Liebe Leserinnen und Leser, sehr viel „wahres Leben", das mich auf Trab hält… Ich wünsche dennoch viel Vergnügen bei der Fortsetzung und bedanke mich bei meiner vorzüglichen Beta Slytherene.
Kapitel 10: Alison Tichenor
Draco Malfoy entstieg zerzaust und rußgeschwärzt dem Reisekamin, vergewisserte sich, daß den kostbaren Trankzutaten nichts geschehen war und begab sich direkt zu Remus Lupins Klassenraum.
„Auf drei", sagte eine Frauenstimme, und Malfoy wurde Zeuge eines gewaltigen blauen Stromes, gespeist von drei Zauberstäben, der sich um ein schmuckloses Gefäß in der Mitte des Raumes wand. Während Tonks und Lupin konzentriert, aber nicht angestrengt wirkten, standen Hermione Granger tatsächlich Schweißperlen auf der Stirn.
Das Behältnis in Form einer Urne vibrierte, tanzte und sandte rote Zungen arkaner Energie in das absorbierende Blau, das sie knisternd neutralisierte. Nicht ohne Faszination starrte Malfoy auf das ungewohnte Schauspiel, bis der Imbibus der drei in einer Supernova kobaltblauen Lichtes gleichzeitig verlosch.
„Besser", schätzte Hermione kritisch, und Draco fragte sich, ob sie damit auf die eigene Leistung anspielte, „aber längst noch nicht gut genug. Können wir noch einmal üben?" Vor Eifer hatte sie den Neuankömmling gar nicht bemerkt.
Tonks grinste, während sie sich einige lose Haarsträhnen aus den Augen pustete. „Das war schon nicht schlecht", beschwichtigte sie mit von eigenartiger Bestimmtheit durchwobenem Amüsement. „Wir üben nachher noch einmal. – Draco, hast du alles bekommen?"
Malfoy bestätigte durch ein schroffes Nicken und fixierte Hermione eindringlich mit den Augen in der Hoffnung, sie möge erkennen, daß er ihr etwas mitzuteilen hatte.
„Wir können gleich beginnen", sagte er ungeduldig. „Wenn Sie hier fertig sind."
Tonks, deren aufmüpfiges Haar wieder in die Stirn zurückgefallen war, nahm nun den Zauberstab zu Hilfe, was der Angelegenheit eine unwiderstehliche Komik verlieh, sah es doch aus, als wolle sie den überlangen Stab hinter ein Ohr klemmen.
Lupin lächelte Hermione abgelenkt zu und bestimmte: „Ihr nutzt am besten Professor Snapes Labor. Tonks läßt euch rein, sollte noch zugesperrt sein."
Mit einem säuerlichen Grinsen ließ die Aurorin von ihrer Frisur ab. Sie ignorierte das hämische Grinsen, das sich auf Malfoys hochmütigem Gesicht in Erwartung der Dinge, die da kommen mochten, ausbreitete und ging forsch voran.
Hermione gab sich indessen Mühe, ihre Zweifel besser zu verbergen, während sie den beiden eilig folgte. Snapes Versiegelungszauber waren von überragender, durchtriebener Qualität und Tonks… nun ja, bisweilen ein wenig durcheinander. Wenn sie sich nur nicht vor Draco Malfoy blamierte.
Die schwere, eisenbeschlagene Tür des Tränkelaboratoriums rief in Hermione stets eine freudige Ehrfurcht wach, in die sich allerdings regelmäßig ein Wermutstropfen von Snapes unausstehlicher Art zu mischen pflegte. Heute klopfte ihr Herz in gespannter Erwartung; sie würden einen höchst anspruchsvollen Trank brauen, auf sich selbst gestellt und nicht etwa zu Schulzwecken, nein, dies war im wörtlichen Sinne lebenswichtig.
Nymphadora Tonks, den Zauberstab bereit, vollführte eine zackige Bewegung mit der rechten Hand, und die Riegel sprangen widerwillig beiseite. „Bitte sehr", sagte sie zufrieden, und während Draco aussah, als habe er eine Kröte verschluckt, lächelte Hermione überrascht und erleichtert zugleich und schämte sich für ihre Zweifel. Wie alle anderen fiel sie immer wieder auf Tonks' zerstreutes, bisweilen tolpatschiges Wesen herein, obgleich sie es nunmehr eigentlich besser wissen sollte.
„Ihr kommt zurecht?" erkundigte sich die Aurorin von der Schwelle her, wo sie mit vorgerecktem Hals mißtrauisch in das dämmrige Laboratorium lugte. Wenn sie auch das Tor zu seinem Heiligtum geöffnet hatte, Respekt und eine gewisse Abscheu verboten ihr, das düstere Refugium zu betreten, in dem sich Draco Malfoy so ungezwungen bewegte, als habe er nie etwas anderes getan.
„Natürlich", sagte er gerade hochnäsig und bedachte sie mit einem abschätzigen Blick, woraufhin Hermione, so schien es wenigstens, eine Extraportion Süße in ihre Stimme legte und „Vielen Dank, Tonks", schmeichelte. Die Aurorin schüttelte den Kopf und schloß die Tür mit einem Seufzen.
„So", verkündete Draco und entfachte mit einer herrischen Bewegung ein loderndes Feuer unter dem erstbesten Kessel, dessen er habhaft geworden war. „Während das hier vorglüht, muß ich dir etwas erzählen."
Er sortierte mit besonderer Sorgfalt die Döschen, die er in der Winkelgasse erworben hatte und beschwor ein in braunes Leder gebundenes Buch, das selbsttätig die Seite aufblätterte, auf der der Pax Sangralis verzeichnet war.
„Deine schottische Tränkemeisterin kann so verhindert nicht sein", sagte er spöttisch, während er wie selbstverständlich weitere Zutaten heranschweben ließ und Hermione im Stillen gegen aufkeimende Bewunderung über sein souveränes Hantieren ankämpfte. „Ich habe sie in der Winkelgasse gesehen."
„Unmöglich!" rief Hermione entschieden. Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf und bekräftigte: „Du mußt sie verwechselt haben. Zufällig weiß ich von McGonagall, daß der ministeriale Geheimdienst sie festhält."
Nun hatte sie es Draco doch sagen müssen. Er hob spöttisch schmale Brauen, aber in seinem Hals formte sich ein Kloß mit unangenehmer Enge. Stand MacGillivray dem Dunklen Lord doch näher, als er vermutet hatte? War sie deshalb verhört worden und dann entkommen? Gewährte sein Vater ihr Schutz? Aber wieso zeigte sie sich dann in der Winkelgasse?
„Zufällig habe ich mit ihr gesprochen", äffte Draco Hermiones Tonfall bissig nach. Sollte die Streberin darauf antworten! „Accio, Wasserabscheider!" Er fing das gereizt herbeizischende Glasgerät reaktionsschnell mit einem gezielten Griff und legte es sanft zu Seiten der Trankzutaten.
„Und was hat sie gesagt, warum sie nicht kommt?" gab Hermione ebenso scharf zurück. Nach einem raschen Blick in das Buch erweiterte sie den Gerätepark mit trotziger Geste und herausforderndem Blitzen in den Augen um drei Rundkolben und einen schlangenverzierten Rührlöffel aus Messing. Malfoy sollte nicht glauben, daß er sie mit angeberischem Gehabe einschüchtern konnte. Sie warf ihm einen durchdringenden Blick zu, dem er zu ihrer Verwunderung nicht standhielt .
„Sie ist Gast im Hause meines Vaters", gab er kleinlaut zu. „Meine Mutter war bei ihr."
„Wie bitte?" entfuhr es Hermione ein wenig zu schrill. „Aber ich dachte… die Stiftung hat es Dumbledore selbst mitgeteilt, daß sie…" Sie verstummte, zuckte hilflos die Achseln. „Bist du sicher?" verlangte sie sodann mit grimmigem Elan zu wissen. „Das ist nicht der Moment für dumme Scherze."
Malfoy sandte ihr einen bitterbösen Blick, bevor er sich ruckartig abwandte und das Feuer dämpfte. „Danke für die Belehrung", sagte er höhnisch. „Du tätest gut daran, das von dir propagierte Vertrauen auch selbst zu praktizieren."
Er begann mit ungestümer Hand eine Glasapparatur aufzubauen, die Hermione als Wasserdampfdestillationsanlage erkannte.
„Entschuldige." Die Worte wagten sich nur zögerlich über ihre Lippen, kratzten unangenehm auf der Zunge, aber Draco, der stocksteif verharrt hatte, als hätte er sich verhört, entspannte sich ein wenig und gab durch ein kurzes Nicken zu verstehen, daß er ihre Entschuldigung akzeptierte.
„Was schließen wir nun aber daraus?" bohrte Hermione, erleichtert, daß sie diese heikle Klippe umschifft hatte. „Ich kann nicht glauben, daß Miß MacGillivray eine Ver –" Sie biß sich auf die Lippen und schluckte aufgeregt. Malfoys helle Augen schienen sie zu durchbohren. „…eine Verräterin ist?" vollendete er den Satz für sie. „Sieh dich vor, wem du was unterstellst", setzte er drohend hinzu und fuhr sich unwirsch durch die Haare. Schon wieder war er dabei, sich in Loyalitätsfragen zu verstricken, dabei wollte er doch nur Severus Snape helfen. MacGillivray war ihm weder sympathisch noch unsympathisch, doch allein die Tatsache, daß Granger sie zu mögen schien und fest an ihre Gesinnung gegen den Dunklen Lord glaubte, reizte seinen Widerstand.
„Jedenfalls sind wir vorerst auf uns allein gestellt", sagte Hermione mit einem Mal und in einem Tonfall, der gleichzeitig befehlend und endgültig klang. „Du hast schon einmal assistiert, sagst du. Wie gehen wir also vor?"
Sie stemmte die Arme in die Seiten, und ihre haselbraunen Augen beschworen Malfoys graue, den Fall MacGillivray vorerst ruhen zu lassen, um das höhere Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Nach einer vollen Minute bangen Abwägens zückte Draco den Zauberstab. „Accio, Kühlschlange."
Diplomatisch konnte sie sein, die Streberin, gestand er sich nicht ohne einen Funken widerwilliger Bewunderung ein.
Hermione Granger riß überrascht die Augen auf, als ein Körbchen majestätisch heranschwebte, in dem sich eine schmale, unscheinbare Schlange zischelnd ringelte. „Ich wußte gar nicht, daß Professor Snape eine hat", bemerkte sie aus einem Abstand, der gerade noch als respektvoll durchgehen mochte.
„Das ist ja nicht so verwunderlich", gab Draco schroff zurück. „Er ist der Zaubertränkemeister." Er befüllte einen großen Zweihalskolben mit dem erst kürzlich erworbenen Fliegenden Mädesüß, fügte Wasser hinzu und verband ihn über ein Glasrohr mit einem zweiten Kolben, in dem der Wasserdampf erzeugt werden würde. „Dann wollen wir mal sehen", murmelte er konzentriert, bevor er mit einem eleganten „Accio Heizpilze" zwei beigebraune Gewächse aufrief, die sich paßgenau um die Kolben drapierten und sofort ihre Arbeit aufnahmen.
Hermione Granger lächelte beglückt. So sehr es ihr Freude bereitete, selbst einen Trank zu brauen oder die Herstellung vorzubereiten, so gern beobachtete sie eine fähige Person dabei, stellte sie zu ihrer eigenen Überraschung fest. Allmählich begann sie zu begreifen, was Snape meinte, wenn er von der hohen Kunst der Zaubertrankbrauerei sprach, warum er sie zu Recht als eine Besonderheit unter den magischen Disziplinen bezeichnete, die mit Hinwendung, Konzentration und unerläßlicher Präzision ausgeführt werden mußte und daher bei weitem nicht für jeden Tölpel geeignet war. Draco Malfoy, gestand sie sich zum ersten Male neidlos ein, besaß jenes von Snape beschworene außergewöhnliche Talent, das eine ungezwungene, geschmeidige Selbstverständlichkeit über seine Handlungen legte, derer er sich selbst kaum bewußt war. Während sie sehr gute Leistungen erbrachte, weil sie fleißig war und sich Gewissenhaftigkeit und Intelligenz zu einem erfolgreichen Paar verbanden, flogen Draco die Fähigkeiten nachgerade zu. Sie mußte sich ins Gedächtnis rufen, was Snape über diese oder jene Reaktion gelehrt hatte, er dagegen tat alles automatisch mit einer irritierenden Leichtigkeit und dennoch nie nachlassenden Eleganz, die sie, in höherer Perfektion zwar, bisher nur bei Snape selbst und Catriona MacGillivray gesehen hatte.
Wenn sie nur wüßten, welche Bewandtnis es mit der Tränkemeisterin hatte. Hermione nahm sich vor, Dracos Beobachtung so bald als möglich mit Tonks und Lupin zu besprechen. Unterdessen…
„Willst du vielleicht den Basistrank ansetzen?" riß sie Dracos sarkastische Stimme aus ihren Überlegungen. „Einfach den Anweisungen im Buch folgen. Sind ja nicht schwierig. Meinen Extrakt brauchen wir erst später."
Sie verbiß um des Friedens Willen eine scharfe Erwiderung und stürzte sich in die Arbeit. Malfoy hatte bereits eindeutig zu viele Verhaltensweisen Severus Snapes übernommen, aber ihm war sie gewachsen, und sobald der Tränkemeister außer Lebensgefahr war, würde sie ihm die Arroganz in barer Münze heimzahlen.
xoxoxox
Malfoy Manor lag in strahlendem Sonnenschein, als Catriona MacGillivray und Narcissa Malfoy zurückkehrten. Die Schottin nahm erfreut zur Kenntnis, daß die Statuen im Garten ausgefeilte Gesichtszüge trugen, über Frivolität und Spott bis zu überschwenglicher Freude. Dicht am Haus wuchsen kräftige Rosenbüsche, geschützt durch Lavendel, und der Efeu, der an einem scharf begrenzten Spalier emporrankte, war von einem gesunden Dunkelgrün, in dem Catriona sogar die Blattadern ausmachen konnte. So eine Sehhilfe machte sich doch bezahlt, besonders, wenn man gezwungen war, eine Weile ohne sie auszukommen. Vermutlich würden es weder Narcissa noch Lucius zu schätzen wissen, wenn sie sie wissen ließe, daß das vermeintliche Unkraut, für dessen Existenz die Hausherrin gerade einen unglücklichen Elfen schalt, bei Warzen und Wanderräude erstaunliche Erfolge erzielte.
„Miß MacGillivray", erklang eine geschliffene Stimme aus einem der oberen Fenster, und als die Schottin aufsah, blickte sie in Lucius' aristokratisch-hochmütiges Gesicht. „Schenken Sie mir einen Moment Ihrer Zeit?" Als neckische Frage formuliert, war der Befehl darin jedoch unüberhörbar. „Narcissa, meine Liebe, du entschuldigst uns?" Eine in vollendete Höflichkeit gebettete schneidende Forderung.
„Gewiß, Lucius." Mrs. Malfoy lächelte kühl und sagte im Gehen halblaut: „Spielen Sie nicht. Sie sind ihm nicht gewachsen."
Catriona verbarg ihre Verwunderung gut, als Lucius Sekunden später erschien und ihr galant den Arm für einen Spaziergang durch den Garten bot. Wen meinte Narcissa? Obwohl sich MacGillivray einer recht guten Menschenkenntnis rühmen konnte, verstand sie nicht, welche Rolle die Hausherrin bei all dem innehatte. Vor wem sollte sie sich in acht nehmen? Lucius oder Voldemort? Ein unwillkürliches Lächeln kräuselte ihre Lippen, als eine weise innere Stimme trocken kommentierte: „Am besten vor beiden."
„Der Dunkle Lord wünscht, daß Sie sich noch heute der Herstellung des sogenannten Werwolftrankes widmen", sagte Malfoy gerade glatt und deutete auf einen Raketenwachholder, der sich in unnatürlichem Stahlblau in den klaren Himmel reckte. „Bemerkenswert, nicht wahr? Er ändert die Farbe je nach Sonnenstand."
„Hübsch", sagte MacGillivray ebenso leichthin, achtete dabei jedoch darauf, ihre Stimme nicht despektierlich klingen zu lassen.
„ Selbstverständlich benötige ich Räumlichkeiten und Gerätschaften, von den Zutaten ganz zu schweigen", fuhr sie in derselben Tonlage fort, während sie an Malfoys Arm auf einem kiesbestreuten Weg wandelte.
Lucius' schmale Lippen teilte ein gönnerhaftes Lächeln. „Gewiß", bestätigte er großmütig. „Es ist für alles gesorgt. Ich bin beauftragt, Sie zu begleiten und auch wieder abzuholen. Der Dunkle Lord möchte Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten."
„Das ist sehr großzügig von ihm", erwiderte MacGillivray prompt und konnte den Sarkasmus nicht gänzlich aus ihrer Stimme verbannen. „Bei-Apparition?"
„So ist es", nickte Malfoy, und in weniger als einem Wimpernschlag befanden sie sich in einem niedrigen Kellergewölbe, das trotz der rußenden Fackeln von angenehm frischer Luft durchströmt wurde. MacGillivray verzichtete auf die Frage, wo sie sich befanden. Wenn man gewollt hätte, daß sie den Ort kannte, wäre eine Bei-Apparition überflüssig gewesen.
„Hier entlang." Lucius bog um eine Ecke und öffnete mit einem nachlässigen Schlenker seines Zauberstabes eine Tür, die in ein deutlich höheres Gewölbe führte. Kaum, daß Catriona den Raum betreten hatte, stand für sie außer Zweifel, daß Severus Snape dieses Laboratorium eingerichtet und seither benutzt hatte. Seine Präsenz war so unmittelbar, daß sie all ihre Selbstbeherrschung aufbieten mußte, um Lucius nicht an den Aufschlägen seines kostbaren Gehrocks zu packen und Kenntnis von Snapes Schicksal zu fordern.
„Ich nehme an, dies wird Ihren hohen Ansprüchen genügen?" sagte ihr Begleiter süffisant und glitt mit einer geschmeidigen Geste das Gewölbe ab. Glasapparaturen standen in perfekter Ordnung neben einem gewaltigen kupfernen Alambik, Kessel aller Größen und in variabler Materialqualität nahmen die rechte Seite ein, während Regale mit unzähligen Zutatengefäßen sich an der linken Mauer entlangzogen, unterbrochen nur durch Schränke für besonders kostbare Ingredienzien. Ein schmuckloser Schreibtisch, Experimentierplatten und ein Bücherschrank aus poliertem Ebenholz vollendeten Snapes Laboratorium.
„Ich denke schon", erwiderte MacGillivray dünn. Lang schon war sie nicht mehr so dankbar für ihre natürliche Reserviertheit gewesen, hinter der sie die entsetzliche Sorge um Severus Snape verbergen konnte. „Der Dunkle Lord hat sicher keine Zeit zu verlieren."
Sie legte den Umhang ab, zückte den neuen Zauberstab und beschwor leichthin ein Feuer, das zu einem lodernden Inferno geriet und von ihr mit einer unwirschen Geste in die Schranken gewiesen wurde. „Accio Aconitum napellus, Claviceps purpurea und an Neumond geernteter Wassereppich", befahl sie kalt und dirigierte die Zutaten auf einen der Experimentiertische. Dabei tat sie, als bemerke sie Malfoys Anwesenheit nicht mehr, und er schien rasch das Interesse zu verlieren. Tränkemeister waren doch alle gleich. Einmal in ihrem Element, schrumpfte alles um sie herum auf die Wichtigkeit einer Nacktschnecke.
„Wenn Sie einen Wunsch haben", sagte er beim Gehen, „steht Alison Ihnen zur Verfügung."
Eine blasse, geschundene Gestalt materialisierte neben der Tür; sie war mit Schlangenketten gefesselt und wagte nicht einmal aufzusehen. Schmutziges, aschblondes Haar hing ihr ins Gesicht, sie duckte sich, als erwarte sie jeden Moment Schläge oder eine andere Form der Gewalt. Blut sickerte aus den Fesseln an ihren Hand- und Fußgelenken, und die schmalen Schlangen zischelten und drohten mit gespaltenen Zungen.
„Interessant" sagte die Tränkemeisterin eisig und wandte sich wieder ihrem Kessel zu, ohne Mitleid zu zeigen. „Ich kann mit dieser Kreatur nichts anfangen."
War das die verschwundene Alison Tichenor, deren Brille bei Madam Gairden vergeblich auf Abholung wartete? Catriona schauderte, wenn sie nur an die Folter dachte, die man dem Weib auferlegt hatte. Sie wollte nichts damit zutun haben, gar nichts.
„Der Herr besteht darauf", sagte Lucius liebenswürdig. „Wie könnte er ihr versagen, für ihre Verfehlungen Buße zu tun, wo sie doch selbst darum fleht?" Ein maliziöses Lächeln glomm in seinen grauen Augen, die in dem schräg einfallenden Licht starr und unlesbar wirkten wie die einer Schlange. „Sie können vollkommen frei über sie verfügen, nur töten sollen Sie sie nicht."
„Die Tränkebrauerei ist eine anspruchsvolle Kunst und eine herausfordernde Wissenschaft", sagte MacGillivray betont langsam, und Eis hüllte jedes ihrer Worte ein wie einen gläsernen Panzer. „Störungen jeglicher Art sind unbedingt auszuschließen, besonders, da ich diesen besonderen Trank zu bereiten gebeten wurde. Verschonen Sie mich daher mit dem Weib."
Die Frau wand sich unter den Worten der Schottin, gab jedoch keinen Laut von sich. MacGillivray hob ein Fläschchen mit bläulichem Inhalt prüfend ins Licht, dabei entging ihr, wie Lucius Malfoy in einer einzigen eleganten Bewegung so dicht zu ihr trat, daß sein langes Haar ihr Ohr berührte, als er sich herabneigte und flüsterte: „Rache ist süß, Catriona. Alison ist der Grund, warum Severus nicht zur Verfügung steht und Sie statt seiner hier sind. Gutes Gelingen."
Ein Plopp, und sowohl Malfoy als auch das geschundene Wesen waren verschwunden.
xoxoxox
MacGillivray ließ schaudernd den Zauberstab sinken. Sie klammerte sich an die Kante des Experimentiertisches in der Hoffnung, das harte Holz würde sie zur Besinnung bringen. Wie sollte dieses bemitleidenswerte Geschöpf für Severus Snapes Abwesenheit verantwortlich sein? Jäher, unbändiger Zorn regte sich, wallte heiß durch Catrionas Seele und riß ihr rationelles Denken mit sich fort. Durch die ungezügelte Wut spürte sie ein Aufflackern der mentalen Verbindung, die sie mit dem Tränkemeister einte. Unendlich schwach nur, unsagbar fern suchte sein Geist sie zu erreichen, aber ihre allenfalls mittelmäßigen Legilimentikfähigkeiten genügten nicht, seinem instinktiven, steuerlosen Hilferuf zu folgen.
Frustriert ließ sie Aggression und Enttäuschung gewähren, als die Verbindung erlosch und nichts als erdrückende, schmerzliche Leere zurückblieb.
Wenn das unglückselige Frauenzimmer tatsächlich an Snapes Notlage Schuld trug, würde sie ihr schon entlocken, was geschehen war und aus welchem Grund.
Zunächst aber galt es, die Kräuter des Basistrankes anzusetzen und auf die Simmerzeit zu warten, eine gute Gelegenheit, den brodelnden Jähzorn zu kühlen, dessen Macht Catriona erschreckte. Sie war immer stolz auf ihre kühle, bisweilen eisige überlegene Beherrschung gewesen; ungezügelte Emotionen, insbesondere aber die heiße Flamme kochender Wut, waren ihr fremd. Manipulierte man ihr Bewußtsein bereits? Wußte Voldemort, wie sie zu Snape stand? Schürte er ihren Haß, um die Kreatur weiter zu demütigen?
MacGillivray traf ihre Entscheidung.
„Alison!" rief sie in die Leere des Gewölbes hinein, sicher, daß ein Stimmzauber die Frau über ihren Namen versklavte. Tatsächlich erschien die kümmerliche Gestalt am äußersten Ende des Labors; den Kopf gesenkt erwartete sie schicksalsergeben MacGillivrays Befehle.
„Komm näher!" sagte die Schottin ungehalten. „Ich habe Fragen an dich."
Alison Tichenor gehorchte, jeder ihrer winzigen Schritte begleitete ein warnendes Zischen der Fesselschlangen. Etwa zwei Meter vor MacGillivray blieb sie stehen, die Augen weiterhin auf den Fußboden gerichtet, die Schultern gebeugt.
Zu ihrem Unbehagen stellte die Tränkemeisterin fest, daß sie kein Bedauern empfand. Die Geschundene war ihr lästig, und wenn sie sich nicht Aufschluß erhofft hätte über Snapes Schicksal… Catriona schauderte unterdrückt. Mitgefühl war auch sonst keine ihrer Stärken, aber hier, wo es wirklich angebracht war, empfand sie nichts als Abneigung.
„Wofür tust du Buße?" verlangte sie in Anlehnung an Malfoys Wortwahl zu wissen und beschäftigte sich eingehend mit der Abtrennung des Mutterkorns von der Wirtspflanze, um die Frau nicht ansehen zu müssen. Wie selbstverständlich übernahm sie dabei das despektierliche Du; sie mußte sich vorsehen, wollte sie sich nicht endgültig auf das Niveau derjenigen begeben, die sie gefoltert hatten. Als keine Antwort erfolgte, bohrte Catriona weiter: „Willst oder kannst du es nicht sagen?"
Schweigen.
Hatte man sie magisch gebunden, so daß sie nicht über ihren vermeintlichen Frevel sprechen konnte? Vermochte sie überhaupt noch zu reden?
Mit einem Ruck wandte sich MacGillivray um, richtete den Zauberstab auf die reglos vor ihr Stehende und befahl: „Sieh mich an!"
In Zeitlupe hob sich der Kopf, das verkrustete Haar glitt beiseite und enthüllte ein verschwollenes Gesicht, das einmal interessant, ja sogar herausfordernd gewesen sein mochte, in dem die leeren, farblosen Augen nun jedoch von einer Hoffnungslosigkeit kündeten, die die Tränkemeisterin trotz des Feuers frösteln machte.
„Was hast du getan?" drängte sie, aber der Kopf der anderen senkte sich wieder, eine Schlangenkette zog sich enger um ihr linkes Handgelenk, und Catriona erhaschte einen flüchtigen Blick auf Linien einer Tätowierung, die mit Sicherheit Voldemorts Mal darstellte.
Alison Tichenor würde ihr dienen können, aber für Fragen über ihr eigenes oder Snapes Schicksal blieb ihr Bewußtsein verschlossen.
Schickte sie Voldemort, um zu sehen, ob sie sie in Sucht nach Vergeltung quälte? Was hatte sie angeblich Snape angetan? Und vor allem – warum?
Von dem Kessel begann Dampf in feinen Wirbeln aufzusteigen. MacGillivray mußte ihre volle Konzentration dem Werwolftrank widmen; Snape hatte ihn perfektioniert, aber sie würde zufrieden sein, wenn ihr die letzte Variante gelang, die sie vor ihrer Abreise gemeinsam gebraut hatten.
„Geh jetzt", befahl sie dem stummen Wesen abrupt, das nach wie vor unbeweglich am gleichen Fleck verharrte. „Ich rufe dich, wenn ich deiner bedarf."
Alison Tichenors Gestalt zerfloß zu grauem Nebel, und als Catriona ein zweites Mal hinsah, war das Gewölbe verlassen.
Hier endet Kapitel zehn.
Vielen Dank an J.K. Rowling für die Erfindung dieser faszinierenden Charaktere. Catriona MacGillivray gehört jedoch mir. ;-)
