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Kapitel 10

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Nachdem das Team wieder vereint in Sacramento war, verschwand Jane für einige Tage. Zwei um genau zu sein. Das hatte er in dieser Art und Weise nicht mehr gemacht, seitdem Madeleine in ihr Leben getreten war. Immer wenn es darum ging, Papierkram zu erledigen, ging Jane eigene Wege, jegliche Hilfe auf diesem Gebiet war hoffnungslos.

Diese beiden Tage hatte sie unter viel Stress gemeistert. Lanie war anhänglich gewesen und nachdem sie gebeten hatte, eine Ausnahme machen zu dürfen, war die Kleine mit ins Büro gekommen. Es hatte sich zwar stets jemand gefunden, der auf sie aufgepasst hatte, doch war das keine finale Lösung. So stand das Wochenende vor der Türe und Teresa hoffte inständig, dass Jane am Montag wieder in Sacramento sein würde, wieder griffbereit, um sich um Lanie zu kümmern. Doch war es nicht nur die Hoffnung, einen Babysitter zu haben, nein. Dafür hatten sie in den letzten Wochen zu viel Zeit mitsammen verbracht. Es war auch eine gewisse Einsamkeit, die sie empfand, wenn er abends nicht auf ihrer Couch saß oder sie alleine zu abendessen musste.

Die Urne mit Adams Asche stand auf dem Kaminsims in Teresas Haus. Sie hatte sich überlegt, was sie machen wollte, abermals versucht Tommy und James zu erreichen, doch abermals war es erfolglos gewesen. An dem Abend hatte sie sich in den Schlaf geweint und Lanie aus ihrem Bettchen geholt, obwohl sie problemlos in ihrem eigenen Zimmerchen schlief, um sich nicht so einfach zu fühlen. Sie hatte zwei Brüder, die sich keinen Dreck darum scherten, wo sie ihren Bruder beerdigten. Was mit seiner Asche passieren würde oder seiner Tochter. Keiner der beiden zeigte auch nur einen Hauch Interesse und das tat weh.

So packte Teresa am Samstag zeitig in der Früh eine Picknickdecke, Obst und Wasser, ein Sandwich, Lanies Sachen, einen kleinen Sonnenschirm, den sie vor mehr als zehn Jahren gekauft und nur einmal verwendet hatte, ihre Badesachen und Adams Urne in den Wagen. Es schien für Außenstehende sicherlich vollkommen absurd, aber sie würde nach Ocean Beach, San Francisco, fahren, an den Strand, wo sie damals so viele schöne Stunden verbracht hatten, nachdem sie umgezogen waren. Ocean Beach war ein Symbol der Freiheit für sie gewesen, endlos viele Stunden hatten sie hier verbracht, Ball gespielt, gesurft, gelesen oder einfach nachgedacht. Nachdem ihre Brüder San Francisco verlassen hatten, war es für sie ein Ort, den sie mit einer gewissen Hoffnung verbunden hatte – der, dass sie alle irgendwann zusammenfinden würden.

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Als Jane am Samstag in den frühen Morgenstunden wieder am Revier auftauchte, stellte er Fragen zu Teresas Verbleib und weder Cho noch Rigsby konnten weiterhelfen. Erst als er Grace fand und sie fragte, wieso Lisbon an solch einem schönen Samstag nicht im Büro wäre, erfuhr er, von Lisbons Plan. Und er war in einem Moment wie diesem, nicht für sie da. In dem schwersten Moment seit langer Zeit.

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Es war ein windiger heißer Tag. Teresa hatte den Picknickkorb unten auf den Kinderwagen gestellt, hatte ihn entlang der gegenüberliegenden Seite des Golden Gate Parks geschoben, bis sie auf der passenden Höhe war, um über die Sanddüne auf den Strand. Es war Schwerstarbeit, den Kinderwagen durch den Sand zu ziehen, anstrengender als erwartet. Als sie auf der passenden Höhe angekommen waren, breitete sie die Decke aus, stellte den Sonnenschirm auf und legte Lanie auf die Decke.

Nachdem sie sie eingecremt hatte, starrte sie das kleine dunkelhaarige Wesen an. Sie sah Adam so ähnlich. Und doch hatte sie die typischen „lisbonschen" Züge – helle Haut, große grüne Augen, Sommersprossen.

Eigentlich wollte sie die Zeit, die sie mit Lanie alleine verbrachte, genießen. Doch sie schaffte es nicht. Die Urne hatte sie immer noch im Rucksack. Und sie wusste, dass sie sie heute öffnen und die Asche in die Winde verstreuen würde, in alle Himmelsrichtungen. Irgendwie hatte sie inständig gehofft, dass Jane an diesem Tag für sie da sein würde, um sie zu unterstützen. Um einfach neben ihr zu stehen, nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht seine Hand auf ihre Schulter legen würde.

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Als Jane mit seinem Wagen den Great Highway entlang fuhr, bemerkte er schließlich Lisbons Wagen, dessen Kennzeichen er sich schon vor Jahren eingeprägt hatte. Nun würde er mit der Suche nach ihr und der Kleinen beginnen, in der Hoffnung, dass es nicht ewig dauern würde.

Zwanzig Minuten später stand an einem Punkt auf der Düne, von aus er den nächsten Strandabschnitt begutachten konnte. Und da entdeckte er eine Person mit Kinderwagen, eine Frau. Einen Frau im Bikini. Eine dunkelhaarige Frau im Bikini.

Als er allmählich auf sie zuging, konnte er erkennen, dass es ein schwarzer Bikini mit weißen Punkten war. Nicht das modernste Modell, nein, es war älter. Ein Triangel-Bikini, den sie sicherlich schon seit einigen Jahren besaß.

Doch als er seine Blicke über ihren Körper gleiten ließ, musste er den seinen kontrollieren – Stichwort: Biofeedback. Nicht nur ihre Beine waren muskulös, nein, man konnte die Andeutung eines Sixpacks erkennen, schmale Hüften und mehr weibliche Rundung als man bei ihrer Körpergröße und vor allem unter all den Blusen vermuten würde. Viel mehr als er vermutet hatte, aber bei solch zartem Körperbau.

Sie griff nach Lanie und hob sie hoch, als Jane sich erkennbar machte und ihren Namen rief. Noch in seinem Wagen hatte er seine Anzughose gegen Surf-Shorts getauscht, die er in einem Supermarkt unweit von San Francisco erstanden hatte, wie auch das T-Shirt und die Flipflops.

Jemand, der ihn kannte und in diesem Aufzug sah, würde denken, dass er zu viel getrunken habe, auf Drogen sei oder etwas dergleichen. Doch es war anders. In seinem dreiteiligen Anzug fühlte sich Jane wohl, außerdem ließ er mit diesem Outfit auch gleich jeden wissen, dass er nicht direkt zur Truppe von Polizisten gehörte. Zudem war er immer passend gekleidet – Verfolgungsjagden gehörten nicht zu seinem Job als Berater. Overdressed kam er sich nie vor. Doch in Momenten wie diesen, wusste er, dass ein Anzug einfach nicht angebracht war. Nicht nur, dass er zu viele verbrauchen würde, das wäre das geringste Problem. Wenn er in einem Moment wie diesen, dunkelblaue Shorts trug, ein Türkis Shirt mit einem Hawaii-Print und Flipflops, dann kam er sich vor, als wäre er ein ganz normaler Mensch. Als hätte er keine Vergangenheit. Als gäbe es keine tote Ehefrau, keine tote Tochter. Als würde er nicht in der Lage sein, Menschen wie Bücher zu lesen. Als wäre er ganz einfach ein ganz normaler Mensch, mit einer normalen Vergangenheit, normalen Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Und die Frau, die all das für ihn bedeutete, stand vor ihm. Wenn Teresa und Lanie zusammen war, konnte er vergessen oder auch verdrängen. So war der Anzug nicht notwendig und auch nicht seine Späße, die auch die eine oder andere Unsicherheit überdeckten. Er konnte ganz einfach er selbst sein – so wie er vor 20 Jahren gewesen war.

„Teresa", sagte er laut genug, damit sie es hörte.

Sie drehte sich zu ihm, versuchte das Kleinkind so zu halten, dass sie möglichst viel ihres Körpers verbarg. Teresa Lisbon konnte schwer verheimlichen, dass sie in einer katholischen Schule gewesen war, katholische Werte vermittelt bekommen hatte und diese bis heute, also bis zu einem gewissen Punkt, lebte – sie konnte nicht aus ihrer Haut.

Jane grinste sie breit an und kam auf sie zu. Er warf die Flipflops in den Sand und griff sofort nach Madelaine, die sehnsüchtig ihre Hände nach ihm ausstreckte. Rasch versuchte sie mit einem Strandtuch ihren entblößten Körper zu verdecken.

„Lass es. Es gibt nichts, was ich noch nicht gesehen habe", sagte er zu Lanie und Lisbon wusste genau, dass er sie damit gemeint hatte.

„Aber …"

Dann zuckte er mit dem Schultern, setzte sich auf die ausgebreitete Decke und begann mit dem Mädchen zu spielen, die entzückt gluckste, versuchte zu sprechen und natürlich brabbelte, sich hin und her wand.

„Ich gehe ins Wasser", erklärte Lisbon. Sie musste einen freien Kopf bekommen und dafür verlangte ihr Körper nach etwas physischen Abstand zu Patrick Jane. Gott, in Badeshorts! Die Brust. Der goldene Flaum an Haaren, der sich über diese erstreckte, seinen Bauch hinab und unterhalb seines Nabels intensiver wurde.

Worin hatte sie sich da verfangen? Was war mit ihr los? Patrick Jane. Die Ausgeburt der Nervensäge, Unzuverlässigkeit. Das Wort Geheimnis kannte er nur, wenn es um ihn ging. Privatsphäre ebenso. Ihre Komfortzone betrat er jedes Mal, wenn es ihm danach gelüstete. Aber in Situationen, wenn sie ihn brauchte, war er da für sie – zumindest war es diesmal so gewesen. Es hatte keinerlei Diskussion gegeben. Anfänglich skeptisch, so schien er sich schnell in Lanie verliebt zu haben. Doch wem war es denn nicht so ergangen? Die großen grünen Augen, das dunkle Haar, das breite Grinsen …