Ich starrte Synth an.
Das war doch nicht deren voller Ernst, oder? War das jetzt eine diplomatische Art mir mitzuteilen, dass sie mich entführen wollten, um meinen Vater zu erpressen?
Natürlich war ich ängstlich und erschrocken-Wer wäre das nicht? Aber vielmehr merkte ich, wie Endtäuschung und Wut in mir aufstiegen.
War das alles eben nur geheuchelt gewesen, all dieser Mist mit dem Mutantennamen und dem Mitgefühl?
Wie hatte ich nur so dämlich sein können, zu glauben, alle Mutanten wären eine große, nette freakige Familie?
War ich dann nicht genauso blöd wie Elaines Mom, wenn ich annahm, Aussehen hätte auch nur irgendetwas mit Charakter zu tun?
"Ich glaube kaum, dass sich mein Vater auf irgendeine Art von Deal mit Schwachköpfen wie Euch einlassen wird...", sagte ich extrem ruhig.

Erst überlegen, dann nicht mehr denken sondern handeln.So hatte Mr. Logan beim Training gesagt- Zeit es auszuprobieren...

"Weißt du, deinem lieber Papa wird gar nichts übrig bleiben, wenn er seine kleine, süße kleine Prinzessin zurück haben will",sagte Synth mit einem zufriedenen Lächeln, während ich versuchte, meine Chancen zu überdenken.

Der Weg zum Ausgang war verdammt weit und ich hatte keine Ahnung, welche Überraschungen ihre Kumpels zu bieten hatten. Immerhin waren das ziemlich sicher auch Mutanten.
Wenn ich hier raus wollte, musste ich auf alle Fälle einen ganz anderen Weg gehen, als sie von mir erwarteten...

Ich verzog das Gesicht."Dumm nur, das ich gar keine Prinzessin bin-"
Ich funkelte Synth an, sprang auf und packte Chezz, der ja immer noch neben mir saß.
Mit aller Kraft schleuderte ich ihn gegen die Fensterscheibe.
Obwohl es kein Zuckerglas, wie im Fernsehen war, hatte es die gleiche Wirkung wie in einem alten Western. Mit einem lauten Klirren zerbarst die Scheibe und Chezz fiel kopfüber auf die Straße.

So schnell ich konnte, sprang ich in die Höhe und rammte Synth und einem ihrer Freunde, die mich zu packen versuchten, meine großen Füße mit voller Wucht ins Gesicht.
"--ich bin ein Biest!"

Synth taumelte, von meiner Attake überrascht zurück und riss einen anderen ihrer Freunde gleich mit.
Während sie noch zurück taumelte, sprang ich mit einer Rückwärtsrolle durch das geborstene Fenster und landete bei Chezz auf der Straße.
Er war gerade dabei sich auf zurappeln und versuchte mich zu Boden zu reißen, was aber nicht gelang, weil ich deutlich stärker war.

Ich riss ihn erneut nach oben und schleudete ihn wieder durch die Luft und meinen Verfolgern entgegen.
Dann rannte ich, so schnell wie ich nur konnte, die Straße herunter.
Nur weg von hier
Die finsteren Gestalten aus dem Cafe waren dicht hinter mir.

Erschrocken sprangen die Passanten zur Seite.
Irgendwie musste es doch möglich sein, einen Abstand zwischen mich und diese Typen zu bringen...
Leah, Sue und ich hatten doch jeden Freitag irgendeinen Actionfilm gesehen.
Irgendetwas davon musste doch brauchbar sein.
Warum war dies kein Jackie Chan Film? Oder besser, warum fiel ihm immer sofort etwas ein, um mit solchen Leuten fertig zu werden und mir grad so gar nicht?
Also musste es der Klassiker tun: Ich schnappte ich mir die nächstbeste Mülltonne und warf sie auf meine Verfolger.
Tatsächlich verfehlte der Wurf nicht seine Wirkung, obwohl das Werfen von irgendetwas ja eigentlich ein ziemlich alter Hut war.

Dann wusste ich wie ich entkommen konnte.
Etwas das nur ich konnte.
Klettern..
Ich machte einen Auschwung an einem Straßenschild und hüpfte auf einen Baldachin von einem Obstgeschäft, in der Hoffnung, er würde mich wenigstens für kurze Zeit halten.
So kletterte ich an der Fassade des Gebäudes hinauf.

Wer sich auch immer ausgedacht hatte, das kein Gebäude höher als das Kapitol sein durfte, war gerade zu meinem Freund geworden. Schließlich war ich nicht Spiderman, der sich von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer schwingen konnte. Ich würde schon springen müssen.
Da war es mir, trotz verlorenen Höhenangst, es doch lieber, nicht gerade von Hochhaus zu Hochhaus hüpfen zu müssen
Dieses Gebäude war gerade vier Stockwerke hoch.
Hoch genug, aber zumindest noch überschaubar hoch.
So hetzte ich so schnell ich konnte, über das Dach.

Zwei von Synths Freunden hatten es geschafft, mir dennoch zu folgen.
Einer von ihnen schoss irgendetwas hinter mir her, das aus seinen Handflächen kam, aber ich hatte nicht Zeit noch Muse, näher darüber nachzudenken.
Das nächste Dach war verdammt weit weg, bestimmt 14 oder 15 ft- das war verdammt weit.
Zumindest weiter, als ich je zuvor gesprungen war.
Und dazwischen gähnte ein tiefer Abgrund, aber mir blieb kaum Zeit, darüber nachzudenken.

Keine Zeit für Panik-Attaken.
Ich sprang.
Geradeso erwischte die Regenrinne, die bedenklich knarrte.
Die Befestigung löste sich langsam aus dem Mauerwerk.
So schnell es ging, zog ich mich also aufs Dach. Dabei löste sich die Regenrinne und hing nun in Schräglage am Dach, aber das war mir echt egal
Hauptsache ich war oben.

Die beiden jungen Männer standen auf dem anderen Dach.
Hierher folgen konnten sie mir anscheinend dann doch nicht. Eigentlich hatte ich Glück, dass offensichtlich keiner von ihnen fliegen konnte.
Jetzt wo ich noch einen letzten Blick in den Abgrund warf, wäre ich das auch nicht ein zweites Mal freiwillig gesprungen.
Ich wollte möglichst viel Raum zwischen diese Kerle und mich bringen. Also lief ich noch über zwei oder drei Dächer, um sicher zu gehen, sie wirklich abgehängt zu haben.
Mein Herz klopfte.
Wo ich war, wusste ich nicht, aber ich wollte eigentlich auch nur weg.

Also hüpfte ich auf einen Vorsprung, von dort auf einen Balkon. Und so immer weiter nach unten.
Direkt unter mir war eine Kreuzung mit einer Ampel.
An der Ampel standen einige Autos unter anderem ein Taxi.
Ich ließ mich auf nächstliegendste Autodach plumpsen und hüpfte von einem Autodach zum nächsten.
Kopfüber schaute ich in die Beifahrertür des Taxis.
"Sind sie frei?" fragte ich außer Atem.
Der Fahrer starrte mich mit großen Augen entsetzt an und antwortete nicht.
Da er keinen Fahrgast hatte, ging ich einfach davon aus, öffnete die Tür auf der Beifahrerseite und fiel auf den Beifahrersitz.
Die Ampel war mittlerweile längst auf Grün gesprungen.
"Bitte bringen sie mich zum Ministerium für Mutantenangelegenheiten!", sagte ich immer noch ziemlich keuchend und schnallte mich an.
Der Fahrer starrte mich weiterhin an, ohne sich zu rühren.
Schließlich, als das Hupkonzert und das Gezeter aus den hinteren Wagen immer größer wurde, löste er sich aus seiner Erstarrung und trat hektisch aufs Gaspedal."Schon klar, Ministerium für Mutantenangelegenheiten..."sagte er schließlich leicht hysterisch. Er fuhr viel zu schnell.
Langsam realisierte ich, was eigentlich gerade geschehen war.
Ich merkte, dass mein gesamter Kreislauf absackte.
Immer schon hatte ich mich gefragt, wie man sich wohl fühlte, wenn man einen Schock hatte.
Jetzt wusste ich es.
Glücklicherweise war der Weg nicht allzu weit.
Er stoppte vor einem ziemlich hässlichen Klotz,vermutlich aus den siebziger Jahren.
Auf dem Eingangschild,davor stand unübersehbar:

Ministerium für Mutantenangelegenheiten.

Ich war in Sicherheit.
Mein Vater oder Dana, irgendwer würde schon vor Ort sein.
Erst jetzt, als ich bezahlen wollte, realisierte ich, dass mein Rucksack im Cafe geblieben war.
"Shit", sagte ich hilflos, "Ich habe meinen Rucksack und meine Gelbörse verloren...können Sie warten?"
"Raus hier", brüllte mich der Fahrer,"Verschwinde"
Ich zuckte zusammen.
"Aber..."
Unsicher öffnete ich die Autotür.
"Sofort!"
Erschrocken über seinen Ausbruch stieg ich aus.
Mit einem Kavaliersstart, fuhr das Taxi an.
Verzweifelt ließ ich die Arme sinken.

Tief durchatmen
Mein Herz klopfte immernoch bis zum Hals.

Plötzlich war mir alles zu viel.
Ich schleppte mich ins Haus, zu dem Tresen des Pförtners und richtete mich auf. Was mir plötzlich erstaunlich schwer fiel, wie ich erstaunt bemerkte. Es tat mehr weh als sonst. Ein stechender Schmerz war in meiner Seite.
Der Pförtner, ein Mann um die Fünfzig, musterte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue, über seine Lesebrille hinweg.
Vermutlich machte ich nicht wirklich einen repräsentativen Eindruck.

Meine Brille war Dank Hanks Wunsch nach besonderen Bügeln, zwar noch auf der Nase, aber ziemlich verbogen und in der Mitte etwas angebrochen. Meine Jeansjacke war am Ärmel ausgerissen und meine Hosen sahen auch nicht gerade aus, als wären sie frisch aus der Wäsche gekommen.
Außerdem merkte ich plötzlich, dass das, was die Schmerzen verursachte noch in meiner Seite steckte. Ein spitzer, harter Gegenstand. Er hatte kurz über meiner Hüfte meine Jeansjacke durchschlagen.
Um das Loch hatte sich alles rot verfärbt. Vermutlich ein Abschiedsgeschenk von einem der Verfolger auf dem Dach.
Jetzt, wo ich es sah, tat es plötzlich verdammt weh.
Außerdem hatte ich überall, besonders im Gesicht und an den Händen kleine Schnittwunden und Kratzer von dem Glas.

"Was kann ich für sie tun?"
Ich versuchte zu sprechen.
"Kann ich bitte zu Hank McCoy...zum Secretary?" fragte erschöpft und fuhr mir verlegen durch die wilden Haare.

"So einfach geht das nicht-was möchten Sie denn genau?",antwortete er kühl, "Vielleicht kann Ihnen ja auch jemand anders weiterhelfen...Dr. McCoy ist in einer Konferenz, im Weißen Haus"
Ich hob verzweifelt die Hände.
"Hören Sie, rufen Sie irgendjemandem im Büro oben an, er ist mein Vater. Sagen sie Jeannette Tilby ist hier."
Ich wollte mich nicht mit dem Pförtner unterhalten.
"Rufen sie von mir aus Dana Sullivan an!"

Mir wurde nun richtig schwindelig.
Plötzlich war der Pförtner ehrlich besorgt.
"Geht es Ihnen gut?"
"Ja, geht so...", antwortete ich, dann wurde mir schwarz vor Augen."Jeannie?"

Die Stimme klang ziemlich weit weg.
Ich mag nicht aufstehen Mom ich glaube ich bin krank. Ich habe Bauchweh.

"Jeanna!"

Die Stimme klang ziemlich beunruhigt.
Es war gar nicht die Stimme von meiner Mom.
Es war Danas Stimme.
Vorsichtig öffnete ich die Augen.
Ich lag auf der Seite, in der nichts steckte und meine Wange berührte glattes Leder.
Vorsichtig versuchte ich mich aufzurichten.
Kein guter Plan.
"Bleib liegen Jeanny, es ist ein Krankenwagen unterwegs...", sagte Dana sanft,"Mein Gott was ist denn passiert?"
Mir war kalt.
"Ich möchte zu meinem Dad", sagte ich schwach.
Dana kniete sich vor mich und nickte.
Sanft streichelte sie mir durchs Fell.
"Er ist längst unterwegs, jeden Moment sollte er da sein..."
"Mein Rucksack ist weg und mein Geld, meine Ausweise alles..."
Dana lächelte."Hauptsache, du bist halbwegs in einem Stück, Jeannie"

Mein Vater kam kaum zwei Minuten später, beinahe gleichzeitig mit den Leuten vom Krankenwagen.
Er war sehr besorgt.
Das Stück in meiner Seite, war glücklicherweise relativ unkompliziert zu entfernen und hatte keine lebenswichtige Teile durchschlagen, weil es hauptsächlich von meiner Jacke und meinen Muskeln aufgehalten worden war.
Ich musste ihm natürlich alles erzählen und Hank sah mich ziemlich ernst an.
"Hat dir deine Mutter denn nie erzählt, dass man nicht einfach mit fremden Leuten mitgehen sollte?", fragte er.
"Ach ...", sagte ich unglücklich, "ich weiß ja selbst, dass es ziemlich bescheuert war."
Er nickte und drückte meine Hand.
"Um diesen Chezz und seine Freundin werde ich ich mich auf alle Fälle kümmern. Und dieses Mal lass ich mich auf keine Ausreden ein. Wir müssen damit zur Polizei"
"Aber Dad...", antwortete ich,"meinst du nicht, dass es dumm wäre, ausgerechnet damit zur Polizei zu gehen? Ist das nicht so eie Sache unter Mutanten und bringt das dann nicht das die anderen noch mehr gegen uns auf?"
"Was soll ich denn sonst machen, Jeannette?" Hank sah mich an."Hingehen und den beiden Teenagern den Hintern versohlen?Ich bin jetzt Secretary und kein X-Men mehr. Das kann ich mir nicht leisten. Ausserdem führt genau das zu immer mehr Gewalt. Lass sich die Polizei darum kümmern. Vermutlich werden sie nicht in der Lage sein, sie lange festzuhalten, aber einen Denkzettel wird es den beiden auf sicher geben."

Ich seufzte.
"Und Elaine sehe ich jetzt auch nicht mehr wieder..." sagte ich frustriert.
"Was war den überhaupt mit Elaine-habt ihr euch gestritten?"
fragte mein Vater.
Die Schwester kam und sagte, es wäre in Ordnung, wenn ich nach Hause gehen würde. Aber die nächsten Tage sollte ich mich auf alle Fälle ein wenig schonen.
Hank hob mich hoch, und trug mich durch den Flur, als wäre ich so alt June und ich ließ es mir ohne Protest gefallen. Ja ich wollte es sogar. Ich war froh, dass er jetzt endlich bei mir war und fühlte mich beschützt und sicher in seinen Armen.
Vorsichtig umfasste ich seinen Hals und kuschelte mich gegen sein Hemd.
Er trug mich bis zum Taxi und setzte mich vorsichtig auf den Rücksitz.

"OH NEIN!", rief der Taxifahrer entsetzt.
Wir hatten ausgerechnet den Taxifahrer erwischt, der mich ins Ministerium gefahren hatte.

"Schon gut- es ist eine ganz normale Fuhre", sagte mein Vater ruhig, "ich danke Ihnen, dass Sie meine Tochter gerettet haben"

Er gab ihm das Geld für meine Fahrt und ein sehr ordentliches Trinkgeld. Richtig beruhigt war er nicht. Er war bestimmt froh, als wir endlich zu Hause waren.
Aber immerhin hatte ich meine Schulden bei ihm bezahlt.