch erreichbar sind, ohne dass unsere Eulen angegriffen werden. Anderenfalls werden wir ohne weitere Ankündigung ihr Abonnement unserer Zeitung auflösen.

Belina Saunderson

Abonnementsverwaltung, Tagesprophet"

Hermine starrte auf den Brief, während weitere Puzzelteilchen in ihrem Kopf begannen sich an den rechten Platz zu rücken. Die Boteneulen wurden angegriffen? Nun, das würde zumindest die Zustellung zu so früher Stunde erklären. Und es würde erklären, warum die Boteneule ihr vor einigen Tagen so zerrupft in die Hände gefallen war. Eine weitere Frage gesellte sich zu ihrer mentalen Liste: Warum griff jemand die Boteneulen des Tagespropheten an?

Hermine beschloss sich später darüber Gedanken zu machen und langte nach der Zeitung. Kaum hatte sie das Titelblatt überflogen, traten ihr Tränen des Entsetzens in die Augen.

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Hogwarts, Büro der Schulleiterin

„Wissen sie eigentlich, was da draußen los ist, Minerva?" fragte Kingsley nüchtern und nahm die angebotene Teetasse entgegen.

„Nicht genau, ich bin auf die Berichte der Ordensmitglieder angewiesen. Wir unterbinden jeden Kontakt nach außen, soweit es irgend möglich ist. Das heißt aber für uns auch, dass wir keine Zeitung mehr bekommen, keine Briefe und so weiter."

Kingsley zog erstaunt die Augenbrauen zusammen. „Ich wage kaum zu fragen, aber wie ist das denn mit dem Kontakt der Kindern zu ihren Eltern?"

Minerva schüttelte den Kopf. „Den gibt es nicht. Den Schülern fällt das nicht auf, daran ist der Zauber schuld. Die Eltern dürften im Laufe der Zeit ein Problem werden, sobald der Zauber bei ihnen nachlässt."

„Gütiger Himmel, die Eltern sind in den Zauber mit einbezogen?" brachte Kingsley fassungslos hervor.

„Vorübergehend, ja. Sonst hätten sie die Kinder wohl kaum zurück nach Hogwarts gelassen, oder?" Minerva trank einen Schluck ihres schwarzen Tees und stellte fest, dass er definitiv nicht stark genug war.

Kingsley hatte noch immer mit dem befremdlichen Gedanken zu kämpfen, dass Hogwarts abgeschottet von der Außenwelt fast den gesamten Nachwuchs der englischen Zaubererwelt beherbergte. Wenn Voldemort das herausbekäme, bräche der heiße Krieg schneller über England herein, als Minister Scrimgeour nach seinem nächsten Whiskey brüllen konnte. „Was ist wenn Hogwarts angegriffen wird?" fragte Kingsley daher.

Minerva wurde blass. „Ist es schon so weit?"

Kingsley kam nicht umhin sich über die Naivität dieser Frage zu wundern. „Minerva, was genau wissen sie denn über die Angriffe in letzter Zeit?"

Minerva fasste die wichtigsten Ereignisse in kurzen Sätzen zusammen und Kingsley wurde bewusst, dass der Vergessenszauber über der Schule schlimmere Auswirkungen hatte als gedacht. Er konnte kaum glauben, wie wenig Informationen gerade die Schulleiterin hatte.

Er berichtete seinerseits von den stetig zunehmenden Angriffen der Todesser. Von der wachsenden Brutalität, der Grausamkeit, der scheinbaren Wahllosigkeit der Angriffsorte. Zuletzt kam er zu der Truppenstärke, welche Voldemorts Anhänger mittlerweile geschätzt wurden. Die Schulleiterin schlug sich geschockt die Hand auf die Brust. „Wie sollte Hogwarts da standhalten, wenn es zu einem Angriff käme…?" schloss er.

Minerva schüttelte nur den Kopf, zu erschüttert um etwas sagen zu können. Sicher, Remus und Alastor hatten Angriffe erwähnt, das tatsächliche Ausmaß aber war Minerva bis zu jenem Moment nicht klar gewesen. Sie dachte an Albus Dumbledore! Wie hatte der sonst so umsichtige Schulleiter die Gefahren dieses Zaubers dermaßen unterschätzten können?

Sie war keine Frau der langen Diskutierens und fasste sich schnell. „Wir müssen einige Auroren nach Hogwarts holen." sagte sie fest. „Und ich denke, auch ein Großteil des Ordens sollte sich hier versammeln. Egal, was Albus ursprünglich für einen Plan verfolgt haben mag, die Sicherheit der Kinder ist jetzt unsere Hauptaufgabe."

Kingsley nickte. „Das sehe ich auch so und vielleicht wollte Albus ja auch genau das. Leider kann ich keine Auroren mehr herbestellen und ich denke, dass es für uns alle besser wäre, wenn das Ministerium davon nichts mitbekommen würde. Rufus würde die Schule doch sofort wieder schließen… und wenn ich es mir recht überlege…" Kingsley stellte die Teetasse ab. „… ist es vielleicht wirklich nicht schlecht, wenn die Kinder in Hogwarts bleiben… vorausgesetzt, wir können die Verteidigung für den Angriffsfall gewährleisten."

Minerva verstand seine Bedenken im Hinblick auf Minister Srimgeour. Scheinbar beinhaltete das Amt des Zaubereiministers generell eine gute Portion an Verfolgungswahn, immerhin war auch Fudge von dem Gedanken besessen Albus wollte ihn stürzen. „Hogwarts verfügt auch ohne den Vergessenszauber über einige starke Verteidigungszauber…" sagte sie nachdenklich.

Kingsley nickte zum Zeichen, dass ihm dieser Umstand bekannt war.

Minerva seufzte und trank den Rest ihres mittlerweile erkalteten Tees aus. „Gut, was halten sie davon, wenn ich das Kollegium einberufe und sehe, wie es mit der Verteidigung des Schlosses bestellt ist?"

„Was ist mit Lilith Dumbledore?" warf Kingsley besorgt ein.

Minervas Miene verdüsterte sich. „Tja, ich denke, vielleicht wäre es doch nützlicher, wenn ich nicht das ganze Kollegium informiere…"

„An wen denken sie?"

„Nun ja, Filius Flitwick, Mafalda Hooch… für's Erste."

„Denen vertrauen sie?"

„Absolut. Es geht ja erst einmal nur darum zu sehen, welche Verteidigung Hogwarts momentan hat. Sollte sie nicht ausreichend sein, bleibt uns so oder so nichts anderes übrig als das ganze Kollegium einzuweihen." Minervas Blick wandte sich für einen kurzen Moment zu einem ihrer Fenster, obwohl Kingsley sicher war, dass sie nicht an dem morgendlichen Wetter interessiert war.

„Tun sie das, ich werde derweil ein wenig meine Fühler ausstrecken, mal sehen, wen ich dazu überreden kann Hogwarts einen Besuch abzustatten. Alastor hätte bestimmt nichts dagegen eine Weile wieder hierherzukommen…"

Nun richtete sich der feste Blick Minervas auf ihn und Kingsley kam nicht umhin die Entschlossenheit darin zu bewundern. Minerva nickte: „Dann sehen wir weiter… ach, und Kingsley?"

Kingsley seine mächtigen Augenbrauen zusammen, als Minervas Ton sich unvorhergesehen verschärfte.

„Ich habe jetzt keine Zeit mit ihnen über die Gründe zu streiten, warum sie es getan haben, das werden sie ihm später schon selbst erklären müssen! Holen sie mir Remus aus Askaban zurück! Sofort!"

Damit ließ sie den überraschten Mann stehen.

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Hogwarts, Gemeinschaftsraum der Gryffindors

„Hat irgendjemand Hermine gesehen?" fragte Ron nun schon zum dritten Mal und erntete dieselbe Antwort wie beide Male zuvor.

„Nein!" riefen Ginny und die Zwillinge im Chor. Ron bekam rote Ohren und Harry rang sich ein Grinsen ab.

„Lass uns runter gehen, sie ist bestimmt schon beim Frühstück." sagte er und Ron nickte nicht besonders glücklich. Nacheinander stiegen sie aus dem Porträtloch, grüßten die fette Dame im Vorübergehen und warteten, bis die Treppen sich wieder in die richtige Position geschoben hatten.

„Ich dachte, du hättest es endlich mit Hermine geklärt." begann Harry vorsichtig. Er sah Ron aus den Augenwinkeln mit den Schultern zucken. „Nicht so richtig…"

„Wie denn nicht so richtig? Du magst sie doch immer noch?"

Ron nickte. Sie traten vom letzten Treppenabsatz hinunter und schlugen den Weg zur großen Halle ein. „Natürlich mag ich sie noch, das Problem ist eher…" Ron unterbrach sich als Schritte aus einem Nebengang auf sie zukamen.

„Potter."

Harry blieb überrascht stehen, als Draco Malfoy aus eben jenem Nebengang heraustrat und auf sie zuging. Ron legte die Stirn in Falten, offensichtlich wenig begeistert von Malfoys unerwartetem Auftauchen.

Harry jedoch musterte den Slytherin interessiert. Er hätte wahrlich nicht erwartet, ihn so früh wieder zu sehen, von seinem körperlichen Zustand einmal ganz abgesehen. Malfoy war zwar noch verdächtig blass und auch die Ringe unter seinen Augen waren nicht verschwunden, dennoch strahlte seine aufrechte Haltung eine Stärke aus, die Harry irritierte.

Malfoy war bei ihnen angelangt. „Wir müssen reden." sagte er leise und Harry nickte sofort, brannte er doch darauf einige Antworten von ihm zu bekommen. An Ron gewandt sagte Harry: „Geh doch schon mal vor, ich komme…"

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich mit dem alleine lasse! Auf gar keinen Fall!" widersprach Ron heftig.

Harry schüttelte unwillig den Kopf.

Draco jedoch hatte schneller eins und eins zusammengezählt, als Harry lieb war. „Du hast ihm von dem Trank gegeben?" presste er mit unverhohlener Wut hervor. Harry nickte. „Phantastisch, Potter, wieso posaunst du es nicht gleich durch die ganze Schule und…"

„Nur Hermine und Ron wissen davon!" unterbrach Harry ihn unwirsch. Draco knirschte sichtlich mit den Zähnen, Harry wartete jedoch keine Erwiderung ab. „Du weißt doch ganz genau, dass ich vor den beiden keine Geheimnisse habe! Oder warum nennt ihr Slytherin uns immer das Goldene Trio, hm?"

„Lass den Kinderkram, Potter." fuhr Draco ihn an, warf Ron einen bitterbösen Blick zu, bevor er erneut auf Harry hinabsah. „Nun gut, das ändert nichts daran, dass ich mit dir sprechen muss."

„Weißt du, Malfoy, ich weiß Bescheid, du kannst also ruhig reden." ätzte Ron.

Draco ignorierte ihn geflissentlich. Bevor er oder Harry irgendwie reagieren konnten, erklangen Stimmen am anderen Ende des Nebenganges und Draco fluchte leise. „Es ist besser, wenn die mich nicht sehen…"

„Kennst du das verfluchte Klassenzimmer im 4. Stock?" hörte Harry sich zu seiner eigenen Überraschung fragen, „…das mit den ewigen Blutflecken auf der Tafel?" Malfoy hob erstaunt die Augenbrauen und nickte. „Gut, heute Abend um 22.00 bin ich da!"

„Aber Harry, das ist…" … viel zu nah am Raum der Wünsche; wollte Ron sagen, doch Harry fuhr ihm rigoros ins Wort: „Das ist da, wo ich heute Abend sein werde."

Die Stimmen kamen näher, leises Kichern verriet, dass es sich um einige Mädchen handeln musste. „Ich bin da." antwortete Draco bevor er eilig in einem der Geheimgänge verschwand.

„Harry, was sollte denn das? Willst du wirklich, dass Malfoy in der Nähe ist, wenn die DA sich wieder trifft?" fragte Ron nun besorgt.

Harry setzte seinen Weg in die Große Halle fort, kümmerte sich nicht darum, ob Ron ihm folgte oder nicht. „Ich denke, Malfoy ist unser kleinstes Problem." Nach einigem Zögern folgte Ron ihm schließlich.

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Hogwarts, Große Halle

Prof. Slughorns lauter Bass dröhnte über die noch ziemlich leere Halle hinweg. Hermine lächelte schwach, als sie sah, dass Prof. Trewlaney erfolglos versuchte vor Slughorn zu flüchten, der offenbar unbedingt eine Unterhaltung mit ihr anzetteln wollte.

Hermine sah auf den ersten Blick, das etwas nicht stimmte, sobald Harry und Ron den ersten Schritt in die große Halle taten. Harrys Miene war verschlossen und er blickte stur geradeaus, Ron dagegen kaute an seiner Unterlippe.

„Morgen, Hermine." sagte Harry und ließ sich ihr gegenüber nieder.

„Hallo…" antwortete Hermine und schob den Tagespropheten zu Harry hinüber, dass dieser nicht umhin kam die Titelseite zu lesen.

„Ach du scheiße." sagte Harry und seine Augen wurden groß.

Ron stieg über die Bank an Hermines Seite, verrenkte sich den Hals um ebenfalls lesen zu können. „Gütiger Merlin!" entfuhr es auch ihm.

„Massaker an renommierten Elite-Internat der Muggel", begann Harry in gedämpften Tonfall vorzulesen, „Hunderte Tote, die meisten von ihnen jugendliche Schüler des Eliteinternates fielen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag einem nicht voraussehbaren Angriff der Todesser zum Opfer. Rätselhaft ist allerdings, dass weder ein dunkles Mal noch ein Augenzeuge aufzufinden war. Das Zaubereiministerium streitet ab, dass es sich bei den Angreifern um Todesser gehandelt haben soll. Die Redaktion des Tagespropheten kann diese Stellungnahme nur einem weiteren Alkoholrausch des Zaubereiministers zuschreiben, da die Spuren am Tatort mehr als eindeutig auf die mud-maggots hinwiesen. Rufus Scrimgeour, seines Zeichens berauschter Zaubereiminister, beruft sich als Begründung für seine Annahme, auf die Frage, was es Lord Voldemort bringen würde Muggel abzuschlachten. Weitere haarsträubende und sicherlich aus dem Rausch entstandene Aussagen des Ministers finden sie auf den Seiten… bla, bla, bla …" Harrys Augen huschten von dem vorgelesenen Artikel auf eine weitere Angriffsmeldung darunter.

„Das hat der Tagesprophet tatsächlich geschrieben?" fragte Ron ungläubig nach. Hermine nickte mit verkniffener Miene. „Sieht so aus, als hätten wir durch den Zauber echt einiges verpasst. Wenn selbst der Tagesprophet schon so hart gegen Scrimgeour schießt…"

„Hm," machte Harry nachdenklich. „Was ich nicht so ganz verstehe, so lange sind wir doch gar noch nicht wieder hier."

„Ja, das hat mich auch gewundert… ich kann es mir nur so erklären, dass Voldemort vielleicht davon gehört hat, dass du dich an nichts erinnerst und jetzt denkt, er hätte freie Bahn… oder so was in der Art… Könnte das nicht sein?" konstatierte Hermine.

Harry blieb eine Antwort schuldig, faltete die Zeitung zusammen und gab sie Hermine zurück, welche sie sofort in ihrer Tasche verschwinden ließ. Er fuhr sich aufgewühlt durch die Haare. „Spätestens heute Abend bekomme ich ja hoffentlich ein paar Antworten."

„Wieso?" fragte Hermine überrascht.

„Harry trifft sich mit Malfoy." übernahm Ron die Beantwortung ihrer Frage. Hermines Miene wechselte von überrascht zu besorgt. „Ich habe nicht erwartet, dass er sich so schnell wieder erholt…"

„Wer weiß, welches Teufelszeug Snape ihm eingetrichtert hat." warf Ron wenig hilfreich ein.

Entsprechend wurde sein Kommentar von Hermine auch schlicht überhört. „Aber du hast doch hoffentlich nicht vor dich allein mit Malfoy zu treffen, oder, Harry?"

„Doch." sagte Harry entschlossen. „Er war nicht begeistert, dass ihr auch Bescheid wisst und wenn ich Antworten will, ist es besser, wenn ich allein gehe…" Die Tatsache, dass es nicht nur die Befürchtung war, Malfoy würde bei Rons oder Hermines Anwesenheit gar nichts sagen, behielt Harry für sich. Noch immer machten ihm die rätselhaften Bilder seiner Visionen zu schaffen und er konnte sie einfach nicht vergessen.

Noch hatte er Hermine und Ron nicht darauf angesprochen und war froh darüber, dass keiner der beiden bisher auf die Idee gekommen war ihn nach seinen Visionen zu fragen. Natürlich wusste er, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Malfoy ihm sagen konnte, was diese Stimmen, diese Bilder und vor allen Dingen diese Emotionen zu bedeuten hatten, verschwindend gering war. Dennoch… Harry wollte Malfoy allein treffen… auch wenn… ja, wenn was?

„Ich weiß nicht." sagte Hermine gerade skeptisch.

„Darüber gibt es keine Diskussion." stellte Harry mit energischer Stimme klar. Einige verwunderte Blicke der wenigen Anwesenden veranlassten ihn dazu, schnell seine Stimme zu dämpfen. „Ich werde ihn nach der DA treffen… wobei mir einfällt, hast du alle zusammengetrommelt?"

Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich hab's versucht, genau werden wir das wohl erst heute Abend wissen."

„Gut, jedenfalls könnt ihr ja solange im Raum der Wünsche auf mich warten… für alle Fälle."

Mit diesem Vorschlag war selbst Hermine mehr oder weniger einverstanden. Jeder für sich in Gedanken versunken warteten sie auf das Frühstück.

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Askaban

„Das soll wohl ein Witz sein!" Xavier starrte den groß gewachsenen Kingsley feindselig an, offensichtlich nicht einverstanden mit dessen Anliegen einem seiner Gefangenen einen Besuch abzustatten.

„Ich beliebe selten zu scherzen und meine Zeit ist knapp bemessen! Wenn sie also die Freundlichkeit haben würden mich zu dem Gefangenen Remus Lupin zu begleiten?" Kingsley hielt sich unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung davon zurück, dem schmierigen Wärter stehenden Fußes eine Ganzkörperklammer aufzuhexen und so das Problem mit dessen mangelnder Kooperationsbereitschaft aus der Welt zu schaffen.

„Nein, die Freundlichkeit habe ich nicht. Gefangene in Askaban haben keinen Recht auf Besuch…" brachte er noch heraus, bevor sein Körper zuckte, sich wand und steif wurde. Wie ein gefällter Baum kippte er nach hinten um, schlug zweifellos ziemlich schmerzhaft mit dem Hinterkopf auf dem Steinboden auf.

„Besten Dank für ihre Hilfsbereitschaft, Freund." stieß Kingsley verärgert aus und stieg mit einem großen Schritt über den hilflosen Wärter hinweg. Noch immer brannte die Scham in seinen Adern, als er an das Gespräch mit Minerva McGonagall zurückdachte. Man sah es ihrer strengen Gestalt wahrlich nicht an, wie energisch sie auf ihren Willen pochen konnte. Nach einigen erfolglosen Rechtfertigungsversuchen musste Kingsley einsehen, dass Remus Lupin vielleicht doch nicht schuld an jener falschen Information gewesen war… jedenfalls, wenn man Minerva glauben durfte. Und das tat Kingsley. Leider. Denn nun stand er vor einem neuen Problem. Wie sollte er Remus in Askaban finden?

Offiziell unterstand das Gefängnis zwar noch immer dem Ministerium, allerdings wusste Kingsley, dass dieser Tatbestand nur noch auf dem Papier existierte. Er seufzte. Mit einem einfachen Suchzauber würde er Remus in den Verliesen niemals finden und so tat er etwas, was niemand, selbst der hinterhältige Wärter nicht, von einem Auror erwartet hätten.

Mit einem schwarzmagischen Spruch befahl er einen der Nachtmahre zu sich, welche sich in den Verliesen von Askaban nur so tummelten. Die gedrungenen nebelartigen Wesen ernährten sich von den Alpträumen, den Leiden und der Angst der Insassen. Niederträchtige Halbwesen zwischen Schattenwelt und Natur. Schmarotzer. Nicht wirklich böse, denn die Leiden der Gefangenen verursachten sie nicht, sie ernährten sich einzig davon.

Dennoch wollte niemand, der noch recht bei Sinnen war etwas mit diesen Kreaturen zu tun haben. Denn so hässlich wie sie waren, mit den schorfigen Geschwüren auf jedem sichtbaren Stück Haut, ihren verstümmelten Ohren, ihren blutunterlaufenen gelblichen Augen, so hinterhältig waren sie auch. Einmal gerufen banden sie sich an den Beschwörer und nährten seine Ängste, ließen ihn nicht schlafen und selbst im Wachen sorgten sie für die Qualen ausgeprägter Paranoia.

Kurz und gut, niemand hätte von Kingsley Shacklebolt, dem ehemaligen Leiter der Aurorenabteilung erwartet, dass er jemals solch ein Geschöpf herbeirufen würde. Von der Tatsache einmal ganz abgesehen, dass er diesen Teil der schwarzen Magie sicher beherrschte. Aber wie die meisten Zauberer, so war auch Kingsley ein Mann voller Geheimnisse.

Kaum hatte er den Zauber beendet, erschien einer der Nachtmahre in gebückter Haltung vor ihm. Die trüben Augen richteten sich auf ihn, pure Bosheit lag in den wässrigen Pupillen. „Sieh an, sieh an, ein großer Mann, welcher mein Erscheinen erzielt, mich aus dem Schatten befiehlt." Entgegen des grauenhaften Erscheinungsbildes war die Stimme des Nachtmahres vielleicht das Schlimmste. Sie war von sanfter Lieblichkeit und Süße, ein solcher Gegensatz zu dem äußeren Erscheinungsbild, dass sie Kingsley eine Gänsehaut des Ekels bescherte.

Er deutete auf den noch immer zur Bewegungslosigkeit verdammten Wärter. „Er hat dich gerufen."

Der Nachtmahr schlurfte ein Bein nachziehend zu dem Wärter, betrachtete dessen entsetzt aufgerissene Augen, bevor er leise keckerte: „Hat ihn ermattet der Ruf nach mir, sagt, warum liegt er so erschöpfet hier?" Kingsley hielt eine Antwort für überflüssig. Er wusste, dass das Wesen ihm helfen würde, wenn die Bezahlung stimmte.

Ein gekrümmter, mit Schwären übersäter Finger bohrte sich in die Brust des Wärters. „Nun sag mir elend Menschelein, wie kann ich dir zu Diensten sein?"

„Er möchte, dass du mich zu dem Gefangenen Remus Lupin führst." antwortete Kingsley.

Mit bedächtigen Bewegungen wandte sich der Nachtmahr von dem erstarrten Wärter ab, musterte Kingsley erneut mit seinen tief liegenden Augen. So entsetzlich sein Äußeres auch schien, es wäre töricht gewesen eine dieser Kreaturen als dumm einzuschätzen. So sah Kingsley die List im Gesicht des Nachtmahrs aufblitzen. „Wei, wei, wei. Wer mich rief ist mir einerlei, auch wenn nicht der Erstarrte mein Erscheinen wollt, ist's mir recht, solange er den Preise zollt. Folgt mir hinein in die Dunkelheit, großer Mann, lasst uns sehen, ob ich den Werwolf finden kann."

Der Nachtmahr hinkte beschwerlich an Kingsley vorbei, tauchte ein in die düstere, hoffnungslose Welt der Verliese von Askaban.

Kingsley folgte ihm stumm.

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Hogwarts, Raum der Wünsche

Der Tag war schneller vorüber als Harry erwartet hätte. Er lief nun schon seit gut einer Viertelstunde unruhig auf und ab, ließ keinen Blick von der Tür und trieb Hermine und Ron allmählich in den Wahnsinn.

„Harry, jetzt bleib doch bitte mal eine Minute stehen, du machst mich ganz kirre!" beschwerte Hermine sich, und hob den Blick gerade lange genug aus ihrem Aufsatz für McGonagall um Harry böse anzuschauen.

„Wieso ist noch keiner hier?" fragte er gereizt.

„Sag mal, willst du mir allen Ernstes erzählen du rennst hier Löcher in den Steinboden, weil die DA noch nicht hier ist?" ließ Hermine sich mit einem lauernden Tonfall in der Stimme vernehmen. Harry schaute sie verdutzt an. „Ja, was denkst du denn? Ich möchte endlich wissen, ob wirklich alle von dem Zauber betroffen sind und wenn nicht, will ich wissen wer nicht verzaubert wurde und wieso nicht…"

Ron hob abwehrend die Hände: „Holla, mach mal langsam! Wenn du jeden der hier reinkommt gleich mit Fragen bombardierst, sind die eingepennt, bevor sie es über die Türschwelle geschafft haben."

Harry schnaufte und setzte seinen unruhigen Gang fort. Er hätte es nicht zugegeben, aber natürlich lag Hermine völlig richtig mit ihrer Vermutung, dass seine Nervosität nichts mit den DA-Mitgliedern zu tun hatte. Jedenfalls nicht nur.

Ein nicht unbedeutender Anteil seiner Unruhe hatte mit Malfoy zu tun. Einmal mehr. Harry presste unwillkürlich die Lippen zusammen und schritt noch ein wenig energischer umher. Tatsache war, dass er sich den ganzen Tag so gut wie nicht auf den Unterricht hatte konzentrieren können und daran war eben Malfoy schuld. Malfoy oder besser gesagt seine eigene Stimme, die noch immer „DRACO!" in seinen Ohren rief. Nur warum? Warum? Warum? Warum? Verdammt noch mal, WARUM???

Harry stockte, als die Tür zum Raum der Wünsche aufglitt und Neville, gefolgt von Seamus und Luna eintraten. Freudig begrüßten sie sich. Hermine rollte ihren Aufsatz zusammen. Fred und George kamen, gefolgt von Parvati, Padma, Lavender, Michael, Colin… kurz und gut, innerhalb weniger Minuten hatte sich die DA versammelt.

Während seine Mitschüler aufgeregt durcheinander redeten und die wildesten Spekulationen darüber verloren, was Harry ihnen diesmal würde beibringen können, begriff Harry, dass sie tatsächlich alle unter dem Zauber standen. Niemand fragte nach Dean… oder dem Stand der Horkruxsuche… nach Voldemort… oder warum sie alle in Hogwarts saßen und so taten, als gäbe es nichts Wichtigeres als ein Schmierentheater falschen Friedens aufzuführen.

Für einen Moment zweifelte er an der Richtigkeit seines Vorhabens. Lebten sie in ihrem süßen Vergessen nicht besser als in der unbarmherzigen Realität? Wer war er, dass er ihnen den Frieden nehmen wollte?

Hermine trat neben ihn und folgte seinem Blick. „Weißt du, Harry, Voldemort… der Krieg wird nicht einfach verschwinden… egal wie sehr du uns alle beschützen willst. Wir müssen es ihnen sagen."

Ein freudloses Lächeln glitt über Harrys Gesicht. „Du kennst mich einfach zu gut, Hermine."

„Manchmal." sie lächelte ebenfalls und legte schließlich den Kopf an seine Schulter. Harry genoss den Augenblick ihrer tröstlichen Wärme.

„Ich wünschte, ich hätte Malfoys Trank nicht genommen…" flüsterte er leise, spürte, wie Hermine den Kopf schüttelte. „Nein, so denkst du nicht wirklich."

„Aber wäre es nicht schöner in dieser Traumwelt zu leben? Keine Sorgen, keine Ängste, kein Krieg… und genug Schlaf." beendete er sarkastisch.

Hermine hob den Kopf und blickte Harry an, auch wenn er weiterhin das aufgeregte Treiben der DA-Mitglieder beobachtete. „Du kannst ihnen den Schmerz nicht nehmen, Harry. Niemand kann das. Und ganz ehrlich? Ich finde wir alle haben ein Recht darauf um unsere Freunde trauern zu können, denn, ganz egal, was wir machen. Sie kommen nicht zurück."

Harry wusste, dass Hermine auch diesmal Recht hatte.

„Außerdem fände ich es grausam, wenn wir all jene vergessen würden, die im Kampf gegen Voldemort gestorben oder gezeichnet worden sind. Wenn du mich fragst, ist es ihr Mut und ihr Wille dem Bösen entgegenzutreten, der uns Kraft geben wird. Beschmutzen wir ihr Andenken nicht mit einer vermeintlichen Flucht. Wenn wir es nicht tun, wird jemand anders den Zauber aufheben."

Harry wandte sich Hermine zu, ihr Gesicht glühte in feierlichem Ernst. Wider Erwarten schlich sich ein Lächeln auf Harrys Lippen. „Wo hast du nur immer diese feurigen Ansprachen her? Nimmst du heimlich Rhetorikstunden bei Snape oder so?"

Hermine schlug ihm liebevoll auf den Arm. Dann wurden beide wieder ernst. „Danke." sagte Harry. Sie begnügte sich mit einem schlichten Nicken.

Ron trat nun ebenfalls zu ihnen, Harry atmete noch einmal tief durch und klatschte in die Hände. Als hätten alle nur auf dieses Zeichen gewartet, verstummten die Gespräche sofort und man versammelte sich.

„Schön, dass ihr alle gekommen seid.", begann Harry und unterdrückte eine Welle von Scham, mit solch einer unbedeutenden Floskel zu beginnen. Er spürte Hermines Hand auf seinem Rücken und nahm sich zusammen. „Ich habe etwas Wichtiges mit euch zu besprechen."

„Wir sind bereit, schieß schon los!" rief Seamus begeistert, einige klatschten lachend in die Hände.

Es war diese scheinbare Sorglosigkeit, von der er wusste, wie falsch sie war, die Harry dazu veranlasste es schnell hinter sich zu bringen. Wenn er tatsächlich herausfinden wollte, wer unter dem Zauber stand, gab es einen einfachen und schnellen Weg. „Gut. Ihr erinnerte euch doch an Dumbledores Tod?"

Das Gelächter erstarb und die Mienen wurden ernst. Colin gähnte. „Dann wisst ihr doch sicherlich auch noch, dass Snape ihn umgebracht hat, nicht wahr? Und danach ist er mit Malfoy geflohen… ihr wisst schon, der Anfang vom Krieg!"

Harry ignorierte den besorgten Seitenblick von Hermine und sprach einfach weiter. Sein freundlicher, unverfänglicher Tonfall verursachte seiner Freundin eine Gänsehaut. Doch davon merkte er nichts. „Voldemort tötet, er mordet! Es ist Krieg! Dean könnte euch davon einiges erzählen, oder Cho… erinnert ihr euch vielleicht an Cho? Kommt schon, die hübsche Dunkelhaarige mit der Wahnsinns-Figur!"

„Hör auf." wisperte Hermine entsetzt. „Das ist widerlich."

Harry verstummte betreten, schaute stattdessen auf die DA hinunter. Seine Worte hatten gereicht. Man konnte in ihren Gesichtern lesen, wie die Erinnerung zurückkam. Die Erinnerung, der Schmerz und die Trauer. Dann sank einer nach dem anderen schlafend zu Boden.

Alle.

Bis auf zwei Leute.

„Ihr! Wusstet! Es!" donnerte Ron fassungslos.

Tbc…

Read and Review, please.

Coming up next: Von Sündern und Opfern

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Warum gerade ein Steinkauz bei Aimsir

Mythos: Schon lange hat der Steinkauz den zweifelhaften Mythos des Todesboten inne. Der Mythos besagt, dass der Steinkauz, kurz bevor jemand in einem Hause starb, erschien, um die Seele des Verstorbenen dann mit sich zu nehmen. Der Ruf des Steinkauzes klingt ähnlich einem heiseren „Komm mit!", womit er angeblich die Seele der Sterbenden animieren sollte die vergängliche Hülle zu verlassen und ins Jenseits überzutreten. Damit erklärt sich in diesem Falle auch Aimsirs Angst vor dem viel kleineren Vogel. Er befürchtete nämlich, dass der Kauz die Seele der Seherin mitnehmen möchte, diese also sterben muss.

(------) Zur Erinnerung

Skuld ist eine der drei Nornen (Urd (Vergangenheit), Verdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft)). Skuld ist diejenige der Nornen, welche über den Tod eines jeden Lebewesens entscheidet. Wenn sie den von ihr und ihren Schwestern gesponnenen Lebensfaden durchschneidet, stirbt die Person.