©Sunrisepainter: Severed Ties
Chapter IX
Als sie noch ein Kind war, hatte Sky einen Wellensittich. Nachdem sie allerdings ein Märchen über einen goldenen Vogel gehört hatte, der in Gefangenschaft eines Königs starb, wollte sie ihren Wellensittich unbedingt frei lassen. Am Morgen öffnete sie also die Käfigtür und ließ den Vogel in den Garten fliegen. Am Abend saß der Wellensittich jedoch wieder an ihrem Zimmerfenster und wollte hereingelassen werden. Diese Prozedur wiederholte sich Tag für Tag bis der Winter. Jeden Tag kam der Vogel wieder und ließ sich zurück in den Käfig sperren. Nach dem Winter gab sie ihre Versuche letztendlich auf. Der Wellensittich starb noch im nachfolgenden Sommer. Sky weinte zwar, weil sie diesen Vogel trotz allem sehr geliebt hatte, aber sie kam auch der Erkenntnis das Wellensittiche die dümmsten Geschöpfe waren, die es gab.
Einige Jahre später, als sie in dem Bus Richtung La Push saß, änderte sich ihre Meinung vollkommen. Der Vogel war keineswegs dumm gewesen. Zu dieser Einsicht war sie nur durch eine einzige, einfache Frage gelangt. Eine Frage von dem Jungen, der nun mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck neben ihr saß und immer noch kein Auge zu gemach hatte. Sky seufzte und strich mit den Fingern immer wieder über die geschnitzte Bärenfigur, die sie Elan und Laura stibitzt hatte.
Einige Stunden zuvor:
„I-ich..a-also...du kannst gleich gehen, aber vorher habe ich auch noch eine Frage. Das bist du mir schuldig."
Verdammt, da hatte sie gar nicht mehr dran gedacht! Sie schob ihr Basecap in den Nacken und blitzte ihn aus ihren bernsteinfarbenen Augen herausfordernd an:
„Deal ist Deal. Also noch eine Frage und dann werden wir uns hoffentlich nie wieder sehen."
Embry legte sich nervös über die Lippen und fuhr sich durch das streichholzkurze Stoppelhaare. Für einen Augenblick schien es, als hätte sich noch nicht für eine Frage entschieden. Sie wollte schon genervt weiter gehen, da deutete er urplötzlich auf die hölzerne Bärenfigur, die immer noch halb aus ihrer Tasche ragte.
„Das ist eine Figur aus dem Reservat, nicht wahr? Ich vermute mal nicht, dass du eine Kunstsammlerin bist, mal abgesehen, dass diese Figur weder besonders wertvoll, noch besonders schön ist", plapperte er drauf los und als er ihre Anspannung bemerkte, machte er auch gleich frohlockend damit weiter, „also muss dir entweder diese Figur oder die Person, die sie gemacht hat, etwas bedeuten. Da ich ersteres ausschließe, muss es wohl zweiteres sein..."
Sie presste die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß wurden:
„Das sind alles keine Fragen, sondern schwachsinnige Vermutungen!"
„Ja", er nickte, „es sind Vermutungen, die mich aber gleich zu meiner Frage führen werden. Du hast diese nicht ganz so leichte Figur sicher nicht umsonst hierher geschleppt. Dir muss der Künstler etwas bedeutet haben und auch einer der Gründe sein, warum du überhaupt zurück gekommen bist. Also, sag mir, warum? Warum kommst du nach so langer Zeit zurück ins Reservat, wenn du am Ende einfach so Hals über Kopf flüchtest?"
„Ich habe meine Familie besucht", kam es wie aus der Pistole von ihr, „ist das verboten?"
„Ich möchte die Wahrheit wissen", er zog seine Augenbrauen zusammen.
Er war scharfsinnig, das hätte sie ihm gar nicht zugetraut. Bisher hatte er eher einen klobigen, rüden Eindruck gemacht, was seine Aufmerksamkeit betraf. Sie sah ein, dass es keinen Sinn machte sich eine erneute Ausrede einfallen zu lassen, also erzählte sie ihm von ihrem verstorbenen Vater. Sie verschwieg jedoch bewusst den Teil mit ihrer Mutter oder Cédric. Doch schon alleine dieser kleine Ausschnitt ihrer Lebensgeschichte war so persönlich, dass es ihr schwer fiel alles in Worte zu fassen. Als sie zum Ende kam, brach ihre Stimme schlagartig ab und wich bewusst seinen Blick aus. Sie konnte nur hören wie er sein Gewicht von den einen auf den anderen Fuß verlagerter und sich immer wieder durchs Haar fuhr. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor bis er sich wieder zu Wort meldete:
„Du hältst mich jetzt sicher für unausstehlich,weil ich dich dazu gedrängt habe mir von so einer schmerzhaften Erfahrung zu erzählen, aber du kannst dir gar nicht vorstellen wie dankbar ich dir dafür bin." Verwirrt hob sie den Kopf und suchte vergeblich nach einem Anflug von Spott in seinen Augen. Doch er lächelte bloß. Es war ein offenes und verständliches Lächeln und beruhigte sie unheimlich. Bevor sie ihm jedoch eine ruppige Antwort geben konnte, sprach er mit bedächtiger Tonlage weiter:
„Ich bin dankbar, weil es für mich ein Zeichen des Vertrauens ist. Du hältst mich jetzt sicher für einen sentimentalen, dramatischen Vollidioten. Eigentlich bin ich auch eher der Typ, der alles mit einem zynischem Kommentar abtut und aus alles einem Witz macht", er lachte leise, als könnte er sich selber kaum begreifen, „aber ich habe das Gefühl dich schon ewig zu kennen und deshalb freut es mich so, dass du nach so kurzer Zeit schon ein wenig Vertrauen zu mir hast."
Das klang wirklich sehr kitschig und doch musste sie zugeben, dass er Recht hatte. Sie hatte ihm gerade mehr erzählt als Kim, Cédric oder sogar Laura und das machte ihr Angst. Große Angst. Nervös spielte sie an dem Reißverschluss ihrer Jacke und suchte nach einer Möglichkeit dieses Gespräch zu beenden. Sie waren schon viel zu lange in diesem Park und zogen mehr Aufmerksamkeit auf sich als ihr lieb war. Zumal Embry sich vor kurzem auch noch sein T-Shirt ausgezogen hatte. Natürlich konnte sie nicht leugnen, dass sein nackter Oberkörper ansehnlicher war das Gesicht mancher Hollywood-Schauspieler. Allerdings wirkte er dadurch noch viel mehr fehlplatziert, als sie durch ihre Ethnie sowieso schon waren. Und warum mussten er und seine Freunde überhaupt immer alle möglichen Kleidungsstücke ablegen?
„...weil es dir in Wirklichkeit gefällt."
„Was? Wie?",, verwirrt blinzelte Sky einige Male und starrte ihren Gesprächspartner fragend an. Embry lächelte geduldig und wiederholte dann seinen letzten Satz:
„Du möchtest La Push gar nicht verlassen, weil es dir in Wirklichkeit gefällt. Und weil du an deiner Heimat hängst, weil sie eins der Dinge ist, die sich mit deinem Vater verbinden", er deutete wieder auf die Bärenfigur, „sonst hättest du die sicher nicht mitgeschleppt. Das Ding wiegt ja mehr als dein ganzes restliche Gespräch zusammen."
Skys erster Reflex war es lauthals zu protestieren, doch sobald sie über den Kopf der Skulptur strich, verflog ihr Ärger sofort und wich unheimlicher Verzweiflung.
„Was soll ich denn tun?", murmelte sie niedergeschlagen, „deine Freunde haben mich auf den Kieker und ich möchte Laura und ihre Familie keineswegs in Schwierigkeiten bringen."
„Und hilft es ihnen, wenn du einfach wegläuft?", wandte er gekonnt ein, „ich kenne Laura sehr gut, und glaub mir, sie wird sich die Schuld für dein Verschwinden gebe und sich furchtbare Selbstvorwürfe machen."
Sky wurde blass im Gesicht. Darüber hatte sie sich bisher keine Gedanken gemacht, aber es stimmte. Laura war so ein fürsorglicher Mensch. Sie würde Elan sofort losschicken sie zu suchen und überall nach ihr fragen.
„Ich mache dir einen Vorschlag", Embry fasste sie sanft bei den Schultern und drückte sie zurück auf die Bank, auf der sie bis vor einigen Minuten noch nebeneinander gesessen hatten. Aus irgendeinen Grund ließ sie es geschehen. Embry kniete sich vor sie und sah mit ernstem Gesicht zu ihr hoch. Der Inhalt ihres Rucksacks drückt ihr schmerzhaft ins Kreuz, doch sie dachte nur daran, was für ein seltsames Bild sie abgeben mussten. Die alte Frau dort drüben guckte immer wieder neugierig zu ihnen hinüber. Wahrscheinlich warte sie auf eine Schachtel mit Ring oder auf einen Geigenspieler mit Rosen oder so etwas ähnliches. Sky spürte wie ihr die Wärme bis unter den Haaransatz kroch. Wie konnte Embry nur so verdammt ernst bleiben?
„Wir fahren zusammen zurück nach La Push. Du erzählst Laura und den anderen nichts von alledem hier. Du warst nur in Port Angeles und ich habe dich zufällig getroffen uns mit nach Hause genommen. Das Ultimatum, welches dir Sam gewährt hat, läuft normal weiter. In dieser Zeit werde ich dir helfen so viel über deinen Vater herauszufinden wie möglich und ich verspreche dir dich und deine Familie vor allem zu Schützen, was mit unserem Geheimnis zusammenhängt. Nach Ablauf der Zeit kannst du dann wie geplant entscheiden, ob du bleibt oder gehst und egal wie du dich dann entscheidest", er machte eine kurze Pause und blickte kurz so Boden bevor er seinen entschlossenen Blick wieder auf sie richtete, „ich werde es akzeptieren und nicht mehr versuchen dich aufzuhalten, egal wohin du möchtest."
Sky hatte zuerst vehement abgelehnt, doch die Bärenfigur lastete schwerer auf ihrem Rücken, als sie es für möglich gehalten hätte. Nach einigen weiteren Diskussionen und Versprechungen seitens Embry hatte sie sich schweren Herzens auf dieses Angebot eingelassen. Im Grunde hatte er Recht. Was machte es für einen Unterschied, ob sie sofort aus La Push verschwand oder nachdem sie vorher noch mehr über ihren Vater herausgefunden hatte? Und außerdem hatte sie sich im Haus ihrer Familie keinesfalls unwohl gefühlt. Und hier war sie wieder bei ihrer Wellensittich - Metapher angelangt. Warum sollte man den Ort verlassen, an dem man umsorgt und geliebt wurde, auch wenn die Freiheit nach einem rief?
Bei all diesen verwirrenden und paradoxen Gedanken, fielen ihr schließlich die Augen zu.
Sie erreichten Forks kurz vor Sonnenuntergang, den man aufgrund des Wolken behangenen Himmels nicht sehen konnte. Trotzdem fühlte sich Sky ausgeschlafen und topfit. Ungewöhnlich war aber auch die Tatsache, dass ihr Herz fast sogar einen kleinen Hüpfer machte, als die ersten Umrisse der Familienhäuser am Stadtrand auftauchte. Überhaupt hatte sie das Gefühl nach einer langen Reise wieder Heim zu kommen. Und dieses Gefühl wurde stärker, umso näher sie La Push kamen.
„Seltsam", dachte Sky und richtete ihren Blick auf die Straße, die sie in den letzten Tagen so oft gefahren war, „vor ein paar Stunden konnte ich es kaum erwarten hier weg zu kommen und auf einmal freue ich mich darauf Laura, Dillen, Elan, Kim, Jared und sogar auf Jacob."
Sie schielte hinüber zu ihrem Begleiter, der in den letzten Stunden keinen Millimeter von ihrer Seite gewichen war. Auch an seine Gegenwart schien sie sich immer mehr zu gewöhnen. War er Schuld daran, dass sich ihre Meinung über La Push so schnell geändert hat? Nein, ihre Meinung hatte sich nicht komplett geändert. Sie hatte schon immer diese widersprüchlichen Gedanken zu ihrem Heimatort gehabt: Geborgenheit und Wärme trafen dabei auf Misstrauen und Schmerz.
Embry hatte sie nur dazu gebracht das zu erkennen, was sie seit ihrer Ankunft in Amerika gefühlt hatte. Ob sie ihm dankbar dafür sein sollte, würde sich noch zeigen.
„Weißt du noch, was wir abgemacht haben?" fragte Embry mit belegter Stimme, als sie die Grenze zum Reservat passierten. Es war das erste Mal seit Stunden, dass er wieder sprach.
„Natürlich, ich leide ja nicht unter Gedächtnisverlust oder so", zischte sie angriffslustiger als sie geplant hatte, „ich werde niemanden von alldem erzählen."
„Genau", er nickte und ignorierte gekonnt ihre Gereiztheit, „wir waren in Port Angeles und haben uns zufällig dort getroffen und-"
„Und sind zusammen wieder zurück gefahren", sie verdrehte genervt die Augen und erhob sich, weil ihre Haltestelle bereits schon zu sehen war.
„Und wie es aussieht wirst du auch gleich die Gelegenheit deine Fertigkeit im Lügen unter Beweis zu stellen", Embrys Gesichtsausdruck hatte sich merklich verdüstert und Sky konnte sogar ein unterschwelliges Knurren in seiner Kehle hören. Verwirrt folgte sie seinem Blick und konnte selbst mit zusammen gekniffenen Augen die beiden Gestalten in der Nähe ihrer Haltestelle nicht erkennen. Erst als der Bus bereits abbremste, lösten sich die Gesichter der Gestalten aus der Dämmerung und stellten sich als Kim und Jared heraus. Sky musste hart schlucken, denn sie erkannte auch, dass das Pärchen gezielt auf diesen Bus gewartet hatten, denn Kim winkte ihnen zu als auch sie Sky und Embry erkennen konnte.
„Woher-", setzte sie an, wurde doch von Embry unterbrochen bevor die ihre Frage beenden konnte:
„Er hat deine Gegenwart sicher schon gespürt als wir noch in Forks waren."
Sky blinzelte erst ein paar Mal verwirrt bevor sie nur mit den Schultern zuckte. Mittlerweile konnte sie nichts mehr schocken. Selbst wenn sich der Busfahrer als Mumie oder der ältere Mann zu ihrer Rechten sich als Zauberer geoutet hätte, wäre sie nicht überrascht gewesen. Warum sollte sie also noch irgendetwas anzweifeln, was Embry und die anderen ihr erklärten? Sie hatte es schließlich mit eigenen Augen gesehen.
Kaum hatte Sky einen Fuß aus dem Bus gesetzt, wurde sie gleich mit einem Haufen Fragen seitens Kim und besorgten Blicken seitens Jared bombardiert. Etwas erschöpft, erzählte Sky brav ihre erfundene Geschichte, doch der Blickwechsel zwischen den beiden entging ihr dabei nicht. Sie glaubten ihr kein Wort und doch sagten sie nichts dazu.
„Laura hat sich schon furchtbare Sorgen gemacht. Sie hat mit Elan und meiner Mutter fast das ganze Reservat auf den Kopf gestellt", Jareds Stimme klang nicht vorwurfsvoll und doch traf der Hammer der Schuld Sky mitten in die Brust.
„Und außerdem hatte ich dir noch extra geschrieben, dass du nicht das Haus verlassen sollst", fügte Kim leise hinzu. Sie klang sehr enttäuscht. Sky wagte es nicht ihren beiden Freunden in die Augen zu blicken und suchte stattdessen Hilfe bei ihrem Begleiter. Erst jetzt schien Jared einzufallen, dass Sky nicht alleine unterwegs war.
„Und du", er machte bedrohlich einen Schritt auf Embry zu, der hingegen lässig die Arme vor der Brust verschränkt hatte, „du hast dir eine Menge Ärger eingebrockt! Sam und Jake kochen vor Wut!"
Jared versuchte sich zu beherrschen, doch auch die Mädchen konnten den wütenden Unterton spüren. Neugierig musterte Sky die beiden Jungen. Sie hatte den Eindruck, dass Jared am liebsten noch mehr los geworden werde, aber auf Rücksicht auf sie und seine Freundin lieber damit wartete. Doch auch Kim warf Embry immer wieder unsichere Blicke zu, so als hätte sie Angst er könnte sich jeden Moment auf einen von ihnen stürzen. Wahrscheinlich war es auch so. Kim wusste ebenfalls, dass etwas mit Embry nicht stimme. Skys Gehirn begann zu arbeiten. Wie in Zeitlupe zog sie ihr Handy aus der Tasche und schaltete es wieder ein. Auf dem Display wurden ihr 23 verpasste Anrufe und sechs ungeöffnete Kurznachrichten angezeigt. Ungeduldig öffnete sie ihr Postfach und scrollte hinunter zu der Nachricht, die sie in der letzten Nacht bekommen hatte.
Sky, du und deine Familie solltet
in den nächsten Stunden auf keinen Fall
das Haus verlassen! Ich kann dir nicht
sagen warum, aber es ist verdammt wichtig!
Vertrau mir bitte!
Kim
Sie blickte zwischen Kim und Embry hin und her und nickte dann nur mit dem Kopf. Ihre Freunde hingegen wirkten ratlos über den plötzlichen Ausdruck der Erkenntnis auf ihrem Gesicht. Doch anstatt zu erklären, dass sie nun wusste wovor Kim sie hatte warnen wollen, schulterte sie wieder ihren Rucksack und lächelte die anderen drei schwach an:
„Ich entschuldige mich hiermit nochmal offiziell für die Umstände, die ich euch bereitete habe. Ich muss mich wohl erst daran gewöhnen, dass es auch Leute gibt, denen es nicht scheißegal ist, was mit mit passiert. Danke dafür. Ich gehe jetzt besser nach Hause und beruhige Elan und Laura. Hoffentlich glauben sie mir, dass mein Abschiedsbrief nur ein Scherz war."
Kim klappte bei so viel Sentimentalität glatt der Unterkiefer auf die Brust und sie starrte Embry fassungslos an:
„Was hast du mit ihr gemacht?"
Doch Embry beachtete sie gar nicht. Er hatte sich bereits an Skys Fersen geheftet:
„Ich bringe dich nach Hause. Ich muss mich doch davon überzeugen, dass du dein Versprechen hältst." Sky schaute zwar wieder mal grimmig, aber sie widersprach auch nicht.
„Wir müssen sowieso in die gleiche Richtung, also können wir ruhig alle zusammen gehen", schlug Jared vor und Sky bekam irgendwie das Gefühl, dass ihn etwas überrascht hatte. Jedenfalls warf er Embry immer wieder verwirrte Blicke zu und schüttelte den Kopf. Die Wut auf seinen Freund schien dadurch vollkommen verraucht . Ehe sie diesen Sinneswandel genauer analysieren konnte, hatte sich Kim schon munter bei ihr unter gehakt und zog sie mit sich.
„,So, und jetzt möchte ich die Wahrheit hören", Laura stemmte die Hände an die Hüften, wie eine strenge Mutter. Embry, Kim und Jared waren gerade zur Tür hinaus und so befanden sich nur noch Sky und ihre Cousine im der schwach beleuchteten Küche. Elan war immer noch bei der Arbeit und Dillen übernachtete bei einem Freund.
„Es war klar, dass du mir meine Lüge genauso wenig abkaufen würdest, wie Jared und Kim", seufzte Sky. Eigentlich war sie zu müde, um sich vor ihrer Cousine zu rechtfertigen.
„Und außerdem hast du den hier vergessen", Laura legte ihren Abschiedsbrief auf den Tisch, was Sky nur ein halbherziges Lächeln entlockte. Embrys vermeintliche Erklärung für ihre Abwesenheit hatte noch mehr Schwächen, aber ihr war es mittlerweile egal, was die anderen glaubten. Doch Laura hatte es nicht verdient angelogen zu werden.
„Ich hatte ein wenig Stress mit Sam und Jake und ihrer Clique", erklärte sie vage die Situation, „ich wollte nicht, dass du und Elan da mit hinein gezogen werdet. Ich wollte keine Probleme verursachen, deswegen bin ich lieber gegangen."
„Probleme?", Laura runzelte die Stirn, „haben sie dich schlecht behandelt? Ich dachte du würdest dich mit Jared und seinen Freunden ganz gut verstehen..."
„Ja, Jared und Kim sind okay und Jake auch, aber sie sind alle ein wenig...seltsam...", erklärte Sky ausweichend. Laura nickte gedankenverloren.
„Das kann ich verstehen. Die Gruppe um Sam und Jake wird immer wie die Elite behandelt und die Haltung ihnen gegenüber ist im Reservat sehr geteilt. Einige Jugendliche wollen zu ihnen gehören, andere stoßen sich mit ihnen regelmäßig die Hörner...also, wenn sie dich irgendwie bedroht haben oder sonstiges, dann brauchst du dir das trotzdem nicht gefallen lassen. Ich spreche auch gerne mal mit Sam oder sogar den Dorfältesten!" Lauras Augen funkelten vor Entschlossenheit, was Sky zum Lachen brachte.
„Dillen kann sich wirklich keine bessere Mutter wünschen", Sky konnte kaum sprechen vor Lachen, „danke, dass du mir so Mut machst, aber so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Ich habe etwas über sie herausgefunden, was niemand wissen darf und nun ist es meine Aufgabe das Geheimnis für mich zu behalten. Ich hatte einfach Angst ich schaffe das nicht."
„Geheimnisse sind typisch für uns Quileute", Laura beruhigte sich wieder etwas, „keine Sorge, du bist auch eine für uns. Genauso wie wir viele Geheimnisse haben, so können wir sie auch gut für uns behalten."
„Das sprichwörtliche Indianer-Ehrenwort?", grinste die Jüngere.
„Genau das", lachte Laura und schloss ihre Cousine spontan in die Arme, „du brauchst dich also von nichts und niemanden vertreiben zu lassen. Du bist bei uns immer willkommen und egal, was du tust, wir sind immer auf deiner Seite." Sky wurde so warm im Inneren, dass sie dachte, ihr Herz würde gleich schmelzen und sie beschloss sich diese Angebot anzunehmen.
Am Ende war sie wohl auch ein Wellensittich.
Ende von Kapitel Neun.
