Die Nacht war so klar, dass sogar trotz der allgemeinen Lichtverschmutzung einige Sterne am Himmel von Baltimore zu sehen waren.
Hannibal schauderte und zog den Morgenmantel enger zusammen – eine Robe mit geradem Rumpfsaumabschluss aus feinster Seide mit grau-goldenem Muster. Das Material war leicht und geschmeidig und glänzte im Mondlicht.
Es sah wundervoll aus, Schweizer Qualität auf höchstem Niveau, traditionelle Handwerkskunst, maximaler Tragekomfort, klassisches Design, optimal maßgeschneiderte Passform, perfekte Schnittführung.
Nur leider nicht dafür konzipiert, des Nachts bei Temperaturen um die 6 Grad einen unentschlossenen Hund dabei zu begleiten, den idealen Ort für sein Geschäft zu finden.
Er hatte keine Angst davor sich zu erkälten – er achtete streng darauf, jeden Tag die Menge Vitamine zu sich zu nehmen, die sein Körper benötigte – aber die Kälte war klirrend unangenehm und von der Sorte, die jede Öffnung in der Kleidung fand und von dort aus mit einer Gänsehaut über das Fleisch bis in die Knochen kroch.
Wenn Hannibal vorher gewusst hätte, dass sich dieser Ausflug (er sah auf seine Uhr und sein Blick verdunkelte sich) auf mittlerweile über 30 Minuten ausdehnen würde, hätte er sich natürlich etwas passenderes angezogen.
Er betrachtete den Terrier, der an einem Baum schnüffelte, sich aber wieder nicht hinhockte, nur sein Beinchen hob und den Stamm mit ein paar Tropfen markierte. Der Hund blickte hoch in sein Gesicht und hechelte stark, zog an der Leine, auf zur nächsten Station, die hoffentlich bald seinen Ansprüchen genügen würde.
Aber wieder nichts.
Ihm kam ein Rezept in den Sinn, das er schon lange einmal ausprobieren wollte.
Über Hannibals Augen legte sich ein Schleier, während er versuchte, sich daran zu erinnern, ob er noch Kumin im Haus hatte. Vielleicht würde auch gewöhnlicher Kümmel genügen. Einen Versuch war es wert.
Das Fleisch müsste acht Stunden in einem Sud aus Salz, Anis, Ingwer und Sanddornbeeren köcheln. In Aussicht auf das Endergebnis lief ihm zugegebenermaßen das Wasser im Mund zusammen und ein entrücktes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er den Hund betrachtete, der immer noch keinen angemessenen Platz für seine Notdurft entdecken konnte.
(Lass ihn am Leben)
Letztlich scheiterte es aber an einer Grundzutat, die ihm fehlte und die zu besorgen einigen Aufwand in Anspruch nehmen würde.
Eine Meeresschildkröte für den Fond.
(Bitte)
Hannibal seufzte.
Auf jeden Fall würde er es auf die Liste setzen, wenn er das nächste Mal beim Delikatessenhändler seines Vertrauens vorbei schaute.
Es dauerte noch fünfzehn weitere Minuten, ehe das Tier sich erleichtern konnte. Der Hund hatte starken Durchfall. Hannibal konnte nach einer kurzen, objektiven Sichtung des Stuhlgangs wenigstens keine Parasiten entdecken.
Natürlich war er alles andere als ein Experte auf dem Gebiet. Er würde es die nächsten Stunden im Auge behalten, bevor er andere Maßnahmen ergreifen würde. Zunächst ging er von der einfachsten Möglichkeit aus, dass es sich um eine ordinäre Magenverstimmung handelte.
Nachdem er die ausgesprochene Schweinerei so gut es ging mit einer kleinen Schaufel aus seinem Garten bereinigt hatte (und diese sogleich im Vorbeigehen in einem Müllcontainer entsorgte), kehrte er ins Haus zurück und desinfizierte seine Hände.
Benny schlief unten im Flur. Ohne Proteste hatte er sich in sein Körbchen zurückgezogen und blieb dort, auch als Hannibal an ihm vorbei und die Treppe nach oben ging.
Will war eingeschlafen. Sein Mund war leicht geöffnet, sein Atem ging ruhig, auch als Hannibal sich zu ihm legte, einen Arm um seine Mitte schlang und sich an ihn drückte.
Es war 6 Uhr am frühen Morgen, als Wills Handy klingelte.
Ihm war zunächst nicht ganz klar, wo er sich befand. Er wusste nur, dass er nicht zu Hause war. Das Bett war viel weicher als seines, die Laken dank der Seide angenehm kühl und doch war ihm warm, sehr warm, da sich ein harter Körper an seinen Rücken presste.
„Du hast dein Telefon hergebracht?"
Hannibals Stimme war ein raues Murmeln an seinem Ohr, sandte ein Prickeln direkt in seinen Schoß und mit einem Schlag fiel ihm wieder alles ein, was am Abend zuvor passiert war.
Will schluckte und sagte: „Du warst lange weg. Ich hab mich gelangweilt."
„Hmmm?", summte Hannibal und nippte an Wills Ohrläppchen, woraufhin er scharf nach Luft schnappte. „Wer mag das sein zu so früher Stunde?"
„Wahrscheinlich Jack", sagte Will, versuchte die Gänsehaut zu ignorieren, die sich wie ein Lauffeuer über seinen gesamten Körper ausbreitete und angelte nach seinem Telefon.
Seine Position war ungünstig, der Nachttisch in weiter Ferne und Hannibal hielt ihn fest. Der Mund an seinem Ohr und die leichten Stoppel, die seine Haut streiften, wirkten äußerst ablenkend.
„Ich hege eine Abneigung gegen Mobiltelefone im Schlafzimmer."
Hannibals Stimme berührte einen verschlafenen, rauen Knoten in seinem Innersten, der sich jedes Mal ein bisschen mehr löste, immer wenn die Lippen beim Sprechen seine Ohrmuschel streiften.
Er war sich mehr als deutlich bewusst, dass Hannibals Hand ausgebreitet auf seinem Unterbauch lag – immer noch über dem T-shirt – aber eine Hitze ausstrahlend, die sich besonders in seiner Lendengegend verteilte.
Er versuchte nicht daran zu denken, wie sich diese Hand in seiner Hose angefühlt hatte, scheiterte aber kläglich. Seine verdammte, magische Vorstellungskraft arbeitete wie immer präzise. Mit glühenden Wangen registrierte Will, dass er steif wurde.
Jack war geduldig. Und penetrant. Wie immer. Das Handy klingelte weiter.
Will streckte sich und ächzte, als er das Telefon mit einiger Mühe erreichte und endlich zum schweigen brachte.
Bevor Will jedoch einem entnervten Jack antworten konnte, verstärkte sich der Druck auf seinem Bauch. Hannibal zog Will fest an sich, schob ein Knie zwischen seine Beine und steckte ihm die Zunge ins Ohr.
Will entfloh ein hohes, abgehacktes „Oh!"
Irgendwo aus einem weit entfernten Universum gelang Jacks Stimme an sein nicht beschlagnahmtes Ohr. „Alles in Ordnung, Will?"
„Jack!" rief Will lauter als ihm lieb war und biss sich auf die Zunge, als er Hannibals Zähne und Lippen an seinem Hals spürte. „Was gibt's?"
Jack antwortete zunächst nicht, transportierte seine Stimmung jedoch mit seinem Schweigen und Will dachte: Du machst dir schreckliche Sorgen um mich, stimmt's?
Doch statt sich von dieser Erkenntnis ins Tal der Bitterkeit begleiten zu lassen, spülten Hannibals Hände auf seiner Haut unter dem T-shirt sämtliche zusammenhängenden Gedanken aus seinem Kopf.
„Will, ich brauch dich heute hier vor Ort. So schnell wie möglich."
Will atmete zitternd aus und bog den Rücken durch, als Hannibal ihn von seiner Boxershorts befreite. Er nickte wage, fast wie betäubt, während er betrachtete, wie sich Hannibal zwischen seine Oberschenkel positionierte und ihn aus dunkelroten Augen betrachtete, besann sich dann aber, da Jack ihn ja nicht sehen konnte.
Gott sei Dank konnte Jack ihn gerade nicht sehen. Was hätte er wohl zu diesen intimen Interaktionen zu sagen?
„Ja, natürlich, ich komme", sagte Will.
„Ganz recht", raunte Hannibal und nahm seinen Schwanz in den Mund.
Will unterdrückte einen Schrei.
Die Lippen, Gott, diese Lippen und diese schlüpfrige Hitze, diese Zunge, dieser Mund, diese Hölle von Mund. Will packte Hannibals Kopf, griff in seine Haare, wusste im ersten Moment nicht recht, ob er ihn aufhalten oder an sich ziehen wollte.
Hannibal nahm ihm diese Entscheidung ab, senkte den Kopf, nahm ihn tief in sich auf, bis seine Nasenspitze das krause Haar seiner Scham berührte.
„Oh", sagte Will und verschluckte ein trockenes Keuchen. „Gott!"
„Will?" hörte er Jack sagen wie durch eine Wolke aus Watte. Wills Finger gaben nach, das Handy glitt ihm aus der Hand, stattdessen krallte er sich in das Bettlaken.
Hannibal grollte dunkel und sinnlich, tief aus seiner Kehle wie ein Mann, der nicht fassen konnte, was sich ihm für ein Festmahl darbot. Will sah, wie sich der Kopf bewegte, vor und zurück, hoch und runter. Seine Zunge arbeitete sich über Wills gesamte Länge, ließ ihn schwindelig werden und nach Atem schnappen.
In seinem Kopf dauerte es eine Ewigkeit, in der Realität waren es nur eine handvoll Minuten. Hannibal saugte mit Enthusiasmus und als Will seine Zähne auf der Spitze spürte, zuckte seine Hüfte unkontrolliert nach vorne.
Er zog an Hannibals Haaren, warnend, schüttelte fahrig den Kopf, formte ein stummes Nein mit den Lippen, stemmte die Fersen in die Matratze und versuchte sich zu entziehen. Hannibal packte ihn mit beiden Händen an den Hüften und hielt ihn Position.
Will kam heftig, fast gewaltsam und so überwältigend, wie seit Jahren nicht mehr. Sein Orgasmus erschütterte seinen gesamten Körper, während er wimmernde Töne von sich gab.
Hannibal behielt ihn im Mund, bis das Zittern seines Beckens nachließ und die Erektion erschlaffte, lutschte mit Hingabe und Wohlgefallen weiter, leckte ihn sauber, bis kein Tropfen mehr übrig war.
Danach beugte er sich vor und Will kam ihm auf halben Weg entgegen. Ihre Lippen trafen sich zu einem atemlosen Kuss. Will konnte sich selbst schmecken.
„Wow", sagte Will schließlich und lächelte schräg.
Hannibals Augen funkelten. Er betrachtete Will mit einer Zufriedenheit, die neue Hitze in seinem Unterleib schürte. Er verteilte sanfte Küsse in Wills Gesicht, auf seinen Wangen, seiner Schläfe, der Stirn, auf der Nase.
„Zeit fürs Frühstück", sagte Hannibal.
„Wie heißt sie?" fragte Beverly Katz.
Ihre Stimme war laut genug, dass sich diverse Köpfe nach ihnen umdrehten, als sie durch die schmalen Flure des FBI Hauptquartiers gingen.
„Was?" antwortete Will wenig intelligent und wich ihren Blicken aus.
Beverly lächelte breit und drückte einen kalten Finger auf seinen Hals. Will zuckte zischend zurück, rieb sich die Stelle mit der Hand.
„Was soll das?"
„Knutschfleck, Graham", antwortete sie und Will spürte, wie sein Gesicht erglühte. „Da sind sogar astreine Zahnabdrücke zu erkennen."
Will fluchte leise und stellte seinen Kragen auf, woraufhin Beverly laut auflachte. Sie drückte seine Schulter und suchte seinen Blick.
„Komm schon, Will, erzähl es mir! Ich sterbe vor Neugier! Lass mich nicht hängen! Ich war doch immer gut zu dir. Du hast Kaffee von mir bekommen!"
Will knirschte mit den Zähnen und trank einen Schluck von eben diesem, als er sich vorstellte, wie er Beverly erklärte, dass der Verursacher dieses Knutschfleckes kein geringerer als sein Psychiater Dr. Hannibal Lecter war.
Er konnte ihr bedröppeltes Gesicht bereits vor sich sehen und auch wenn es ihm persönlich nichts ausmachte, was das Büro, seine Studenten oder die ganze beschissene Welt von ihm dachte, so konnte er Hannibals guten Ruf auf keinen Fall aufs Spiel setzen.
„Tut mir leid, da gibt es nichts zu erzählen."
„Lügner", sagte sie und zog eine Schnute, beließ es dann aber dabei.
Sie betraten gemeinsam Jack Crawfords Büro. Price und Zeller waren bereits da.
Jack sah nicht von seinem Schreibtisch auf, als er sagte: „Wie schön, dass ihr euch dazu entschlossen habt, zu uns zu stoßen."
Beverly und Will setzten sich kommentarlos auf die freien Plätze.
„Ich habe Price und Zeller schon informiert. Wir haben einige anonyme Hinweise erhalten, ob des Verbleibs unseres Gedärmefressers. Nachdem wir die üblichen Nieten aussortiert haben, sind vier mögliche Gewinner übrig geblieben."
Jack erhob sich aus seinem Stuhl und gab jedem eine Akte in die Hand. Will schlug seine auf und erblickte Fotos einer Lagerhalle.
„Ich möchte, dass ihr euch in Gruppen aufteilt und diesen Hinweisen vor Ort nachgeht. Keine Alleingänge, haben wir uns verstanden? Wenn ihr Männer braucht, sollt ihr sie bekommen. Ich will von keinem von euch am Ende des Tages die Eingeweide einsammeln. Ist das klar?"
„Glasklar", murmelte Will und schluckte, während er durch seine Akte blätterte.
Er hatte ein flaues Gefühl im Magen.
