Kapitel 10 – Ankunft
Eine Meute von verblüfften, schweigenden Schülern hinter sich lassend, entdeckte Draco endlich ein vertrautes Gesicht.
„Crabbe!" Der große Junge zuckte heftig zusammen bei Dracos herrischem Bellen. „Wo ist Goyle?"
Ein leerer Ausdruck glitt über sein Gesicht. Anscheinend dachte er nach. Draco verlor die Geduld, bevor Crabbe eine Antwort zu Tage brachte.
„Dann geh ihn suchen, du Trottel!", befahl Draco. „Wir müssen uns ein Abteil holen."
„Blaise hat schon eins. Vorne im Zug, hinter dem Abteil der Schulsprecher."
Draco erstarrte und begegnete Crabbes unintelligentem und eingeschüchtertem Blick mit seinen eigenen stahlgrauen Augen. „Direkt hinter dem Abteil der Schulsprecher… Das hat mir grad noch gefehlt… dass Granger es herausposaunt, bevor ich es ihnen selbst sagen kann…"
„Geh Goyle und Pansy suchen. Wir treffen uns in fünf Minuten im Abteil." Crabbe nickte, rührte sich aber immer noch nicht. „Jetzt, du Blödmann!", kommandierte Draco. Crabbe zuckte abermals zusammen und eilte zum Essensstand davon.
Draco schüttelte den Kopf. „Die Gesellschaft, mit der ich mich abgebe…"
Er trat ins Abteil und traf, getreu Crabbes Aussage, auf Blaise Zabini. Der große Junge fläzte sich auf einem der Sitze und las ein Buch über Dunkle Magie. Er trug eine Lederhose und ein offenes Seidenshirt von demselben Hellblau wie seine Augen. Draco hob eine Augenbraue: Blaise hatte schon immer einen exzentrischen Geschmack. Draco schätzte, dass er es von seiner Mutter hatte. Er räusperte sich, während er in der Abteiltür stand. „Schöne Hose, Zabini."
Kalte, blaue Augen hoben sich von dem Buch und musterten Draco. „Ich wünschte, ich könnte dir dasselbe sagen, Malfoy", erwiderte er kühl. Dracos Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, ebenso wie die von Blaise. Beide Jungen brachen gleichzeitig in elegantes Lachen aus. Blaise erhob sich anmutig und begrüßte Draco.
„Ich hatte nicht erwartet, dich dieses Jahr zu sehen, Draco."
„Ich hatte nicht vor zu kommen."
„Ich hoffe, dein Sommer war gut?"
Dracos Lächeln verblasste ein wenig. „Ich habe ein paar Neuigkeiten für euch alle. Aber ich will warten, bis der Zug losfährt. Dann ist das Risiko geringer, dass wir belauscht werden", sagte er in einem verschwörerischen Raunen.
Blaise nickte ernst und bot Draco einen Sitzplatz an. Sie unterhielten sich über Blaises Sommer in Frankreich, bis Crabbe, Goyle und Pansy hereinkamen.
„Draco", schnurrte Pansy und kam sofort auf ihn zu. Sein Gesicht blieb teilnahmslos, als sie sich auf seinen Schoß setzte. Ihr Rock rutschte ihren Oberschenkel hoch und ihre Arme schlangen sich um seinen Hals. „Hast du mich über den Sommer vermisst?", raunte sie in sein Ohr. Draco wusste, dass sie versuchte, verführerisch zu sein. Es hatte noch niemals funktioniert. Jetzt würde es auch nicht funktionieren.
„Geh runter von mir, Pansy. Ich habe euch allen etwas Wichtiges zu erzählen."
Ihre grünen Augen wurden hart und sie warf ihm einen gekränkten Blick zu. Ohne ein Wort glitt sie von seinem Schoß herunter und setzte sich neben ihn. Trotz seiner Kälte ihr gegenüber beäugte sie ihn hungrig. Draco ignorierte ihren Blick, während sich der Zug in Bewegung setzte.
Nach ein paar Minuten Smalltalk sagte Draco: „Ich habe einige sehr interessante Neuigkeiten über den Sommer erfahren und ich möchte wissen, was ihr davon haltet." Im Abteil wurde es still, während Draco fortfuhr: „McGonagall hat mich zum Schulsprecher gemacht dieses Jahr."
Draco unterhielt sich damit, die Reaktionen zu beobachten. Blaise schwieg weiterhin, doch seine Augen wurden etwas glasig, als er in Gedanken versank. Pansy keuchte auf und wirkte unschlüssig, ob sie Draco gratulieren oder entsetzt darüber sein sollte, dass er nicht länger im Slytherin- Schlafsaal wohnen würde. Crabbe und Goyle sahen immer noch ahnungslos aus.
„Aber warum?", erhob Blaise nach einer Minute als erster das Wort. „Es gibt keinen Grund, weshalb sie das tun sollte, vor allem nach dem letzten Jahr. Warum hast du dich überhaupt dazu entschieden zurückzukommen?"
Draco erfand schnell eine Erklärung. „Es wäre ein Zeichen von Schwäche gewesen, wenn ich nicht gekommen wäre."
Draco fürchtete, dass Blaise seine erbärmliche Lüge durchschauen würde. Er konnte ihnen nie im Leben verraten, dass er den Sommer über mit dem Orden des Phönix zusammengewohnt hatte, dass er die Erhabenheit vom Malfoy Manor verlassen hatte im Austausch gegen die Armut vom Grimmauldplatz.
Blaise wirkte einen Moment lang ungläubig, nickte aber langsam. Draco seufzte fast vor Erleichterung auf.
„Und was die Frage betrifft, warum ich Schulsprecher bin, ich habe keine Ahnung. Es macht keinen Sinn."
„Nein, tut es nicht", stimmte Blaise zu.
„Wer ist Schulsprecherin?", wollte Pansy wissen.
„Ich", antwortete eine Stimme von der Tür. Hermine stand dort und wirkte recht verärgert. „Und du hättest vor zehn Minuten im Abteil der Schulsprecher sein sollen, Malfoy. Wir müssen das Protokoll durchgehen. McGonagall ist nicht gerade erfreut darüber, dass du sie warten lässt. Und ich auch nicht." Sie beendete ihre Tirade mit einem wütenden Blick.
Draco funkelte Hermine dafür an, dass sie ihre Unterhaltung unterbrochen hatte, ohne vorher anzuklopfen. „Ich bin in einer Sekunde da", knurrte er. Er wartete, bis sie außer Reichweite war, bevor er wieder das Wort erhob.
„Granger", spie er.
„Keine wirkliche Überraschung", gab Blaise zu.
Pansy war entsetzt. „Du wirst mit der da einen Schlafsaal teilen?" Sie verzog angewidert das Gesicht. „Merlin sei Dank, dass dreckiges Blut nicht ansteckend ist." Draco machte sich nicht einmal die Mühe, höhnisch zu lächeln.
„Zumindest wirst du jetzt mehr Macht haben", sagte Blaise.
Draco lachte bellend. „Ha! Unter McGonagalls und Grangers Nase? Ja klar. Sie werden mir nichts durchgehen lassen."
„Vielleicht ist das der Grund!", realisierte Blaise. „Sie wollen ein Auge auf dich behalten und der beste Weg, das zu erreichen, ist, dir eine Machtposition zu verschaffen."
Dracos Augen leuchteten auf. „Du hast Recht. Das ist die einzige Erklärung dafür. Sie wollen mich beobachten, um sicherzustellen, dass ich nichts anstelle."
„Wir werden einen Weg finden, sie zu umgehen", sagte Blaise in verschwörerischem Tonfall. „Keine Sorge. Also, wie sieht der Plan für dieses Jahr aus?"
Draco lächelte schuldbewusst. Er wollte gerade antworten, dass es keinen Plan gab, als Hermine wieder in der Tür erschien.
„Malfoy", sagte sie mit strenger Stimme. „Jetzt."
Ihr herrischer Tonfall erntete funkelnde Blicke aus dem gesamten Abteil. Jeder andere Schüler wäre unter ihrer Intensität zurückgewichen. Doch Hermine ignorierte sie einfach und starrte Draco weiter an.
„Na schön", sagte er und erhob sich, um ihr zu folgen.
„Ha, schon jetzt unter ihrem Kommando", hörte er Blaise vor sich hin murmeln. Draco drehte sich um und warf dem grinsenden Jungen einen finsteren Blick zu.
„Pass auf, was du sagst", warnte er halb im Scherz, halb ernst.
„Nett von Ihnen, dass Sie sich zu uns gesellen", sagte Professor McGonagall. Ihre Stimme triefte vor kaum verhohlener Verärgerung. Draco musterte sie mit beständiger Arroganz. Die Art seines Blickes entging der Lehrerin nicht.
„Mr. Malfoy", warnte sie gefährlich. Ihr Gesicht verdüsterte sich und ihr Mund wurde zu einer dünnen Linie, während sie fortfuhr: „Sie wandeln dieses Jahr auf einem schmalen Grat. Jegliche Arroganz und jedes Malheur Ihrerseits hat ernste Konsequenzen zur Folge. Glauben Sie mir, junger Mann, mit mir ist nicht zu spaßen."
Eine angespannte Stille folgte, während die beiden ein wortloses Blickduell ausfochten. Als Draco spürte, dass die alte Frau nicht in absehbarer Zeit nachgeben würde, senkte er als Erster den Blick. McGonagall richtete sich auf und strich ihre Roben glatt. Sie holte tief Luft und stürzte sich in ihren Monolog, den sich wahrscheinlich jeder neue Schulsprecher anhören musste.
„Zuerst herzlichen Glückwunsch an Sie beide, dass Sie zu Schulsprechern ernannt wurden. Sie wurden auserwählt wegen Ihrer Zauberfertigkeiten, Ihrer guten Einstellung zur Bildung und Ihre außerordentlichen Beziehungen zu Ihren Mitschülern." Draco verkniff sich ein Lächeln: Keines dieser Qualitäten traf auf ihn zu und doch hatte er dieses Amt erhalten. Seiner Meinung nach bestätigte es Blaises Verdacht. „Sie sind Vorbilder für die gesamte Schule", fuhr sie fort (Draco lachte beinahe laut auf), „und ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich entsprechend verhalten."
Hier, so war er sich sicher, wich sie von ihrer eingeübten Rede ab.
„Ich bin mir der Beziehung zwischen Ihnen beiden wohl bewusst. Ich erwarte, dass Sie Ihre Uneinigkeiten beilegen und sich höflich gegenüber benehmen. Ich will von keinen Kämpfen oder Streitigkeiten hören. Sollte sich dennoch etwas Ernstes ereignen, könnte es möglicherweise damit enden, dass Sie Ihre Posten verlieren."
Hermine schnappte nach Luft. „Professor, finden Sie nicht, dass das ein wenig extrem ist?"
„Miss Granger, wie Sie und Mr. Malfoy sich bekriegen, ist extrem. Die Strafe wird an das Verbrechen angepasst. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
„Aber…"
„Habe ich mich klar ausgedrückt?"
Hermines Gesicht fiel zusammen und sie blickte unterwürfig zu Boden. „Ja, Professor."
„Gut. Nun bitte ich Sie, Platz zu nehmen, während ich Ihnen den Rest Ihrer Aufgaben erläutere."
Den Rest der Fahrt über saßen Hermine und Draco sich auf den roten Plüschsitzen gegenüber. Die eine lauschte den Instruktionen aufmerksam, der andere starrte vor sich hin und überlegte, was die Zukunft für ihn bereithalten könnte.
Früher, als sie erwartet hatte, stieg Hermine hinter Neville und Ron in die von Thestralen gezogene Kutsche, welche sie zu ihrem letzten Schuljahr nach Hogwarts brachte. Sie freute sich nicht gerade darauf, was nicht überraschend war.
„Ich kann nicht fassen, dass sie dich die gesamte Fahrt über dabehalten hat", brummte Ron. „Noch dazu mit diesem Ekelpaket."
„Ja, das ist furchtbar, Hermine. Ihr hasst euch! Wie willst du das durchstehen?", fragte Neville.
Hermine seufzte und sah aus dem Fenster, als die Kutsche sich in Bewegung setzte. „Ich weiß nicht, Neville."
Er schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück."
„Danke", sagte Hermine grimmig. Die Aufregung darüber, Schulsprecherin zu sein, war verflogen, als McGonagall sagte, dass ihr die Position bei einem Streit mit Malfoy genommen werden könnte.
„Und ein Streit mit ihm ist unausweichlich", dachte sie. „Ich werde einfach ein paar Vorsorgungen treffen müssen. Ich weigere mich, die Ehre, Schulsprecherin zu sein, nur wegen dieses arroganten Mistkerls zu verlieren."
Dann kam Hermine ein neuer Gedanke. Etwas, das ihre Einstellung völlig auf den Kopf stellte. „Warte, was ist, wenn McGonagalls Warnung nur eine leere Drohung ist? Sie ist Teil des Ordens! Sie muss von meiner Mission wissen!"
Nachdem sie erfolgreich McGonagalls List durchschaut hatte, konnte Hermine aus vollem Herzen lächeln, während sie sich zum Festmahl begab. Sie hatte kein Problem, sich heiter mit den Freunden zu unterhalten, die sie über den Sommer vermisst hatte, und genoss ihre erste Mahlzeit in Hogwarts enorm.
Warm und mit vollem Bauch machte Hermine sich auf den Weg zum Schlafsaal der Schulsprecher. Der Laufweg war länger als normal und es ging zickzack um unzählige Ecken. Sie gelangte an ein großes Porträt in einem goldenen vergilbten Rahmen, in dem eine der vier Gründer von Hogwarts thronte: Rowena Ravenclaw. Hermine sah mit offenem Mund zu ihr hoch und fragte sich, weshalb ihr Porträt in solch einem verborgenen Winkel der Schule hing.
„Aus Gründen, die Sie dieses Jahr enthüllen werden, meine Liebe", sagte Rowena Ravenclaw aus dem Porträt. „Dies ist einer von denen."
Hermine keuchte vor Überraschung auf. „Sie wussten, was ich gedacht habe?"
Sie erwiderte schlicht: „Ja."
„Aber wie?"
Rowena lächelte mysteriös. „Ich schätze, Sie sind die neue Schulsprecherin?", fragte sie und wechselte damit elegant das Thema.
„Ja. Ich heiße Hermine Granger."
Rowena neigte den Kopf. „Sehr erfreut, Miss Granger. Sie können mich Rowena nennen. Ich vermute, Schulleiterin McGonagall hat Ihnen kein Passwort gesagt?"
„Nein", realisierte Hermine. „Hat sie nicht."
„Gut. Denn es gibt kein Passwort."
Hermine sah verwirrt zum Porträt hoch. „Kein Passwort? Wie kommen wir dann in den Schlafsaal?"
„Ah", sagte Rowena. „Da kommt Ihr Amtskollege."
Hermine drehte sich um und sah Draco auf sie zukommen. Sein Kopf war gesenkt und sein Gesicht völlig teilnahmslos. Insgesamt wirkte er nicht allzu glücklich darüber, fern vom Slytherin- Schlafsaal zu wohnen.
„Das Passwort vergessen, Granger?", fragte Malfoy spitz. „Geh nachdenken."
„Weißt du es noch, Malfoy?", gab Hermine zurück.
„Natürlich! Es lautet…" Dracos Gesicht wurde blank für einen Augenblick, während er in seiner Erinnerung nach der Antwort kramte.
„Das habe ich mir gedacht. Rowena wollte uns gerade erzählen, wie wir reinkommen."
„Rowena?" Zum ersten Mal sah er zum Porträt. „Oh."
Rowena gluckste leise. „Wenn wir den Eingang bewachen, werden wir Ihnen ein Rätsel präsentieren. Lösen Sie es und Sie dürfen eintreten. Wenn nicht, wird einer von uns gehen. Sie werden warten müssen, bis ein anderer zurückgekehrt, bevor ein weiteres Rätsel aufgegeben wird."
Bevor Hermine die Frage auch nur stellen konnte, antwortete Rowena: „Sie beide wurden zu Schulsprechern erwählt, weil Sie die Klügsten Ihres Jahrgangs sind. Rätsel sind ein Weg, mir und Ihnen selbst täglich Ihre intellektuellen Fertigkeiten zu beweisen. Ich habe völliges Vertrauen in Sie beide."
„Na schön, wie lautet das Rätsel?", fragte Draco ungeduldig.
Ungestört von seiner brüsken Art lächelte Rowena und stellte ihnen das Rätsel: „Was liebt man mehr als das Leben und fürchtet man mehr als den Tod? Was haben die Armen und brauchen die Reichen und was begehren glückliche Menschen? Was wird von Geizhälsen verbraucht und von Verschwendern gespart und von allen Menschen zu ihrem Grab getragen?"
Hermine starrte Draco an. Er wirkte genauso ahnungslos wie sie sich fühlte. Hermine spürte, dass er ihr keine große Hilfe sein würde, und begann, vor dem Porträt auf- und abzulaufen.
„Wir müssen nachdenken", murmelte sie leise. „Was liebt man mehr als das Leben und fürchtet man mehr als den Tod? Dementoren? Nein, niemand liebt Dementoren. Nächster Hinweis. Die Armen haben es, die Reichen brauchen es und der glückliche Mensch will es. Die Armen… naja, die Armen haben gar nichts. Und was braucht der Reiche? Brauchen sie überhaupt irgendetwas? Ein glücklicher Mensch sollte zufrieden sein mit dem, was er hat. Nichts? Passt das? Geizhälse… Verschwender… tote Menschen…" Sie wandte sich zu Draco. „Ist es Nichts?" Er zuckte wenig hilfreich mit den Schultern. „Nun gut. Ist es Nichts, Rowena?"
Die Frau in dem Porträt lächelte freundlich, die Augen vor Freude leuchtend. „Sie hätten sich in meinem Haus gut gemacht, Miss Granger." Das Porträt schwang zur Seite und Hermine stieß den Atemzug aus, den sie unbewusst angehalten hatte. Sie bedankte sich bei Rowena und trat auf das Porträt zu, als sie von Draco grob aus dem Weg gestoßen wurde. Sie funkelte ihn wütend an und fluchte, während sie Rowena leise lachen hörte. Sie verdrehte die Augen und folgte Draco in ihr neues Zuhause für das nächste Jahr.
AN: Wie ihr sehen könnt, ist die Review- Anzahl noch recht mager. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir einen Kommentar hinterlassen würdet. Danke!^^
