Teil 10 - 10. Dezember
Der Samstag morgen zog herauf in klarem glitzernden Dezemberlicht, schob sich mit seinen eisigen Fingern in das Zimmer und weckte Snape gnadenlos. Er blinzelte, verzog das Gesicht und wunderte sich nicht zum ersten Mal, warum er vergangene Nacht nicht die Vorhänge zu gezogen hatte.
Er schwang sich aus dem Bett, fröstelte etwas in der eisigen Luft des Kerkers und erwachte durch das Zittern vollends. Ein Blick aus dem Fenster erinnerte ihn daran, warum er die Vorhänge nicht geschlossen hatte, er sah hinaus auf die durch den Frost schimmernde Landschaft, blau-golden glitzernd in der Morgendämmerung.
Ein dicker grauer Morgenmantel sorgte dafür, dass das Zittern nachließ, während Snape hinüber in seinen Wohnraum tappte; es war Samstag, kein Unterricht und damit kostbare Freizeit, aber als aller erstes musste erst einmal Kaffee her. Er setzte schnell den Kaffeetopf zusammen, geschickte Hände schraubten den mit Wasser gefüllten unteren Teil mit der oberen Kammer zusammen und stellten das Ganze auf den Herd. Er blieb einen Moment stehen, wärmte seine Hände an der aufsteigenden Wärme des gusseisernen Ofens, eine Wärme die noch die Kälte der Nacht vertreiben musste. Entweder hatten sich die Hauselfen heute morgen beim Anheizen verspätet oder die Nacht war frostiger gewesen als erwartet . Egal, es würde schnell genug durchheizen und in der Zwischenzeit genoss er das unerwartete Gefühl, warm in seinen Morgenmantel gehüllt der Kälte zu trotzen, die ihn geweckt hatte.
Snape hatte bereits seinen zweiten Becher Kaffee schon zur Hälfte getrunken, saß gemütlich in einem Sessel beim Herd und war dabei eine Ausgabe der Ars Alchemica zu lesen, die irgendwie seiner Aufmerksamkeit entgangen war, als die angenehme, verschlafene Samstag Morgen Laune sich abrupt auflöste.
Es war nichts spezielles, was ihn daran erinnerte, doch von einem Wort zum anderen, zwischen zwei Schlucken Kaffee, wurde seine Träumerei von Furcht abgelöst, die eine größere Kälte mit sich brachte als die, die die Nacht mit sich gebracht hatte.
Samstag. Das Lehrer-Ehemaligen Quidditch Spiel. Die Ehemaligen. Potter.
Wie aufs Stichwort hörte er jemandem im Labor rumoren; die Wände waren zu dick um Geräusche durch zu lassen, aber einige geeignete Sprüche vor Jahren hatten dafür gesorgt, dass er es hörte, wenn jemand den Raum betrat während er woanders war. Hermine war anscheinend auch früh aufgewacht. Miss Granger, erinnerte er sich. So war es sicherer.
So viel zu Frieden und Einsamkeit. Er unterdrückte den Drang, den halbvollen Kaffeebecher an die Wand zu schleudern; es wäre eine Verschwendung von gutem Kaffee und außerdem war er nicht sicher, ob der alte Zauberer, unten in Somerset, der die Becher für ihn gemacht hatte, überhaupt noch lebte, beziehungsweise ob er überhaupt noch sein überraschend lukratives Muggel-Hobby betrieb. Es wäre ein Schande so ein gutes Stück Steingut in einem Anfall schlechter Laune zu verlieren wegen Schülern, die er noch nicht einmal mochte. Ehemalige Schüler. Egal, sie waren es nicht wert.
Snape zog sich schnell an, kümmerte sich nicht weiter um grundsätzliches, er spritze sich Wasser ins Gesicht und erinnerte sich mit einem Schnauben an eine Hautpflegeserie für Männer - lächerlich! In die Person des Professors eingeknöpft schritt er aus seinen Räumen, blieb nur kurz stehen um einen weiteren Tag von Dumbledore's albernem Kalender abzureissen. Ein Tag weniger. Mehr gab es dazu jetzt nicht zu sagen.
Einige lange, gereizte Schritte brachten ihn zum Laboratorium. Der Ofen dort war noch nicht angezündet worden - den Hauselfen war es nicht gestattet sein Arbeitsgebiet ohne besondere Erlaubnis zu betreten. Hermine hatte sich bisher nicht darum gekümmert ihn anzuzünden; ihr Atem bildete kräuselnde durchscheinende Wolken, wirbelte im staubigen Sonnenlicht , als sie sich über die endlosen Seiten der Pergamente beugte, die über den Tisch vor ihr verstreut lagen. Eine kleine Flamme unter einem Kessel in der Nähe schuf die ganze Wärme in dem Raum.
Eine rasche Bewegung des Zauberstandes und der Ofen an der Wand erwachte zu Leben; Hermine fuhr zusammen bei dem plötzlichen Krachen und dem Knacken des sich ausdehnenden Metalls als heiße Luft den Schornstein erreichte.
„Sev - Professor," sagte sie nach einem Moment, während sie ihn anstarrte. Man konnte sehen, wie sie sich zusammen nahm. „Guten Morgen," fügte sie hinzu und wandte sich wieder den Manuskripten zu.
„Ist er das?" brummelte er vor sich hin. „Sie sind früh hier," sagte er laut, kam näher und sah über ihre Schulter auf das Gekritzel und die Diagramme die das Manuskript bedeckten.
„Mhm," murmelte sie geistesabwesend. „Ich hatte noch einige Dinge zu überprüfen und wollte es erledigt haben. Ich bezweifle, dass ich viel schaffen werden wenn das grausige Paar erst einmal eingetroffen ist und da Parvati heute kommt, wollte ich sicher gehen, dass wir so weit wie möglich vorankommen."
„Miss Patil kommt heute?" fragte Snape, abgeschreckt. Eine rosafarbene Tönung für seinen Tag; das war genau das, was ihn perfekt macht.
„Nun, sie hat es nicht gesagt, aber ich wäre überrascht, wenn sie nicht käme." Hermine sah zu ihm auf. „Sie ist schließlich mit Oliver Wood verheiratet und er wird ganz sicher hier sein. Ich habe einfach angenommen, dass sie ihn begleitet; das ist doch gar nicht so abwegig."
„Nein, wahrscheinlich nicht, Miss Granger." Snape runzelte die Stirn als Hermine ihn anstarrt. Was hatte er jetzt wieder getan? Nach seinem Dafürhalten war das eine freundliche Bemerkung gewesen.
„Helfen Sie mir, Professor, oder wollen Sie einfach nur so rum stehen?" kam die bissige Frage. Jetzt wusste Snape, dass er etwas angestellt hatte, aber was ... dann blitzten Erinnerungen von heftigem Verlangen nach Schokolade und Tränen in ihm auf. Vielleicht - nun, vielleicht. Er beschloss, das Rückzug die klügere Alternative war.
„Ich habe Pflichten zu erfüllen, Miss Granger. Ich werde Sie zweifellos später sehen." Er fegte aus dem Labor, distanzierte sich selbst von weiblichen Hormonen; er hatte genug davon gehabt, das reichte für den Rest seines Leben. Er meinte Hermine fluchen zu hören als er sie verließ, aber er war nicht sicher; wenn er sich allerdings richtig erinnerte, wäre es zu dieser Zeit des Monats absolut möglich.
Für eine Stunde oder so schlenderte er in den äußeren Bereichen des Schlosses umher, vermied die mehr bevölkerten Bereiche, schaute finster und ließ seine schlechte Laune an jedem Schüler aus, der unglücklicherweise die schlechte Idee gehabt hatte, eine Abkürzung nehmen zu wollen. Zweifellos würde das die Schullegenden um den vampirartigen Potions Master vermehren, aber so lange es ihm etwas von seiner Frustration und Irritation nahm, kümmerte ihn das nicht sehr. Im Grunde genommen konnte alles, was die Abneigung und Furcht der Schüler ihm gegenüber vermehrte, nur gut sein, denn es bewirkte eine Verstärkung ihrer Aufmerksamkeit während seiner Unterrichtsstunden.
Irgendwann musste jedoch sogar er aufhören umherzuwandern und durch düstere Korridore bewegte er sich in Richtung des Schlosstores. Dumbledore würde zweifellos nach ihm suchen um sicher zu gehen, dass er sich nicht von dem Spiel ausschloss; noch schlimmer: er könnte McGonagall oder diesen Idioten, Queroz, losschicken um ihn zu suchen.
Einige Treppen später - einige co-operativer als andere - war Snape widerstrebend in der Eingangshalle des Schlosses eingetroffen. Samstag morgens herrschte an diesem Ort immer ein geschäftiges Treiben, die älteren Schüler kamen und gingen nach Hogsmeade und die jüngeren Schüler trödelten planlos umher und schwatzten.
Dieser Morgen jedoch ließ alle anderen Samstage wie ein Hort der Ruhe und Beschaulichkeit erscheinen. Das Geschnatter fiel Snape's Ohren schon einige Treppen darüber an, schwoll an und ab in einem Durcheinander von Tonlagen und Lautstärke, vermischte sich zu einer unvergleichlichen Kakophonie, als Quidditch Spieler und ihre verschiedenen Anhänger alle gleichzeitig versuchten sich über die Neuigkeiten des letzten Jahrzehnts auszutauschen und das alles in kürzester Zeit. Potter, Weasley, Wood, noch mehr Weasleys und andere, weniger berühmte ehemalige Schüler, alles redete durcheinander. Er biss die Zähne zusammen und schritt nach unten.
Snape's Ankunft in der Halle hatte kaum Auswirkungen auf den Lärm; zugegebenermaßen ließ die Lautstärke in seiner unmittelbaren Nähe nach, während er sich einen Weg zum Lehrerzimmer bahnte, das am anderen Ende der Halle lag; er suchte eine Zuflucht, oder etwas, das dem nahe kam an einem Tag wie heute. Hinter ihm setzte das übliche Geflüster ein, als die ehemaligen Schüler zu dem Schluss kamen, dass er sich überhaupt nicht verändert hatte. Dummköpfe; warum sollte er sich verändert haben? Es verblüffte ihn immer wieder aufs Neue, dass seine Schüler zu erwarten schienen, der Niedergang von Voldemort hätte aus ihm so etwas wie einen Albus Dumbledore oder etwas ähnlich absurdes machen müssen.
Betroffen dachte er plötzlich, dass Hermine diesen Fehler eindeutig nicht gemacht hatte. Vielleicht lag es an der sporadischen Korrespondenz im Laufe der Jahre, oder, wahrscheinlicher, es lag daran, dass sie ihn sehr viel besser kannte als ihre Mitschüler. Es gab kein ‚vielleicht', dachte er, während er sich durch die Menge arbeitete. Als er die Tür des Lehrerzimmers erreichte war er zu dem Ergebnis gekommen, dass, bei allem was Miss Granger wusste, es nicht überraschend war, dass sie keinerlei Veränderungen bei ihm erwartete.
Er hatte bereits die Hand auf dem Türgriff des Zimmers um es zu öffnen, als seine Glückssträhne zuende ging.
„Professor?"
Er hatte gehofft, dass Hermine sich geirrt hatte, hatte gehofft weder das Pink zu sehen noch diese brüchige falsche Fröhlichkeit zu hören.
„Ms Patil," stellte er fest.
„Ich würde gerne sehen, was Sie bisher entwickelt haben; Sie haben doch an der Pflegeserie gearbeitet, oder?"
Sie hatte eindeutig jede Angst oder Abneigung mit ihm zu sprechen, überwunden, eindeutig. Ambitionen - oder vielleicht war es eher Habgier - ließ so manches überwinden. Sehr schade. Diese Unterhaltung war das Letzte was er wollte, besonders hier, wo jeder zuhören konnte und jetzt - oder später - Ms Patil fragen konnte, worüber sie genau mit dem fürchterlichen Professor Snape gesprochen hatte.
„Ich schlage vor, Sie gehen hinunter in den Laborbereich, Ms Patil. Ich glaube, Miss Granger ist gerade noch dort am arbeiten. Sie kann all Ihre Fragen beantworten. Guten Tag."
Er öffnete die Tür und schlüpfte hinein bevor sie Gelegenheit hatte zu antworten. Er fühlte kaum Gewissensbisse dafür, dass er sie hinunter zu Hermine geschickt hatte; letztendlich, fand er, hatte Hermine dies alles ins Rollen gebracht. Außerdem hätte sie jetzt ein brauchbares Objekt, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen konnte, wenn sie in der Stimmung war, an die er sich erinnerte, zusammen mit Tränen und einem heftigen Verlangen nach Schokolade.
