"Von Anfang an, Hotch." Dave machte Hotch´s Notfallschublade auf und goss seinem Freund und sich etwas Hochprozentiges in den Kaffeebecher.
"Wenn ich den Anfang mal wüsste", stöhnte Hotch. "Als ich die Kinder in der Schule abgeliefert hatte und wieder nach Hause gekommen bin, war schon alles gelaufen. Meine Sachbearbeiterin, war da. Natürlich wusste ich, daß sie irgendwann vorbeikommen wollte, aber so schnell hab ich sie nicht erwartet. Renee hat die Tür aufgemacht und die Dame hat ihre Schlüsse gezogen."
Rossi grinste, "Renee hätte es richtigstellen können, oder?"
"Sicher. Aber nicht, wenn sie nur ein Handtuch anhat und die Küchentheke nach Familienfrühstücks-Chaos aussieht. Ausserdem hatte ich ein paar Blumen für Renee besorgt, als Dankeschön. Ich habe Rosen gekauft, David. Rosen. Ike hat mal erwähnt, daß Renee sie mag."
Hotch nahm einen Schluck von seinem 'Kaffee'. Rossi´s Grinsen wurde breiter. Er musste diese Renee unbedingt kennenlernen, so schnell wie möglich. Sie brachte Unruhe in Hotch´s Leben und das war genau das, was sein Freund so dringend brauchte.
"Und warum hast Du nichts gesagt?"
"Ich weiß es nicht, Dave. Wegen Jack und Becca? Ich habe es Jack versprochen, daß Becca nicht zu fremden Leuten muss. Du weisst doch selber, was aus Kindern werden kann, die einmal im Foster-Care-System gelandet sind. Wir sehen das so oft, Dave. Und...Ich liebe Rebecca auch. Ich könnte sie nie jemand anderem überlassen. Niemals. Jack und ich haben schon so viel verloren, irgendwann muss es genug sein." Hotch klang sehr entschlossen.
"Und Renee?" wollte Dave wissen.
"Sie wird mich unterstützen. Sie hat in der Kinder-und Jugendpsychiatrie gearbeitet, sie weiß genau, wie wichtig es ist, daß wir zusammenbleiben. Wir müssen uns ja nicht lieben, Renee und ich, es muss nur für eine Weile so aussehen." Hotch ignorierte dabei geflissentlich die leichten Schauer, die Renee immer wieder über seinen Rücken jagte und die sehr hervorstehende Reaktion seiner unteren Hälfte im Hotelzimmer in Flagstaff, oder die Vorstellung, mit ihr Liebe zu machen, heute Nacht.
Dave hätte gern gesagt, daß sich Hotch da etwas vormachte, beschloss aber einfach, es nicht zu tun. Jessy war der Meinung, daß Renee der richtige Deckel für Hotch war und Rossi würde den Teufel tun und etwas anderes behaupten. Wenn Hotch auf einem etwas umständlicheren Weg zu dieser Erkenntnis kommen musste, dann war das für Dave in Ordnung.
"Ok, dann vergiss aber nicht Deinen facebook-Status von 'single' auf 'in einer Beziehung' zu ändern."
Rossi lachte und Hotch warf ihm einen gespielt ernsten Blick zu. "Als ob ich einen facebook-Status hätte, Agent Rossi."
Morgan stand wie vom Blitz getroffen an Hotch´s Bürotür. Rossi´s Bemerkung 'in einer Beziehung' blinkte wie eine Leuchtreklame vor Derek´s Kopf, gleichzeitig mit der anderen Leuchtreklame, auf der 'Vollidiot' stand. Natürlich war Hotch in der Lage, sich selber eine passende Frau auszusuchen, wie in aller Welt war er auf diese Schnapsidee gekommen, Hotch eine Anzeigenbraut aufs Auge zu drücken? Kopf trifft Tischplatte, dachte Derek ernüchtert. Was mache ich jetzt mit den Mädels, die sich melden? Die Anzeige würde morgen erscheinen, zum Zurückziehen war es sicherlich schon zu spät.
"Morgan? Was Wichtiges?" wollte Hotch wissen.
"Ähm. Nein. Ich wollte nur schönes Wochenende wünschen. Und vielleicht gratulieren? Du und äh, Renee?"
Hotch lächelte kurz. "Ich und Renee." Diese Aussage ansich war ja keine Lüge, dachte Hotch, ich lasse Morgan einfach seine Schlüsse ziehen, wie das auch getan hat.
"Na dann, alles Gute, Hotch."
Derek enterte Garcia´s Technikhöhle und liess sich auf einen Stuhl plumpsen. "Ich bin so ein Rindvieh, Baby Girl."
Garcia lachte herzhaft, "und was ist daran jetzt neu, mein Long-Horne-Bulle?"
"Wenn Du das weisst, warum sagst Du mir das nicht? Es war eine völlig verrückte Idee, Hotch eine Frau per Anzeige zu suchen. Er geht mit Renee."
"Mit dem Frosch-Mädchen? Oh, ich hab schon sowas geahnt. Das ging aber schnell." Gracia grinste.
"Du kennst Sie?" wollte Derek überrascht wissen, erzählte man ihm hier eigentlich gar nichts mehr?
"Kennen würde ich nicht sagen, mein Schoko-Crossie. Aber Spencer hat mir vorhin von ihr erzählt. Supernett, ziemlich sexy, aber wohl ein bisschen ungeschickt. Sie hat Hotch ausgeknockt. Oh, ist das romantisch, Morgan. Eine Liebe, die mit einem Knalleffekt beginnt." Garcia schaute träumerisch, ob sie ihren Mr. Right wohl auch irgendwann finden würde? Ihre Finger flogen über die Tastatur, sie öffnete einen Ordner. "Bitte schön, Dr. Renee Malone."
Derek starrte auf Renee´s Foto. Kein Wunder, daß Hotch auf sie abfuhr, das Mädchen war eine glatte 10. Sie war ein völlig anderer Typ als Haley oder Callie, üppig und mit riesigen braunen Augen, ihre Haare hatten die Farbe von Haselnüssen. Derek fiel spontan eine einzige Vokabel für sie ein, warm. Renee strahlte eine ungeheuere Wärme aus. Die Fotos stammten aus einer Klinikzeitung, ganz offensichtlich eine Abschiedsfeier für Renee Malone.
"War das in Berlin?" Garcia nickte. "Sie war wohl ziemlich beliebt. Der Grauhaarige neben ihr ist Prof. Georg Dietrich, ihr Mentor. Geboren ist sie am 8.8.82, hier in DC. Eltern Melinda und Jacob Malone. Gestorben 85 bei einem Flugzeugabsturz. Renee ist bei ihrem Großvater Ezekiel Malone aufgewachsen. Sie hat keine größeren Leichen im Keller, ausser einer Verhaftung wegen Störung der öffentlichen Ruhe, aber dafür kriegt sie von mir Daumen hoch, sie hat für PETA demonstriert. Die Anklage wurde fallengelassen, wegen Geringfügigkeit. Wir können ihr Hotch und Jack anvertrauen, Schoko-Gott."
"Oh bitte, Grandpa, das ist nicht witzig. Was hätte ich denn sagen sollen? Die Coffin war wie ein Bluthund. Wenn ich ihr die berühmte es-ist-nicht-so-wie-es-aussieht-Geschichte erzählt hätte, dann hätte Aaron vielleicht jede Chance auf Becca verloren. Und das wollte ich nicht verantworten. Ich hab sehr ausführlich mit Becca gesprochen, sie liebt Hotch und Jack und die Beiden lieben sie."
"Und Du liebst Hotch?" fragte Ike lächelnd.
Renee wurde rot. "Ich bin nicht sicher, Grandpa. Ich meine, wir kennen uns kaum und ich will mich nicht verlieben, nur um Callie einen Gefallen zu tun. Aber ich fühle mich zu ihm hingezogen, sehr, um ehrlich zu sein und ich frage mich, wie es wohl wäre, wenn er mich küsst und mich...aber, das willst Du wahrscheinlich nicht wissen." Renee lachte, weil ihr Großvater sich die Ohren zuhielt. "Wir sehen uns morgen, um den Termin beim Jugendamt zu besprechen. Das ist alles ein bisschen irre, oder Grandpa?"
Ike schüttelte den Kopf, "es geht um Liebe, Fröschchen. Das ist nicht irre, ein bisschen ungewöhnlich, vielleicht. Als ich Deine Grandma kennengelernt habe, wusste ich in der ersten Minute, daß ich sie heiraten würde. Zeit hat nichts mit der Stärke Deiner Empfindungen zu tun, Renee. Du fühlst es, oder Du fühlst es nicht."
Mona Smith blätterte in der Zeitung. Sie liebte die Samstagsausgabe der Washington Post, auch wenn sich manche darüber amüsierten, weil weil die WP so konservativ war. Mona störte das nicht. Sie blieb bei den Heiratsanzeigen stecken, wie immer. Man konnte nicht die Inhaberin eines Brautladens sein, ohne sie zu lesen. Mona haderte ein wenig mit der Tatsache, daß sie jedem zum perfekten Brautkleid verhelfen konnte, aber für sich keinen passenden Ehemann, oder zumindest Freund finden konnte. "Du bist einfach zu wählerisch, Mona", sagte sie laut. Ein großer, Graugetigerter hüpfte ihr auf den Schoß und rollte sich dort zusammen. Mona lachte. Casanova war immer da, wenn man ihn brauchte. Mona kraulte ihrem Kater den Rücken. Sie nahm einen Schluck Kaffee. 'Man sieht nur mit dem Herzen gut', las sie. Der kleine Prinz, dachte Mona. Ein schöner Satz für eine Anzeige. Dann musste sie lachen, kochen konnte sie leider auch nicht. Und der Mann hatte einen kleinen Jungen? Bisher hatte Mona noch nicht daran gedacht, sich mit einem Mann zu verabreden, der quasi schon Familie hatte, aber irgendetwas an der Anzeige sprach Mona an. Sie beschloss ganz spontan, ein paar Zeilen an den Unbekannten zu schreiben. Schaden konnte das nicht und falls er zwar nett, aber nicht der Richtige war, hatte er sicherlich ein paar Freunde, die Single waren.
Nach einer schlaflosen Nacht fuhr Hotch am Samstagmorgen zu Ike auf den Golfplatz. Er hatte das dringende Bedürfnis, mit ihm zu reden, bevor er sich mit Renee traf. JJ und Will hatten vorhin Jack abgeholt, sie wollten mit den Jungs ins Spassbad. Hotch war das eigentlich ganz recht, er wollte nachher in Ruhe mit Renee sprechen. Er stellte die Harley ab und betrat das Clubhaus. Er fand Ike im Herrenzimmer.
"Ich dachte immer, Du spielst hier Golf. Stattdessen finde ich Dich hier beim Frühschoppen." sagte Hotch schmunzelnd.
"Wir ölen unsere Gelenke, bevor es losgeht. Guten Morgen, mein Junge." Ike umarmte Hotch kurz. "Kennst Du Dr. Holland und Dr. Snider?" stellte Ike seine Golf-Buddies vor.
"Noch nicht. Aaron Hotchner. Guten Morgen, Gentlemen. Könnte ich Dich einen Augenblick sprechen, Ike?"
Ike nickte, "natürlich. Setzen wir uns auf die Terrasse. Ihr könnt dann schon mal los, ich hole Euch ruck zuck ein." meinte Ike.
Holland lachte, "träum weiter, Ike."
"Also, was hast Du auf dem Herzen, mein Junge?" fragte Ike, obwohl er eigentlich genau wusste, wo Hotch der Schuh drückte.
"Es hat ein Missverständnis mit der Jugendfürsorge gegeben, Ike. Ich weiß, ich hätte das aufklären müssen, aber..." Hotch verstummte und drehte seinen Helm in den Händen. Ike schmunzelte, ein unsicherer Hotch, das musste man im Kalender rot anstreichen.
"Renee hat mir schon erzählt, was passiert ist und daß Ihr in dem Glauben lassen wollt, Ihr wäret ein Paar. Dafür musst Du Dich vor mir nicht rechtfertigen, mein Junge. Es geht um Rebecca´s Wohl und ich muss Dir nicht sagen, daß sie nirgendwo besser aufgehoben ist, als bei Jack und Dir. Und mein Fröschchen hat ein sehr großes, liebevolles Herz, Aaron. Für Euch alle drei. Alles, was Du tun musst, ist ein bisschen Mut haben und es zulassen."
"Guten Morgen, Sonnenschein", Ken balancierte ein gut bestücktes Tablett ins Schlafzimmer. Spencer grummelte etwas Unverständliches und zog sich die Decke über den Kopf. "Na na, kein Frühstück heute, Spencer?" Ken lachte, er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, daß sein Herzblatt morgens manchmal etwas muffelig war. Das Frühstückstablett landete vorläufig auf der Herrenkommode.
Spencer spitzte unter der Decke vor, "wie kannst Du morgens um 8 so aussehen?" Ken war bereits gestiefelt und gespornt.
"Weil ich in einer Stunde ein ganz kurzes Treffen mit einem meiner Autoren habe. Von dem ich Dir aber gestern erzählt habe, Spence. Sag nicht, Du hast es vergessen?"
Spencer grinste, "ich habe ein eidetisches Gedächtnis, Mr. Baker. So schnell vergesse ich nichts." Reid setzte sich auf und zog Ken an sich heran, um ihn zu küssen. "Können wir über was reden, wenn Du wieder da bist?" fragte Spencer etwas später.
"Sicher." Ken setzte sich zu Spencer auf´s Bett. "Dich beschäftigt etwas, ist mir gestern schon aufgefallen. Ich wollte Dich aber nicht drängen, Spence."
Reid schüttelte den Kopf, "Du drängst mich nicht, Ken. Und Du musst Dir keine Sorgen machen, es geht nicht um Leben oder Tod." Spencer grinste und küsste Ken noch mal. "Ich liebe Dich, wenn ich mich recht erinnere, habe ich das heute noch nicht gesagt."
"Du machst es mir verdammt schwer, jetzt aus dem Haus zu gehen, Spencer. Ich liebe Dich auch, aber das Treffen ist wichtig. Wenn ich wieder da bin, kannst Du mit mir machen, was Du willst."
Reid lachte, "alles was ich will?"
"Alles was Du willst", wiederholte Ken mit einem frechen Grinsen.
