Disclaimer: Siehe Anfang.

Beta: Spelli. : )

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A/N: DANKE an TC, Olaf, Mystic und Tanja für eure reviews!! Wie versprochen kommt nach dem letzten, kurzen Kapitel diesmal ein längeres... aber mit einem kleinen Cliffhanger. Betrachtet euch als gewarnt. ;D --Tanja: Weiß, was du meinst; die fanfic, die mich vor etwa drei Jahren ins Fandom gezogen und dort verankert hat, ist auch noch nicht abgeschlossen... ;D Aber ich selbst schreibe keine so großen Werke, da werde ich hoffentlich etwas schneller fertig werden. - Dime


10. Die Weasleys


can i reach you, are you there? can i reach you do you care?

can i reach you if i let down my hair, if i sit here and stare...

.

can i reach you if i try? can i reach you if i cry? can i reach you

if i show you my eyes if i wear my disguise can i reach you?

.

what'll it be longing or sorrow what'll it be beauty or light?

what'll it be honesty, passion? what'll it be...

.

- Noa, "can i reach you"


Die Weasleys hatten Harry wieder in ihre Familie aufgenommen.

Ron kam mehrmals die Woche vorbei, um ihn in Hogwarts zu besuchen, Ginny hatte ihn zu sich nach Hause eingeladen und ihm ihren Mann (ein gewisser Kevin) und ihren Sohn Harry vorgestellt. Es war für Harry ein hoch emotionales Ereignis gewesen.

Mrs. Weasley hatte schließlich dafür gesorgt, dass Harry sich bereit erklärte, samt Myriel jeden Samstag zum Essen in den Fuchsbau zu kommen. Sie war es auch, die die Zwillinge dazu gebracht hatte, Harry zu verzeihen, dass er sie mehrere Stunden gefesselt in ihrem Laden zurückgelassen hatte, wo sie zu ihrem Leidwesen von Tonks gefunden wurden. Die Metamorphmagin würde es noch Jahre später nicht müde werden, sie deswegen zu verspotten.

Harry hatte alles protestlos mit sich geschehen lassen, hatte aber immer einen gewissen höflichen Abstand gewahrt, so als wolle er nicht zu sehr in das Privatleben der Familie eindringen.

Eines Abends jedoch änderte sich seine Haltung grundlegend.

Er hatte seinen Mantel bei einem Treffen des Ordens liegen lassen und kehrte nach Auflösung der Versammlung noch einmal ins Hauptquartier zurück. Als er aus dem Kamin stieg, drangen ihm vom Gang her wütende Stimmen entgegen. Er blieb stehen, als sein Name fiel, und lauschte.

"...zu schwach, er kann es nicht sein. Sieh doch mal, Molly, wenn er wirklich das Kind der Prophezeiung wäre, dann müsste er mächtig sein, ein ebenbürtiger Gegner für Du-weißt-schon-wen. Er ist aber so schwach, ich meine, er ist vor einem Muggel davongelaufen!"

"Er war ein Kind! Ein Kind, um das sich niemand gekümmert hat!! Wie kannst du es wagen, ihn daran zu messen, wie er sich in einer Situation verhalten hat, die niemals hätte entstehen dürfen, wenn wir unsere Pflicht getan hätten?! Nein, Rufus, wage es nie wieder, meinen Jungen zu beleidigen, oder du wirst es bereuen!!"

"Deinen Jungen, Molly?"

"Natürlich!"

"Er ist ein Potter."

"Und hat die letzten Jahre unter dem Namen Effing gelebt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass er ein Mitglied unserer Familie ist. Vielleicht nicht blutsverwandt, aber ich betrachte ihn genauso als meinen Sohn wie Ron, Fred oder Bill. Also untersteh' dich, noch einmal so über meine Familie zu sprechen!"

Harry hatte sich leise zum Kamin zurückgezogen. Den Mantel konnte er ein andermal holen. Jetzt war es wichtiger, dass er zurück in sein Zimmer schlich und seinen Tränen freien Lauf ließ.

Tränen der Dankbarkeit.

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"Ich habe ihn!!" Harry hielt triumphierend den Schnatz in die Höhe.

Das Spiel, welches auf der Wiese hinter dem Fuchsbau zwischen einigen Söhnen der Familie Weasley ausgetragen worden war, kam nach fast einer Stunde endlich zur Ruhe und man ließ sich gemächlich zur Erde nieder.

"Klasse Spiel!" Handschläge wurden ausgetauscht, verdreckte Schultern geklopft und beinahe identische Grinsen breiteten sich auf mehr Gesichtern als nur denen der Zwillinge aus.

"Fast wie früher", seufzte Harry melancholisch.

"Grübel' nicht", meinte Ron aufmunternd. "Komm, wir bringen die Besen weg."

Die anderen reichten ihnen ihre Besen und machten sich auf den Weg zurück ins Haus. Ron und Harry, jeder mit drei Besen beladen, gingen Richtung Hintergarten, um die Fluginstrumente sicher im Schuppen zu verstauen.

"Sag mal, Ron, heute ist zwar Sonntag, aber wir sehen uns beinahe alle zwei Tage. Wie kommt es, dass du mich so oft unter der Woche besuchen kannst? Gibt es im Ministerium zu wenig zu tun?"

"Nein", grinste Ron, "aber ich arbeite in Vaters Abteilung, und er kann mich schon hin und wieder entbehren, wenn ich ansonsten gute Arbeit leiste."

Schweigend räumten sie die Besen in den Schrank. Dann sah Ron Harry ein wenig ängstlich an.

"Sag mal, Kumpel, kann ich dir kurz was zeigen?"

"Klar", sagte Harry sofort, etwas verwirrt, dass sein Freund so unsicher wirkte.

Ron führte ihn durch die Felder jenseits des Gartens. Ein kleiner Pfad führte sie in den Wald, wo er sich durchs Unterholz wand und schlängelte, bis sie schließlich an einem kleinen Waldsee ankamen.

"Es ist schön hier", bemerkte Harry bewundernd. "So friedlich..."

"Ja, es liegt vollkommen abgeschieden", nickte Ron, der aus unerfindlichen Gründen rot glühende Ohren hatte. "Ich bin früher immer hierher gekommen, wenn mir der Trubel im Haus zuviel wurde. Bei neun Leuten in der Familie ist es einfach nie vollkommen ruhig. Hier dagegen..."

Sie setzten sich nebeneinander ans Ufer und genossen gemeinsam die Ruhe.

Irgendwann meinte Ron: "Hey, hast du Lust, schwimmen zu gehen?"

"Was?!" Er musste sich verhört haben.

"Schwimmen. Ich bin früher jedes Wochenende zum Schwimmen hier gewesen."

"Ron, es ist Ende Oktober! Das Wasser ist bestimmt eiskalt!"

"Ja, und?", meinte Ron frech und begann, seine Kleider Stück für Stück abzulegen.

Harry starrte seinen Freund zunächst verständnislos an; dann wandte er beschämt den Blick ab. Erst als ein leises Glucksen verkündete, dass Ron sich ins Wasser hatte gleiten lassen, wagte Harry es wieder, den Blick zu heben.

Sofort bekam er flammend rote Wangen und schaute wieder weg.

Dennoch konnte er das Bild nicht aus seinen Gedanken vertreiben, welches sich soeben in seine Augen gebrannt hatte. Ron, splitternackt, der mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Rücken im Wasser umherpaddelte.

Ron lachte, als er sah, wie sein Freund sich genierte, und wiederholte sein Angebot. "Komm doch auch rein, es ist gar nicht so kalt!"

Harry wedelte nur abweisend mit der Hand und hielt den Blick gesenkt.

--

:Laut Salmissras letztem Bericht plant Voldemort einen größeren Angriff in Plymouth, sagte Harry müde. :Also kann das nicht sein.:

:Das ist sonderbar, antwortete Rassiss, die kleine Ringelnatter, mit der er soeben über 'Funk' sprach. :Weshalb zieht er dann seine Streitkräfte bei Ipswich zusammen?:

:Bist du dir ganz sicher?, hakte Harry nach.

:Ja, antwortete die junge Schlange, :soviel Englisch verstehe ich dann grade noch. Aber, falls du es überprüfen möchtest, ich habe das Gespräch auch aufgenommen.:

:Sehr gut, bitte sende es mir sofort.:

Harry hatte als Schulpsychologe bisher nicht viel zu tun, dennoch kam er viel weniger zum Trainieren, als er gehofft hatte. Sein Netz von Spionen musste organisiert werden, neue Schlangen angeworben und überzeugt, Informationen ausgetauscht und schließlich an den Orden weitervermittelt werden.

Es war eine mühsame Arbeit, doch sie zahlte sich aus.

Vier Angriffe konnten in den letzten Wochen dank Harrys Schlangen vereitelt werden. Voldemort rauchte vor Zorn und dezimierte die Reihen seiner Todesser auf der vergeblichen Suche nach dem Spion.

Harry gähnte, stand von seinem Bett auf und bedeckte seinen Orb wieder mit dem schwarzen Seidentuch. Die Idee zu diesem Kommunikationsmittel war ihm beim Filmeabend mit den Mudos gekommen. Auch wenn er jetzt nur noch selten Zeit hatte, waren ihm seine Freunde aus Muggeltagen noch immer sehr wichtig und er legte Wert darauf, wenigstens alle zwei oder drei Wochen einmal für ein paar Stunden bei ihnen hereinzuschneien.

Jetzt aber musste er den Schulleiter von der möglichen Änderung in Voldemorts Plänen unterrichten.

Er erreichte das Büro des Schulleiters und klopfte höflich an, bevor er eintrat. Etwas überrascht stellte er fest, dass Dumbledore nicht alleine war. In einem der Sessel vor dem Schreibtisch des Schulleiters saß Draco Malfoy, in einem anderen Seamus Finnegan.

An dem Tag, als der ganze Orden mit Hilfe von Veritaserum getestet wurde, hatte man tatsächlich ganze drei Spione gefunden und es war beschlossen worden, einen vergleichbaren Test ab jetzt regelmäßig einmal im Monat durchzuführen.

Sehr zu Harrys Erstaunen waren weder Malfoy noch der nicht weniger unangenehme Severus Snape unter den Spionen gewesen und so musste Harry sich widerstrebend mit dem Gedanken anfreunden, dass sie tatsächlich auf derselben Seite kämpften.

Sehr widerstrebend.

"Malfoy", nickte er kurz. "Seamus."

"Potter", kam die ebenso knappe Antwort von Seiten Malfoys.

"Hi, Harry", murmelte der andere unbehaglich.

"Guten Abend, mein Junge", ließ sich nun Dumbledore in wesentlich wärmerem Ton hören. "Was führt dich zu mir?"

"Guten Abend, Albus. Ich habe eine Nachricht von Rassiss erhalten, die mich vermuten lässt, dass Voldemort seine Pläne geändert hat. Er zieht seine Truppen nicht um Plymouth zusammen, wie zunächst angenommen, sondern irgendwo an der Küste bei Ipswich."

"Das sind beunruhigende Neuigkeiten. Ich werde sofort mit Alastor Kontakt aufnehmen, damit er auch dort für eine schnelle Reaktion auf einen Angriff bereit ist."

Dumbledore erhob sich und verließ das Büro.

Eisige Stille senkte sich über den Raum.

"Äh... Hast du dich gut wieder eingelebt, Harry?", fragte Seamus schüchtern, als ihm das Schweigen zu laut wurde.

"Hmm, es geht", antwortete Harry ausweichend. "Eine Bitte, Seamus: Könntest du mich immer mit 'Tom' ansprechen? Wenn jemand meinen wirklichen Namen erfährt, könnte es Probleme geben."

"Ah, sorry, Ha- Tom, hatte ich vergessen. Ich muss mich erst noch dran gewöhnen, dass du jetzt Tom heißt. Überhaupt daran, dass du wieder da bist... Weißt du, Hermione und Ron haben damals am meisten unter deinem Verschwinden gelitten, aber wir anderen waren auch alle total geschockt."

"Es tut mir leid, Seam'."

"Oh neinneinnein, so war das gar nicht gemeint!!", wehrte Seamus sofort ab. "Ich wollte nur sagen: Auch wir haben dich vermisst, und es ist gut, dass du wieder da bist."

"Danke, Kumpel. Das bedeutet mir viel."

Harry erlaubte sich ein leises Lächeln, blickte aber unsicher zu Malfoy hinüber, in der Erwartung eines schneidigen Kommentars über ihre Gefühlsduselei.

Der Kommentar blieb aus.

"Sag mal, Malfoy, ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber warum hast du dich von deiner Familie losgesagt und dich unserer Seite angeschlossen?"

Malfoy musterte ihn mit kaltem Blick. Doch auf einen Schubser seines Verlobten hin antwortete er geradezu zivilisiert: "Alles beginnt und endet mit Seamus hier. Er hat sich in mich verliebt, ich hab mich in ihn verliebt, und ehe ich mich's versah, hatte ich Vaters verworrener Philosophie den Rücken gekehrt und mich der Gegenseite angeschlossen. Du kennst sicher den Spruch 'Die Ratten verlassen das sinkende Schiff', Potter. Nun, ein Slytherin dagegen stellt sich der Herausforderung."

"Was meinst du damit, Malfoy?"

"Könnt ihr bitte mal mit dem schrecklichen Nachnamen-Quatsch aufhören?! Ihr seid beide wichtig für mich, ich duze euch, ihr duzt mich; warum könnt ihr einander nicht auch einfach beim Vornamen nennen? Über Schulrivalitäten seid ihr doch wohl hoffentlich hinaus!"

Harry zögerte. Doch ein einziger Gedanke an Tiara und ihre Kampagne zur Re-Integration der Slytherins genügte, damit er sich entschied.

"Okay."

Auffordernd sah Seamus Draco an, bis dieser schließlich die Augen rollte und Harry die Hand hinstreckte. "Friede?"

"Friede."

Seamus strahlte.

"Na, glücklich, mein kleiner Ire?", fragte Draco mit tiefer, an eine schnurrende Katze erinnernder Stimme. Seamus stand von seinem Sessel auf und ließ sich auf Dracos Schoß fallen. "Ja."

Draco legte seine Arme um Seamus' Hüften und küsste den Iren zart auf die Wange. Harry wandte schnell den Blick ab und begann, stattdessen die Porträts an den Wänden zu betrachten.

"Hey, Harry!", schnarrte Malfoy plötzlich in diesem ganz anderen Tonfall, der Harry aus Schultagen noch allzu gut bekannt und noch immer genauso verhasst war.

"Was?", fragte er kühl.

"Wenn wir jetzt schon Frieden geschlossen haben, wie kommt es dann, dass du dir soviel Mühe gibst, uns zu ignorieren? Das ist unhöflich, weißt du", knurrte Malfoy, während Seamus verletzt dreinsah.

"Oh", machte Harry. Das war natürlich nicht seine Absicht gewesen. "Ich will euch nicht ignorieren", beeilte er sich zu erklären, "es ist nur..."

Ja, was eigentlich? 'Ich ertrage es nicht, euch beide zusammen zu sehen?' Wie klang das denn!

Peinlich berührt stellte Harry fest, dass er keinen guten Grund nennen konnte, warum er sich abgewandt hatte.

"Ich... wollte nicht in eure Privatsphäre eindringen", sagte er schließlich lahm.

Zwei paar neugieriger, aber verständnisloser Augen begegneten den seinen.

"Wieso Privatsphäre? Wenn wir allein sein wollen, dann kommen wir normalerweise nicht unbedingt in Dumbledores Büro."

Plötzlich verengten sich Dracos Augen. "Hast du ein Problem mit unserer Beziehung?"

Seamus sah, wenn möglich, noch verletzter aus, als Harry nicht sofort verneinte.

"Ich... Ihr wisst ja, was mir passiert ist", ging Harry nun widerwillig die Erklärung an. "Seit damals habe ich ein... ja, wenn es sein muss, dann nenn' es ein 'Problem' - mit gleichgeschlechtlichen, männlichen Paaren. Das ist wirklich nichts gegen euch, es ist nur... es ist mir nur einfach unangenehm. Versteht ihr?"

"Nein."

"Was haben wir denn damit zu tun?"

Harry warf einen flehentlichen Blick in Richtung der Türe, durch die Dumbledore verschwunden war, doch der alte Zauberer machte keine Anstalten, zurückzukommen und ihn aus dieser peinlichen Situation zu befreien.

"Ihr habt rein gar nichts damit zu tun. Ich muss nur einfach daran denken, wie sehr ich durch einen Mann verletzt wurde, wann immer ich zwei Männer zusammen sehe. Das ist nicht logisch, das weiß ich auch, aber es sitzt nun mal tief und ich komme einfach nicht darüber weg."

"Du meinst, wenn du an Männer und an Sex denkst, dann denkst du automatisch auch an Schmerzen?", fragte Seamus betroffen.

"Ja, natürlich."

"Oje."

"Hattest du denn seit damals keine einzige brauchbare Beziehung?", fragte Draco nach.

Harry wollte ihn anfunkeln und ihm erklären, dass ihn das gar nichts anging, vielen Dank auch, und wieso er denn annahm, dass eine Beziehung unbedingt einen anderen Mann beinhaltet hätte; doch etwas hielt ihn zurück.

Es war Dracos Tonfall.

Der Mann hatte diesmal auch ihm gegenüber die tiefe, sanfte Stimme verwendet, in der er mit seinem Verlobten gesprochen hatte. Harry schloss daraus, dass Draco ihm wirklich nichts Böses wollte, sondern lediglich aus Neugier fragte, wenn nicht sogar - so seltsam das erscheinen mochte, wenn man die Personenkonstellation betrachtete - aus dem Wunsch heraus, helfen zu wollen.

"Ich glaube, ich bin beziehungsunfähig", sagte er ehrlich. "Ich habe seit damals keine einzige Beziehung gehabt, bin sogar vor Küssen geflohen und habe, ganz ehrlich, auch kein gesteigertes Interesse daran."

"Hattest du vorher schonmal eine Beziehung?", fragte Draco weiter.

Harry schnaubte. "Wenn man das Desaster namens Cho Chang nicht mitzählt, nein. Wie auch?"

Draco und Seamus wechselten einen geschockten Blick.

"Du meinst, du bist dreißig Jahre alt-"

"-und du hattest noch nie richtigen Sex?"

Harry zog sich ganz langsam in sein Schneckenhaus zurück.

"Lasst das", sagte er abweisend, "ihr klingt ja wie die Weasley-Zwillinge. Ich bin einunddreißig. Und nein. Ende der Fragestunde."

Er stand auf und begann erneut, die Bilder an den Wänden zu betrachten.

--

An diesem Abend lag er noch lange nach und dachte über die Unterhaltung nach.

Er war wütend, dass er soviel von sich preisgegeben hatte. Aber es war ihm wirklich so vorgekommen, als könnte er den beiden vertrauen. Doch am Ende hatten sie ihn ins Messer laufen lassen.

Du hattest noch nie richtigen Sex?

Warum musste er denn unbedingt Sex haben? Man konnte doch wohl auch ohne leben!

Oder?

Manchmal, wenn er aus einem Alptraum aufwachte, allein, in seinem kalten Bett, da fragte er sich, wie es wohl wäre, wenn da ein warmer Körper neben ihm wäre, jemand, der sich um ihn sorgte, ihn in den Arm nahm und tröstete. Jemand starkes, der ihn beschützen konnte. Jemand warmes, der die Kälte der Nacht vertrieb.

Und dann fragte er sich, ob er wohl ein Beziehung finden konnte, in der Sex keine Rolle spielte. In der er gehalten und gewärmt werden konnte, ohne dass etwas von ihm verlangt wurde, das er nicht geben konnte. Eine einfach nur freundschaftliche Beziehung. Konnte eine solche Beziehung ihm den Halt geben, den er suchte?

Daraufhin dachte er immer an Setsuna, Sara und Myriel. Alle hatten ihn schon einmal umarmt, mit Myriel war er auch schon hin und wieder zusammen auf dem Sofa eingeschlafen.

Aber keinen der Drei konnte er sich in seinem Bett vorstellen.

Nein, dachte er, zu solcher Nähe gehört bestimmt auch Sex.

Und das wollte er nicht.

Dabei hatte er schon so viel Gutes darüber gehört. Es solle einen Menschen entspannen. Glücklich machen. Man fühle sich geliebt, begehrt, geschätzt. Es sei gut für den Körper. Für die Seele. Fürs Ego. Es mache Spaß.

Viele schöne Gründe, doch keiner gut genug.

Ja, gestand er sich ein, ich habe vor allem Angst.

Angst, dass er verletzt wurde. Angst, sich mit seinem Mangel an Erfahrung lächerlich zu machen. Angst, nicht gut genug zu sein.

Na gut, vielleicht habe ich nichts gegen Sex. Ich denke nur, ich werde nie welchen bekommen.

Also warum sich überhaupt Gedanken machen?

Weil du neidisch bist, kam die prompte Antwort seines Unterbewusstseins. Du bist neidisch auf das, was Draco und Seamus haben. Hermione und Krum. Ron und...

Nein, Moment. Ron war nicht in einer Beziehung. Ron war wie er. Ron war alleine.

Aber auch wieder nicht. Denn Ron hatte bestimmt schon mindestens eine Beziehung hinter sich. Ron wäre nicht so schüchtern wie er und so bar jeden Selbstbewusstseins, wenn es darum ging, jemanden anzusprechen.

Aber Ron war auch nie missbraucht worden.

Harry stellte sich wieder einmal die Frage, welche ihn schon seit fünfzehn Jahren quälte: Wie viel hatte sein Onkel wirklich zerstört? Gab es für ihn einen Weg zurück in die Normalität? War er fähig, jemals eine normale Beziehung zu führen?

--

"Ron?"

"Hm?"

"Wie ist es, eine normale Beziehung zu haben?"

"Hä?"

"Ich meine, ich war noch nie in einer Beziehung. Wie ist das so?"

"Hmmm... Ginny sagt, das Schönste ist, dass man zusammen Kinder haben kann. Sie ist eben eine echte Weasley. Bill dagegen schwärmt immer nur vom Sex - er hat nicht umsonst eine Veela geheiratet. Sag aber bloß nichts davon in Moms Hörweite!"

"Nein, keine Sorge", grinste Harry.

"Tja... Die Zwillinge sind beide zu schwierig, als dass sie jemals eine Freundin hätten halten können. Ständig ihren Streichen ausgesetzt zu sein treibt jede früher oder später in den Wahnsinn. Es ist gut, dass Zauberer länger leben als Muggel, sonst wären sie schon zu alt, um noch Kinder zu zeugen, wenn sie endlich einmal erwachsen genug werden, um sich auf ihre Partnerinnen einzustellen. Wenn sie überhaupt je erwachsen werden.

"Hmmm... Charlie... Charlie sagt, es ist manchmal schwierig, in einer festen Ehe zu sein. Wenn er bei der Arbeit Verbrennungen abbekommt, traut er sich kaum nach Hause, weil seine Frau ihm wieder einmal vorbeten wird, dass seine Arbeit zu gefährlich sei und er sich gefälligst einen anderen Job suchen soll. Sie sorgt sich etwas zu sehr um ihn."

"Und was ist mit dir?"

Ron sah ihn verwirrt an. "Was soll mit mir sein?"

"Na, deine Beziehungen. Du hattest doch bestimmt auch schon mal eine Beziehung?"

"Äh...", begann Ron, sichtlich verlegen. "Die Sache ist die... Ich... also..."

Er brach ab und sah Harry abschätzend an, kam zu irgendeinem Ergebnis und fuhr mit etwas festerer Stimme fort: "Ich hatte in meinem Leben noch nie eine längere Beziehung. Das Längste, was ich zustande gebracht habe, waren fünf Tage. Danach war ich wieder alleine."

Jetzt guckte Harry verwirrt.

"Aber warum denn nicht? Wartest du auf deine Märchenprinzessin? Oder haben die Frauen ein Problem mit dir? Ich meine, du siehst doch gut aus, bist nett und alles, warum findest du dann niemanden?"

Ron bekam von dem völlig arglos gegebenen Lob heiße Ohren, versuchte es aber zu ignorieren und konzentrierte sich, um bei der Antwort keinen Fehler zu machen. "Ich... habe mich vor vielen Jahren verliebt. Ich habe das Gefühl, dass eine Beziehung mit jemand anderem der Person gegenüber unfair wäre, weil ich ihr nie mein ganzes Herz geben könnte. Ein Teil davon gehört immer meiner ersten Liebe. Das wird sich nie ändern."

"Oh nein", machte Harry mitfühlend. "Was ist denn passiert?"

"Nichts", seufzte Ron frustriert, "die Person weiß nicht einmal, dass ich in sie verliebt bin!"

"Aber wieso denn das?! Du kannst es ihr doch sagen!"

"Ja, aber was, wenn sie mich ablehnt?"

"Aber... aber..." Harry hatte sich noch nie mit größeren Liebesdramen beschäftigt, nicht einmal im Fernsehen. Die Problematik war ihm ein wenig fremd.

"Wenn du es ihr nie sagst, dann kann es doch auch nie etwas werden!"

"Etwas..." Rons Ohren wurden noch röter und er wurde sich bewusst, wie sehr seine Hose im Schritt spannte, wenn er im Schneidersitz saß. Er setzte sich um und ließ dabei unauffällig seinen Umhang bis über die Knie gleiten.

"Ron, du bist doch kein pubertierendes Kleinkind mehr!", schimpfte Harry frech, dem zumindest Rons rote Ohren nicht entgangen waren. "Also, warum sagst du es ihr nicht?"

"Ihr?", machte Ron, total aus dem Konzept gebracht.

"Der Person, die du liebst?", half Harry nach.

"Oh. Ja also... ich möchte warten, ob sie nicht von sich aus... Außerdem, vielleicht ist sie ja gar nicht interessiert..."

"Ron. Wenn du ihr nie sagst, dass du sie magst, dann kann es genauso sein, dass sie auch nie auf den Gedanken kommt. Dann lebt ihr auf ewig nebeneinander her, wenn ihr doch genauso gut miteinander leben könntet. Das ist dumm!"

Harry zog seine Beine aus dem Wasser des erstaunlich warmen Waldsees - es war erst März! Vielleicht hatte Mrs. Weasley für Ron einen Wärmezauber über den Ort gesprochen, als sie bemerkte, wie oft er hier war...?

Er setzte sich auf und kroch auf allen Vieren zu Ron herüber. Dort ließ er sich auf den Rücken fallen und schenkte Ron einen schelmischen Blick. "Und, wer ist deine Angebetete?"

"Mhm..." Ron schluckte.

"Kenne ich sie?"

"Mh..."

"Ist sie jünger oder älter als du?"

"..."

"Sag schon! Ich verrat's auch niemandem!"

Harry stützte sich lachend auf die Ellenbogen, sodass sein Gesicht beinahe wieder auf einer Höhe mit Rons war. "Also?"

"Harry... das ist jetzt echt zu persönlich."

"Oh." Enttäuscht krabbelte Harry ein Stückchen rückwärts. "Ich dachte, wir sagen uns solche Sachen..."

"Also gut, ich erkläre es dir", lenkte Ron ein. "Sag mir, Harry, wie würdest du reagieren, wenn dir jemand sagte, er sei in dich verliebt?"

"Ich?"

"Nein, ich meine den Grashüpfer. Ja, natürlich du, du Pflaume!"

"Also... Ich habe ab und zu... Als ich zur Uni gegangen bin, als Muggel, da waren hin und wieder Mädchen an mir interessiert. Aber... Ich habe sie immer abgewiesen."

"Warum?"

"Ich... Ich glaube, ich habe Angst vor einer Beziehung. Angst, aus so vielen Gründen."

"Dass es schiefgehen könnte?"

"Ja. Und noch mehr."

"Was noch?"

"Dass ich verletzt werden könnte, wie damals."

"Aber eine Frau würde nicht... Bist du schwul?!"

"Gott, nein!! - Das heißt... ich weiß es nicht. - Oh Ron, ich weiß nicht einmal das!"

"Aber du musst doch wissen, ob dein Körper auf Frauen oder auf Männer reagiert?"

Harrys Augen wurden düster und sein Blick verschloss sich. "Mein Körper ist nicht das Maß aller Dinge! Mein Körper ist ein verräterisches Stück Dreck, dem ich keine wichtige Entscheidung in meinem Leben überlassen werde!"

"Harry!", rief Ron geschockt, "was ist denn los?!"

Der Blick des Blonden blieb verschlossen, doch Ron glaubte eine feine Sorgenfalte in seinem Mundwinkel zu erkennen, als er antwortete: "Man kann einen Körper zu einer Reaktion zwingen, weißt du?"

Weiter sagte er nichts, wartete einfach nur ab, bis Ron verstand, was er gesagt hatte.

Endlich schien Ron ein Licht aufgegangen zu sein, denn ein Ausdruck reinen Entsetzens machte sich auf seinem Gesicht breit.

"Er hat dich...?"

"Ja. Und es war für mich das letzte Mal. Ich habe seitdem nie wieder... Ich weiß nicht einmal, ob ich könnte, wenn ich wollte."

"Aber was machst du, wenn du morgens...?"

"Kommt fast nicht vor. Und wenn, dann dusche ich kalt."

Ron schluckte erneut trocken. Er hatte gewusst, dass Harry noch nicht ganz über das hinweg war, was ihm vor fünfzehn Jahren widerfahren war; doch wie schlimm es tatsächlich um seinen Freund stand, wurde ihm erst jetzt so langsam klar.

"Jaaa... zurück zu deiner Frage", meinte Harry schließlich - mit einer hörbaren Anstrengung - in bewusst leichtem Tonfall. "Ich weiß nicht, ob ich schwul oder hetero bin, aber wenn ich zum Beispiel Seamus mit seinem Verlobten sehe, dann ist es mir unangenehm. Seamus meint, dann sollte ich gerade die Beziehung zu einem Mann suchen, um zu lernen, wie schön es sein kann, und endlich darüber hinweg zu kommen.

"Aber ich weiß nicht. Ich finde Frauen auch sehr schön... Wahrscheinlich kommt es mir letztendlich nicht aufs Geschlecht an, sondern aufs Vertrauen. Ich glaube, ich muss einem Menschen vollkommen vertrauen können, um ihn an mich heran zu lassen.

"Das führt mich zurück zu deiner ursprünglichen Frage. Wenn mich jetzt jemand ansprechen und mir sagen würde, dass er in mich verliebt ist, dann würde ich ihn sehr wahrscheinlich wie immer abweisen, denn außer Myriel und den Mudos vertraue ich nur noch einer Handvoll von Leuten genug, dass ich sie nahe genug an mich heran lassen würde - emotional wie körperlich."

"Und von diesen Leuten interessiert dich keiner?"

"Ron, es sind Hermione, Remus und deine Familie. Wie könnte ich!"

"Wieso nicht?"

"Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?!"

"Ähm... doch?"

"Ron! Hermione ist verheiratet, Ginny auch, Remus und deine Eltern sind alt genug, dass sie meine leiblichen Eltern sein könnten... und deine ganzen Brüder sind auch alle in irgendwelchen Beziehungen, überwiegend nicht gleichgeschlechtlich, wie du mir soeben erzählt hast. Also wie bitte schön soll da noch eine Beziehung für mich dabei herauskommen?"

Ron sah ihn nur still an.

Als Harry weiterhin auf der Leitung stand, seufzte er tief auf und meinte leise: "Schon gut, vergiss' es einfach." Er ließ sich wie zuvor Harry auf den Rücken fallen und sah in die Baumkronen hinauf, die sich sanft im Wind wiegten.

Harry betrachtete seinen Freund eine Weile verwirrt, gab es aber schließlich auf und entschied sich, endlich auch einmal in dem kleinen See schwimmen zu gehen. Ein kurzer Blick auf Ron versicherte ihn, dass der Andere noch immer in seiner Betrachtung der Blätter und Zweige versunken war, und so zog er sich schnell aus und glitt ins Wasser.

"Uuh, kalt!!"

Der Aufschrei riss Ron aus seinen melancholischen Betrachtungen. Er setzte sich auf und seine Augen weiteten sich, als sein Blick auf den unordentlichen Haufen fiel, in dem Harrys Kleider am Ufer lagen.

Ganz langsam und mit trockenem Mund hob er den Blick ein Stück weiter und schaute hinaus auf den See.

Das Bild, welches sich ihm darbot, jagte einen heißen Blitz durch seinen ganzen Körper. Augenblicklich wurde seine Hose wieder zu eng, sein Atem beschleunigte sich und er hatte Mühe, die Hände zu seinen Seiten liegen zu lassen und ruhig sitzen zu bleiben.

Unnatürlich blonde Haare leuchteten in der Nachmittagssonne, doch Ron ignorierte sie vollkommen - sie waren nicht Teil von 'seinem' Harry. Sein Blick richtete sich vielmehr auf die wohlgeformten Schulterblätter, welche darunter im Takt der regelmäßigen Schwimmzüge aus dem Wasser hervortraten.

Fasziniert beobachtete er das Spiel der Muskeln an Harrys Oberarmen, als dieser mit mächtigen Zügen bis ans andere Ende des Sees kraulte. Immer wieder tauchte zudem eine der perfekt gerundeten, straffen Pobacken aus dem Wasser auf.

Dann drehte Harry um und Ron sah zu, wie der Mund dieses gottgleichen Mannes immer wieder aus den Wellen auftauchte, sich begierig öffnete, und mit frischem Atem wieder verschwand.

Erst, als Harry ihn fast wieder erreicht hatte, schloss Ron seinen eigenen Mund mit einem schnappenden Geräusch und setzte sich zurecht, sodass die Falten seiner Robe erneut verdeckten, welche Gefühle der Anblick seines besten Freundes in ihm geweckt hatte.

"Bwrah!", prustete Harry, als er das Ufer erreichte. "Das war gut!"

Zu Rons großem Glück bemerkte Harry nicht, dass sein Freund zustimmend nickte. Dann jedoch fiel sein Blick auf den Rotschopf, der auf seinen Kopf im Wasser starrte wie auf eine Erscheinung.

"Öhm, Ron? Könntest du dich kurz umdrehen? Ich komme jetzt raus."

"Wie? Was? ...oh."

Mit roten Ohren, rotem Gesicht und rotem Hals drehte Ron sich um und hoffte, dass Harry nicht sehen mochte, wie viel Kraft ihn diese Aktion kostete. Lieber wäre er doch so sitzen geblieben, wie er war...

Als Harry fertig angezogen war, wollte er sich wieder hinsetzen, stolperte aber über eine Baumwurzel und landete unsanft auf dem Waldboden.

"Harry!"

Sofort stand Ron über ihm und zog ihn hoch.

"Ist schon gut, Ro-"

Harry brach mitten im Satz ab und versteifte sich. "Ron, bitte sag mir, dass du irgendwas Großes in der Hosentasche hast."

"Was? Nein, wieso?"

Erst, als Harry sich aus seinen Armen riss und einige Schritte von ihm weg taumelte, bemerkte Ron seinen Fehler.

Er hatte Harry beim Aufheben an sich gedrückt.

An seine Vorderseite.

Wo noch immer ein gewisser Teil seiner Anatomie darauf beharrte, dass es eine sehr dumme Idee gewesen war, sich umzudrehen, während Harry sich anzog.

"Oh Merlin, Harry, versteh' das nicht falsch, ich..."

Harry rang sichtlich um Fassung, doch er brachte keinen Ton heraus.

"Wirklich, ich habe auch weggeguckt, als du dich umgezogen hast. Und ich habe dich auch vorher nicht beobachten wollen, es ist einfach so passiert..."

Harry wich zurück.

"Du hast... das... meinetwegen?!"

Erst jetzt bemerkte Ron, dass er zumindest diesen Teil der Geschichte noch hätte abstreiten können. Aber die Chance war nun vorbei.

"Ich ... ich wollte echt nicht... also... ... - Ja."

Harry bewegte die Lippen, doch nur ein leises Flüstern drang zwischen ihnen hervor.

"...Verräter..."

"Harry, nein! Ich..."

Doch Harry hörte ihn nicht mehr. Der blonde Mann hatte auf dem Absatz kehrt gemacht und preschte in panischer Eile dem Waldrand entgegen.


A/N: Fairerweise sollte ich wohl dazusagen, dass der Waldsee hinterm Haus der Weasleys nicht meine Idee ist. Aber seit ich Witchcraft's 'The both sides of my broom' gelesen habe, ist er für mich ein fester Teil des settings 'Fuchsbau' geworden, einfach nicht wegzudenken. ;D