Vorsichtig und noch immer misstrauisch folgten Ginny und Hermione Lucius Malfoy, der sie vor wenigen Minuten in ihrem Zimmer abgeholt hatte. Er war recht wortkarg gewesen und hatte ihnen lediglich mitgeteilt, dass sein Lord bereit sei sie zu empfangen und sie ihm bitte folgen mögen. Ginny hatte auf das vertraute Gesicht von Sirius gehofft, der ihnen sicherlich die abertausenden Fragen beantwortet hätte, welche die beiden Mädchen um ihren Schlaf gebracht hatten. Stattdessen liefen sie nun schon eine ganze Weile stumm hinter dem blonden Mann her und Ginny Besorgnis schien sich mit jedem Schritt ein bisschen tiefer in ihre Eingeweide zu krallen. Keiner von Beiden traute sich etwas zu sagen, obwohl Lucius Malfoy überraschend höflich gewesen war.
Sie gelangten schließlich in ein großes Treppenhaus. Schweigend stiegen sie die vielen Stufen nach unten, nur ihre Schritte hallten laut von den hohen Wänden des Foyers wider. Hermione warf einen Blick nach oben. Durch die gläserne Kuppel über ihnen schienen fahl einige wenige Sonnenstrahlen, durch die dichte, graue Wolkendecke.
Lucius gab ihnen zu verstehen, dass sie ihm nach links folgen sollten, wo zwischen den beiden geschwungenen Treppen eine Flügeltür prangte. Sie war klein, fast zart im Vergleich zu dem Tor der großen Halle, doch war sie noch beeindruckender verziert. Blumenranken aus Messing schlängelten sich wie das Wappentier der Slytherins den hohen Türrahmen hinauf.
Lucius Malfoy kam zum Stehen, strich sich das dunkelgraue Hemd glatt, warf den Mädchen einen letzten prüfenden Blick zu und öffnete schwungvoll die Tür.
Auf der anderen Seite verstummten die Gespräche, die Aufmerksamkeit lag mit einem Schlag auf den Neuankömmlingen.
Ginny konnte all die Blicke deutlich spüren, doch ein Augenpaar durchbohrte sie förmlich. Sie schluckte trocken. Voldemort persönlich thronte am Ende der Tafel. So andersartig und Ginny doch irgendwie so vertraut. Es war absurd daran zu denken, dass sie sich einmal an sein siebzehnjähriges Ich anvertraut hatte.
Der dunkle Magier erhob sich mit einem leisen Rascheln, seine Bewegung war langsam und kraftvoll. Seine Haut blass, wie die eines Toten und seine Gestalt groß und spindeldürr. Ginny konnte sich vorstellen, dass er einmal eine eindrucksvolle Gestalt gewesen war, stattlich und imposant. Nun war es etwas anderes an seiner Erscheinung, das von Macht zeugte. Etwas morbides, schwärendes. Als hätte die Magie sich in ihm eingenistet und Mark und Bein durchdrungen, beinahe wie eine Krankheit die tief in ihm verankert war.
Sie verstand nun, weshalb Lord Voldemort als unmenschlich beschrieben wurde. Viel mehr als die fahle Haut, die rostroten Augen, die schlangengleiche Nase, war es das Gefühl, welches in der Luft lag. So kalt, so lauernd, düster.
"Ich danke euch für euer Kommen, auch wenn es wohl nicht ganz freiwillig war.", der grausige Mann deutete eine leichte Verbeugung an, ohne den Blick von den Mädchen zu nehmen. "So hoffe ich doch, das euer Bleiben es sein wird." Keine Drohung, jedoch auch keine Frage. Hermione war jeglicher Wiederspruch im Hals stecken geblieben.
Voldemort setzte sich wieder auf den ausladenden Ledersessel, der wie ein Thron unter den restlichen normalen Stühlen wirkte, und ein Todesser zu Ginnys Rechten bedeutete den Beiden, es seinem Gebieter gleich zu tun. Mit wackligen Beinen folgte sie der Aufforderung.
"Es ist nicht die feine Art euch nach den Strapazen der vergangenen Tage nicht wenigstens etwas Ruhe zu gönnen. Noch quälender käme es mir aber vor, euch im Dunkeln zu lassen. Ihr seid sehr intelligente Hexen, davon habe ich gehört. Und ich will diese Wissbegierde nun durch Antworten belohnen." Nachdenklich schien er ins Leere zu schauen. "Nun, es ist vielmehr eine Geschichte, meine eigene Geschichte, um genau zu sein. Ich will euch davon erzählen, damit ihr begreift, versteht wieso das all hier,", seine Hand umschrieb einen weitläufigen Kreis, "nötig war."
Er ließ sich gegen die Lehne zurücksinken, die Ellenbogen aufgestützt und die Spinnenfinger ineinander verwoben.
"Es begann alles lange bevor ihr geboren wurdet, in meiner Jugend. Oder nein, mit meiner Geburt." Ein leichtes Lächeln spielte um die schmalen Lippen. "Denn was ich euch erzählen werde sind nicht nur Erinnerungen. Sie haben mich zu dem gemacht was ich heute bin. Ein Ereignis hat das nächste gejagt und letztendlich kam - wie sagt man? - der Stein ins Rollen. Meine Mutter starb sehr früh, ich habe sie nie gekannt, und mein Vater, ein erbärmlicher Mann, wollte weder sie noch mich haben. So kam ich im zarten Alter von wenigen Tagen in ein Waisenhaus, wo ich die ersten Jahre meines Lebens verbrachte."
Bis jetzt klang seine Stimme erstaunlich unbeschwert, als würde er von einem Leben berichten, welches nicht das seine war. Als würde alles ihn nur in sehr geringer Weise betreffen. Nur der abwesende Ausdruck verriet, dass die Erinnerungen wohl vor seinem inneren Auge vorbeiflossen.
"Sicherlich hätte ich dort noch wesentlich länger ein tristes Dasein gefristet," fuhr er seltsam entrückt fort, "wenn nicht irgendwann Albus Dumbledore aufgetaucht und mir von einer anderen Welt, voller Wunder... voller Magie erzählt hätte. Er sagte ich sei ein Teil dieser wunderlichen Welt und nahm mich mit. Wo ich für meine Talente kein Freak mehr sein würde, sondern normal. Eben wie die anderen auch."
Seine Worte brachen kurz ab, bevor er mit einem kaum hörbaren Lachen weiterredete, " Ihr könnt euch sicher vorstellen wie sehr ich ihn für meine Rettung vergötterte. Es war mir Ehre und Anerkennung zu gleich, als er mir, kurz nach meinem Abschluss, anbot sein Schüler zu werden."
Hermiones Lippen entschlüpfte ein überraschtes Raunen.
Voldemort lachte, und es klang wie splitterndes Glas. Spott und Bitterkeit fanden zu gleichen Maßen Ausdruck in seinen Zügen. "Dachtet ihr, er hätte mir von Anfang an misstraut, mich beobachtet, letztendlich verabscheut? Wieso hätte er mich denn dann aus meinem alten Leben befreien sollen? Nein, es war gänzlich anderes. Dumbledore hielt große Stücke auf mich. Ich dachte er würde Potential in mir sehen, dass es zu fördern und fordern lohnte. Viel zu spät begriff ich, dass seine Absichten eigennütziger Natur waren."
Seine Stimme hatte nun eine neue Farbe, Hohn und Groll vergifteten die Worte.
"Anfänglich half ich ihm bei seinen Forschungen, führte meine eigenen Experimente durch. Es war eine lehrreiche Zeit. Doch nach einigen Monaten in denen Dumbledore und ich wie Partner zu sein schienen, begann die Situation zu kippen. Der alte Mann war betrübt, resigniert, wütend. Seine Forschungen verliefen zusehend im Nichts, es wurde deutlich das seine Bemühungen keine Früchte tragen würden. Letztendlich bat er mich um Hilfe, regelrecht flehte er mich an, immerhin ging es ja um das Leben seiner kleinen Schwester. Es ging bei ihm immer nur um Ariana. Und ich bat mich nur zu gerne an.
'Tom.' sagte er. 'Tom, ich weiß, dass du der Hüter des Steins bist.'" Voldemort spie die Worte aus als wären sie Säure. " 'Mit dieser uralten Macht... Wenn du sie nicht zurückholen kannst, wer dann?' Ich erklärte ihm bedauernd, dass diese Idee nur Unheil über ihn bringen konnte. Der Tod hatte Ariana in seine Obhut genommen und es wäre nur recht sie ruhen zu lassen. Sie wäre nicht die gleiche.
Aber er wollte nicht hören. Er erklärte mir, er wolle nicht ihre geplagte, traurige Seele. Er wolle sie nicht quälen wie der zweite Bruder seine Frau. Stattdessen würde er Ariana gänzlich zurückbringen. Er war sich so sicher und ich... ich Narr ließ ihn gewähren."
Seine Zunge blitzte hervor und feuchtete seine aufgerissenen Lippen an, als er dasaß und seine nächsten Worte wählte: "Ich dachte, mein Schaden wird es ja nicht sein, wenn er den Stein ein bisschen erforscht. Er wird in einer Sackgasse enden, aber ich wollte es ihm nicht sagen. Er setzte solche Hoffnung in dieses Heiligtum, und ich hielt ihn für... nun ja fast schon für meinen Freund. Er war so lange mein Mentor. Ich verbrachte fast jede wache Minute mit ihm... und so sehr ich es leugnen möchte... Ich konnte es ihm nicht ausschlagen. Allerdings, und das war mir hoch und heilig, erfragte ich mir das Recht bei allen Forschungen im Raum zu sein."
Voldemort sah in Hermiones verschlossenes Gesicht bevor er auch der Rothaarigen kurz in die misstrauischen Augen schaute:" Ihr müsst wissen, als Hüter hat man eine besondere Verbindung. Man kann es nicht wirklich in Worte fassen, ist der Stein doch eigentlich nur ein Gegenstand, aber ich wusste, dass ich ihn so sehr brauche, wie ich auch Sauerstoff zum Überleben benötige. Er gehörte, mehr als man es sich vorstellen kann, zu mir. Also habe ich Dumbledore die Bedingung gestellt, dass er den Stein am Tag haben kann, ich ihn aber nachts, wenn wir seine Forschungsräume verlassen, wieder mitnehmen würde. Doch als ich den Stein eines Tages einstecken wollte, Dumbledore war schon Stunden vor mir gegangen, war er nicht da. In diesem Moment wusste ich ohne Zweifel: Der alte Mann hatte ihn mitgenommen!", seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut.
"Und plötzlich, ich wollte gerade vor Wut kochend und zu tiefst enttäuscht nachhause gehen, um Dumbledore am nächsten Tag zur Rede zu stellen... da konnte ich es fühlen. Irgendetwas stimmte nicht. Ich spürte ein Sehnen, nein, viel mehr ein Hilfeschrei. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, doch ich verstand, dass Dumbledore etwas mit dem Stein anstellte, was unsere Verbindung zum Leben erweckte, wie ein Band, dass bis zum Zerreißen gespannt wird. Mit einem Mal war da dieser Schmerz, der sich erst in meiner Brust, und dann in meinem ganzen Körper ausbreitete. Mein Inneres, mein Selbst schien sich zusammen zu ziehen. Meine Welt wurde zur reinen Qual. Ich lag zusammengekrümmt auf dem Boden, wie ein Tier.", spuckte er verächtlich aus. Seine langen, dünnen Finger hatten sich in die Armlehnen des Sessels gekrallt als er von dem Erlebnis erzählte. Die Stimmung im Raum war eisig und zu gleich kochend.
"Ihr seid keine Hüter. Ihr könnt es nicht verstehen. Niemand kann das. Nur ich, weil der alte Mann mir mein Erbe gestohlen hat. Er hat mich in zwei Teile gespalten... Meine Seele zerrissen!" Er lachte hart und scharfkantig. "Und das Beste ist, ach wunderbare Ironie, es hat nicht einmal funktioniert! Wie wir alle wissen ist Ariana noch heute tot und Dumbledore ein machthungriger Irrer, einer Hoffnung verfallen, einer Vision, wie ein Abhängiger seiner Droge."
Hermione stand vor Verblüffung der Mund leicht offen. Ihr Verstand konnte sich kaum um Voldemorts Geschichte herum winden. Alles in ihr sperrte sich dagegen auch nur einem seiner Worte Bedeutung zu schenken. Nichts davon konnte, nein, durfte wahr sein!
Und dennoch war es einem schlichtweg unmöglich, an der alten Sicht der Dinge so sang und klanglos fest zu halten. Irgendetwas passte ganz offensichtlich nicht zusammen. Von wegen irgendetwas... Mit James war ein Wirbelsturm durch ihre Weltanschauung gebraust und hatte alles aus den Fugen gerissen.
Natürlich war das noch lange kein Grund nun blindlings Voldemorts Geschichten zu vertrauen. Das wäre mehr als nur gefährlich und töricht. Kritisch betrachtet jedoch, hatte Hermione vermutlich genau dies in Dumbledores Fall getan.
Die Tatsache, dass der alte Mann durchaus eine manipulative und berechnende Ader hatte, war ihr längst bewusst gewesen.
Es war ihr nur nie wie ein Grund zur Sorge vorgekommen. Seine Manipulationen waren kaum mehr als die Leitung und die Führung, die Harry brauchte. Sie hatte immer geglaubt Dumbledore würde Harry durch die Missionen, die Übungen und die Strenge nur auf etwas vorbereiten wollen, dem ihr bester Freund ohnehin nicht entfliehen konnte.
Nun erschien ihr das alles in einem weitaus bedrohlicheren Licht. Vielleicht war sie zu leichtfertig gewesen.
Normalerweise nahm sie nie etwas für bare Münze, ohne nicht mindestens zwei Abhandlungen und den ein oder anderen Aufsatz zur Thematik zu Rate gezogen zu haben. Aber Dumbledore war ihr als der gütige, verschmitzte Schulleiter erschienen, seit sie die Welt der Zauberei betreten hatte. Hermiones kritischer Blick hatte den alten Mann wohlmeinend übersehen und das ließ sie nun mit zu wenig Wissen zurück, um auch nur einschätzen zu können, was stimmte und was nicht.
Im Saal der Malfoys hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so leise war es, während die Anwesenden auf eine Regung der Mädchen lauschten.
Voldemort betrachtete ihre Minen genau. Seine rostroten Augen schienen sich in ihre Gedanken zu bohren und interessiert und hungrig zu warten.
"Sind wir dann nicht gänzlich unbedeutend für eure Sache?" brachte Ginny schließlich hervor. Sie schien sich zu bemühen, ihre Stimme gewohnt fest klingen zu lassen, doch Hermione konnte das leichte Zittern hören.
Der Zauberer atmete langsam aus und lehnte sich langsam in seinem großen Sessel zurück. Seine schmalen, knochigen Finger waren in seinem Schoß miteinander verschlungen.
"Das, Mrs Weasley, ist eine sehr berechtigte Frage. Wir haben euch mit so vielen Verwirrungen gequält und noch immer kennt ihr den Platz nicht, den ich für euch vorgesehen habe. Einen sehr wichtigen Platz möchte ich betonen, bevor ich abermals ausschweifen muss, um den Zusammenhängen gerecht zu werden."
Es wurde wieder still, wie das unheilvolle Aufatmen vor dem Sturm. Voldemort schien nur gebannt darauf zu warten, dass das metaphorische Unwetter über sie alle hereinbrach.
Ginny sah ihm fest in die Augen, etwas Trotziges im Blick, wie um ihn aufzufordern etwas Falsches zu sagen und sein sorgfältig gebautes Kartenhaus in sich zusammen stürzen zu lassen.
Hermione hatte sich in den Stuhl mit der hohen Lehne zurücksinken lassen, die Hände im Schoß verschränkt. Ohne den Kopf zu bewegen sah sie die Leute in ihrem Umfeld aus den Augenwinkeln an.
Natürlich hatte Malfoy inzwischen auch an dem langen Tisch Platz genommen. Es war ja schließlich sein Haus, doch war er einer der wenigen die keine Todessermaske trug. Vielleicht war er noch das geringste Übel, dachte Hermione für einen kurzen Moment, doch dann erinnerte sie sich an Ginnys erstes Jahr und es schauderte ihr, wenn sie nur daran dachte.
Die Todesser verbreiteten ihren ganz eigenen Schrecken, ließen einen Zittern bei der Frage wer sich hinter den Silbernen Masken verbergen mochten. Und Lucius, er war ein vortrefflicher Hausherr für die schaurigen Anhänger Voldemorts.
Am Ende des Tisches saß Antonin Dolohov, der sie seit der ersten Sekunde intensiv musterte. Sie erinnerte sich nur zu gut an ihr letztes Treffen in der Misteriumsabteilung. Und natürlich saß Bellatrix an der Seite ihres Herrn. Sie schien ihm regelrecht an den schmalen Lippen zu hängen.
Auch Ginny wartete auf seine nächsten Worte, jedoch aus gänzlich anderen Gründen, als Voldemorts treuste Anhängerin. Das Warten hatte lange genug gedauert.
"Mir wurde zugetragen, dass ihr bereits wisst, dass James der Hüter ist..." ergriff Voldemort abermals das Wort. Ginny nickte knapp und Voldemort lächelte sein sprödes, kaltes Lächeln. "Vortrefflich. Dann wisst ihr auch, dass der alte Narr denkt, Harry sei der Hüter. Ach, er ist sich seines Sieges so gewiss."
Bellatrix lachte hämisch. Es klang als würde man genüsslich mit Nägeln über eine Tafel kratzen. Ginny verzog die Lippen.
"Albus bildet sich ein er wüsste nun, was zu tun ist. Er bildet sich ein er hätte damals, als er mir den Stein raubte gelernt, wie man sich die Macht der Heiligtümer stattdessen zu Nutze macht." Voldemorts Finger zuckten auf den Armlehnen, wie räuberische Insekten, die ihrer Beute harrten. "Er hat Harry Potter, den vermeintlichen Hüter und er glaubt, er sei der mächtigste Hüter seit dem dritten Bruder. Wieso sonst sollte der Tod ihn verschon haben, damals in Godrics Hollow?!"
Ginnys wurde blas. "Harry ist in Gefahr!"
Voldemort zog zufrieden die Augenbrauen nach oben. "Korrekt, Ginevra. Dumbledore wird erkennen, dass der junge Potter nicht der ist, den er braucht. All die Hoffnungen, all die Pläne werden in Rauch aufgehen und mit ihnen der Wert den Harry für ihn hatte."
Plötzlich ertönte ein lautes Gemurmel. Voldemort hob irritiert den Kopf nach oben nur um zu sehen, dass niemand im Raum redete. Damit war klar, dass die Stimmen aus der großen Eingangshalle kommen mussten, die vor der imposanten Holztür lag. Mit einem Kopfnicken gab er Lucius zu verstehen, dass er sich darum kümmern und wieder für Ruhe sorgen solle.
Mehrere der Todesser hatten in Habacht-Stellung Interesse der Tür zugewandt als erwarteten sie, es würde jeden Moment etwas Wichtiges passieren. Verwirrt warf Hermione Ginny einen Blick zu und runzelte die Stirn. Ihre Freundin schüttelte leicht den Kopf, ihre Augen huschten über die Versammelten, auf der Suche nach einem Hinweis, was gerade geschah.
Der einzige, der sich bewegte, war Lucius Malfoy der auf gesprungen war und nun mit hektischem Schritt die Halle durchmaß.
Als die schwere Holztür wieder ins Schloss fiel, war es einen Moment gänzlich still.
Schließlich erhob sich der dunkle Zauberer gemächlich, als würden ihn seine schweren Roben und Umhänge zu Boden ziehen wollen. Ihn schien nicht weiter zu kümmern, was dort im Nebenzimmer für Tumult gesorgt hatte. Stattdessen wartet, bis alle Augenpaare wieder auf ihn gerichtet waren.
"Von euch, Hermione Granger und Ginevra Weasley, möchte ich nun etwas erbitten." Er schien sich dem Sog, den seine Aura auf die Umstehenden hatte, durchaus bewusst zu sein, doch Ginny konnte keine süffisante Zufriedenheit erkennen, keine Emotion. Nur diese schwärende Magie und die Macht, die damit einherkam.
"Ich will, dass ihr Harry überzeugt, sich von Dumbledore und dem drohenden Unheil abzuwenden und Schutz zu suchen, bei uns." Er machte eine ausschweifende Geste mit der Hand, die den ganzen Saal einschloss.
Ginny konnte Todesser nur schwer mit einem Wort wie Sicherheit in Verbindung bringen. Und auch Hermione stolperte kurz über den Gedanken.
Es war eine Sache, in Erwägung zu ziehen, dass Dumbledore doch nicht der war, für den man ihn hielt. Etwas ganz anderes war es jedoch Harry wissentlich seinem größten Widersacher auszuliefern. Wäre auch nur ansatzweise wahr was sie bisher immer geglaubt hatten, so würde das unweigerlich zu Harrys Ermordung führen.
Das Schreckliche war nur, wenn Voldemorts Geschichte stimmte, mussten sie Harry retten, bevor Dumbledore sich seiner entledigte.
"Das ist..." flüsterte Ginny, mit rauer Stimme.
Hermione nickte erschüttert: "Ich weiß..." Die Worte hingen ungesagt im Raum, doch sie wussten es beide nur zu gut. Harrys Leben lag in ihrer Hand und sie hatten keinen blassen Schimmer was zu tun war.
Voldemort schien keine Antwort zu erwarten. Stattdessen beobachtete er die Mädchen eingehend und Ginny wurde die Sorge nicht los, dass er mehr las als nur ihre Gesichtszüge.
"Ich schlage nun vor, dass ihr euch zurückzieht und-" ein Krachen unterbrach ihn, als die Flügel der Holztüre mit Schwung gegen die Steinwand des Saals schlugen. Lucius stand im Eingang, wie vom Donner gerührt.
Als die zwei Gestalten hinter ihm zum Vorschein kamen, durchnässt und zerzaust, ging ein Raunen durch die Versammelten.
Ginny las aus dieser Reaktion, dass Draco und Blaise so bald noch nicht zurückerwartet wurden. Die beiden sahen aus als wären sie von Fluffy höchstpersönlich durch den Schnee getrieben worden, nur um im Anschluss Bekanntschaft mit der Peitschenden Weide zu machen.
"Meister.", Lucius atmete einmal tief ein, "Mr. Zabini und mein Sohn sind eben eingetroffen" Eilig machte er einen Schritt zur Seite und bedeutete den Neuankömmlingen einzutreten. Ginny konnte die Kälte auf ihrer bloßen Haut spüren, die den Kleidern der Männer anhaftete.
"Es ist etwas... unvorhergesehenes passiert."
"Das sehe ich." beschied Voldemort, die Augenbrauen in milder Verwunderung nach oben gezogen.
Mit rauschendem Umhang wandte er sich zu einer Traube Todesser zu seiner linken um. "McNair, gib Narcissa Bescheid: Ihre Anwesenheit ist erwünscht. Avery! Bring die jungen Frauen bitte in ihre Gemächer und stoße danach wieder zu uns."
Eine der Gestalten löste sich von den anderen und bedeutete den Mädchen aufzustehen. Sie erhoben sich zögerlich.
Hermione verfluchte innerlich, dass sie nun hinausbefördert wurden. Was auch immer das hier zu bedeuten hatte, die Todesser waren besorgt. Irgendetwas lief ganz und gar nicht nach Plan und die dumpfe Angst machte sich in ihr breit, dass dieses etwas mit Hogwarts und dadurch auch mit Harry und den anderen zu tun hatte...
Hermione und Ginny folgten Avery die Treppe hinauf und durch die verschlungenen Korridore. Sie liefen eng neben einander, so dass sich ihre Arme bei jedem Schritt berührten.
"Was wenn Voldemort recht hat? Vielleicht ist alles zu spät und Harry ist...", wisperte Hermione befangen.
"Tod?" gab Ginny gerade heraus zurück. Um ihre Mundwinkel lag jedoch tiefe Sorge.
Hermione nickte stumm. "Blaise und Dracos Erscheinen hat alle erschüttert. Es hat etwas wichtiges zu bedeuten."
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als sie Ginnys Gemächer erreichten. Avery bedeutete ihr einzutreten und Hermione schlüpfte schnell hinter her, aus Sorge, dass der Todesser sie trennen würde. Doch dieser zuckte bloß die Schultern, augenscheinlich froh darüber früher als wieder zur Versammlung stoßen zu können.
Der Gedanke ihm heimlich zu folgen und den Geschehnissen zu lauschen hing verlockend im Raum, aber als Ginny versuchte die Tür zu öffnen, stellen sie fest, dass man sie eingeschlossen hatte.
