Ferien zwischen 6. und 7. Schuljahr

„Kennst du den Kerl?" Scorpius stand mit Juan in einer kleinen Bar in Aquascaliente. Er war seit vier Wochen mit dem Schatzsucher in Argentinien unterwegs. Es war anstrengende Arbeit, aber es machte ihm Spaß.

Normalerweise lebten sie in einem Zelt. Aber sie hatten Vorräte benötigt und daher waren sie in dieser kleinen Stadt gelandet.

Scorpius drehte sich nach der Person um, die Juan irritierte. Sprachlos starrte er den braunhaarigen Mann an einem Tisch, in der hinteren Ecke an. Das konnte eigentlich nicht sein! Stumm lief er zu dem Tisch. Der Mann war aufgestanden und kam ihm entgegen.

„Alfred! Was machst du hier?" Alfred lachte über das ganze Gesicht. „Das könnte ich dich auch fragen!" Scorpius war vor seinem alten Schulfreund angelangt. Er freute sich, Alfred so überraschend zu sehen.

„Ich mache ein Praktikum als Fluchbrecher. Wir suchen hier in der Gegend nach alten Schätzen!" Alfred schüttelte den Kopf. „Was ein Zufall! Ich bin hier bei einigen Freunden." Scorpius legte Alfred den Arm um die Schulter und schob ihn in Richtung Bar. „Komm' ich stell' dir Juan vor."

Gemeinsam liefen sie zu Juan an die Bar. Scorpius stellte die zwei Männer einander vor. „Bei wem bist du denn zu Besuch? Ich kenne hier einige Leute in der Gegend." Juan sah Alfred neugierig an. Alfred lächelte ihn kalt an. „Ich bin bei Hans Reuter zu Gast." Der Fluchbrecher kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „In der Colonia?" Alfred nickte. Juans Gesicht verdunkelte sich.

Scorpius spürte die plötzliche Spannung, konnte sie sich aber nicht erklären. Er versuchte die Stimmung wieder zu lockern und fragte nach gemeinsamen Bekannten aus Rotterdam. Als sich Alfred nach einigen Minuten entschuldigte, um zur Toilette zu gehen, beugte Juan sich zu Scorpius.

„Ich mische mich ungern in so was ein, aber sei vorsichtig mit dem Kerl! Die Colonia ist nicht geheuer!" Scorpius sah ihn verwundert an. „Nicht geheuer?" Juan zuckte die Achseln und trank einen Schluck aus seiner Flasche. „Man hört so einiges. Muggel, die verschwinden. Von Dämonenbeschwörungen wird gesprochen. Und die sind besessen von der Blutdoktrin. Keiner hier in der Gegend will mit den Leuten aus der Colonia was zu tun haben!"

Scorpius nickte nachdenklich. Das war sicher nur die lebhafte Fantasie der Menschen in der Gegend. Viele konnten kaum lesen und schreiben. Die Menschen hier hatten ein ungesundes Misstrauen gegenüber allen Fremden.

Alfred kam zurück und sie unterhielten sich noch eine Weile über die alten Zeiten. „Sag' mal, Scorp, hast du vielleicht ein paar Tage? Dann könnten wir noch ein bisschen Zeit zusammen verbringen. Meine Freunde haben sicher nichts dagegen, wenn ich dich mitbringe."

Scorpius sah, wie sich Juans Miene noch weiter verdüsterte. Aber ihm standen freie Tage zu und bisher hatte er sie nicht genutzt. „Ich könnte schon ein oder zwei Tage bleiben." Er wandte sich an Juan. „Du wolltest doch hier in der Gegend einige Sondierungsarbeiten machen. Wenn ich in zwei Tagen wieder zu dir stoße, könnten wir dann weiter mit den komplizierteren Sachen machen."

Juan sah ihn kurz stumm an. „Wenn du das so möchtest, kann man das so einrichten." Scorpius nickte. Alfred erklärte begeistert: „Prima, ich hol dich dann morgen früh um 9 Uhr hier am Pub ab." An Juan gewandt setzte er hinzu: „Und in zwei Tagen liefere ich ihn abends wieder hier ab."

Juan nickte finster.

Sie tranken ihre Gläser aus und verabschiedeten sich dann. Als Scorpius in seinem Zimmer im Zelt lag, stellte er fest, dass er sich über das Treffen mit Alfred und auch auf die nächsten Tage in der Colonia freute.

ooo

Am folgenden Morgen trafen sich Scorpius und Alfred vor der geschlossenen Bar. Juan hatte am Abend nichts mehr gesagt, aber seine Miene hatte deutlich seine Missbilligung ausgedrückt. Scorpius hatte es ignoriert. Alfred war sein langjähriger Freund und was wusste Juan schon?

„Ich appariere uns zusammen zur Colonia." erklärte Alfred und griff nach Scorpius Arm. Erschrocken riss Scorpius die Augen auf. „Was gleich hier?" Scorpius hörte nur Alfreds Lachen, als er auch schon durch die Dimensionen gesogen wurde.

Als er wieder klar sehen konnte, standen sie vor einem großen Eisentor, das von akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken umgeben war. Über dem Tor war in Eisenbuchstaben 'Sangre pura – Magica pura' zu lesen. Hinter dem Tor erkannte Scorpius einen hellen Kiesweg, der hinter einer Biegung aus seinem Blick entschwand.

Es sah aus, wie das Eingangstor eines englischen Herrenhauses. Scorpius hatte bisher in Südamerika noch nichts Ähnliches gesehen.

Neugierig sah er Alfred zu, wie dieser eine der Eisenranken des Tores berührte. Lautlos glitt das Tor auf. „Willkommen in der Colonia Pura!" Alfred machte eine theatralische einladende Geste.

Während sie durch das Tor traten, erklärte Alfred: „Es gibt auf dem ganzen Gelände Anti-Apparaions-Zauber. Aber wir haben dafür andere Annehmlichkeiten." Alfred trat an eine kleine Hütte und holte zwei Besen daraus hervor. Scorpius erkannte, dass es sich um Clouddancer 3000 handelte. Das war der teuerste Besen, den man zurzeit kaufen konnte.

Ehrfürchtig nahm er Alfred einen aus der Hand. Alfred lächelte ihn selbstgefällig an. „Geld spielt hier keine Rolle! Nur das Beste ist uns gut genug! Und man erlebt auf diesen Besen wirklich eine 'neue Dimension des Fliegens'."Scorpius lächelte bei der Anspielung auf den Slogan der Clouddancer Werbung.

Mit klopfendem Herzen bestieg er den Besen. Langsam und sanft hob der Besen ab. Er ließ sich butterweich lenken. Scorpius war so mit dem Besen und dem Fliegen beschäftigt, dass er nicht merkte, bis er neben Alfred landete, dass sie zu einem großen Haus geflogen waren.

Das Haus sah tatsächlich wie ein englisches Herrenhaus aus. Es erhob sich streng gegen den Himmel. Scorpius übergab Alfred den Besen. Sehnsüchtig sah er zu, wie Alfred den Besen in eine ähnliche Hütte, wie am Eingang abstellte.

Lachend erklärte Alfred: „Wir fliegen nachher noch eine Runde. Dann kannst du dir das ganze Gelände ansehen." Begeistert stimmte Scorpius zu. Alfred lief die Eingangsstufen hinauf. Kaum war er auf der obersten Stufe angelangt, öffnete sich die Eingangstür lautlos.

Alfred winkte Scorpius, ihm zu folgen. Wenn das Haus von außen schon beeindruckend aussah, war es von innen noch erstaunlicher. Die Eingangshalle erstreckte sich über eine Fläche, in die das Haus von Scorpius Eltern gepasst hätte. Über den Boden spannte sich ein magisches Mosaik, über das Zentauren, Sphinxe und sogar ein Minotaur sich bewegten. Am anderen Ende der Halle erhob sich eine weiße Marmortreppe in den ersten Stock. Jeweils links und rechts am Fuß der Treppe erkannte Scorpius Türen.

Alfred lief vor und öffnete die linke Tür. „Hier geht es zu den Arbeitsräumen. Hier sind die Büros, die Labore und auch das Esszimmer. Die andere Tür führt zu unseren privaten Räumen. Ich stelle dich erst einmal einigen Jungs vor."

Scorpius folgte Alfred und fragte sich zum ersten Mal, was Alfred und 'die Jungs' hier eigentlich machten. „Büros und Labore?"

Alfred drehte sich im Gehen etwas zu ihm. „Wir arbeiten an Flyern und Plakaten und Veröffentlichungen für die Magische Revolution. Außerdem entwickeln wir hier neue Tränke und Zauber. Zum Großteil sind sie zum Heilen bedingt. Krankheiten werden untersucht und verbesserte Mittel entwickelt."

Scorpius fand die Mischung der Aufgaben merkwürdig, wurde aber durch ihre Ankunft in dem ersten Büro davon angelenkt. In dem Raum standen einige junge Männer über einen Tisch gebeugt. Dieser war übersät mit Pergamenten.

„Ich wollte euch nur kurz Scorpius vorstellen. Er ist ein Schulfreund von mir und bleibt die nächsten zwei Tage hier." Die jungen Männer nickten ihm höflich zu. Alfred trat näher an den Tisch. „Seit ihr immer noch mit den Plakaten für die Veranstaltung in Moskau beschäftigt?"

Einer der Männer nickte. „Wir haben die schwedischen Plakate genommen und mit einem Sprachzauber übersetzt. Aber Sascha hier meint, die Übersetzungen sind vollkommener Blödsinn und daher machen wir das jetzt wieder auf die althergebrachte Weise. Aber das dauert ewig, weil Morten das Schwedisch in Englisch übersetzen muss und dann Sascha das wieder in Russisch." Der Mann schüttelte entnervt den Kopf.

„Ich rede mal mit Jasper. Der soll sich mit dem Zauber beschäftigen. Das kostet alles viel zu viel Zeit!" erklärte Alfred. Alfred schien in der Gemeinschaft eine hohe Stellung einzunehmen. Er benahm sich, wie damals in der Schule.

Dann deutete Alfred Scorpius mit einem Nicken an, dass sie wieder gehen würden. „Bis später!" rief Alfred noch über die Schulter.

Auf dem Gang wandte Scorpius sich Alfred zu: „Moskau? Wow, die Organisation ist ganz schön groß geworden." Alfred nickte stolz. „Ja, wir haben in fast allen Ländern eine Gruppe. Die Namen der Gruppierungen sind unterschiedlich, aber letztendlich laufen hier und in Rotterdam alle Fäden zusammen."

Sie betraten bereits einen weiteren Raum. Hier saß nur ein Mann an einem Schreibtisch und hatte mehrere Federn um sich herum, die alle fleißig über die Pergamente flogen. Als Scorpius näher trat, sah er, dass er nicht alles lesen konnte. Einige der Federn schrieben in unterschiedlichen westlichen Sprachen, aber andere schienen chinesische oder japanische Schriftzeichen zu Pergament zu bringen.

„Das ist Stanley. Er ist aus den USA. Er schreibt gerade an einem Leitfaden für reinblütige Zauberer und dem Umgang mit Muggeln." Alfred sprach leise, um den Mann nicht aus seiner Konzentration zu reißen. Stanley hob kurz eine Hand, aber er sah nicht auf. Leise traten Scorpius und Alfred wieder auf den Gang. „Stanley ist genial. Er hat schon einige Bücher über magische Traditionen geschrieben. Demnächst fängt er an, unsere Philosophie zusammenzufassen!"

Im Weitergehen deutete Alfred auf den restlichen Gang. „Hier hinten sind die Labore. Lass' uns Jasper suchen." Alfred steckten den Kopf in eine Tür und schloss sie aber gleich wieder. „Nicht hier." er runzelte die Stirn und schaute durch die nächste Tür. „Ah, Jasper! Dich habe ich gesucht!" Scorpius trat hinter Alfred ein. Der Raum war leer bis auf einen großen blonden Mann. Alfred und Jasper unterhielten sich über das Problem des Übersetzungszaubers, während Scorpius sich fragte, wozu man einen leeren Raum benötigte.

Jasper nickte ihm kurz zu, als er den Raum verließ, um wahrscheinlich zu der ersten Gruppe zurückzulaufen. „Jasper ist unser Spezialist für Zauberkunst. Er ist unglaublich begabt. Er hat schon einige sehr nützliche Zauber entwickelt." Scorpius machte eine ausholende Geste. „Wozu nutzt ihr diesen Raum eigentlich?"

Alfred trat schon wieder zur Tür. „Das ist einer der Versuchsräume für die Zauber. Falls etwas schief geht, kann nicht so viel kaputt gehen. Und man wird nicht von herumfliegenden Scherben oder so getroffen." Scorpius nickte.

Alfred zeigte ihm noch einige weitere Räume und Gruppen von Männern, die konzentriert zu arbeiten schienen.

„Leben hier nur Männer?" Scorpius wunderte sich schon eine geraume Zeit. Alfred schüttelte den Kopf. „Nein, hier leben auch Frauen. Aber die politische Arbeit ist Männersache. Die Frauen sollen sich nicht mit Politik belasten. Die würden alles sowieso nur komplizierter machen, als es ist. Und dann brauchen sie immer so viele Päuschen zum Plauschen! Frauen sind hier nur für häusliche Dinge und ein wenig Entspannung zuständig." er grinste Scorpius vielsagend an.

Scorpius lachte mit Alfred. Kurz musste er an seine Mutter denken, die immer sehr engagiert mit seinem Vater über Politik diskutierte. Auch seine Streitereien mit Rose fielen ihm ein. Die zwei waren sicher anderer Ansicht, aber er verstand Alfred, wenn er sagte, Frauen verkomplizierten die Dinge nur.

Zum Mittagessen brachte Alfred ihn in einen großen Raum. „Wie haben Essenszeiten von 6 bis 8 Uhr, dann von 12 bis 14 Uhr und wieder um 18 bis 20 Uhr. So muss man nicht alles stehen und liegen lassen, wenn man mitten in einer Aufgabe ist." Sie setzten sich an einen Tisch mit anderen Männern und sofort erschienen zwei Teller vor ihnen.

„Habt ihr hier Elfen?" Scorpius griff nach einem Stück Brot. „Nein, besser! Wir haben Muggel!" Ein Mann ihm gegenüber hatte geantwortet. Er streckte ihm die Hand entgegen. „Hallo, ich bin Ernst!" Scorpius schüttelte die Hand und stellte sich vor.

„Wieso sind Muggel besser?" Ernst grinste. „Sie sind nicht so selten!" Scorpius blinzelte verwirrt, aber bevor er nachhaken konnte, erklärte Alfred bereits: „Nach dem Essen zeige ich dir das Gelände und dann kann ich dir auch dein Zimmer zeigen." Scorpius nickte. Er wollte unbedingt noch einmal den Besen probieren.

Als sie später über das Gelände flogen, bemerkte Scorpius, wie groß die Anlage wirklich war. Die akkurate Hecke erstreckte sich in alle Richtungen über mehrere Hektar. Das Gelände bestand fast ausschließlich aus englischem Rasen. Nur hier und da unterbrochen durch kleine Waldstückchen.

Alfred deutete nach vorne. „Hier halten wir die Zentauren." Scorpius kniff die Augen zusammen und versuchte etwas in dem kleinen Waldfleck zu erkennen. „Was macht ihr denn mit Zentauren?" Alfred bremste seinen Besen ab. „Wie erforschen alle magischen Kreaturen und versuchen ihre Kräfte zu nutzen. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass Werwolf-Speichel Wunden heilt. Das ist ganz nützlich, wenn man in einem Gebiet ist, in dem man keine Magie nutzen kann."

Scorpius sah sich um. „Ihr habt hier Werwölfe?" Alfred nickte. „Ja, aber keine Sorge, die lassen wir nicht rumlaufen. Die sind mit den Vampiren und anderen gefährlichen Arten im Kerker des Hauses eingesperrt."

Scorpius Kopf schwirrte. Werwölfe, Vampire, Kerker? Das kam ihm alles so fantastisch vor. Sein logischer Verstand blieb an der Stelle der Unterhaltung, die er noch erfassen konnte. „Kontaminiert man sich nicht mit dem Werwolfspeichel?" Alfred nickte. „Normalerweise schon. Wir filtern das Mutagen heraus. Hat uns zig Versuche gekostet, bis wir es endlich vollständig entfernen konnten. Das Gute daran war, dass uns die Werwölfe nicht ausgingen." Alfred lachte laut.

Scorpius runzelte die Stirn. „Könnte man dann nicht Werwölfe heilen?" Alfred machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wenn die Mutation erst einmal vollständig vollzogen ist, können die Biester nur durch eine silberne Kugel geheilt werden!"

Schweigend flogen sie eine Weile vor sich hin.

Dann entdeckte Scorpius eine Ansammlung von kleineren Hütten. „Was ist das?" Alfred schaute in die angegebene Richtung. „Da wohnen unsere Muggel. Komm' ich zeige es dir!" Damit flog er voraus.

Sie landeten neben einer der Hütten. Sofort trat eine junge Frau aus der Tür. Sie hatte blonde Haare und Sommersprossen. „Kann ich etwas für Sie tun?" Ihre Augen hatten eine merkwürdige türkise Farbe. Alfred schüttelte den Kopf. „Nein, ich will meinem Freund nur die Unterbringungen zeigen." Die Frau nickte und verschwand wieder in dem Haus.

Sie liefen um die Hütte herum und kamen auf einen Platz. Ein Mann hackte Holz. Er hatte eine dunkle Hautfarbe, als er sich umdrehte, konnte Scorpius sehen, dass er die gleiche Augenfarbe, wie die Frau hatte. Auch er fragte, ob er etwas für sie tun könnte. Alfred verneinte wieder und der Mann hackte weiter Holz.

„Was ist mit ihren Augen?" fragte Scorpius flüsternd. Alfred grinste. „Du brauchst nicht flüstern. Wir geben ihnen einen Trank, das ist besser als der Imperiuszauber. Der Trank ist viel einfacher zu nutzen. Und bisher hat er noch immer gewirkt. Allerdings ändert sich die Augenfarbe nach einigen Monaten. Und die meisten überleben kein Jahr."

Scorpius riss die Augen auf. „Sie überleben nicht?" Alfred zuckte mit den Schultern. „Es gibt so viele von ihnen, wir können sie schnell ersetzen." Alfred hatte sich schon wieder umgedreht und lief zu ihren Besen zurück. Daher fiel ihm nicht auf, wie Scorpius schockiert auf die Hütten sah.

Als er Alfred eingeholt hatte, hatte er aber sein Gesicht wieder unter Kontrolle. „Aber wie kommt ihr denn an die Muggel?" Alfred hob seinen Besen hoch. „Das sind Reisende, die hier durch die Gegend ziehen. Die werden immer erst Wochen später vermisst und dann sind sie eben in der Wildnis verschollen. Keiner sucht nach denen."

Bevor Scorpius sich auf den Besen schwang, warf er noch einen Blick auf die Unterbringungen. Sie hielten hier entführte Muggel als Diener und gaben ihnen einen Trank, der sie willenlos machte, damit sie für die Zauberer die unliebsamen Arbeiten übernahmen? Dieses Konzept sprengte seine Vorstellungskraft. Selbst wenn er den Beweis vor sich sah. Das war ungeheuerlich!

„Wenn du magst, kannst du dir auch eines der Mädchen heute zum Bettanwärmen holen." Scorpius Kopf flog in Alfreds Richtung. Dieser grinste vielsagend. „Wir haben da auch eine rothaarige mit Locken. Scheint ja dein Typ zu sein!" Scorpius sah ihn sprachlos an. Alfred begann laut zu lachen. „Ich habe doch gesagt, die machen alles, was man will. Scorpius dein Gesicht ist Gold wert. Du guckst wie ein Riese!"

Scorpius bekam seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle. Dann lachte er mit Alfred. „Nun, so was sieht man ja auch nicht alle Tage!" Alfred nickte. „Ja, es ist großartig dabei sein zu können. Zu sehen, wie sich hier Dinge entwickeln. Wir werden die Welt verändern! Wir werden den Umschwung erleben, Scorp! Und wir werden uns nicht aufhalten lassen! Du müsstest mal sehen, was die Jungs im Verteidigungskreis entwickeln. Da gibt es Zauber, Tränke und Geräte, die uns die Übernahme der Macht sichern werden! Und wer nicht für uns ist, wird nicht lange die Gelegenheit haben, gegen uns sein!" Alfreds Augen hatten einen fiebrigen Glanz angenommen.

Beklommen sah Scorpius von Alfred zu den Muggelbehausungen. Er schluckte schwer. Das hier war die Zukunft? Plötzlich war er sehr dankbar ein Zauberer zu sein.

Sie flogen wieder zurück und Alfred zeigte ihm sein Zimmer für die Nacht.

Beim Abendessen traf er dann den Kopf der Colonia, Ernst Reuter. Er war ein Verwandter von Jeroen van Zandt. Wie in Großbritannien waren auch im Rest von Europa alle reinblütigen Zauberer verwandt.

Reuter war nicht so charismatisch, wie van Zandt. Er war ein kurzangebundener, sehr präziser Mann. Man konnte im Umgang mit den anderen Männern sehen, dass er alle Fäden in der Hand hielt. Er kannte den Stand aller Projekte und trieb die Männer an. Alfred schien dabei, seine linke Hand zu sein.

Erschöpft lag Scorpius spät abends in seinem Bett. Er versuchte alles, was er gehört und gesehen hatte zu verstehen. Aber einige der Dinge waren zu erschreckend.

Plötzlich ging die Tür auf. Erschrocken fuhr Scorpius hoch. Mit klopfendem Herzen griff er nach seinem Zauberstab. „Lumos!"

Im Schein seines Zauberstabes konnte er ein Mädchen an der Tür stehen sehen. Ihre dunkelroten Locken fielen ihr offen auf die Schultern. Ihr Körper wurde nur spärlich von einem durchscheinenden Hemdchen verdeckt. „Ich bin Mette. Alfred schickt mich!"

Mit einem verführerischen Lächeln kam sie auf Scorpius zu. Dieser rutschte in seinem Bett nach oben, bis er gegen das Kopfteil stieß. Ihre türkisen Augen verursachten ihm eine Gänsehaut. Leise gurrte sie: „Ich soll dir Gesellschaft leisten!"

Wie hypnotisiert sah Scorpius ihr dabei zu, wie sie geschmeidig auf das Bett kletterte und sich auf seinen Schoß setzte. Erst bei der Berührung schreckte er aus seiner Erstarrung. Er packte ihre Schultern mit beiden Händen und schob sie neben sich auf das Bett.

„Ich bin müde. Ich brauche keine Gesellschaft!" Ihr Gesicht verzog sich, als würde sie gleich weinen. „Du magst mich nicht?" Scorpius hatte das Gefühl, in ein surreales Theaterstück geraten zu sein.

Er stand auf und erklärte dem Mädchen in seinem Bett. „Doch, Mette, du bist hübsch. Ich bin nur müde. Würdest du bitte gehen?" Sie sah ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Traurigkeit an. „Aber Alfred hat gesagt, ich soll dich verwöhnen! Und ich soll heute Nacht nicht in meine Hütte zurück. Wohin soll ich denn dann gehen?"

Scorpius seufzte. Dann setzte er sich zu dem Mädchen auf dem Bett. Wenn er ihre Augen nicht sehen konnte, dann sah sie wirklich ein wenig wie Rose aus. Aber an die wollte er nicht mehr denken. Das war Geschichte!

„Du darfst nicht in deine Hütte zurück?" fragte er. Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Gut. Dann bleibe hier. Aber du wirst mich nicht verwöhnen, sondern einfach nur hier schlafen!"

Das Mädchen lächelte erfreut und krabbelte unter die Decke. Scorpius legte sich an das äußerste Ende des Bettes. Er spürte, wie sich das Bett bewegte. „Bist du aus England?" fragte sie.

Scorpius drehte sich zu ihr um. „Aus Schottland." Ihre Augen machten ihn nervös. „Ich bin aus Dänemark, aber ich glaube nicht, dass ich noch einmal dorthin zurückkehren werde." Sie sah verloren vor sich hin.

Scorpius Magen zog sich zusammen. Wie viel wusste sie? Wie viel nahm sie wahr, während sie unter dem Trank stand? „Wieso nicht?" fragte er erstickt. Sie zuckte mit den Achseln. „Weiß nicht, einfach ein Gefühl." Dann sah sie ihn an und lächelte wieder. „Du bist gar nicht mehr müde, oder?"

Sie begann schon, sich mit den Armen hoch zu stemmen. „Doch!" Scorpius Stimme überschlug sich fast. „Doch, ich bin müde. Lass' uns einfach schlafen." Enttäuscht zog sie einen Schmollmund. „Gut!"

Energisch schloss Scorpius die Augen. Trotzdem lag er stundenlang wach. Seine Gedanken und Gefühle jagten sich gegenseitig und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Den zweiten Tag in der Colonia verbrachten Alfred und Scorpius mit Fliegen. Sie legten eine kurze Pause an einem See ein. Während sie schwammen, unterhielten sie sich über gemeinsame Bekannte. Scorpius konnte fast den vorherigen Tag aus seinen Gedanken verdrängen.

„Das hätte ich fast vergessen. Du kommst doch sicher zu meiner Hochzeit im kommenden Januar?" Scorpius sah Alfred erstaunt an. Der hatte bisher nicht ein Wort von einer Freundin erzählt, geschweige denn einer Verlobten.

„Du bist verlobt?" Alfred nickte. „Ja, ich habe Helga auf einem Treffen der deutschen Gruppe kennengelernt. Heinrich von Hohenstein ist der Leiter der Gruppe. Helgas Stammbaum ist erstklassig. Und sie sieht ganz gut aus. Blond und drall." er machte grinsend eine entsprechende Handbewegung.

„Und sie hat nichts dagegen, wenn du die ganze Zeit hier bist?" Alfred zuckte mit den Schultern. „Das ist meine Sache. Natürlich schreibt sie mir, dass sie mich vermisst und so, aber das hier geht vor." Scorpius grinste ihn an. „Und schreibst du ihr auch, dass du die vermisst?" Alfred begann zu lachen. „Ja, klar. Aber ehrlich: Ich habe hier genug Muggelschlampen, die meinen Schmerz lindern!"

Scorpius lachte mit Alfred. Mette stand ihm vor Augen. Erleichtert hatte Scorpius am Morgen festgestellt, dass sie, während er noch schlief verschwunden war.

Er fühlte sich unsicher. In Rotterdam hatte er eine Organisation kennengelernt, die er unterstützen konnte. Das hier war etwas ganz anderes. Die Colonia war krank, monströs. Und es machte ihm Angst.

Als Alfred ihn am Abend zum Pub zurückbrachte, erklärte er ihm beim Abschied: „Ich muss dir ja nicht noch sagen, dass niemand etwas über die Dinge in der Colonia erfahren darf! Ich verlasse mich da auf dich. Ansonsten haben wir unschöne Mittel, Schwätzer zum Schweigen zu bringen!" Er sah Scorpius einen Moment mit einem drohenden Glitzern in den Augen an. Dann lachte er wieder. „Aber das kann dir ja egal sein, denn du bist ja auf unserer Seite! Mann war das schön, dich hier zu haben. Wenn du endlich mit der Schule fertig bist, komm einfach nach Rotterdam. Ich hol' dich dann in meine Truppe!"

Scorpius reichte Alfred die Hand. „Danke, es war wirklich schön mit dir. Ich melde mich dann. Und vergiss nicht die Einladung zu deiner Hochzeit! Ich will schließlich sehen, wie du unter die Haube kommst!"

Erleichtert sah Scorpius auf den leeren Fleck, auf dem Alfred eben noch gestanden hatte.