Narn Gil Galad

von Earonn

Kapitel X - Die weite Reise

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Danksagung: ein neuerlicher artiger Knicks an Nemis fürs Korrekturlesen und ihre Überprüfung meiner Sindarin-Namen.

Dank auch an Ayten für das Rezept der Ork-Kekse!

Widmung: Für Jaschenka, die eine wunderschöne Zeichnung von Gil Galad für mich angefertigt hat.

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A/N:

Jojo: Angrod läßt dafür danken, wieder in Orodreths Stammbaum berücksichtigt zu werden :) Allerdings beschwert sich jetzt Finwe, weil "Ur-Ur-großvater" so alt klingt...

Dies Kapitel erscheint sehr viel später, als ich es geplant hatte. Erst kam die Arbeit, das Fernabi und all so etwas dazwischen und gerade als ich soweit war, hat ff.net seine ‚kurze Pause' eingelegt...

Ich hoffe aber, daß dies Kapitel das Warten wert sein wird. Viel Spaß!

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X Die weite Reise

Die Sonne hing als riesige Scheibe leuchtend orange dicht über dem Horizont. Ihr Schimmer lag wunderschön auf dem Schnee, der in der Nacht gefallen war, tauchte ihn in Aquarellfarben und glitzerte auf dem Eis des Narog. Die Wolkendecke hatte sich gelockert und in den tiefschwarzen Flecken Nachthimmels zwischen dem Aschgrau der Wolken glitzerten vereinzelte Sterne.

Die Luft war klar und trocken. Und eisig kalt.

Seit beinahe zwei Wochen war der Zug der Überlebenden von Nargothrond auf dem Weg nach Süden. Sie waren dem Narog stromabwärts gefolgt, darauf vertrauend, daß die verbleibende Macht Ulmos darin ihnen den Weg aus ihrer alten Heimat in eine neue weisen werde. Doch kamen sie nur quälend langsam voran. Die Kinder konnten selbstverständlich noch nicht das Tempo der Erwachsenen halten, viele der Verwundeten waren noch immer nicht imstande, selbst zu gehen und es gab keinen Weg, dem sie hätten folgen können, nur Pfade und Wildwechsel und manchmal flache Streifen schneebedeckter Wiesen entlang des Ufers. Sie ruhten bei Tage und wanderten des Nachts, um während der kältesten Stunden in Bewegung zu sein und einer Entdeckung durch den Feind zu entgehen. Feuer konnten nur selten angefacht werden, denn alles Holz war feucht und rauchte weithin sichtbar. Einen weiteren Angriff hätten sie nicht mehr abwehren können.

Dabei waren ihre Ängste und ihre Vorsicht allerdings unbegründet. Hätte Morgoth gewußt, wie viele vom Volk von Nargothrond der Zerstörung ihres Heimes entkommen waren, hätte er sie sicherlich zu Tode hetzen lassen, noch ehe sie den Zusammenfluß von Narog und Sirion in den Wäldern von Nan Tathren erreicht hatten.

Doch kaum einer der Orks, die in den Krieg gegen das Heer und die Festung von Nargothrond gezogen waren, kehrte je nach Angband zurück. Diejenigen, die nicht in der Schlacht von Tumhalad oder während der Kämpfe in der Festung selbst ums Leben kamen, wurden größtenteils von den Haladin von Brethil getötet, als die Edain versuchten, die gefangenen Elben zu befreien.

Und jene die zu ihrem Dunklen Herrn zurückkehrten, berichteten nur von der siegreichen Schlacht von Tumhalad und der Eroberung Nargothronds und vom Tode des Elbenkönigs Orodreth. Ihn hatte Morgoth schon in Valinor kaum beachtet, denn er hielt den Sohn Angrods für schwach und unwichtig. Und so kümmerte ihn dessen sogar erst in Beleriand geborener Sohn noch weniger, mochte dieser auch nach Orodreths Tod Erbe der Hohen Königswürde der Noldor sein.

Die Gedanken Morgoths galten Túrin, dem Schwarzen Schwert von Nargothrond, und vor allem dem gegenwärtigen Hohen König Turgon, dessen Aufenthaltsort ihm noch immer unbekannt war und der eine größere Gefahr schien, als es ein Haufen halbtoter Elben ohne Heimat je sein könnte.

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Gil Galad ging inmitten der anderen Flüchtlinge, dankbar dafür, daß der Schnee unter ihm bereits von den vor ihm Gehenden festgestampft worden war. Der kleine Junge, den er trug, hatte seinen Kopf müde an die Schulter des Elbenkönigs gelegt und döste vor sich hin. Ein weiterer Junge hielt sich dicht neben ihm, sehnsüchtig darauf wartend, daß die Reihe an ihn käme, um der Anstrengung des ständigen viel zu schnellen Gehens zu entkommen und sich an dem Körper des Erwachsenen aufzuwärmen.

Die Schritte Gil Galads waren langsam und schon lange jeder Schwung daraus verschwunden. Es war nicht allein Müdigkeit nach elf Tagen ohne richtigen Schlaf, die ihm die Kraft raubte, sondern vor allem Kummer und Verzweiflung. Es gab zuviel zu tun und zuviel zu bedenken, zu viele Sorgen lasteten auf ihm.

Er erinnerte sich immer wieder selbst daran, daß die Elben Schlimmeres überstanden hatten. Sie waren über die Helcaraxe gekommen, in größerer Kälte und grausamerer Umgebung.

Aber sie waren auch besser ausgerüstet gewesen und sie wurden von Fingolfin geführt, einem der Größten ihres Volkes.

"Aber ich bin nicht wie er", hatte er einmal zu Celebrimbor gesagt. "Wie sollte ich mich mit dem messen, was selbst unser Onkel nur unter Mühen und Verlusten geschafft hat?"

Es war nicht wirklich feinfühlig, gegenüber Celebrimbor die Helcaraxe zu erwähnen, Gil Galad wußte zu genüge, wie sehr sein Freund von dem schlechten Gewissen über den Verrat seiner Familie an Fingolfins und seinen Leuten gequält wurde. Gil Galad hatte keine Entschuldigung für sein Verhalten außer dem unerträglichen Bedürfnis seine Gedanken laut auszusprechen, so selbstsüchtig dies auch sein mochte.

"Vergiß nicht", hatte der Sohn Curufins nach einer Weile schmerzvollen Nachdenkens über die Fehler der Vergangenheit geantwortet, "daß unser Onkel Fingolfin nicht allein dastand. Es waren nicht zuletzt deine eigenen Verwandten, die dabei unterstützten. Er hat ihre Hilfe gehabt. Und du hast die unsere."

In der Tat gab Celebrimbor sich große Mühe, die Last zu erleichtern, die der junge König zu tragen hatte. Manchmal erschien es Gil Galad, als sei Celebrimbor auf eine gewisse Weise direkt erleichtert, dieselbe Qualen auf sich zu nehmen, zu denen der Verrat Feanors die Elben unter Fingolfins Führung gezwungen hatte. Als versuche der Meisterschmied wieder gutzumachen, wofür er sich mitverantwortlich fühlte.

Mehr als die Mühen, die dazugehörten eine Gruppe von etwa eintausend Elben durch die winterliche Wildnis zu führen, zehrte es jedoch an den Kräften Gil Galads, immer wieder in die flehenden Augen weinender Kinder sehen zu müssen, die nah ihren Eltern, Freunden oder einfach nur ihrem Lieblingsspielzeug fragten.

Aber noch schlimmer waren die Kinder, die nicht mehr weinten oder fragten. Die still und apathisch alles ertrugen. Die sich morgens klaglos auf den mehr oder weniger trockenen Boden niederlegten, und fast sofort einschliefen.

Einige von ihnen wachten am folgenden Abend nicht wieder auf.

Gil Galad rückte den kleinen Jungen auf seinen Armen zurecht und preßte ihn ein wenig enger an sich, dankbar das Leben in diesem leichten Körper fühlend.

Zweiundfünfzig hatten sie verloren. Zweiundfünfzig seines Volkes, denen er trotz all seiner Bemühungen nicht hatte helfen können, denen gegenüber er seinen Verpflichtungen als ihr König nicht nachgekommen war.

Zwei waren den Wölfen zum Opfer gefallen, die ihnen stets folgten. Sie wagten nicht, die Elben offen anzugreifen, doch sie warteten. Auf Langsame oder Unvorsichtige, die sich zu weit von der Gruppe entfernten. Zweimal hatten sie erfolgreich gewartet. Ein weiteres Kind war ertrunken, als es sich zu weit auf das Eis des Narog vorgewagt hatte und dieses unter ihm eingebrochen war. Drei der Verwundeten waren ihren Verletzungen erlegen. Und da sich keine Ammen unter ihnen befanden, hatten sie die fünf jüngsten Kinder verloren. Sie waren zu jung gewesen um irgend etwas anderes als Milch zu vertragen, nicht einmal den Brei, der aus Lembas für sie zubereitet wurde. Gnädigerweise starben sie vor Kälte, ehe sie vor den Augen der hilflosen Erwachsenen langsam verhungerten. Und die restlichen waren Kinder, die den Winter nicht aushalten konnten, die Anstrengungen oder einfach nur den Schock, ihre Familien und ihre Heimat zu verloren zu haben.

Er hatte sie gezählt und er kannte sie alle mit Namen. Und jeden dieser Elben hatte er selbst begraben, zweiundfünfzig Gräber um sein Versagen zu bezeugen.

Er hatte den hartgefrorenen Boden mit seinem Schwert gelockert, denn andere Hilfsmittel standen ihnen nicht zur Verfügung. Nur ganz zu Anfang war ihm das wie eine Entweihung der Waffe vorgekommen, die ihm sein Vater vor langer Zeit auf Tol Sirion geschenkt hatte. Inzwischen war er sogar stolz auf die Schrammen und Scharten in dem einst makellosen Metall. Das Schwert diente seinem Volk, so wie es sein sollte. Wen kümmerte es, auf welche Weise es das tat?

Jemand an der Spitze des Zuges stieß einen Schrei aus und instinktiv versteifte Gil Galad sich, setzte das Kind ab und letzte eine Hand an den Griff seiner Waffe.

Gerade als er sich nach vorn durch die Menge der Elben drängte, die ihn mit ängstlichen Augen ansahen, rief die Person erneut, doch diesmal waren die Erleichterung und die Freude in ihrem Ruf deutlich.

"Sirion! Seht, wir haben den Sirion erreicht!"

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Der Anblick des großen Flusses Sirion gab den Elben neue Hoffnung. Ein Großteil des Weges war geschafft. Für eine Weile waren ihre Schritte weiter und ihre Mienen heller und ein, zwei mal versuchten einige sogar, ein Lied zu singen.

Obwohl ihm alles andere als nach singen zumute war, heiterte sich doch auch Gil Galads Gemüt etwas auf. Er kannte diesen Teil Beleriands gut genug, um einschätzen zu können, daß sie nur noch etwa eine Woche brauchen würden, um die Mündungen des Sirion zu erreichen.

‚Sechs Tage', dachte er. ‚Wenn sie nur noch sechs Tage lang durchhalten. Die Falathrim an der Mündung werden uns helfen. Círdan hat wahrscheinlich unsere Botschaft bereits erhalten.'

Während der Rest aus den Höhlen aufgebrochen war, hatte er vier halberwachsene Elben nach Balar gesandt, obwohl ihm diese Entscheidung aufgrund seines Noldor-Stolzes und der Sorge um ihre Sicherheit schwer gefallen war. Er zweifelte nicht daran, daß der Herr der Häfen ihnen in ihrer Not beistehen würde. Die Bande gegenseitiger Hilfe und Freundschaft zwischen den Falas und Nargothrond waren älter als er selbst, und in ganz Beleriand hatte Círdan den Ruf, offen und freundlich zu Elben aller Stämme und sogar gegenüber Menschen und Zwergen zu sein. Viele Flüchtlinge der verschiedenen Kriege hatten ein neues Zuhause unter den Falathrim gefunden.

Plötzlich sah er in einigen Schritt Entfernung vor sich den jungen Elbenkrieger, der ihm vom Tod seiner Mutter berichtet hatte. Im Moment reckte er wie alle den Kopf, um einen Blick auf den großen Fluß zu werfen. Eine gute Gelegenheit.

Gil Galad beschleunigte seine Schritte, bis er dicht hinter dem anderen war.

"Du weichst mir aus."

Der junge Elbenkrieger zuckte zusammen, als er die Stimme seines Königs hinter sich hörte. Er wandte sich um, errötete und gab einen undefinierbaren Laut von sich.

"Und ziemlich erfolgreich, würde ich sagen", fuhr Gil Galad fort, ernst, aber nicht unfreundlich. "Seit dem Beginn unserer Wanderung haben wir noch kein einziges Wort gewechselt. Mein Leben könnte von dir abhängen, dennoch weiß ich nichts von dir. Wie ist zum Beispiel dein Name?"

Der so Angesprochene errötete wenn möglich noch tiefer. "Argon", wisperte er schließlich.

"So bist du nach einem ehrenwerten Mann benannt worden. Ich sehe keinen Grund für dich, deswegen beschämt zu sein?"(1)

"Er paßt nicht zu mir. Der Herr Arakáno – er war tapfer, er hat sich den Feinden gestellt. Ich bin vor den Orks davongelaufen, als sie geblieben ist."

Nach langen Tagen und Nächten die er mit den Gedanken daran verbracht hatte, tat der Gedanke an den Tod seiner Mutter nicht weniger weh, war aber ein vertrauter Schmerz geworden nicht mehr scharf und heftig wie zu Beginn. Kontrollierbar.

Er legte eine Hand auf Argons Schulter.

"Meine Mutter wußte stets was sie tat. Wenn sie sich entschloß zu bleiben obwohl es keinen Sinn zu haben schien, so hatte sie ihre Gründe. Diese müssen aber nicht notwendigerweise auch für dich gelten."

Mit deutlichem Unbehagen hievte Argon das kleine Elbenmädchen, das er auf seinem Arm trug, von links nach rechts und strich ihr durch das weiche Haar. Glücklicherweise schliefen beide Kinder und bekamen nichts von der Unterhaltung der Erwachsenen mit.

"Wie immer du auch darüber denkst, Argon" fuhr Gil Galad fort, "es ist jetzt nicht mehr zu ändern. Und ich habe noch mit keinem hier gesprochen, der nicht dasselbe Gefühl wie du hat. Jeder von uns glaubt, zuwenig getan zu haben. Ich selbst eingeschlossen.

Aber es ist auch noch nicht vorbei. Du hast immer noch ein Volk, dem du deine Pflicht schuldig bist. Wenn du also der Meinung sein solltest, etwas gutmachen zu müssen, dann mach es an ihnen gut."

Er wies mit dem Kopf auf die Kinder, die sie trugen.

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Círdan der Schiffbauer stand am Ufer des Belegaer und blickte nachdenklich auf die kabbelige See. Der scharfe kalte Wind biß in seine Haut und zerrte an seinem hellen Haar.

Doch der Herr der Häfen spürte weder Kälte noch Wind. Seine Augen waren in die weite Ferne gerichtet, gen Westen, dorthin, wo so viele seine Volkes lebten, Freunde und Verwandte und auch sie – falls sie das Massaker von Alqualonde überlebt hatte.

Der Schmerz darüber, zurückgeblieben zu sein und nun niemals das Licht der Zwei Bäume zu sehen, war ungeheuer und bis heute nicht völlig vergangen. Doch er hatte es niemals bereut, um der Suche nach seinem Freund Elwe willen in Mittelerde zurückgeblieben zu sein, und er würde es nie tun. Er war mit Thingol seit den Tagen der Großen Wanderung eng befreundet und er wußte genau: wäre er gegangen, wären Frieden und die Schönheit Valinors für ihn vergiftet gewesen durch das schlechte Gewissen, einen Freund im stich gelassen zu haben.

Dennoch konnte er bis heute nicht über die Wellen nach Westen blicken, ohne eine machtvolle Sehnsucht nach den Unsterblichen Landen zu spüren. Eines Tages, so war es ihm von den Valar geweissagt worden, würde er jene Küsten betreten dürfen. Aber wann? Er wartete schon so lange....

Seufzend wandte er sich vom Strand ab und ging hinauf zu den Ansiedlungen der Falathrim, die sie oberhalb der Bucht und dem natürlichen Hafen gebaut hatten, der ihre Schiffe vor dem Wüten Osses zu schützen vermochte.

Eine Elbenfrau gesellte sich ihm auf halbem Wege hinzu. Als sie ihn erreichte, drehte sie ihr Gesicht in kalten Winterwind, denn sie war erhitzt von der Arbeit, von der sie der Schiffsbauer hatte rufen lassen. Ihr tat die frische Luft gut.

"Ich habe gehört, was geschehen ist", sagte sie. "Nargothrond gefallen, sein Heer geschlagen. Und Glaurung der Drache ist wieder hervorgekommen. Die Nachricht hat sich schnell herumgesprochen, nachdem die Boten eingetroffen waren."

Cirdan schnaubte unwillig.

"Boten! Pah! Du hättest sie sehen sollen, Síliel! Vier Jugendliche, noch nicht einmal annähernd erwachsen. Sie wurden nur deshalb geschickt, weil sie schnell und ausdauernd sind und weil es im Volk von Nargothrond keinen erwachsenen Elb mehr gibt, der diese Anstrengung noch geschafft hätte!"

Die Frau hielt ihre Augen geschlossen während sie weiterging, und ließ sich von der Präsenz des Elben neben ihr leiten.

"Und sicherlich waren sie zutiefst beeindruckt, dem berühmten Lord der Falathrim gegenüberzustehen."

In ihrer Stimme schwang liebevoller Spott mit.

Besagter Lord der Falathrim lächelte leicht, doch es war ein freudloses Lächeln. Ja, die Kinder waren beeindruckt gewesen. Sie hatten verlegen und unsicher vor ihm gestanden und zunächst stockend und zögernd die Botschaft des Herrn von Nargothrond vorgetragen. Eine Botschaft, die nichts anderes als eine dringende und verzweifelte Bitte um Hilfe und Unterstützung war. Und als sie aufzählten, um was gebeten wurde – denn natürlich hatten sie es auswendig lernen müssen, es gab nichts, worauf die Flüchtlinge hätten schreiben können - da war es wie ein Gedicht gewesen, ein trauriger Gesang, einander auf dem Weg nach Balar immer und immer wieder aufgesagt, um ja keinen einzigen Punkt zu vergessen.

Er seufzte erneut. Und doch war es nicht viel, worum sie gebeten hatten. Wenige, nur allzu wenige waren offenbar dem Fall Nargothronds und dem frühen Winter entkommen.

Síliel öffnete ihre Augen und betrachtete den Sand und die Muschelschalen unter ihren Füßen.

"Ich werde ihnen schicken was immer ich an Vorräten habe. Wenn die Zahl stimmt, die mir genannt wurde, haben wir mehr als genug - vorausgesetzt, daß nichts Unvorhergesehenes geschieht", sagte sie wie als Antwort auf die Gedanken ihres Herrn. "Allerdings habe ich Schwierigkeiten, genügend Ammen aufzutreiben. Nur wenige der stillenden Frauen sind bereit, ihre Kinder den Gefahren des Festlands auszusetzen."

Círdan, der selbst erst zwanzig Jahre zuvor als Flüchtling hierher gekommen war, als die Armee Morgoths die Falas überrannte und dem Nargothrond mehr als einmal beigestanden hatte, war nur zu gerne bereit, dessen Volk jedwede Hilfe zukommen zu lassen, doch er verstand ebenso seine eigenen Leute.

Er dachte zurück an Orodreth, der so hilfreich beim Aufbau von Eglarest und Brithombar gewesen war und an Helegethir, wie sie den Noldorprinzen angesehen hatte, an jenem Tag ihres Abschieds von den Falathrim, und ein wehmütiger Seufzer entrang sich dem Herrn der Häfen.

Die Frau neben ihm betrachtete ihn prüfend und erkannte seinen Kummer. Sanft strich sie mit einer Hand über seinen Oberarm.

"Wenigstens haben es ein paar von ihnen geschafft."

"Du hast recht. Wir sollten dankbar sein für das, was geblieben ist, nicht uns nicht beklagen, was verloren ging. Eine gute Nachricht haben die Kinder immerhin mitgebracht: Orodreths Sohn, Gil Galad, er hat überlebt. Er führt die Leute auf dem Weg hierher. Aber auch Helegethir ist tot und Finduilas wurde anscheinend von den Orks verschleppt, zusammen mit den meisten anderen Bewohnern Nargothronds."

Ein kalter Schauer lief dem Herrn der Häfen über den Rücken, als er daran dachte, was die Gefangenen in Morgoths Reich erwartete.

"Kennt Ihr ihn?", fragte Síliel und strich sich einige windzerzauste Strähnen aus dem Gesicht.

"Nein, ich habe ihn niemals getroffen. Ich weiß nicht mehr, als was Orodreth in seinen Briefen erzählt hat. Und wieviel davon väterlicher Stolz gewesen sein mag, kann ich nicht einschätzen. Obwohl er nicht zu Übertreibungen neigte. Aber ich kann mir vorstellen, was es für den Jungen bedeutet, unter solchen Umständen die Verantwortung für seine Leute übernehmen zu müssen. Er ist noch nicht alt genug für eine solche Aufgabe, ganz und gar nicht alt genug. Dennoch muß er jetzt stark sein, trotz der Angst, der Ungewißheit und des Kummers – und wenn er sie lebendig bis Balar bringen sollte, wäre es eine bewundernswerte Leistung."

"Noldor. Sie haben die Helcaraxe im Blut." Sie zögerte. "Werdet Ihr ihn als Euren Herrn anerkennen?"

Er schwieg einen Moment. "Ich weiß es nicht", sagte er dann halblaut.

Die Frau wandte ihren Blick ab. "Er ist zu jung."

"Nicht zu vergessen ein Noldo?"

Círdan war ein Führer, der tief in die Herzen seiner Gefolgsleute blickte. Er wußte, wie viele der Falathrim den Noldor Vorbehalte entgegenbrachten und nicht gewillt waren, sich mit diesen anzufreunden, mochten sie auch selbst an dem Massaker von Alqualonde nicht teilgenommen haben. Mit dem Untergang von Finrods Reich würden sie auch alle Allianzen als geschwunden betrachten.

"Ihr solltet mich besser kennen, als zu glauben, daß dies meine Gründe sein könnten", erwiderte sie.

"Und doch bist du nicht mit unserer Verwandten gegangen, als sie ihrer Liebe nach Nevrast folgte, obwohl ihr euch stets sehr nahe standet."

"Vielleicht weil ich es vorzog, nahe beim Meer zu bleiben – und meinen geliebten Verwandten nicht verlassen mochte?" Sie blinzelte ihm verschmitzt zu.

Leise lachte der ältere Elb auf. "Versuche nicht, mir zu schmeicheln! Ich bin mir wohl bewußt, daß es viel eher mit einem meiner begabtesten Fischer zusammenhängt."

Er faßte ihre Hand und sie gingen schweigend weiter. Doch die Gedanken an jene, die bald bei ihnen sein würden, ließen dem Herrn der Falathrim noch keine Ruhe. Geistesabwesend betrachtete er den Fortschritt, den das Pflanzenwachstum einiger Gräser gemacht hatte, die an einer Düne angepflanzt worden waren, um diese zu befestigen.

Der Schiffsbauer war weitläufig mit dem Haus von Finarfin verwandt, das Nargothrond regierte, und nachdem König Thingol dem ältesten Sohn Finarfins das Höhlensystem am Ufer des Narog gewährt hatte, was zur Errichtung des größten Elbenreiches inmitten Beleriands geführt hatte, war Círdan praktisch Vasall von Finrod Felagund geworden.

‚Aber Finrod Felagund hat sich niemals als Herr aufgeführt', dachte er bei sich. ‚Er hat uns Hilfe geschickt, um Brithombar und Eglarest - oh, welch wunderschöne Städte ihr gewesen seid! - wieder aufbauen zu können, seinen eigenen Neffen, doch verlangt hat er niemals etwas von uns. Er hat mich stets wie einen älteren Verwandten behandelt. Und Orodreth war nicht anders. Es wäre wahrlich besser für das Volk der Noldor gewesen, wenn Finarfin und nicht Feanor der älteste Sohn Finwes gewesen wäre.'

Doch nun war jedes Mitglied der herrschenden Familie von Nargothrond, das er gekannt hatte, tot, und er sah sich gegenüber einem Mann verpflichtet, der in den Augen der Eldar noch als jung galt. Einem Mann, den er nicht im geringsten kannte und der obendrein der Erbe Turgons war, der Erbe des Hohen Königtums der Noldor in Mittelerde.

"Ich weiß es nicht", sagte er schließlich noch einmal und sprach damit seine Gedanken laut aus. "Was immer wir denken mögen, er ist und bleibt Finrods rechtmäßiger Erbe. Ein Verwandter von uns, nicht zu vergessen. Und außerdem dem Blute nach zu einem großen Teil selbst Sinda. Wieviel davon noch übrig sein mag, kann ich nicht sagen.

Außerdem ist es von größter Bedeutung, Einigkeit zwischen den Elbenreichen herzustellen. Dies ist die einzige Möglichkeit, um wenigstens die Reste unseres Volkes gegen Morgoth zu verteidigen. Wenn er nur nicht so jung wäre...doch wir werden sehen. Ich will ihn mir selbst ansehen, bevor ich meine Entscheidung treffe."

Sobald sie die Ansiedlung erreichten, gab er Order, alles auf Schiffe zu verladen, worum man ihn gebeten hatte und was die Flüchtlinge vielleicht weiterhin noch benötigen mochten. Er wollte mit der nächsten Flut auslaufen. Die Elben von Nargothrond benötigten nicht nur Essen und warme Kleidung. Sie brauchten die Unterstützung die das Bewußtsein der Hilfe anderer ihnen geben würde.

Die Winde standen günstig, so daß sie bald das Festland erreichten. In den Siedlungen der Bucht lebten jene Falathrim, die für all das sorgten, was auf der Insel nicht angebaut, erzeugt oder gefunden werden konnte. Sie fischten nach Perlmuscheln, die für Schmuck und den Handel verwendet wurden, bewirtschafteten Felder und hielten das Milchvieh. Balar war groß, doch Círdan legte großen Wert darauf, daß die Insel alles Lebensnotwendige selbst erzeugen konnte, für den Fall, daß die Orks jemals die Mündung des Sirion erreichen sollten. Daher wurden nur die absolut notwendigen Dinge auf der Insel selbst erzeugt – und Sahne gehörte nicht dazu.

Seitdem sie die Boten auf die Insel übergesetzt hatten, waren die Elben des Festlandes nicht müßig gewesen. Auf einem flachen schneebedeckten Feld nahe dem Fluß waren viele Wagen versammelt, von denen einige bereits mit Essen, Kleidung und trockenem Feuerholz beladen waren. Normalerweise konnten Schiffe selbst im Winter den Strom weit hinauf befahren, doch in diesem schrecklichen Jahr war sogar der gewaltige Sirion nahezu vollkommen von einer Eisschicht bedeckt und nur in seinem Mündungsbereich noch schiffbar.

Nachdem ihr Herr angekommen war, luden die Elben die Vorräte so schnell wie möglich von den Schiffen auf die Karren um, und bereits einige Stunden später machten sie sich auf den Weg. Es gelang Círdan sogar, weitere drei Frauen zu überzeugen, sie als Ammen zu begleiten. Während er beobachtete, wie selbstverständlich und wohlorganisiert sein Volk sich bereitmachte, einer großen Gruppe völlig fremder Elben zu helfen, schmerzte sein Herz aus Stolz und Liebe zu ihnen.

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Drei Tage wanderten die Falathrim flußaufwärts, bis sie auf die ersten Vorposten der Elben aus Nargothrond stießen. Diese waren samt und sonders in einem bemitleidenswerten Zustand, ausgezehrt und erschöpft, fast ausnahmslos Kinder voll Trauer oder verstörter Sprachlosigkeit, die Soldaten verletzt. Alle hatten zuwenig Ruhe und zuwenig Essen bekommen und sie sahen erbärmlich aus, selbst angesichts der langen Reise die beiden Ströme hinab.

Círdan ging fassungslos zwischen ihnen umher. Kinder kamen zu ihm, zitternd, mager, mit erschöpften Gesichtern und Augen, denen man ansah, daß sie bereits alle Tränen geweint hatten. Sie drängten sich an ihn und baten um Wärme und wollten Trost, und es brach ihm das Herz, sie in einem solchen Zustand zu sehen. Wie mochte Orodreths Sohn damit fertig geworden sein, sie so verzweifeln zu sehen, ihren Hunger und ihr Zittern, und ihnen doch nicht helfen zu können? Der Schiffbauer war gespannt auf seinen jungen Verwandten, der so unvermittelt und unter solch schwierigen Bedingungen das Erbe seines Vaters hatte antreten müssen.

Schließlich fragte er eine Frau, die mit ausdruckslosem Gesicht auf einer Bank saß, sich und zwei Kinder in eine Decke gehüllt und vorsichtig an dem heißen gewürzten Wein nippend, den einige Elben aus den Häfen an alle verteilten.

"Verzeiht, doch ich suche den König."

Sie blickte zu ihm auf, erschöpft wie alle anderen. Ohne nachzudenken streckte er eine Hand aus und strich ihr sanft über die Wange.

"Es wird besser werden. Ich verspreche es dir. Wir können euch nicht wiedergeben, was ihr verloren habt, doch ihr werdet zumindest eine neue Heimat finden."

Sie lächelte nicht, noch antwortete sie, aber er spürte die Veränderung in ihrer Haltung. Ein Schimmer von Hoffnung glomm in ihren Augen auf. Dann nickte sie nach rechts.

"Ihr werdet ihn irgendwo dort drüben finden."

Cirdan folgte ihrer Geste. Es dauerte nicht lange, bis er den König ausfindig machte, der in dieser Ansammlung von Noldor und Sindar herausstach, hellhaarig und Finrod Felagund so ähnlich, als wäre er dessen Sohn und nicht der Orodreths.

Er stand zusammen mit einem dunkelhaarigen Sinda ins Gespräch vertieft, und Cirdan konnte hören, daß sie sich über die Aufteilung der Kinder unterhielten. Er trat zu ihnen und neigte den Kopf.

"Mein König, ich grüße Euch."

Orodreths Sohn errötete, sah zu Boden und seufzte.

"Siebzehn", meinte sein Gesprächspartner trocken.

Cirdan blickte verwirrt vom einem zum anderen.

"Ihr seid der Siebzehnte heute, dem das passiert", erklärte der Sinda. Es zuckte ein ganz klein wenig um seine Mundwinkel. Und dann wandte er sich Cirdan voll zu, plötzlich aufrecht und selbstbewußt, trotz seiner überdeutlichen Erschöpfung.

"Ich bin Artanáro Finellach Gil Galad aus dem Haus von Finarfin. Ich grüße euch, Cirdan der Schiffsbauer, Herr der Häfen, Lord von Balar." Er neigte leicht den Kopf wie gegenüber einem Gleichgestellten.

Einen Herzschlag lange starrte der alte Elb einfach nur diesen dunklen, unauffälligen Elben an, der dem Rest seiner Familie so unähnlich war. Da war nichts von Finrods Ausstrahlung an ihm, nichts von Aegnors feuriger Leidenschaft oder Angrods gebieterischer Haltung.

Dann wurde ihm bewußt, was der andere gerade gesagt hatte.

"Nicht länger Herr der Häfen", antwortete er leise. "Brithombar und Eglarest sind zerstört. Es gibt keine Häfen mehr zu beherrschen."

"Und doch habt Ihr mich als König begrüßen wollen, obwohl es weder ein Reich noch", Gil Galad warf einen kurzen Blick über die Schulter, "ein Volk von Nargothrond gibt, dessen König ich sein könnte."

Er sagte dies ganz ruhig, und Cirdan war sich sicher, daß Orodreths Sohn mit diesen Worten vielleicht seinen Rang, nicht aber das Verantwortungsbewußtsein für die Elben seiner Heimat abgelegt hatte. Dies war der Erbe der Hohen Königswürde...

Plötzlich erschien es ihm, als heilte er etwas unglaublich Kostbares in den Händen und er wußte, daß er eine Vorahnung des Kommenden empfing. Auf diesen Elben mußte er achten, ihn beschützen, um ihres Volkes willen. Und weil er ihn auf anhieb mochte.

"Da irrt Ihr Euch", sagte er laut. "Niemand kann bestimmen, wie viele nötig sind, um ein Volk zu bilden. Solange einer von ihnen lebt, seid Ihr sein König."

Gil Galad verzog die Lippen zu einem halben Lächeln.

"Das mag sein. Nun gut, als König von Nargothrond danke ich Euch für die schnelle Hilfe. Insbesondere für die Ammen. So werden wir vielleicht ich noch mehr von den Kindern verlieren."

Noch mehr?!

"Wieviele...?" Cirdan wagte nicht, die Frage voll auszusprechen.

Zwar holte der junge König Luft, wie um zu einer Antwort anzusetzen, doch dann preßte er die Lippen zusammen und schüttelte leicht den Kopf.

Es ging nicht. Es tat zu sehr weh, darüber zu sprechen.

"Zweiundfünfzig insgesamt", murmelte Gildor schließlich mit einem mitfühlenden Blick auf seinen Freund. Wozu ihn diese grausame Zahl aussprechen lassen?

Und dann geschah etwas, das dem Herrn der Falathrim seltsam vorkam, den Elben Nargothronds jedoch inzwischen ein schmerzvoll vertrauter Anblick war: Gil Galad holte tief Luft, richtete sich mit einem Ruck auf – und der Kummer wurde mit Gewalt irgendwo tief in seinem fea begraben. Selbst ohne den jungen Elben genauer zu kennen konnte Cirdan doch ermessen, daß dies nicht gesund war, nicht der richtige Weg sein konnte, mit dem Schmerz umzugehen.

Gil Galad wies auf seinen Freund. "Dies ist Gildor Inglorion, einer, der seinen epesse wirklich verdient hat."

Einen Moment lang hielt der alte Elb inne, auf mehr wartend, ehe er Gildor schließlich freundlich begrüßte. Er wußte, was dieses Schweigen zu bedeuten hatte.

‚Kein Haus zu dem sich der Junge bekennt. Also stammt er von jenen Noldor ab, die in Alqualonde mitgekämpft und sich danach von Feanor und ihren eigenen Taten abgewandt haben.'

Er war vielen Elben aus solchen Familien begegnet, die mit ihren Häusern auch ihre Untaten oder die ihrer Vorväter hinter sich lassen wollten.

"Ihr habt viel durchgemacht und viel erreicht", sagte er dann vorsichtig, "Ihr solltet etwas ruhen...."

"Nein!", kam sofort die heftige Antwort. Dann entspannte Gil Galad sich. "Ich will erst alle untergebracht haben. Auf ein paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr an."

Mit einem mal empfand Círdan mehr als nur Mitleid für seinen jungen Verwandten. Ein intensives Gefühl des Beschützenwollens überkam ihn, vielleicht sogar ein Hauch väterlicher Fürsorge, und ohne recht nachzudenken faßte er den König von Nargothrond am Arm und zog ihn ein wenig beiseite.

"Sehr schön gesprochen, wirklich. Doch meinst du, das würde deinen Leuten helfen? Wir sind selbst Flüchtlinge, wir wissen, was sie jetzt brauchen, und es ist nicht notwendig, daß du dich selbst um all das kümmerst. Du wirst deine Kraft noch für andere Dinge benötigen!"

Wenn Gil Galad die plötzlich so vertrauliche Anrede aufgefallen war, ließ er sich nichts anmerken.

"Und was sollte ich Eurer Meinung nach tun? Mich hinsetzen und darüber nachdenken, was die Orks...was sie meiner Schwester gerade antun?"

Der Ältere runzelte die Stirn und die Erkenntnis traf ihn unvermittelt und schmerzhaft.

‚Er will sich nur von den Sorgen ablenken. O Elbereth, wieviel wurde ihm zugemutet? Wie lange hält er sich schon auf diese Weise aufrecht?'

"Du solltest dennoch versuchen, etwas Ruhe zu finden", sagte er laut. "Wir müssen abwarten, welche Nachrichten uns erreichen und dies wird nicht eher geschehen, nur weil du dir keinen Schlaf gönnst. Viele deines Volkes sind in einer ähnlichen Lage. Geh zu ihnen, nimm ihren Trost an. Mehr habt ihr nicht."

Er sprach bewußt härter und unfreundlicher, als ihm zumute war. Eigentlich drängte es ihn danach, diesen jungen, so schwer an fea wie Körper verletzten Elben tröstend zu umarmen. Doch die Noldor hatten ihren eigenen Stolz und er wußte nicht, wie der König von Nargothrond so ein Verhalten seitens eines praktisch Unbekannten aufnehmen würde, selbst wenn es sich um einen älteren Verwandten handelte.

Er blickte in die grauen Augen Gil Galads.

"Geh zu ihnen. Die Kinder brauchen dich", drängte er noch einmal.

Schließlich seufzte der junge Elb tief und wandte sich tatsächlich ab, einigen Kindern zu, die ihm sogleich entgegenkamen. Círdan beobachtete, wie er sie an sich drückte, ihr Haar streichelte, leise auf sie einredete und mit großer Geduld ihre Tränen trocknete.

‚Und wer wird seine trocknen?', fragte er sich bekümmert.

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Obwohl der Abend bereits hereingebrochen war, schlug Círdan vor, in dieser Nacht nicht weiterzuwandern. Die Wälder ringsum waren frei von Orks, und die Elben aus Balar hatten genügend Feuerholz und Decken gebracht, um der Kälte zu widerstehen. Am nächsten Tag konnten sie weitergehen, mit den Wagen für die Kinder und Verletzten würden sie ohnehin schneller vorankommen.

So kamen die Elben Nargothronds nun zum ersten mal seit vielen Tagen wieder in den Genuß ausreichenden Essens und warmer Decken. Auch wenn ersteres für manche eine neue Erfahrung darstellte. Die Falathrim hatten mitgebracht was immer leicht zu transportieren war, doch die Elben aus dem Binnenland kannten weder geräucherten Seefisch noch eingelegte Muscheln oder Seetang.

Cirdan beobachtete, wie Gil Galad der neben ihm sitzenden Elbenfrau – einer der Ammen der Falathrim – das Baby abnahm, das sie gerade genährt hatte und es mit geübten Bewegungen auf seinem Schoß zurechtrückte.

"Wie ist ihr Name?", fragte er ihn, um überhaupt ein Gespräch in Gang zu bringen.

Langsam hob der Elbenkönig den Kopf, die dunklen Augen noch immer erfüllt von Trauer und Besorgnis, doch auch mit einer kleinen Spur Frieden darin.

"Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, wie sie heißt, wie alt sie ist oder wer ihre Eltern waren. Wir wissen nicht einmal, ob sie aus Nargothrond stammt, oder aus einer der Familien, die lediglich dort Zuflucht gesucht haben. Sie hat ihre ganze Familie verloren, ihre gesamte Herkunft, nicht allein ihre Eltern. Wir nennen sie Ergaladh. Es gibt mehrere solcher Kinder wie sie, Eriell, Ereirion, Ernaergon...sie alle haben von uns Namen erhalten, die uns daran gemahnen sollen, dass wir lediglich ihre Pflegeeltern sind."(2)

Sie saßen an diesem Abend noch lange zusammen, und Círdan fragte Gil Galad vieles, ließ ihn erzählen, von glücklicheren Zeiten wie auch vom Untergang seiner Heimat. Er hoffte, wenn der Jüngere aussprach, was ihn quälte, würde er den Schmerz vielleicht leichter ertragen können. Doch er war sich nicht sicher, ob seine Bemühungen erfolgreich waren.

Und nach einiger Zeit versank er einfach in der Betrachtung seines jüngeren Verwandten. Er lauschte der dunklen, warmen Stimme und ließ sich von dessen fließender, ausdrucksstarker Gestik gefangen nehmen, in der er Helegethirs Körpersprache wiederfand. Sprachmelodie und Sprachrhythmus erschienen ihm ungewohnt, aber angenehm. Er hätte noch lange sitzen und einfach nur zuhören und zusehen mögen.

Als sie sich schließlich zum Schlaf niederlegten, forschte der ältere Elb nach seinen Gefühlen und fand überraschenderweise eine starke Zuneigung zu Orodreths Sohn.

‚Gil Galad haben sie dich genannt', dachte er. ‚Nun, ich werde den Stern wieder zum Strahlen bringen, koste es was es wolle.'

Fußnoten:

(1) der Hintergrund des Namens ‚Argon': in Band 12 der ‚History of Middle Earth' (‚The Peoples of Middle Earth') wird in dem Kapitel ‚The Shibboleth of Fëanor' im Teil ‚The Names of Finwë's Descendants' über Arákano, einen Sohn Fingolfins, ausgesagt:

"Arakáno was the tallest of the brothers and the most impetuous, but his name was never changed to Sindarin form, for he perished in the first battle of Fingolfin's host with the Orks [kein Schreibfehler, es heißt tatsächlich 'Orks', A.d.A.], the Battle of the Lammoth (but the Sindarin form Argon was often later given as a name by Ñoldor and Sindar in memory of his valour)."

Obwohl Arákano kaum als ‚offizielles' Mitglied von Finwes Familie betrachtet werden kann, habe ich ihn dennoch eingebracht, da ich diesen Sohn von Fingolfin schlichtweg mag (wie auch Fingolfins Schwester Lalwen, von der noch später zu berichten sein wird).

(2) Namensübersetzungen:

Síliel: die Strahlende

Ergaladh: einsamer Baum

Eriell: einsames Mädchen

Ereirion: einsame Blume

Ermerilin: einsame Nachtigall

2. A/ N

Mein Sindarin ist noch ‚kreativer' als meine Kenntnisse des Englischen, aber dennoch bin ich mir im klaren darüber, dass die Vorsilbe ‚er' eigentlich ‚allein' und nicht ‚einsam' bedeutet.

Ich habe sie dennoch verwendet, da von den Elben gesagt wurde, sie hätten um des schöneren Klanges willen Grammatik etc. bei der Namensgebung zurückgestellt. Nochmals Dank an Nemis, die mir dabei geholfen und die Korrektheit der Übersetzungen überprüft hat.

Jedweder Hinweis oder Hilfe ist natürlich dennoch willkommen.